Hana Geißendörfer nach einem Jahr als "Lindenstraße"-Produzentin: "Ich bin nicht selbstgefällig"

 

Hana Geißendörfer ist in die Spuren ihres Vaters Hans getreten. Seit einem Jahr ist sie Produzentin der ARD-Ewigkeitsserie "Lindenstraße". Im Interview mit kress.de spricht Geißendörfer über Familien-Teamwork, das Alter der Zuschauer und Online-Nutzung.

kress.de: Ich habe vergeblich einen Wikipedia-Artikel über Sie gesucht - und das, wo heutzutage jeder, der sich für bedeutend hält, seinen Lebenslauf dort lanciert. Sind Sie ein bescheidener Mensch?

Hana Geißendörfer: Ich weiß nicht, ob ich bescheiden bin, aber selbstgefällig oder aufdringlich bin ich jedenfalls nicht. Und wenn es wirklich jemanden interessieren würde, dann könnte auch jemand anders einen Wikipedia Eintrag über mich schreiben.

Sie sind seit einem Jahr Produzentin der "Lindenstraße". Was haben Sie in dieser Zeit gelernt?

Hana Geißendörfer: Sehr, sehr viel. Vor allem, was für ein tolles und engagiertes Team hinter der "Lindenstraße" steckt, das viel Liebe, Kreativität und Zeit in die Serie investiert.

"Zu Beginn gab's vielleicht ein paar Kinderkrankheiten"

Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Ihrem Vater verändert?

Hana Geißendörfer: Sie wird immer besser! Zu Beginn gab's vielleicht ein paar Kinderkrankheiten, aber inzwischen sind wir ein sehr gut eingespieltes Team und ergänzen uns hervorragend. Obwohl ... leider sind nicht alle seine Stärken meine Schwächen, oder umgekehrt ... schließlich fällt der Apfel nicht weit vom Stamm... sodass die Waage manchmal doch etwas schief hängt.

An Ihren Einsatz hat sich die Hoffnung geknüpft, die "Lindenstraße" möge wieder mehr Publikum locken - vor allem junges. Wie sieht Ihre Bilanz aus?

Hana Geißendörfer: Was gilt denn als jung? 30 sind die neuen 20, oder nicht? Aber mir geht es nicht um das junge Publikum. "Lindenstraße" ist eine Familienserie und da soll für jeden etwas dabei sein. Ich finde es toll, mit Geschichten Generationenübergreifend zu erzählen und sie somit zu verbinden. Es ist doch super, wenn Enkel und Großeltern beim sonntäglichen Abendessen über die "Lindenstraße" diskutieren und gemeinsamen Gesprächsstoff haben. Wenn wir es schaffen, mehr Publikum zu gewinnen, dann ist das doch wunderbar. Egal, wie alt die Zuschauer sind.

"Wir hätten uns eine noch bessere Quote gewünscht"

Die Live-Sendung zum 30-Jährigen war mit riesigem Aufwand verbunden. Künstlerisch darf er als Erfolg verbucht werden, quotentechnisch indes war die Folge ein Flop. Woran lag's?

Hana Geißendörfer: Das sehe ich anders. Ja - wir hätten uns eine noch bessere Quote gewünscht, aber es war unsere beste Quote seit langem, und wenn man die ganzen online-Abrufe der Folge und weitere online-Interaktionen dazu zählt, dann war das auch in dieser Hinsicht ein Erfolg: mit 125 Tweets pro Minute (und damit Twitter-Trend-Charts Platz 1) während der Folge, 170.000 Leuten, die parallel die Backstage- Kameras geguckt haben und unglaublichen 3,6 Millionen Pageimpressions auf lindenstrasse.de innerhalb der 24 Stunden rund um die Folge.

Das TV-Genre Serie erlebt derzeit einen neuen Boom. Wie kann die "Lindenstraße" davon profitieren?

Hana Geißendörfer: Man könnte auch sagen, dass der Serien-Boom es schwieriger macht angesichts der Konkurrenz.

"Wir haben etwas Neues gewagt"

Das beste Mittel, alte Zuschauer zu halten und neues Publikum zu gewinnen, ist, die Serie zum Tagesgespräch zu machen. Wie kann das wieder gelingen?

