Streit um Volksmusik ist nur die Spitze des Eisbergs: Warum der BR derzeit kaum zur Ruhe kommt

 

BR-Intendant Ulrich Wilhelm unter Druck: Vor allem die geplante Verlagerung der Volksmusik weg aus dem UKW-Angebot Bayern 1 zum Digitalsender BR Heimat schlägt hohe Wellen - auch in der Politik im Freistaat. Insider halten das allerdings nur für die Spitze des Eisbergs - und für ein Symptom weitreichender Verunsicherung der Mitarbeiter. "Im Haus herrscht große Unruhe", heißt es aus dem BR-Rundfunkrat.

"Es passieren derzeit so viele Umstrukturierungen gleichzeitig", sagt ein Mitglied des Gremiums, das den BR und damit die Entscheidungen des Intendanten Wilhelm kontrollieren soll. "Die Informationspolitik der Mitarbeiter hält nicht mit", so der Rundfunkrat, der lieber nicht genannt werden möchte. 

Spätestens durch eine Flut kritischer Presseberichte und einer jüngsten extra angesetzten Debatte im Bayerischen Landtag über die Zukunft der Volksmusik im BR steigt der Druck im Kessel. Auf das populistische Brauchtumsthema sprang unter anderem der bayerische Heimatminister und CSU-Machtpolitiker Markus Söder, aber auch sein CSU-Kollege Thomas Goppel, Landtagsabgeordneter und bis 2008 in verschiedenen Funktionen Mitglied der weißblauen Staatsregierung, gerne auf. Dadurch wurde offenbar ein Ventil für weitaus größere Veränderungsängste, aber auch handfeste BR-Kritik gefunden. 

"Hoher Stellenwert für Heimat- und Brauchtumsthemen"

In einer Stellungnahme zur Debatte um die BR-Volksmusik sah sich die Intendanz in der vergangenen Woche zu einer detaillierten Stellungnahme veranlasst. Sie soll den beschlossenen Kurs untermauern - und Kritikern Wind aus den von frischem Alpenwind geblähten Segeln nehmen. "In seinen Programmen räumt der BR der Volks- und Blasmusik sowie Heimat- und Brauchtumsthemen traditionell einen hohen Stellenwert ein", heißt es da. "Anders als vielfach dargestellt zieht sich der BR auch nicht aus der Volks- und Blasmusik zurück, sondern baut diese Klangfarbe in seinem Gesamtprogramm aus und investiert trotz aktueller Sparzwänge sogar mehr Geld in die Volksmusik als je zuvor."

Tatsächlich wurde vor rund einem Jahr mit BR Heimat eine neue Radiowelle eigens für die Volks- und Blasmusik sowie Geschichten aus und über Bayern geschaffen. "Volksmusikfreunde bekommen dort 24 Stunden täglich ihre Lieblingsmusik zu hören, statt, wie bisher, nur 50 Minuten werktags auf Bayern 1", heißt es nun aus der BR-Intendanz in der offiziellen Stellungnahme. "Die Sendezeit speziell für Blasmusik hat sich mit BR Heimat sogar mindestens vervierfacht."

"Ich finde, dass der BR niemanden vergrätzt"

Diese offizielle, an Fakten orientierten Sichtweise unterstreicht Matthias Fack, Mitglied des BR-Rundfunkrats und dort Hörfunkausschuss-Vorsitzender, im Gespräch mit kress.de. "Der BR hat sich, was die Zukunft der Volksmusik angeht, nichts vorzuwerfen", so Fack, der Präsident des Bayerischen Jugendrings ist. "Ich finde, dass der BR niemanden vergrätzt", sagt Fack. Er blickt damit auf den BR und seine Entscheidungsträger, wenn es um die Frage des öffentlich-rechtlichen Angebots an alle geht.

Tatsächlich geht es bei der neuen Radio-Programmreform nicht um eine Abschaffung des Volksmusikangebots, sondern um eine Programm-Vereinheitlichung ohne den traditionellen werktäglichen Volksmusik-Abendblock bei Bayern 1. Ähnliche, nicht ganz so leidenschaftliche Diskussionen gab es schon zuvor hinsichtlich der Pläne, klassische Musik aus dem BR-UKW-Angebot ins Digitale zu verlagern. Diesmal werde eine bessere "Durchhörbarkeit" bei Bayern 1 erreicht. Freunde der heimatlichen Klänge haben BR Heimat bereits gefunden und offenbar angenommen. Mit einer Tagesreichweite von mehr als 110.000 Hörern am Tag gilt die DAB-Welle als Ankommer - und als "erfolgreichstes Digitalprogramm des BR", so die Intendanz. 

