kress.de-Serie "Die Zukunft des Journalismus": Der Lokaljournalismus muss seine Richtung ändern

 

Nirgends wird es leichter sein als im Lokalen, die Bürger wieder für seriöse Informationen, für Politik als Teil ihres Alltags und Lebens zu gewinnen. Die Bürger verirren sich schon im Labyrinth des Internets und entwickeln eine Sehnsucht, zumindest eine leise, die Welt geordnet vorzufinden jenseits aller Verschwörungen, Gerüchten und Halbwahrheiten. Wie das gelingt - der dritte Teil zur "Zukunft des Journalismus" von Paul-Josef Raue.

Eine Demokratie braucht eine Öffentlichkeit, die Bescheid weiß über alles, was wichtig ist. Wir kennen das Gegenteil: In feudalen Zeiten bestimmte der Fürst, was seine Untertanen erfahren sollten; in der DDR - wie in allen Diktaturen - bestimmte die Partei, was die Redakteure schreiben dürfen.

Deshalb ist die Freiheit der Presse die Voraussetzung für alle anderen Freiheiten, die unsere Verfassung garantiert. Doch wem nützt die Pressefreiheit, wenn nur noch wenige Zeitung lesen, ob gedruckt oder im Internet? Was wird aus einer Gesellschaft, die sich vor den Informations-Massen nicht mehr retten kann? Worüber sprechen die Menschen, wenn sie nicht mehr die gleichen Nachrichten kennen?

Wir brauchen den Marktplatz, den wirklichen und den gedruckten oder virtuellen: Nur so gelingt das Selbstgespräch der Gesellschaft. Die Zeitung ähnelt dem Wochenmarkt, auf dem die Bio-Bäuerin ihren Stand hat neben dem Land-Metzger, dem türkischen Obst-Händler, der Gewürz-Fee und der Blumenfrau. Jeder Marktplatz ist lokal. Oft schon war er totgesagt, aber er blieb trotz Discountern und Amazon.

Marktplatz im Netz müssten die sozialen Netzwerke sein, aber sind es nicht. Ein Beispiel: Österreichs bekanntester Journalist, der TV-Moderator Armin Wolf, ist ein Star in der Social-Media-Szene; auf Facebook liest ihn regelmäßig eine Viertel Million, manchmal kommen sogar mehrere Millionen zu ihm. Doch Wolf twittert - wie viele andere - immer weniger, er hat die Lust verloren, "niedergespamt" zu werden:

"Früher haben wir gehofft, dass Social Media die Welt besser machen könne, weil sie der Demokratisierung des Diskurses den Weg bereiten. Aber wie es aussieht, hat sich der Diskurs weniger demokratisiert als polarisiert."

Gleichwohl sind die sozialen Medien notwendig für den Lokaljournalismus - nicht nur um eigene Nachrichten zu verbreiten, sondern auch um Nachrichten und Themen aus der Region zu gewinnen: Was wird in meiner Stadt oder meinem Landkreis gerade am meisten im Netz gelesen? Welche Themen sind für Zeitung wichtig? Was muss aktuell in den Online-Auftritt? Welches Thema bedarf der Recherche? Analyse? des Hintergrunds?

Der Lokaljournalist der Zukunft muss sich nicht nur souverän in den sozialen Medien bewegen, er muss auch gewichten können: Was greife ich aus Facebook und Twitter auf? Was ist dünnes Gesäusel? Was ist mit Gerüchten, Verdächtigungen, Verschwörungen? Soll ich sie aufnehmen, weil sie oft geteilt und diskutiert werden? Soll ich sie ignorieren oder richtig stellen, um möglichen Schaden zu begrenzen? Soll ich kommentieren?

So viel Information war noch nie - gerade für Lokalredaktionen, die nur selten nur auf dpa und andere Agenturen zugreifen können. Das Netz wird zu einer Art Presseagentur, das allerdings nur ungewichtet und unprofessionell arbeitet.

