ZDF-Kommentator Béla Réthy im Interview: "Man ist als Reporter nicht das Event, sondern nur das Medium"

 

In der Champions League beginnt am Mittwoch, 17. Februar, die K.o.-Phase, und Béla Réthy ist fürs ZDF dabei. Im Juni wird er 60. Mit dem Altmeister der Fußball-Reportage sprach kress.de über Internet-Hetze und Terror-Angst, Fußball-Filme und Streaming-Dienste.

kress.de: Bei Facebook gibt es eine Gruppe mit dem Namen "Béla Réthy gefällt mir nicht". Sie hat mehr als 10 000 Mitglieder. Wie gehen Sie mit öffentlicher Pöbelei um?

Béla Réthy: Extrem gelassen. Da Argumente für einen Dialog fehlen, kann ich mit diesen Äußerungen, die sich durch hin und her Tweeten und Teilen mehrfach multiplizieren, nichts anfangen. Da das kein Meinungsbild einer Mehrheit ist, lassen sich auch keine Rückschlüsse ziehen. Kurzum: Es überfordert mich intellektuell.

Facebook hat angekündigt, gegen Hetzer vorzugehen. Was halten Sie von dem Plan?

Béla Réthy: Viele Dinge lassen sich gerade mal so unter der Rubrik Meinungsfreiheit einordnen. Sobald es rassistisch und beleidigend wird, muss man einschreiten. 

"Zuhause bin ich klassischer TV-Seher"

Wie nutzen Sie Ihr Smartphone?

Béla Réthy: Überraschenderweise meistens zum Telefonieren. Darüber hinaus zur schnellen Recherche und zum Lesen aktueller Nachrichtenseiten. Im Auto auch als Musikquelle.

Was interessiert Sie im Netz?

Béla Réthy: Sport, Politik, News.

Fernsehen verlagert sich inzwischen immer stärker in Mediatheken und Streaming-Dienste. Wie stark nutzen Sie diese Angebote?

Béla Réthy: Immer wenn ich aufgrund meiner  Reisen unterwegs bin oder wenn ich etwas Wichtiges verpasst habe – vor allem Sendungen unserer ZDF Redaktion, um dann mitdiskutieren zu können. Zu Hause bin ich aber noch der klassische TV-Seher, wenn auch oft dank Festplatte zeitversetzt.

Erstaunlicherweise hat es das deutsche Fernsehen – egal ob öffentlich-rechtlich oder privat – bisher nur selten geschafft, die Faszination Fußball fiktional überzeugend aufzuarbeiten. Haben Sie eine Idee, warum?

Béla Réthy: Das finde ich gar nicht. Zum Beispiel war doch „Das Wunder von Bern“ ein wunderbarer Film. Oder auch der großartige Streifen "United" über die Geschichte von Manchester United. Das waren zwar keine TV-Produktionen, aber doch Filme, die im Fernsehen liefen. 

"Klar kann man immer im falschen Moment am falschen Ort sein"

Zurück zum Kerngeschäft: Seit den jüngsten Anschlägen hängt ein Schatten über sportlichen Großveranstaltungen. Mit welchen Gefühlen gehen Sie ins Stadion?

Béla Réthy: Mit den selben wie vorher. Ich möchte mich nicht durch die Möglichkeit von Gewalt verunsichern lassen. Klar kann man immer im falschen Moment am falschen Ort sein. Doch das betrifft nicht nur die Fußballstadien, sondern auch Flughäfen, Bahnhöfe, Karnevalsumzüge usw.

Bei der Euro in Frankreich wird es nicht nur sportliche Anspannung geben. Was ist nötig, dass der Wettbewerb noch einen Hauch von Leichtigkeit verbreiten kann?

Béla Réthy: Ich war drei Wochen nach den Mordanschlägen zur EM-Auslosung in Paris und habe relativ schnell verdrängt, was vorher passiert war. Dafür lief das Leben zu entspannt weiter. Auch für den Sommer rechne ich mit einer angenehmen Atmosphäre und habe die Attentate vom November nicht ständig im Kopf.

In jüngster Zeit sind wieder nationalistische Tendenzen in Europa aufgekommen. Welche gesellschaftspolitische Rolle kann und muss der Fußball jetzt erfüllen?

Béla Réthy: Ich glaube nicht, dass der Fußball gesellschaftliche Entwicklungen beeinflussen kann. Allerdings gibt es die Chance, auf Probleme aufmerksam zu machen. Im Rahmen der Fußball-Berichterstattung kann man politische Aspekte thematisieren, die dann von einem zahlenmäßig größeren Publikum wahrgenommen werden. 

Sie haben sich erklärtermaßen der emotionalen Sachlichkeit oder sachlichen Emotionalität verschrieben. Bleibt's dabei?

Béla Réthy: Ja sicher. Man verschreibt sich nicht einem gewissen Stil, sondern man hat ihn. Bei Übertragungen schwingt immer ein Stück der eigenen Persönlichkeit mit. Das ist auch nicht austauschbar, ohne dass es aufgesetzt wirken würde.

Sie werden demnächst 60. Wie sieht Ihre bisherige Bilanz aus?

Béla Réthy: Es ist alles nahezu optimal verlaufen. Sehr viele Eindrücke, die ich weltweit gewinnen konnte, eine Erweiterung des Toleranzbegriffs durch intensiven Kontakt mit verschiedenen Kulturen und eine Menge beruflicher Höhepunkte: WM Endspiele, EM Endspiele, Champions-League-Finale, Olympische Spiele, Tour de France, Vierschanzentournee und mehr als 30 Jahre Bundesliga-Berichterstattung. Es war alles dabei! 

Sie haben bei Rolf Kramer und Marcel Reif angefangen. Welche Lehren sind hängengeblieben?

Béla Réthy: Vor allem die, dass das Ereignis wichtiger ist als man selbst. Man ist als Reporter nicht das Event, sondern nur das Medium. 

Was haben Sie noch vor?

Béla Réthy: In diesem Sommer Fußball-EM in Frankreich und Olympia in Rio, dort als Hockey- und Fußball-Kommentator. Und davor im Mai das Champions-League-Finale in Mailand. Und dann schauen wir weiter – von Jahr zu Jahr. Pläne zu machen, finde ich langweilig, weil sich ohnehin vieles von selbst ergibt.

Zur Person

Béla Réthy, gebürtiger Wiener, wird am 14. Juni 60. Er wuchs in Sao Paolo, Brasilien, und Wiesbaden auf, studierte in Mainz. In der ZDF-Sportredaktion ist er seit 1979. Die Champions League kommentiert der Fußball-Experte seit 2012. Réthy wurde vielfach kritisiert – und vielfach ausgezeichnet.

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