kress.de-Reihe "Journalismus der Zukunft": Unsere Ausbildung stimmt nicht mehr

 

Unter einer falschen Ausbildung leiden nicht nur die Volontäre, sondern auch die Verlage, die sich schludrig für die Zukunft rüsten. Was bleibt? Was muss sich ändern? Der fünfte Teil der großen kress.de-Serie zum "Journalismus der Zukunft" von Paul-Josef Raue.

Das "MIT Media Lab" ist die erste Adresse, wenn es um die technische Zukunft der Medien geht. Joichi Ito, der Direktor, prophezeit: "Es wird immer einen Ort geben für guten, traditionellen Journalismus." Aber, so schränkt er ein, die Ausbildung der Journalisten sei so traditionell, wie die Zeitungen selbst; es sei Zeit, mit neuen Leuten zu experimentieren und mit neuen Einfällen. Der MIT-Chef kritisiert vorsichtig, immerhin gehört er zum Vorstand der "New York Times". Doch er ist sich sicher: Unsere Ausbildung stimmt nicht mehr.

In den meisten deutschen Verlagen sieht auch die Ausbildung aus wie vor dreißig Jahren, obwohl die Mauern um die Zeitungen und Magazine herum schon tiefe Risse zeigen: Die älteren Journalisten formen die jungen Leute nach ihrem Bilde; der Nachwuchs soll so arbeiten, wie Journalisten immer schon gearbeitet haben - vielleicht mit "ein bisschen Online" als Garnierung. Wer Glück hat als Volontär, der hat gute Redakteure um sich, die das Handwerk beherrschen und die sich bemühen. Aber das ist Glück, nicht System.

Spätestens wenn sich die Volontäre in Kursen, meist außerhalb ihres Verlags, berieseln lassen, wird die Ausbildung zum Trauerspiel: Sie wechseln vom Macher- in den Zuhör-Modus, lehnen sich zurück wie im Kino und lassen Vorträge und Power-Points im Frontal-Unterricht über sich ergehen. Es fehlt nur das Popcorn.

Unter einer falschen Ausbildung leiden nicht nur die Volontäre, sondern auch die Verlage, die sich schludrig für die Zukunft rüsten. Allerdings, es gibt exzellente Ausbilder in der Provinz. Und es gibt Verlage, die ihre Volontäre einsetzen als billige Redakteure. Beide sind Ausnahmen.

Was bleibt? Was muss sich ändern?

1. Das Handwerk ändert sich in der Online-Ära nicht: Nachricht und Meinung, Reportage, Recherche, Presserecht und Ethik. Wie die Volontäre lernen, stimmt schon für die analoge Welt nicht mehr: In der Regel werden die Volontäre für ein paar Wochen zur Ausbildung geschickt, die meist aus Vorträgen von Journalisten besteht, die ihre Heldentaten erzählen.

Was wäre wichtig? Wir müssen den Nachwuchs trainieren lassen unter harten Bedingungen. Wolf Schneider, Gründer der G+J-Journalistenschule, ließ seine Schüler zu Beginn sechs Wochen lang Nachrichten schreiben, nur Nachrichten. Üben, üben, üben! Selbst die meisten Volkshochschul-Kurse sind didaktisch weiter als die meisten Journalismus-Ausbilder: Wer Ikebana, Häkeln oder Spanisch lernen will, der übt und übt und übt. Auch Weltmeister im Fußball wird einer nicht durch Vorträge; er zielt im Training hundert Mal ins obere Tor-Dreieck, ehe ein Traum-Freistoß die Millionen begeistert.

2. Der Praxis-Schock: Regional-Verlage überlassen ihre Volontäre weitgehend den Lokalredaktionen, die zeigen, wie es immer schon war: Ins kalte Wasser werfen, um schwimmen zu lernen. Doch im kalten Wasser kennen sich die meisten Volontäre aus: Ihre Texte wurden schon unredigiert gedruckt, als sie freie Mitarbeiter waren -obwohl sie handwerklich oft schwach waren.

Was wäre wichtig? Zu Beginn des Volontariats - und danach mindestens einmal im Jahr - sollte ein Monat Text- und Sprach-Training eingeplant werden. Das stählt, selbst wenn die Texte nach der Besprechung in den Papierkorb wandern. Praxis ist schön und aufmunternd - aber hilfreich ist sie nur, wenn sie von Profis kritisch begleitet wird.

