Gründer Jochen Markett über Realsatire.de: "Ich bin kein Lutz van der Horst für Arme"

 

Nicht immer alles so ernst nehmen - das empfehlen Jochen Markett und Andi Weiland. Sie stecken hinter Realsatire.de, den Start soll die Crowd finanzieren. Ein Gespräch über die Konkurrenz von "taz Wahrheit" bis "Titanic", ein Tischtennis-Spiel mit Günter Wallraff und warum das Leben die schönsten Pointen schreibt.

kress.de: Herr Markett, die Glosse, die gelungene Satire zählt zu den schwierigsten journalistischen Formaten. Bei Realsatire.de wollen Sie komplett auf die humorvolle Karte setzen. Warum?

Jochen Markett: Schon der erste Text, den ich jemals in einer Zeitung veröffentlicht habe, war eine Glosse - damals als junger Mitarbeiter der "Rheinischen Post" in Viersen. Die Satire reizt mich also schon länger, allerdings bislang nur als Hobby. Nun möchte ich sie beruflich betreiben. Wir wollen realsatire.de veröffentlichen und dort Humor-Journalismus etablieren. Für uns heißt das, täglich unfreiwillig Komisches aufzuspüren, und zwar überall, in der Bundesregierung genauso wie in der Eckkneipe. Gerade in einer politisch so schwierigen Zeit, wo sich viele Menschen viel zu ernst und wichtig nehmen, sehen wir da einen großen Bedarf.

Gemeinsam mit Andi Weiland gehören Sie zu den Initiatoren des neuen Satireportals. Wer sorgt bei Ihnen für die Pointen?

Jochen Markett: Unsere wichtigste Autorin ist die Realität selber. Die schreibt doch die besten Pointen! Unsere Aufgabe ist es vor allem, sie zu finden - auch mit Hilfe des Publikums. Jeder hat doch im Büro schon mal gedacht: "Das ist doch Realsatire hier!" Der satirische Gehalt des Lebens lässt sich durch die Kunst oft gar nicht übertreffen.

Damit Ihr Projekt starten kann, bitten Sie Nutzer im Netz um eine Startfinanzierung von 11.111 Euro. Was bekommen die Förderer, wenn Realsatire.de dann losgeht?

Jochen Markett: Jeder Unterstützer hilft uns beim Kampf gegen den Ernst des Lebens. Wenn das Crowdfunding bei startnext erfolgreich ist, soll realsatire.de im Mai starten. Im Blog und über Social Media gibt es dann regelmäßig die Absurditäten des Alltags: skurrile Fundstücke aus der digitalen und der analogen Welt. Und vor allem wollen wir das Geld einsetzen, um von den Orten zu berichten, wo das Irre geschieht. Für einen Flug zur US-Wahl wird es wohl nicht reichen. Aber in Deutschland finden wir da schon genügend Beispiele. Denken Sie nur an die vielen verrückten Lobby-Büros rund um den Bundestag!

Also wird es keine billige Kopie von "Titanic", "Eulenspiegel", der "taz Wahrheit" oder dem "Postillion"?

Jochen Markett: Satire boomt ja derzeit. Und da könnte man meinen, auf noch ein weiteres Medium wartet niemand. Aber wir glauben an eine Marktlücke und sehen uns deshalb gar nicht als Konkurrenz zu den etablierten Satirikern. Dort kommt der Witz von sehr guten Autoren, und zwar überwiegend am Schreibtisch. Bei uns kommt er von der Realität selber. Also tatsächlich ein eher journalistischer Reporter-Ansatz.

In Ihrem Crowdfunding-Video kündigen Sie an, dass Sie auch Termine besuchen möchten. Gibt es Pläne, mehr Satire-Videos im Stile der "heute-Show" zu produzieren?

Jochen Markett: Auch da gilt: Ich bin kein Lutz van der Horst für Arme. Wenn wir mal zur Deutschen Gockelkräh-Meisterschaft oder zur Dirndlköniginnen-Wahl fahren, dann sollen unsere User das durchaus auch im Bewegtbild sehen, ja! Aber da sollen dann die Gockel-Imitatoren oder die Königinnen zu sehen sein - und nicht in erster Linie der Reporter.

Wer genau 1.111 Euro spendet, bekommt die Chance, mit dem Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff Tischtennis zu spielen. Welche dunklen Geheimnisse kennen Sie von Wallraff, dass er Sie in dieser Form unterstützt?

Jochen Markett: Dunkle Geheimnisse nicht - aber ich hatte schon öfter das Glück, gegen ihn Tischtennis zu spielen. Der Mann hat eine unglaubliche Energie. Als ich ihm nun von den Realsatire-Plänen erzählt habe, gefiel ihm die Idee sofort. Denn Wallraff hat selbst viel Humor. Und er zitiert gerne Kisch: "Nichts ist exotischer als unsere Umwelt." Wer uns nun so großzügig unterstützt, kann sich auf das Match gegen Wallraff in Köln freuen, auch wenn es sportlich eine Herausforderung wird. Aber Günter Wallraff hat versprochen: Wer ihn schlägt, bekommt von ihm noch nen Preis oben drauf.

Die Fragen an Jochen Markett, Journalist und einer der beiden Gründer von Realsatire.de, stellte kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

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