Es kommt nicht darauf an, das Internet allein als Technik zu verstehen, sondern die Menschen zu verstehen, die sich im Internet bewegen: Was interessiert sie in ihrer Stadt, im Umland? Wie muss es präsentiert werden? Und wo? Das Netz wird zum Frühwarnsystem: Welche Themen wachsen langsam, aber stetig?

Der Lokaljournalist sitzt nicht in der ersten Reihe, er klopft denen in der ersten Reihe auf die Finger, er sitzt unter den Leuten

Der Lokaljournalist hatte schon immer mit Informationen zu tun, die er nicht selbst recherchiert hatte: Pressemitteilungen kamen von professionellen Sprechern, die etwa die Verdienste des OB erzählten, oder von ehrenamtlichen, die vom Ausflug ihres Vereins erzählten oder den Wahlen auf der Hauptversammlung. Sie wandten sich direkt an die Redaktion.

Belohnt mit einem Abdruck wurden alle, die Informationen in die Redaktion schafften; die anderen kamen nicht ins Blatt. Wer die Öffentlichkeit erreichen wollte, musste etwas bringen; die Redaktion sprach von "Bringschuld".

Im Netz tummeln sich der Gelegenheits-Journalist, der Plauderer und der Verschwörer neben dem PR-Profi: Nichts ist mehr gewiss. Die sozialen Netzwerke sind nicht für Redakteure gedacht, sondern für eine amorphe Öffentlichkeit oder eine Gruppe, die sich selbst genügt. Die Kunst der Unterscheidung wird zu einer wesentlichen Aufgabe des Redakteurs, das Sortieren in wichtig und unwichtig.

Wenn Blogger und Twitterer zu Quellen werden, muss der Lokaljournalismus dafür ein System entwickeln, statt auf den Zufall zu vertrauen. Der Lokalredakteur wird zum Nachrichten-Detektiv mit Bauchgefühl, Routine und einer Technik, die ihm bei Sortieren hilft.

Gerade im Lokaljournalismus mit vielen Nachrichten, die routiniert zu schreiben sind, wird der Roboter einziehen und Vereins- und Sportberichte verfassen, die Vorschau auf den Stadtrat, alle Service-Nachrichten von den Gottesdiensten bis zum Kino-Programm. Der Maschinen-Reporter ist keine Gefahr, erst recht nicht in immer kleiner werdenden Redaktionen. Er erlöst den Redakteur von Roboter-Arbeiten, denn nichts anderes tun teure Journalisten, die Vereinsberichte redigieren und Service-Seite zusammenstellen.

Worüber schreibt der Lokaljournalist der Zukunft?

Die Zukunft hat längst begonnen: Als im Sommer 2013 die Elbe über die Ufer trat und weite Landstriche überschwemmte, kümmerten sich über Wochen fünf der sieben Redakteure der kleinen Lokalzeitung "Der Priegnitzer" nur um das Hochwasser. Sie hatten Gummistiefel und Notfall-Rationen im Auto, brachten täglich drei Sonderseiten und füllten ständig einen Liveticker.

Der Redaktionschef Hanno Taufenbach sagte in einem Interview mit der "Drehscheibe": "Die Menschen haben sich auf uns verlassen." Der Satz gilt nicht nur in Katastrophen: Die Menschen wollen sich auf die Lokaljournalisten verlassen. Und die Leser gehen, wenn Journalisten nicht verlässlich sind.

Die Priegnitzer Redaktion bekam einen der Deutschen-Lokaljournalismus-Preise 2013, der seit 35 Jahren als Oscar der Branche gilt. Begründet hat ihn Dieter Golombek, der Pionier des modernen Lokaljournalismus.

Wir brauchen eine neue Politik-Berichterstattung, eine zweite Bundespressekonferenz, eine Pressekonferenz der Regionen

Als das Internet für Lokalzeitungen noch kein Thema war, schrieb Golombek: "Es gibt eine Trennlinie zwischen kritischer Begleitung von Politik und dem Verächtlichmachen des politischen Betriebes." Diese Trennlinie ist für den Lokaljournalismus der Zukunft die entscheidende: Er muss sich mit Niveau und Kenntnis unterscheiden von den Häme-, Wut- und Hass-Artikeln im Internet - ohne dabei sein Wächteramt aufzugeben und zum Hofberichterstatter abzugleiten.