"Auch ältere Menschen sind technisch aufgeschlossen"

"BR Heimat ist ein richtig großartiger Erfolg", lobt Rundfunkrat Fack. "Auf den man auch mal stolz sein kann." Die schnell und gerne vorgebrachten Einwände - der Zwang, sich ein digitales Empfangsgerät anschaffen zu müssen anstatt beim althergebrachten UKW-"Dampfradio" bleiben zu können, oder Sorgen um die Empfangbarkeit des Angebots in der Region - lassen sich entkräften. "Die Verfügbarkeit von DAB+ liegt derzeit sogar über dem Plan, den der BR sich gegeben hat", sagt Matthias Fack. Dass angeblich die Senioren unter den Volksmusikfans mit dem technischen Wechsel überfordert seine, will er ebenfalls nicht gelten lassen. "Fakt ist, dass auch ältere Menschen technisch aufgeschlossen sind", sagt er. Allerdings: "Es bleibt die offene Frage, wie lange UKW und DAB parallel laufen. Die kann aber nicht der BR lösen, hier ist der Gesetzgeber gefragt."

"Unsicherheit und Sorge"

Allerdings gesteht nicht nur der Hörfunk-Rundfunkrat ein, dass es in der Debatte um doch weit mehr geht. "Es sind eher Grundsatzdiskussionen, weil Veränderungen stattfinden", sagt Matthias Fack. "Es geht um die Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Gesellschaft und welche Aufgaben er hat." Und an der Volksmusik entzündet sich derzeit beim BR viel Weitreichenderes. Etwa die Sorge um die Sender-Identität, den an den Sender herangetragenen Spardruck sowie die anstehenden Programm-Reformen vor allem beim Fernsehen. Letzteres hat Ulrich Wilhelm durch sein Vorzeigeprojekt des "trimedialen Umbaus" beim BR angestoßen. "Im Rundfunkrat wurde deutlich", blickt Fack auf die Diskussionen der letzten Tage zurück, "dass Veränderungen Unsicherheit und Sorge hervorrufen. Das verstehe ich."

Rundfunkrat möchte den Sender kontrollieren - gegen Druck von außen

Deutlicher wird ein Räte-Kollege, der davon berichtet, dass die schlechte Stimmung auch das Gremium selbst erreicht hat. "Der Rundfunkrat ist nicht zufrieden, mit dem was derzeit abläuft", sagt er. "Wir können unserem Auftrag, die Entwicklungen beim BR kritisch zu begleiten, fast nicht mehr nachkommen", sagt er. Grund ist die ungemütliche Position, zwischen die Entscheidungsetage von Intendant Wilhelm und den gestiegenen politischen Druck von außen hineingeraten zu sein.

Vor allem KEF, die Instanz, die den Finanzbedarf der öffentlich-rechtlichen Sender einschätzt und aktuell eine weitere Absenkung der Haushaltsabgabe um 29 Cent vorschlägt, aber auch der Bayerische Rechnungshof würden Grenzen überschreiten. Laut Gesetz ist es natürlich der Rundunkrat, der die Anstalt kontrolliert. Nun gibt es Bestrebungen - so das Stimmungsbild - von außen beinahe in den BR hineinregieren zu möchten. Dabei geht es etwa um die Frage, welche Schwerpunkte bei der Mittelverteilung gesetzt werden. Die Altersvorsorgungen für langgediente Mitarbeiter sind - wie bei vielen öffentlich-rechtlichen Häusern - ein drückender Block. 

Dass sich der Bayerische Landtag über die Volksmusik äußert - und somit dem Sender politisch die Zähne zeigt -, sehen zumindest einige der BR-Rundfunkräte als Versuch, in die Kompetenzen der Räte einzugreifen. Besonders geärgert hat das zuletzt Wolfgang Stöckel, der den Bayerischen Journalistenverband vertritt und der als langjähriges Mitglied und Schriftführer sonst eher im Ruf steht, ausgleichend zu wirken. "Herr Thomas Goppel hätte sich mal für die Klassik einsetzen sollen", empört sich Stöckel über die Einmischungsversuche bei der BR-Volksmusik. 