"Digital First"-Ausbildung verlangt: Rechenkenntnis, Datenanalyse, am Leser orientierte Gestaltung, Neugier und schnelle Auffassung

3. Kooperation ist das Zauberwort. Redaktionen arbeiten in geschlossenen Teams, in der jeder alles machen will, und die zum Prinzip erheben: Besser eine eigene schwache Geschichte als eine gute, von anderen übernommen. Dagegen ist die digitale Welt ein offener Raum mit neuen Formen der Kommunikation und Zusammenarbeit; die digitale Welt ist ein Netz, in dem jeder mit jedem verbunden ist.

Was wäre wichtig? Grundlage des Volontariats sollten Blogs sein, Wikis und die sozialen Netzwerke. Angehende Journalisten müssen sich vertraut machen mit der neuen Form von Öffentlichkeit, die nicht nur Thema von Vorträgen sein darf, sondern tägliche Übung.

In der digitalen Welt zählt die Kooperation: Mit wem kann man zusammenarbeiten? Wer kann etwas besser, als wir es können? Redaktionen wie Verlage haben viel Zeit verplempert, weil alle alles selber machen wollten.

4. Internet First. Welcher Volontär bekommt von seiner Redaktion ein iPad oder Android-Gerät? Die meisten statten ihre Volontäre damit nicht aus, weil es zu teuer ist oder weil es eine Richtlinie gibt, dass nur Leitenden Angestellte einen Anspruch haben.

Was wäre wichtig? Wer die Möglichkeiten des Internets erfahren soll, wer wissen muss, wie seine Leser im Netz surfen, muss ihnen folgen können. Er braucht die Geräte, er braucht die Technik, er muss damit leben.

5. Die Kunst der Prüfung gehörte schon immer zum Journalismus: Woher kommen meine Informationen? Das Handbuch des Journalismus fügt den sechs W's der Nachricht ein Q hinzu: Welche Quelle? Diese Frage blieb allerdings eine Randfrage, solange sich Redakteure von Agenturen und Pressemitteilung nähren konnten.

Was wäre wichtig? Journalisten finden im Netz viele Informationen, die sie gerne nutzen wollen. Sie müssen wieder lernen, den Nachrichten auf den Grund zu gehen und die Werkzeuge kennenlernen, um die Seriosität einer Quelle zu ermitteln. Die Recherche nach dem Ursprung einer Nachricht wird zu einer zentralen Frage, weil das Netz voll attraktiver Gerüchte ist - und die meisten Menschen einem Gerücht, das ihnen gefällt, mehr Glauben schenken als der schmucklosen Wahrheit.

6. Digital first. Verlage stellen gerne Volontäre ein, die Soziologie, Politik oder Germanistik studiert haben, aber nur selten Studenten der Logik, Mathematik oder Naturwissenschaften.

Was wäre wichtig? Auf das "Sehr gut" in Mathematik schauen! Der souveräne Umgang mit Zahlen und Daten wird wichtiger als ein Politik-Studium.

In den USA studieren angehende Redakteure an den Universitäten Journalistik; ein Volontariat in unserem Sinne gibt es nicht. Professoren antworten auf die Frage, welche Fähigkeiten und Denkgewohnheiten eine "Digital First"-Ausbildung verlangt: Selbststudium (self-instruction); Rechenkenntnis (numeracy); Datenanalyse (data analytics); am Leser orientierte Gestaltung (human-centered, iterative design); Neugier (active curiosity); schnelle Auffassungsgabe (early adoption).

Wir sollten Inseln schaffen, auf denen junge Leute Ideen schmieden, ihre Phantasie fliegen lassen und neue Produkte entwickeln dürfen

7. Lehrmeister Google. Nicht einmal in die Lese- und Marktforschung führen Verlage die meisten Volontariate ein: Welcher Volontär hat schon einmal - etwa bei "Lesewert" - in die Statistiken geschaut und in Redaktionen erlebt, wie Journalisten die Zahlen interpretieren und für eine bessere Zeitung nutzen - oder sich mit all ihrer Intelligenz dagegen wehren?

Was wäre wichtig? Volontäre müssen lernen, die Bedürfnisse und Wünsche der Leser nicht nur zu erahnen, sondern zu bestimmen; sie müssen an einer Leser- oder Marktforschung teilnehmen, auch wenn das aufwändig ist.