Im Lokalen können Journalisten die Bürger zurückgewinnen, die den Hasspredigern folgen aus Mangel an Alternativen. Das gelingt nicht, wenn Redaktionen die Politik dem Generalverdacht der Unfähigkeit, Korruption und Bürgerferne aussetzen: Wer so die Verdrossenheit nutzt, der legt die Axt an die Wurzel der Demokratie.

Lokaljournalismus ist Heimat. Er stiftet Identität, gehört zu einer Stadt und einem Landkreis wie der Bürgermeister, der IHK- und Sparkassen-Chef und Pfarrer - allerdings mit einer Funktion, die kein anderer der Prominenten-Riege innehat: Er sitzt nicht in der ersten Reihe, er klopft vielmehr denen in der ersten Reihe auf die Finger; er sitzt unter den Leuten, ideal gesehen.

Nirgends wird es leichter sein als im Lokalen, die Bürger wieder für seriöse Informationen, für Politik als Teil ihres Alltags und Lebens zu gewinnen. Die Bürger verirren sich schon im Labyrinth des Internets und entwickeln eine Sehnsucht, zumindest eine leise, die Welt geordnet vorzufinden jenseits aller Verschwörungen, Gerüchten und Halbwahrheiten. Wie gelingt das?

Der Lokaljournalismus muss seine Richtung ändern: Nicht meine Lieblingsthemen sind entscheidend, nicht mein Ressort, sondern allein der Leser mit seinen Interessen. Der Universalist, stets eine Stärke des Lokaljournalismus, ist wieder gefragt.

Es reicht auch nicht aus, den Menschen nur Nachrichten zu vermitteln. Wenn der Lokaljournalismus Heimat ist, muss er das Gefühl der Nähe, der Vertrautheit entwickeln - vor allem im Netz, in dem die Menschen noch stärker eine Atmosphäre spüren wollen, die ihrem Lebensgefühl gleicht. Nehmen wir uns ein Beispiel an der Edeka-Werbung zu Weihnachten, die ein Heimat-Gefühl sogar mit einer traurigen Geschichte schuf und rund fünf Millionen Mal abgerufen wurde (zum Spot bei kress.de). 

Großvater bekommt von seinen Kindern schon wieder eine Absage zum Weihnachtsfest. Er täuscht seinen Tod vor, so dass alle zu seiner Beerdigung kommen. "Wie sollte ich denn sonst alle zusammenbringen sollen?" fragt der Großvater, der den Leichenschmaus in ein Weihnachts-Mahl verwandelt.

Es gibt kein Thema, das nicht auch im Lokalen spielt. Wer in die Liste der Sieger des Deutschen Lokaljournalisten-Preises schaut, könnte eine Chronik der Brand-Themen unserer Republik schreiben: Waldsterben, Umwelt, die Alten und die Demografie, Dritte Welt, Europa, Flüchtlinge - schon 1982 gewann die Mendener Zeitung mit "Konzept und kontinuierlicher Berichterstattung für und über Ausländer - und vieles mehr. Oft standen die großen Themen zuerst nicht in den Leitartikeln, sondern in den Lokalteilen.

In den achtziger Jahren, weit vor dem Internet, gab es einen Pressedienst für Lokalredaktionen, die "Bonner Lokalredaktion", die Gesetzes-Pläne und Verordnungen durchleuchtete: Was ist für Lokalredaktionen interessant? Weit vor den Lesungen im Bundestag erklärten Journalisten, was die Regierung plant; sie gaben Anregungen, wie Lokalredaktionen recherchieren können.