Umzugsprojekt weckt weitreichende Befürchtungen

Wie Insider hinter vorgehaltener Hand berichten, sorgen vor allem die noch viel weiter reichenden Eingriffspläne in das Programm vor allem beim Fernsehen für Verunsicherung im Funkhaus, das zudem noch in einen 160-Millionen-Euro Neubau vom angestammten Innenstadt-Sitz in die Peripherie am BR-Standort Freimann umzieht. Täglich tagen Arbeitsgruppen, über deren Beschlüsse und Planungsabsichten jenseits der Intendanz- und Direktoren-Ebene wenig durchdringt. Offensichtlich ist es um die interne Kommunikation im Hause nicht optimal bestellt. Ein "Münchner Merkur"-Bericht, an dem mit Christian Deutschländer, Carina Zimniok, Stefan Sessler und Rudolf Ogiermann gleich vier Autoren mitgeschrieben haben, will sogar erfahren haben, dass Intendant Ulrich Wilhelm vorgeworfen werde, er verschanze sich und wirke gegenüber der Mitarbeitschaft abgehoben. Angeblicher Schmähname: "Der Göttliche".

Kristallisationspunkt für neue Ängste: Fernsehdirektor Reinhard Scolik

Gut möglich, dass sich derlei Spottlust, die von Verändungsängsten, aber auch Verändungerungsunwillen getragen ist, zumindest im Verborgenen künftig an Reinhard Scolik festmacht. Der neue Fernsehdirektor, der vom ORF kommt und am 1. März seinen Dienst antritt, eilt der Ruf eines journalistisch breit aufgestellten Programmmachers, aber auch eines Strukturreformers aus, der Einsparungsängste auslöst. Noch völlig unklar ist, wie sich die Top-Personalie auswirken wird. Scoliks Vorgängerin Bettina Reitz verließ das Haus verbundenen mit überraschend offener Kritik an den BR-Strukturen

Ebenso unklar ist vielen, wie es überhaupt zur Berufung des BR-Quereinsteigers Scoliks kommen konnte. Nach dem Ausscheiden von Bettina Reitz hatte Andreas Bönte, der seit Mai 2005 die strategische Programmplanung sowie die Weiterentwicklung von Programmstruktur, Programmschema und Programmqualität des Bayerischen Fernsehens verantwortet und gleichzeitig stellvertretender Fernsehdirektor ist, die Stelle kommissarisch übernommen. Viele rätseln noch immer, warum nicht Bönte selbst die künftige Scolik-Position übernahm. 

Zuletzt wurde der Informationsbereich stark aufgewertet

"Viele hatten mit ihm gerechnet", sagt ein Rundfunkrat, der nicht namentlich zitiert werden möchte. Er gibt allerdings zu bedenken, dass die Scolik-Berufung durchaus "stimmig" sein könnte. Für den bestens vernetzten Kenner der BR-Machtfraktionen gilt der Österreicher - anders als Bönte - eher nicht als ein Fernsehdirektor, den man schon im Vorfeld fürchten müsste. Im Gegenteil: "Er könnte zu schwach sein - im Vergleich zum Informationsdirektor Thomas Hinrichs", analysiert der Rundfunkrat im kress.de-Gespräch die künftigen Gewichtungen im Sender. "Die Information wurde zuletzt stark aufgewertet." 

Bönte dagegen wäre aus Sicht der Mitarbeiter, die allzu weitreichende Veränderungen fürchten, möglicherweise trotz seines BR-Stallgeruchs der gefährlichere Mann geworden. "Wenn Bönte Fernsehdirektor geworden wäre, hätte der Intendant noch unmittelbarer durchregieren können", lautet die Experten-Einschätzung. 

"Es ist gut, dass sich was bewegt"

Darüber, dass Veränderungsphasen unruhige Zeiten sind, herrscht zumindest Einigkeit im Funkhaus. "Es gibt natürlich auch Menschen im BR, die keine Veränderungen wollen", lässt sich Rundfunkrat Matthias Fack zitieren. Dabei lassen sich oft - gerade mit Blick auf den hohen Finanzbedarf durch Altersvorsorge-Rücklagen - Spannungen zwischen den Mitarbeiter-Generationen feststellen. "Von vielen jüngeren Redakteuren, hört man die Rückmeldung: Es ist gut, dass sich was bewegt", so Matthias Fack. "Man muss die Menschen mitnehmen. Aber sie müssen sich auch mitnehmen lassen."