Leichter ist es, die Instrumente zu beherrschen, mit denen Besucher und Verweildauer auf den Online-Seiten gemessen werden. Unverzichtbar ist der Blick zu Google-Analytics, der Nachrichten-Hexenküche: Nach welchen Kriterien, mit welchen Algorithmen bewertet Google einen Artikel und packt ihn weit oben in seine Trefferliste?

Wenn die Hälfte aller Online-Besucher über Google auf unsere Seiten gelangt, sollte ein Redakteur wissen: Wie muss ich eine Überschrift formulieren? Brauche ich eine Dachzeile? Wie ranke ich bei Google hoch?

Die großen Nachrichten-Portale haben mittlerweile eine eigene Abteilung: Suchmaschinen-Optimierung (SEO - Search engine optimization). Wer dort arbeitet, klagt über Redakteure, die sich verweigern, die ihre feuilletonistischen Überschriften einklagen (die schon gedruckt die Leser vergraulen) und in Schönheit verdorren, statt Leser einzusammeln.

8. Die Visionen-Lücke. Noch immer pflegt eine Reihe von Verlagen eine Beamten-Mentalität, die schnell und gerne von Volontären übernommen wird: "Mein Ziel ist das Feuilleton, der Mantel, die 'Zeit', der 'Spiegel' - und da bleibe ich dann mein Leben lang." Das geht nicht mehr lange gut.

Was wäre wichtig? Wir müssen die rechte Gehirnhälfte mehr arbeiten lassen - am sinnvollsten an einem Stehtisch. Schaffen wir eine Atmosphäre der Ungeduld! Schaffen wir Inseln, auf denen junge Leute Ideen schmieden, ihre Phantasie fliegen lassen, eine neue Logik und neue Produkte entwickeln können! Schaffen wir Inseln, auf denen sie experimentieren dürfen.

In einem Image-Film der Springer-Akademie lobt Kritsanarat Khunkham, einer der Volontäre, seine Ausbildung so: "Wir konnten uns total ausprobieren - und einfach mal scheitern. Und es tat nicht weh." So sei es: Einfach mal ausprobieren.

9. Der permanente Wandel wird normal werden, auch wenn er sogar den Chefs Angst macht. Chefs waren immer besser als ihre Volontäre: Sie waren die Profis, sie wussten, wie's geht. Das war einmal.

Was wäre wichtig? Chefs müssen akzeptieren, dass die digitalen Ureinwohner die neue Welt besser kennen. Wer als Ausbilder die Chance nicht nutzt, von den Jungen zu lernen, sollte besser vorzeitig in Rente gehen.

Das moderne Volontariat findet in zwei Welten und mit zwei Geschwindigkeiten statt: Da ist die traditionellen Welt, die ihren Wert im Journalismus nicht verliert, und da ist die digitale, die von Technik beherrscht wird und eine neue Vorstellung von Raum und Zeit erzeugt, die in virtuellen Räumen spielt mit einer Schnelligkeit, die auszuhalten man lernen muss.

10. Lebenslange Ausbildung. Der freie Mitarbeiter rackert sich ab, bis er Volontär wird. Der Volontär gibt sich Mühe, bis er Redakteur ist. Dann ist er fertig. Fertig?

Die Redakteure der Zukunft werden ein Leben lang lernen müssen. Die Redakteure der Gegenwart sollten damit beginnen.

Was wäre wichtig? Wir müssen den Rhythmus des Redakteurs-Daseins der neuen Welt anpassen: Alle drei bis fünf Jahre eine Auffrischung und eine Neu-Ausrichtung, am besten in einer Arbeitsgruppe, die gleich besetzt ist und in der alle voneinander lernen.

Vorbildlich ist Christian Lindner, der Chefredakteur der "Rhein-Zeitung": Er bietet den Jung-Redakteuren direkt nach dem Volontariat ein paar Jahre lang eine Begleitung an, damit sie nicht im Alltags-Trott versinken, sondern den Schwung aus dem Volontariat noch verstärken.

Zur Ausbildungs-Offensive zählt auch die Weiterbildung. Die Verlage brauchen auch die Älteren, die analogen Einwohner der Medienwelt

Wir brauchen die jungen Leute in den Verlagen. In Redaktionen der neuen erfolgreichen Online-Zeitungen - wie Huffington Post oder Upworthy - ist das Durchschnittsalter unter 30. Eine der Einstellungs-Kriterien lautet dort: Erfahrung ist nicht notwendig. "Erfahrung suchen wir nicht bei Bewerbern", sagen die Chefs, "denn das, was als nächstes kommt, hat noch nie jemand gemacht."

