Phoenix-Doppelspitze Michaela Kolster und Michael Hirz: "Wir spüren den Wunsch vieler Menschen, mitzudiskutieren“

 

Der öffentlich-rechtliche Informationssender Phoenix begleitet die am Wochenende anstehenden Landtagswahlen mit einem Themenpaket. Die Doppelspitze des Bonner Senders, Michaela Kolster und Michael Hirz, im kress.de-Interview über seriöse Recherchen, Eigenproduktionen und das Problem der niedrigen Wahlbeteiligung.

kress.de: Die Gesellschaft ist in der politischen Debatte polarisiert wie lange nicht. Positiv formuliert, ist Politik vielen Menschen nicht mehr gleichgültig. Wie profitiert ein Informationssender wie Phoenix davon?

Michael Hirz: Das Interesse an Hintergründen und Meinungen zu aktuellen Debatten sorgt dafür, dass unsere Stammzuschauer noch intensiver mit uns kommunizieren. Aber wir registrieren auch viele neue Zuschauer, die dazukommen und sich zum Beispiel über die sozialen Netzwerke bei uns melden. Fakt ist, dass ein Informationssender, der das ganze Bild zu aktuellen Diskussionen in der Gesellschaft liefert, vom grundsätzlich gestiegenen persönlichen Interesse der Menschen besonders profitiert. 

Eine polarisierte Debatte bedeutet zugleich auch aufgeheizte Debatte. Wie schlägt sich das in Zuschauerreaktionen auf Phoenix-Beiträge nieder?

Michaela Kolster: Da ist alles dabei, wobei unsere Zuschauer sich meist auf einem angemessenen Niveau äußern und wir zum Glück die viel zitierten Hass-Kommentare nur in geringerem Maße verzeichnen. Was wir spüren, ist ein zunehmender Wunsch vieler Menschen, mitzudiskutieren und ihre Meinung kundzutun. Dem werden wir auch im Programm künftig mehr entsprechen bzw. mehr Platz einräumen.

"Bei uns geht es gesitteter zu"

Vor allem in sozialen Netzwerken weht oft ein rauer Wind. Wie geht Phoenix damit um?

Michael Hirz: Verantwortungsvoll und mit Augenmaß. Wie schon erwähnt, geht es bei uns in der Summe gesitteter zu, aber natürlich müssen auch bei uns die Administratoren manchmal eingreifen.

Wie viel Kritik müssen Programmverantwortliche ertragen, was müssen sie nicht mehr hinnehmen?

Michaela Kolster: Kritik ist immer dann in Ordnung, wenn sie konstruktiv und sachlich ist. Schwierig wird es immer, wenn es ins Persönliche geht. Wüste Beschimpfungen, Beleidigungen und Drohungen sind - wie bei jeder vernünftigen Diskussion - nicht akzeptabel.

"Unser Auftrag ist sauber und klar formuliert"

Dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk wird zuweilen der Vorwurf gemacht, Staatsfernsehen zu sein. Wie wahrt Phoenix seine Unabhängigkeit?

Michael Hirz: Wer das behauptet, ist böswillig oder ahnungslos. Unser Auftrag ist sauber und klar formuliert und für jeden nachzulesen. Und täglich nachzuprüfen, wenn man unser Programm sieht. In bald 20 Jahren, die es Phoenix jetzt gibt, hat es diesen Vorwurf nie gegeben - und zwar zu Recht nicht.

"Wir haben immer seriös recherchiert"

Der Kampfbegriff der "Lügenpresse" geistert wieder durch die Öffentlichkeit. Haben sich Recherche und Fakten-Check verändert - und wenn ja, wie?

Michaela Kolster: Wir sprechen nicht über andere, sondern nur über uns. Und da hat sich diesbezüglich nichts verändert. Wir haben immer seriös recherchiert und machen das weiter. Im Zweifelsfall steigen wir lieber nicht auf ein Gerücht ein, sondern halten uns an die Faktenlage. Auch in unserer immer schneller tickenden Welt gibt es ein gesteigertes Interesse an fundierten unaufgeregten Informationen, Einschätzungen und Hintergründen. Diesem Wunsch vieler Zuschauer kommen wir gerne nach. Schneller ist eben nicht immer besser.

Im März stehen vier Wahlen an, zunächst Kommunalwahlen in Hessen, dann, am 13. März, der Supersonntag mit drei Landtagswahlen. Wie geht Phoenix darauf ein?

Michael Hirz: Mit einem fundierten Informationsangebot vor, während und nach der Wahl. Wir werden den Wählern alles liefern, was sie für ihre persönliche Meinungsbildung benötigen. Unsere Zeit ist vor allem vor dem Wahltag und danach. Damit ergänzen wir unter bundespolitischem Aspekt die Berichterstattung der Landesrundfunkanstalten und des ZDF.