"Wir können nicht immer Schleifen zurückdrehen"

Der Personalie Scolik sieht er mit abwartender Gelassenheit entgegen. "Für mich wurde deutlich, dass er durch sein Profil gut zum BR passt und die anstehenden und notwendigen Schritte gut begleiten und mitgestalten kann", sagt Fack. Bei grundsätzlicher Kritik am BR-Veränderungskurs müsse sich zudem auch der Rundfunkrat darauf besinnen, dass der die allgemeine Stoßrichtung bislang mitgetragen hat. "Der Rundfunkrat hat das trimediale Konzept beschlossen", so Fack. "Wir können nicht immer Schleifen zurückdrehen."

Beim Bayerischen Journalisten-Verband begleitet man den aktuellen (Schlinger-)Kurs des BR mit erhöhter Aufmerksamkeit. "Den BJV haben die aktuellen Presseberichte nicht überrascht. Selbstverständlich kennt der Verband die Ängste und Sorgen der BR-Mitarbeiter", sagte Geschäftsführerin Jutta Müller zu kress.de "Der BJV beobachtet und begleitet den weitreichenden Veränderungsprozess beim BR seit den Anfängen kritisch und ist kontinuierlich mit Mitarbeitern und Verantwortlichen im Gespräch. Dabei geht es um die Risiken und Nebenwirkungen wie drohende Einkommensverluste und Teilkündigungen bis hin zur Diskussion über Qualität und Vielfalt im Programm. Im Moment werden ja die neuen Formate beschlossen und bei einigen werden die Mitarbeiter von zwei Redaktionen künftig für ein Format arbeiten. Deshalb wird es dort zum Teil deutlich weniger Aufträge geben. Wie das mitarbeiterfreundlich ablaufen soll, wurde bisher an die Betroffenen kaum kommuniziert. Viele befürchten, dass sie vor vollendete Tatsachen gestellt werden", sagt sie. "

BR muss sich für die Zukunft aufstellen 

Gleichzeitig zieht der BJV die Notwendigkeit von Reformen im Programm beim BR grundsätzlich nicht in Zweifel: Ein Sender, der sich nicht für die Zukunft aufstellt, kann seinen Mitarbeitern weder Perspektiven noch Sicherheit bieten."

"Verunsicherung und Ängste sind groß"

Einiges im Argen liegt aus BJV-Sicht beim Stil der internen Kommunikation. "Der BR bietet immer wieder Veranstaltungen an, bei denen geplante Veränderungen vorgestellt werden und Mitarbeiter die Möglichkeit zur Nachfrage haben. In vielen Redaktionen werden die Mitarbeiter in die Prozesse eingebunden, was neue Formate und neue Arbeitsformen betrifft, es werden Workshops für freie Mitarbeiter durchgeführt", gesteht Jutta Müller ein. "Die Tatsache, dass Verunsicherung und Ängste groß sind, zeigt jedoch, dass die Bemühungen von Seiten des BR bei Weitem nicht ausreichen, um die Mitarbeiter mitzunehmen. Oft sind die Informationen auch nicht konkret genug."

Keine Garantien für die freien Mitarbeiter

Dabei sorgt sich der Journalistenverband auftragsgemäß nicht nur die Interessen der angestellt Beschäftigten, sondern hat auch die Zukunftsängste der Frei-Beschäftigten im Blick. "Der BR hat immer wieder erklärt, dass man keinen Personalabbau plane und die Änderungen so sozialverträglich wie möglich durchführen wolle", so die BJV-Geschäftsführerin. "Bei den Festangestellten wird es unserer Einschätzung nach auch zu keinen Kündigungen kommen. Leider konnten wir hinsichtlich der Freien nur die Aussage erreichen, dass man alle Mitarbeiter so weit wie möglich mitnehmen wolle, eine Garantie, dass nicht doch Freie ihre Aufträge verlieren, gab es jedoch nicht", sagt Jutta Müller. "Auch steht natürlich im Raum, dass sich das Auftragsvolumen ändern wird. Dementsprechend besteht selbstverständlich die Sorge, dass es bei einzelnen freien Mitarbeitern zu Auftragsverlust oder deutlicher Reduzierung des Auftragsvolumens kommen könnte."

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