Chefredakteurin Jennifer Lachman: Wie wir bei Xing Klartext die Diskussion fördern wollen

 

Seit Oktober 2015 macht das Businessnetzwerkportal Xing auch Journalismus. Xing Klartext versteht sich als Debattenportal. Ein Gespräch mit Chefredakteurin Jennifer Lachman über die Intelligenz der Mitglieder, die aktiv mitmischen sollen.

Bisher war Xing vor allem als Vernetzungsplattform für Geschäftskontakte im deutschsprachigen Raum bekannt. Wer kennt sich, wer tauscht sich bei Fragen direkt aus. Seit gut eineinhalb Jahren setzt das Medienhaus, das an der Börse notiert ist, zusätzlich auf Content. Als erstes schuf das Unternehmen die Branchennews, einen personalisierten Newsletter für alle neun Millionen Nutzerinnen und Nutzer. Der Erfolg: immens. Es folgten Newsseiten, auf denen die Mitglieder etwa 200 Medienmarken, unter ihnen "Handelsblatt" oder "Manager Magazin", direkt folgen und lesen können, was die Redaktionen auf der Plattform direkt teilen.

Mehr als ein digitales Adressbuch

Der dritte Schritt wurde dann Mitte Oktober 2015 präsentiert: Xing Klartext, eine Art Debattenportal, das seit seinem Start bereits auf über eine Million Klicks mehr als 1,2 Millionen und grob 8000 Kommentare verweisen kann. "Unsere Erwartungen wurden damit komplett übertroffen", berichtet Xing-Klartext-Chefredakteurin Jennifer Lachman. "An einem gewissen Punkt haben wir gemerkt, dass Xing nicht nur als digitales Adressbuch wahrgenommen wird, sondern auch als Netzwerk, in dem man sich informieren kann. Und wir haben dann entschieden, nicht mehr nur fremden Inhalt zu kuratieren, sondern auch eigenen Inhalt zu machen."

Themen einordnen

Xing Klartext will dabei keine weitere Nachrichtenwebseite sein, die Breaking News über aktuelle Ereignisse liefert, sondern eine, die Themen vor allem einordnet und verschiedene Sichtweisen aufzeigt. Herausgeber Roland Tichy (früher Chefredakteur "Wirtschaftswoche", heute Kolumnist "Bild am Sonntag") und Chefredakteurin Lachman, eine preisgekrönte und erfahrene Wirtschaftsjournalistin, wollen ein Format schaffen, bei dem die Menschen im Vordergrund stehen. Die Themen wurzeln meistens - natürlich - in der Wirtschaft - es geht um Karrieremanagement, Branchen- oder Konjunkturthemen. So aktuell wie möglich.

Content aus der Nutzerbasis

Es gibt Pro-und-Contra-Diskussion, Erfahrungsberichte und hin und wieder interessante Erhebungen. Begleitend zur Aufsichtsratssitzung der Deutschen Bahn (Thema: sinkende Kundenzufriedenheit), befragte die Plattform ihre Nutzerinnen und Nutzer über deren eigene Zufriedenheit mit der Bahn - und nach konstruktiven Verbesserungsvorschlägen. "Wir hatten rund 700 Kommentare auf hohem Niveau. Am Ende ist sogar Bahnchef Rüdiger Grube persönlich auf die Diskussion eingegangen", berichtet Lachman stolz. "Solche Sachen werden wir immer stärker machen. Wir erfahren aus unserer Nutzerbasis, die aus fachkundigen, guten Leuten besteht, welchen Content man generieren und wo man Debatten schaffen kann."

Wie ein Plausch am Empfang

Ein junges und - im deutschsprachigen Raum - relativ konkurrenzloses Unternehmen. "Von wirklichen Wettbewerbern kann man nicht sprechen, weil Xing Klartext tatsächlich etwas ganz Neues ist. Und im Unterschied zu klassischen Medien haben wir ja schon das Netzwerk, also die Mitglieder." Eben diese Mitglieder häufiger auf die Xing-Seite zu locken und natürlich neue Mitglieder zu gewinnen, ist erklärtes Ziel von Xing Klartext. Sie sollen also nicht mehr nur schnell einen Gesprächspartner suchen und seine Vita lesen, sondern Zeit auf Xing verbringen - je höher die Verweildauer, desto beliebter das Angebot. "Ein Netzwerk ist wie ein Empfang", erklärt Lachman, die laut newsroom.de zu den 500 wichtigsten Medienmacherinnen der Republik gehört, beim kress.de-Interview in München. "Wenn die Leute eine Stunde nur nebeneinander stehen, finden sie das nicht so toll. Wenn wir uns aber unterhalten, vernetzen, austauschen und sympathisch finden, dann bringt das allen etwas. Genauso ist es bei Netzwerken auch. Für Xing heißt das, dass wir wollen, dass die Leute nicht nur dann wiederkommen, wenn sie Jobs suchen oder einen neuen Kontakt bestätigen wollen, sondern dass sie sich tatsächlich auf der Plattform austauschen, weil sie dort die Informationen bekommen, die für sie wichtig sind, um im Job voranzukommen oder im Büro mitzureden."

Wir machen jetzt einfach mal

2016 wird sich die kleine Redaktion um Lachman darauf konzentrieren, Strukturen und Prozesse zu etablieren. Parallel werden weitere Formate angegangen. Grobes Ziel: vermehrt Stimmungsbilder unter den Nutzern abfragen und zurückspiegeln, zudem Online- und Offline-Kooperationen ausbauen: "Wir wollen außerdem die Newsseiten und die Branchennews noch stärker verzahnen." Jennifer Lachman schweigt einen Moment, dann sagt sie: "Das Schöne ist, dass Xing wirklich sehr vorwärts getrieben ist. Wir haben die finanzielle Grundlage und ein funktionierendes Geschäftsmodell. Wir machen jetzt einfach mal und bauen das weiter aus."

"Ob Frau oder Mann - kein Thema"

Lachman, bis zur Einstellung 2012 Redakteurin bei der "Financial Times Deutschland", danach bei NDR Info und als freie Journalistin und Medientrainerin tätig, ist eine der wenigen Chefredakteurinnen im Wirtschaftsbereich. Bieten die neuen Medien Frauen bessere Chancen? "Ein relativ junges Unternehmen wie Xing hat da vermutlich eine andere Einstellung als ein etablierter Traditionsverlag", überlegt Lachman. "Hier ist es wirklich kein großes Thema, ob jemand ein Mann oder eine Frau ist."

Autor: Bülend Ürük, Mitarbeit: Tania Witte

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