Dem Ideal einer Ausbildung kommen die beiden großen Verlags-Schulen vorbildlich nahe, die Henri-Nannen-Schule in Hamburg, von Wolf Schneider geprägt, und die Springer-Akademie in Berlin, von Marc Thomas Spahl, einem Schneider-Schüler, geführt. "Deutschlands fortschrittlichste Journalistenschule", wie sich Springer rühmt, verbindet Schule und klassisches Volontariats und sieht sich als Entwicklungs-Labor für den Verlag.

Auf fünf Säulen ruht die Ausbildung: Crossmedia; Sprache; Praxis in verschiedenen Springer-Redaktionen; Teamwork in kleinen Gruppen und ein Studium Generale, zu dem wöchentlich Prominente in den "Roten Salon" kommen.

Den Unterschied zur herkömmlichen Ausbildung sieht jeder, wenn er in die Akademie-Etage des Berliner Springer-Hochhauses kommt: Statt Hörsaal und Uni-Atmosphäre ein großer Newsdesk mit moderner Technik; an diesem Desk hat jeder Schüler seinen Arbeitsplatz, hier hört er den Dozenten zu, schreibt und twittert, bearbeitet Fotos und Filme, produziert Blogs. Der Desk ist Hörsaal, Schreibtisch, permanente Konferenz - ist Journalisten-Werkstatt.

Immer wieder gehen die Volontäre in ihre Stammredaktionen, ob "Bild" oder "Welt Kompakt" oder "Metal Hammer"; dazwischen werden digitale Projekte verwirklicht, die opulent auf den Web-Seiten der Akademie zu sehen sind: Webseiten, die jeden Journalisten neidisch werden lassen. So könnte der Journalismus der Zukunft aussehen: lustvoll und kompetent, neugierig und kritisch, frei und munter.

Springer investiert Millionen in die Ausbildung: Der Konzern ist eine Aktiengesellschaft, wohlgemerkt, in der sich der Vorstand vor Aufsichtsrat und Aktionären rechtfertigen muss, wofür er sein Geld ausgibt.

Kleine und mittlere Regionalverlage können eine solch teure Ausbildung kaum stemmen; aber sie können sich zusammenschließen, sich auf ein Konzept für eine moderne Ausbildung verpflichten, statt die jungen Leute auf einen Honoratioren-Journalismus vorzubereiten, wie er noch in zu vielen Redaktionen gepflegt wird.

Zur Ausbildungs-Offensive zählt auch die Weiterbildung, die sich am Standard und der Qualität der Volontärsausbildung orientieren sollte. Die Verlage brauchen nicht nur die Jüngeren, sondern auch die Älteren, die analogen Einwohner der Medienwelt, auf deren Erfahrung sie nicht verzichten können.

Also - ein Start-Up für eine moderne Ausbildung! Wer Appetit bekommen hat, lese Christoph Keeses "Silicon Valley" - das fast so anregend ist wie ein Besuch im Tal der Zukunft. Nur preiswerter.

Paul-Josef Raue (65) berät Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen. Er war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt und Marburg. Er gründete mit der "Eisenacher Presse" die erste deutsch-deutsche Zeitung. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standwerk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren im Rowohlt-Verlag erscheint.

Bisher erschienen:

Teil 1: "Journalismus der Zukunft" am 9. Februar 2016

Teil 2: "All journalism is local - Aber welchen Lokaljournalismus brauchen die Leser" am 16. Februar 2016

Teil 3: "Der Lokaljournalismus muss seine Richtung ändern" am 23. Februar 2016

Teil 4: "Leidenschaft. Ohne Leidenschaft ist Journalismus wenig wert" (Welche Journalisten brauchen wir) am 1. März 2016

Nächste Folgen:

Teil 6: "Eine Redaktion, ein Desk und immer weniger Redakteure" (Die Organisation der Redaktion)

Teil 7: Was kommt nach der Lügenpresse? Daten und Fakten

Teil 8 (neu): Die Macht der Gerüchte und die Macht der Journalisten

Teil 9 (neu) Die Lügenpresse und zwei Oscars in Hollywood

Teil 10 und weitere: Die acht Pfeiler des Journalismus

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