"Ohne Information keine Grafik": Warum Infografiken mehr sind als Datenvisualisierung

 

Infografiken besitzen bei Nutzern einen hohen Vertrauensvorschuss. Im Gespräch mit kress.de erklärt Prof. Michael Stoll, Kurator der Tagung QVIG, wann eine Info-Grafik besonders gut funktioniert und warum sie als eigene journalistische Form betrachtet werden sollte.

kress.de: Herr Prof. Stoll, was macht den Reiz einer guten Infografik aus?

Michael Stoll: Eine gute Infografik ist eine, die funktioniert. Und dazu gehört nicht wenig: Sie muss solide recherchiert sein, sprich: die zugrundeliegenden Fakten müssen valide sein. "Ohne Information keine Grafik!" - dieses Schild zierte einst die Eingangstüre zur Infografikabteilung bei der "Welt am Sonntag".

"Erkenntnisgewinn direkt ermöglichen"

Viele verstehen Infografik aber nicht als originär journalistische Darstellungsform. Für sie ist die Infografik schlicht ein illustrierendes Element.

Michael Stoll: Die Infografik ist nicht darauf angelegt, Information "visuell nachzuerzählen", die schon anderweitig aufbereitet wurde. Die Leistungsfähigkeit liegt darin, dass sie Erkenntniszugewinn direkt ermöglicht. Besonders gut eignet sie sich zur Darstellung und Vermittlung von schlecht zugänglicher, unübersichtlicher, abstrakter oder komplexer Information. Die Gestaltung einer Infografik sollte den Zugang zu solchen Informationen ermöglichen und den Betrachter Schritt für Schritt leiten und es ihm ermöglichen, Teilbereiche selbst zu erschließen.

Können Sie ein Beispiel geben?

Michael Stoll: Im vergangenen Jahr waren wir alle tief berührt vom Foto des ertrunkenen dreijährigen Alan Kurdi, das Nilüfer Demir fotografiert hatte. Es gehört heute neben anderen zum ikonischen Gedächtnis unserer Gesellschaft, aber was leistet es? Es sensibilisiert, lässt uns nachfragen, wie so etwas passieren kann. Es bildet ab. Aber es kann nicht erklären, nicht die situativen und auch nicht die ursächlichen Zusammenhänge. Infografik versucht genau das: Einen detaillierten Wissens- und Erkenntniszugewinn.

"Eigene soziale Stellung definiert sich über Wissensstand"

Gerade in den Sozialen Netzwerken habe ich bemerkt, wie gerne und häufig kluge Infografiken geteilt werden. Woher kommt das Bedürfnis, auf diese besonderen journalistischen Arbeiten aufmerksam zu machen?

Michael Stoll: Dass gerade auch Infografiken weiterverbreitet werden, hat sicher damit zu tun, dass ein Informationsbedürfnis in unserer Gesellschaft besteht. Mehr noch: die eigene soziale Stellung definiert sich heute ganz stark über den Wissensstand zu kulturellen, politischen und sozialen Themen. Aber man muss auch ergänzen, dass Infografiken nicht nur aus rationalen Gründen geteilt werden, sondern auch als attraktiv wahrgenommen werden. Diese Attraktivität nährt sich aus den Inhalten wie aus der grafischen Gestaltung.

Gemeinsam mit Boris Kochan und Horst Moser gehören Sie zu den Kuratoren der Tagung "Quo Vadis Info-Grafik" (QVIG). In welcher Verfassung befindet sich die Infografik aus Ihrer Sicht bei Tageszeitungen?

Michael Stoll: Meine Erfahrung ist, dass immer mehr Redaktionen erkannt haben, dass sie mit Hilfe der Infografik ihrem journalistischen Auftrag besser nachkommen können, weil sie die Bandbreite ihrer Themen und ihrer Darstellungformen bereichert. Infografik-Dienste bedienen Zeitungen ja schon mindestens seit dem Ende des zweiten Weltkriegs mit "einfacher" Infografik. Daneben haben sich Spezialdienste etabliert, die ausschließlich auftragsbezogen zuarbeiten.

Viele Tageszeitungen haben Infografiker als Teil ihrer Produktionsteams etabliert. Schaut man aber, wo Infografik ein tragender und kontinuierlich präsenter Teil journalistischer Arbeit ist, dann dort, wo Infografiker als Journalisten und in Teams arbeiten. Dort, wo sie nicht nur ausführende Aufgaben haben, sondern wo sie eigene Themenvorschläge setzen können, zum Beispiel in Redaktionskonferenzen oder als Ressortleiter. Unsere Konferenz beleuchtet diese Konstellationen und wird zeigen, welches Potenzial eine durchdachte Implementierung von Infografik in Tageszeitungen birgt.

Und in Magazinen?