In kleineren amerikanischen Zeitungen gehört der Washingtoner Korrespondent zur Lokalredaktion: Das ist eine kluge Entscheidung - denn alles ist lokal, die Wirtschaft und die Politik. Deshalb stimmt unsere Politik-Berichterstattung nicht mehr. Alle Regionalverlage haben Korrespondenten in Berlin, manche unterhalten große Büros, doch deren Berichte decken sich meist mit denen von dpa, vielleicht ein wenig schöner geschrieben; wenn sie selber Wichtiges recherchieren oder im Interview herauskitzeln, dann schielen sie mehr auf eine Nennung in der Tagesschau oder den Hörfunk- Nachrichten, als auf die Leser in den Regionen.

Wie schnell schäumt Korruption auf, wenn sich Parlamente, Behörden und Unternehmen unbeobachtet fühlen

Was braucht der Lokaljournalismus? Einen Korrespondenten, der sich um lokale Themen aus Berlin kümmert, der den Abgeordneten, den Vertreter der Regionen, auf die Finger guckt: Was tun sie? Wie setzen sie sich für die Menschen ein? Welche Themen haben sie? Welche Gesetze passen zur Region? Jede Region braucht eine journalistische Begleitung; wir brauchen eine zweite Bundespressekonferenz, einen Pressekonferenz der Regionen.

Die Verdrossenheit der Bürger wächst auch aus dem Versagen der Zeitungen, vom öffentlich- rechtlichen Fernsehen ganz zu schweigen: Politik ist für die meisten Bürger Politik aus Berlin, ist das, was die Tagesschau sendet. Aber Berliner Politik ist oft lokale Politik, hat direkt oder indirekt mit den Menschen in der Provinz zu tun. Die Regionalzeitungen müssen das herauskitzeln, die Verbindung zwischen Regierung, Parlament und dem Volk herstellen, statt Pressemitteilungen der Abgeordneten abzudrucken oder selbst die nicht.

Denn am Ende sind alle unzufrieden: Die Abgeordneten, weil sie ihre Wähler nicht mehr erreichen; die Wähler, weil sie von ihren Abgeordneten "da oben in Berlin" wenig erfahren; die Lokalredaktionen, weil sie von den Themen, die ihre Stadt betreffen, zu spät oder gar nichts erfahren.

Da immer mehr, mittlerweile sogar die meisten Entscheidungen nicht mehr in Berlin, sondern in Brüssel fallen, müssten - wenn Redaktionen die Leser ernst nehmen - auch Korrespondenten aus Europa für die Regionen berichten, zumal sich die EU als ein Europa der Regionen versteht.

Der "Geo"-Chefredakteur Christoph Kucklick ist ein Journalist, der auf die Welt schaut. Wenn er auf unsere Republik schaut, sieht er eine große Gefahr, wenn der Lokaljournalismus langsam verschwindet:

Die Rückkehr massiver Korruption in Deutschland. Großstadtjournalismus und die Beobachtung der "großen" Politik und der großen Unternehmen werden auf längere Sicht gewährleistet sein, dafür findet sich ein hinreichend großes, zahlungswilliges Publikum. Doch wie ist es um die Fläche bestellt, um die ländlicheren Regionen und kleinen Städte? Wer sorgt, wenn die Lokalzeitungen ausbluten, dort für die Kontrolle von Politikern und Verwaltungen? Untersuchungen in den USA verraten, wie schnell Korruption aufschäumt, wenn sich Parlamente, Behörden und Unternehmen unbeobachtet fühlen. Es gibt keinen Grund zur Annahme, wir wären davor hierzulande gefeit.

Es wird Zeit zum Aufbruch.

 

Bisher erschienen

Teil 1: "Journalismus der Zukunft" am 9. Februar 2016

Teil 2: "All journalism is local - Aber welchen Lokaljournalismus brauchen die Leser" am 16. Februar 2016

Nächste Folgen

Teil 4: Leidenschaft! Ohne Leidenschaft ist Journalismus wenig wert (Welche Journalisten brauchen wir)

Teil 5: Unsere Ausbildung stimmt nicht mehr

Teil 6: Die neue Organisation der Redaktion

Teil 7: Was kommt nach der Lügenpresse?

Teil 8 ff: Die acht Pfeiler des Journalismus

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