Hana Geißendörfer: Ich glaube, die Live Folge hat dies ganz gut erreicht. Wir haben etwas Neues gewagt, das wurde erkannt und interessiert von den Zuschauern und den Medien verfolgt. Es war ein Event, bei dem einiges hätte schief gehen können und das war, glaube ich, ganz reizvoll für viele Zuschauer. Aber natürlich ist der Kern unserer Arbeit das Geschichten erzählen. Mit starken Geschichten, die zur Diskussion anregen und vielleicht auch Meinungen spalten, kann man es immer noch schaffen, Tagesgespräch zu sein, auch wenn dies bei einer langlaufenden Serie realistisch gesehen kein Dauerzustand sein kann. Aber wenn man es schafft, so zu erzählen, dass Leute emotional andocken und mit den Figuren mitgehen und mitfiebern, dann hat man schon vieles erreicht. Heutzutage wird ja so viel Content produziert und auf verschiedensten Kanälen an den Menschen gebracht, dass es immer schwieriger wird, überhaupt für mehr als zwei Minuten im Gespräch zu bleiben.

Die "Lindenstraße" hat immer wieder polarisierende Themen riskiert. Welche gesellschaftlichen Debatten inspirieren Sie?

Hana Geißendörfer: Da gibt's viele. Besonders interessant finde ich Diskussionen zu Gender, der Rechtsruck, der momentan durch Deutschland geht, Flüchtlinge und Integration ...

"Es wird noch eine Weile dauern"

Bei Til Schweigers letztem "Tatort" war die Mediathek für die Zuschauer-Bilanz so wichtig wie nie zuvor. Welche Rolle spielt die Online-Nutzung für die "Lindenstraße"?

Hana Geißendörfer: Eine sehr große Rolle. Wir sind auf Facebook, Twitter und Instagram sehr gut vertreten und haben einen sehr starken Internet-Auftritt. Inzwischen gibt es auch viele Zuschauer, die online die Folgen gucken. Die Mediathekenzahlen und Folgenabrufe auf lindenstrasse.de und Youtube wachsen kontinuierlich. Und da sind wir wieder bei dem 'jungen' Zuschauer. Statistisch gesehen sind online-Nutzer jünger als klassische Fernsehzuschauer, also machen wir wohl etwas, das die jungen Zuschauer interessiert und zu uns lockt.

In den USA wird immer mehr Fernsehen direkt fürs Netz produziert. Können Sie sich vorstellen, dass die "Lindenstraße" irgendwann nur noch online zu sehen ist?

Hana Geißendörfer: Das kann ich mir schon vorstellen, aber es wird, glaube ich, noch eine Weile dauern. Viele gucken, wie gesagt, jetzt schon online, aber viele unserer Zuschauer sind auch noch nicht Mediatheken-affin, so dass es sehr schädlich für die Zuschauerbindung ist, eine erwartete Folge aus dem Hauptprogramm zu nehmen, denn so verpassen sie den Anschluss. Natürlich ist es wichtig, neue und junge Zuschauer zu gewinnen und somit online vertreten zu sein, aber genauso wichtig ist es, unseren älteren Zuschauer, die uns seit Jahren treu zur Seite stehen, weiterhin die "Lindenstraße" im linearem Fernsehen zur erwarteten Sendezeit zur Verfügung zu stellen.

Und auch wenn eines Tages "Lindenstraße" nur online zu sehen wäre, würden wir weiterhin unsere zeitliche Bindung halten und nicht ganze Staffeln auf einmal rausbringen, wie viele Serien es tun. Eines der Markenzeichen der "Lindenstraße" ist ihre Aktualität und dass wir immer an dem Donnerstag vor der Ausstrahlung spielen, sodass wir das aktuelle Umfeld und politische Strömungen sowie Stimmungen der Bundesrepublik widerspiegeln und aufgreifen können. Das soll auch so bleiben.

Zur Person

Hana Geißendörfer leitet gemeinsam mit ihrem Vater Hans W. Geißendörfer, dem Erfinder und Produzenten der "Lindenstraße", die Geschicke der Serie. Hana Geißendörfer verantwortet vorrangig die kreativen Bereiche. 2013 und 2014 verfasste sie bereits Drehbücher für die "Lindenstraße".

Hana Geißendörfer (31) wuchs auf Rhodos, Griechenland, und in London, England, auf und zog erst 2008 nach Deutschland. Sie studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Bristol, England, und absolvierte anschließend ein Masterstudium in Regie an der Internationalen Filmschule in Paris, Frankreich. Dort führte sie u.a. Regie bei zwei Kurzfilmen, die auf internationalen Festivals liefen und Auszeichnungen erhielten. Daneben wirkte sie als Produktionsleiterin bei mehreren Abschlussfilmen mit. Nach Beendigung der Filmschule inszenierte Hana Geißendörfer ihren dritten preisgekrönten Kurzfilm "Hermann" und war als Regieassistentin in der Film- und TV-Branche aktiv, darunter auch bei der "Lindenstraße". Neben der "Lindenstraße" produziert sie auch Spielfilme, aktuell läuft die brilliante, komische Groteske "Der Bunker" von Nikia Chryssos in den Kinos, die Hana Geißendörfer mitproduzierte.

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