"Die Welt ist komplexer geworden"

In der politischen Debatte fällt eine Sehnsucht mancher Gruppen nach schlichten Schemata auf. Muss unsere komplizierte Gesellschaft verständlicher erklärt werden?

Michael Hirz: Schlicht wäre für uns nicht der richtige Ansatz. Verständlich oder klar trifft es eher. Und ja, die Welt ist komplexer geworden, viele Zusammenhänge sind nicht mehr für jeden nachvollziehbar. Da unterstützen wir mit unseren vertiefenden Angeboten wie z.B. dem "Phoenix Thema" – und übrigens auch mit Gesprächssendungen und Dokumentationen. Denn in vielen Debatten wird oft zugespitzt, ohne sich mit den Gründen des Warums zu beschäftigen. Wenn man zum Beispiel über den Islam und bestimmte Facetten diskutiert, hilft es, sich auch mit der Religion auseinanderzusetzen. Das kann eine Doku leisten und auch da bieten wir zusammen mit einer Einordnung in Gesprächssendungen ein breites Angebot, um Hintergrundwissen zu vermitteln.

"Wir werden viele zusätzliche Stunden Eigenproduktionen liefern"

Phoenix bedient sich zum guten Teil des Materials von ARD und ZDF. Bedeutet der Themenschwerpunkt Wahl-März mehr Eigenproduktionen?

Michaela Kolster: Definitiv. Wir haben in diesem Bereich bereits ausgebaut und werden das mit zusätzlichen eigenen Reportern weiter tun. Gerade zu den Landtagswahlen am 13. März werden wir viele zusätzliche Stunden Eigenproduktionen liefern. Für die Sendereihe "Ein Tag mit..." begleiten unser Autor David Damschen und Reporterin Lisa Ruhfus, übrigens eine bekannte Bloggerin, die Spitzenkandidaten der Parteien in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt. Dabei erleben sie den Stress eines Wahlkampftages hautnah mit, erfahren Persönliches und diskutieren mit den Kandidaten aktuelle politische Themen. Mit dabei sind die drei amtierenden Ministerpräsidenten Malu Dreyer, Winfried Kretschmann und Reiner Haseloff sowie deren Herausforderer Julia Klöckner, Guido Wolf, Wulf Gallert und Katrin Budde. Außerdem stellen Reporter die drei Bundesländer vor und fragen unter dem Motto "Wie tickt…?" vor Ort nach, welche Themen auf den Nägeln brennen.

"Das Problem können wir nicht lösen"

Mehr Interesse an Politik hat leider nicht zu mehr Wahl-Beteiligung geführt. Wie kann Phoenix dazu beitragen, dass Urnengänge lohnen?

Michael Hirz: Das Problem können wir nicht lösen. Aber wir leisten weiter unseren Beitrag zu einer Lösung. Das gestiegene Interesse an Debatten, Dialog und Politik insgesamt wird hoffentlich auch mittelfristig dazu führen, dass die Wähler - gerade die jüngeren - von ihrem Recht der demokratischen Mitentscheidung reger Gebrauch machen. Wir bieten jedenfalls Informationen aus erster Hand, Fernsehen in Echtzeit.

"Wir sind nicht CNN"

Bei großen Ereignissen bieten ARD und ZDF zu Beginn der Prime-Time "Spezial"-Sendungen oder "Brennpunkte". Breaking News hingegen fehlen. Eine Chance für Phoenix?

Michaela Kolster: Ja und Nein. Wir sind schon recht flexibel und passen unser Programm oft den aktuellen Ereignissen an. Das wird auch so bleiben und durch die erwähnten Reporter werden wir künftig noch mehr live dort vor Ort sein, wo etwas Relevantes passiert. Aber wir sind auch nicht CNN, denn dann würden wir unseren klar definierten Programmauftrag nicht mehr erfüllen.

Zur Person

Michaela Kolster (51) ist Programmgeschäftsführerin bei Phoenix. Geboren in Verden, Niedersachsen, aufgewachsen in Leverkusen, studierte sie in Bonn und Tokio, Japan. Nach Stationen in den ZDF-Studios Bonn und Berlin leitete sie das NRW-Studio des Zweiten in Düsseldorf. Seit 2012 steht sie, gemeinsam mit Michael Hirz, an der Spitze von Phoenix.

Michael Hirz ist Programmgeschäftsführer bei Phoenix. Er wird am 4. März 64. Der gebürtige Niederrheiner volontierte beim "Kölner Stadt-Anzeiger". Danach wechselte er zum WDR. Dort arbeitete er in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Senders sowie für die Formate "Brennpunkt", "Presseclub" und "Internationaler Frühschoppen". An der Spitze von Phoenix steht Hirz seit 2008.

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