Michael Stoll: Als Hochschullehrer bekomme ich häufig Wissenschaftsmagazine auf den Tisch. Diese bedienen sich schon sehr lange infografischer Möglichkeiten. Ein Beispiel: Das "Scientific American" gehört zu den ältesten Wissenschaftsmagazinen der Welt. Als Publikationsorgan für Patente gestartet, finden sich ab der ersten Ausgabe visuelle Darstellungen in Form von Schnittzeichnungen und Erklärgrafiken. Auf dieser reichen Geschichte aufbauend spielt Infografik dort bis heute eine entscheidende Rolle. Jen Christiansen wird auf unserer Konferenz sprechen. Ich glaube, ihr nicht Unrecht zu tun, wenn ich sie auch als Infografik-Managerin bezeichne.

"Infografik-Initiativen von TV und Radio bergen Potential"

Auch immer mehr TV-Sendungen setzen auf Datenvisualisierung. Aus Ihrer Sicht mit einem guten Ergebnis?

Michael Stoll: Die Anforderungen an Infografik im Fernsehen unterscheiden sich deutlich von denen im Onlinebreich oder im Print, wo Infografik und Datenvisualisierung Referenzcharakter hat und vom Publikum "konsultiert" werden kann. TV ist an die Linearität gebunden. Obendrein an die meist kurze Taktung der Beiträge. Deshalb begrüße ich die innovativen Formate, die zum Beispiel brdata etabliert, ausdrücklich. Ein wahrer Glücksfall gelungener Datenvisualisierung ist "Niederlande von oben", an der Frederik Ruys mitgewirkt hat und die er auf unserer Konferenz vorstellen wird.Infografik-Initiativen von TV und Radio bergen noch ein enormes Potenzial.

"Unerlässlich für gute Infografiken: Fakten"

Was brauche ich eigentlich für eine gute Infografik?

Michael Stoll: Vor allem Fakten. Abgesicherte Informationen. Und eine Geschichte, die es wert ist, vermittelt zu werden. Dazu Fachleute, die journalistisch arbeiten können, wissenschaftlich fundiert sind und gestalterisch tadellos arbeiten können. Eine Infografik muss in allen drei Disziplinen bestehen. Eine vermeintlich gute Gestaltung kann nicht mangelnde journalistische Qualität kaschieren, schlechte Gestaltung holt guten Journalismus von den Füßen. An diesen Schnittstellen zwischen Journalismus, Wissenschaft und Gestaltung fehlen leider immer noch viel zu viele Fachleute, die die entsprechenden Interdependenzen souverän beherrschen.

"Infografik genießt hohen Vertrauensvorschuss"

Und wenn alles wieder einmal im Redaktionsalltag schnell, schnell gehen muss?

Michael Stoll: Dann wird es eng. Nicht nur für die Infografik. Für den Qualitätsjournalismus generell. Ich erinnere an den fast schon sprichwörtlichen "Fluch des Symbolbildes". Da spricht der Polizeibericht über die abgeschraubten Räder davon, dass die Täter innert kürzester Zeit alle fünf Radmuttern an den Alufelgen gelöst haben. Das Symbolbild zeigt eine Felge mit vier Radmuttern. Kürzlich habe ich einen Bericht über den Boom bei der Schülernachhilfe gelesen. Titel: "Der Kampf um die Noten". Da wird ein Wissenschaftler zitiert mit den Worten: Etwa 40 Prozent der Nachhilfestunden finde in professionellen Instituten statt, die restlichen zwei Drittel des Kuchens teilen sich Lehrer, Studenten und Schüler. Was ich sagen will: Wenn es schnell gehen muss, leidet die Qualität. Auch bei der Infografik.

Infografik besitzt einen hohen Vertrauensvorschuss beim Publikum. Dieser nährt sich vordergründig aus dem Level der Zugänglichkeit des Dargestellten und der inneren Schlüssigkeit. Wenn es schnell, schnell gehen soll, leidet meist die journalistische und die gestalterische Arbeit. Damit steigt die Fehlerwahrscheinlichkeit gleich an zwei "Fronten". Deshalb: Wenn in Eile, ist keine Infografik oft die bessere Infografik.

Die Fragen an Prof. Michael Stoll, Mit-Organisator der Fachkonferenz QVIG, stellte kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

Hintergrund

"Quo Vadis Info-Grafik", kurz QVIG, heißt die Tagung, die am 27. Februar im Rahmen der "QVED - International Editorial Design Conference" in München stattfindet. Dabei will die QVIG, als kleine Schwester der QVED von Prof. Michael Stoll, Boris Kochan und Horst Moser kuratiert, Spannendes aus der Welt der Infografik anbieten, die weit mehr ist als "nur" Datenvisualierung. Zahlreiche Sprecher aus unterschiedlichen Spezialgebieten - wie Ulli Köppen/br data, Jen Christiansen/Scientific American oder Paul Blickle/Zeit online - spiegeln die Bandbreite des Infodesigns, das ohne seine Wurzeln in Journalismus und Wissenschaft nicht möglich wäre.

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