Richard Gutjahr: Abschiedsbrief an meinen Programmierer

 

Im Kräfteverhältnis Journalist und Informatiker hat sich was verändert. Hatten vor Jahren noch die Redakteure in den Medienhäusern das Sagen, geben heute die Coder den Ton an. Gute Programmierer sind gefragt wie nie. Sie können sich aussuchen, für wen sie arbeiten wollen und für wie viel. Unser kress.de-Kolumnist Richard Gutjahr hat das jüngst auf die harte Tour lernen müssen.

Es ist aus. Du hast mit mir schlussgemacht! Nicht, dass ich es nicht habe kommen sehen. Es gab Zeichen. Die immer längeren Intervalle, in denen Du auf meine Anfragen reagiert hast. Die knappen, schnörkellosen Vollzugsbotschaften, jedes Mal wenn Du einen Punkt auf der To-Do-Liste abgearbeitet hattest. Dann, am Wochenende, Deine WhatsApp-Nachricht: "Wir müssen reden."

Mir war sofort klar worauf unser Gespräch hinauslaufen würde: Nicht ich sei schuld, DU hättest Dich verändert. Du würdest gerne eine Pause einlegen. Auf Sinnsuche gehen. - COME-ON! Really? Was Besseres fällt Dir nicht ein?! Und das nach allem, was ich für Dich getan habe? Trello. Slack. All das habe ich mir angeeignet, um besser mit Dir und Deinen bevorzugten Arbeitszeiten zwischen zwei und fünf Uhr morgens kommunizieren zu können. Scrum Methode. Agiles, inkrementelles Arbeiten. Alles für die Katz!

Ich wusste sofort: Dich muss ich haben!

Dabei hätten wir im April Jahrestag gehabt, unser Zweijähriges! Ich hatte extra Hoodies mit unseren Logos beflocken lassen, darunter die Aufschrift "Code is poetry". Weißt Du noch, wie wir uns kennengelernt haben? Bei einem Club Mate auf diesem Barcamp. Dein Stundensatz lag damals noch bei der Hälfte. Ich wusste sofort: Dich muss ich haben! Wie wir nächtelang geskyped haben. Und wie Du mir den ersten Entwurf für mein neues Blog-Design geschickt hattest - die Texte alle in Comic Sans! Tränen haben wir gelacht - Tränen!

Heute bin ich es, der weint. Du arbeitest jetzt für dieses Nachrichtenportal, das Listicles und Katzenvideos vertreibt. "19 Probleme, die nur Leute haben, die einfach nicht rülpsen können". Was bitteschön hat das mit Journalismus zu tun? Wo ist Dein Anspruch geblieben! Gut, sie bezahlen Dich. Aber ich habe Dir erklärt warum ich mit Deinen Rechnungen im Rückstand bin. Meine letzte Titelgeschichte brachte gerade mal 400 Euro. 400 Euro für drei Tage Arbeit. Soviel machst Du an einem Vormittag.

Content ist King - doch der König ist schon lange tot

Überhaupt, wer braucht Dich schon! Hat nicht lange gedauert bis ich Ersatz gefunden habe. Kilian ist ein wahrer Crack für sein Alter. Eigentlich ist er mit den beiden Verlagen und dem Lokalsender, die er aktuell betreut, gut ausgelastet. Aber er hat noch einen Slot für mich gefunden, zwischen Tischtennistraining und Schlagzeugunterricht. Hätte mir nur damals, als ich selbst noch so jung war, jemand geflüstert, dass Programmierer die Rockstars unserer Zeit werden - vielleicht hätte ich doch EDV und nicht Kommunikationswissenschaften studiert. Aber nein, ich musste ja Journalist werden. Journalist. Ausgerechnet! Das habe ich nun davon.

Content ist King, haben sie immer wieder gesagt. Dabei ist der König schon lange tot. Ich wünsch' Dir noch ein geiles Leben. Lang lebe der Code!

Ihre Kommentare
Kopf

Sillmann

10.03.2016
!

Guter Artikel, nur das Timing ist etwas off. Vor 10 Jahren hätte ich Ihnen zugestimmt. Seit Wordpress salonfähig wurde und man mit Youtube-Wackelvideos Geld verdienen kann, erleben wir die Neu-Befreiung des Contents aus der Todeskralle der IT-Langweiler. Was man heute an Technologie braucht, um gute Geschichten zu verbreiten, kann jeder 12-Jährige bedienen.


Richard Gutjahr

10.03.2016
!

Danke. Sie haben Recht. Es war noch nie so einfach einen Blog selbst zu verwalten wie heute. Auch ohne HTML-Kenntnisse. Dennoch: Wenn Sie bei aktuellen Trends stets von Anfang an dabei sein wollten (Responsive Design, AMP etc.) dann müssen Sie an den Code. Das kann nicht jeder und kostet. Oder Sie warten, bis es die entsprechenden Plugins oder Designvorlagen von der Stange gibt. Aber mal unter uns Örli-Adaptern: Wer will das schon :-)


Nils Hitze

10.03.2016
!

Wie niedlich Sillmann. Dass diskutiere ich bei Gelegenheit mal mit dem Webdesigner, dem Admin und Coder die hinter dem Auftritt von Mobilegeeks stehen und dann können wir ja mal einen Lastvergleich auf den Blog des 12 Jährigen fahren. Ups geht nicht der wurde gerade gehackt weil er ein Plugin installiert hat ohne wenigstens mal in den Code zu gucken und eh steht der Blog recht weit unten weil im Code 0 SEO und Microdata Optimierung gefahren wurde.


Jörg Brunsmann

11.03.2016
!

Lieber Richard Gutjahr,
den Programmierer in den Himmel loben? Das ist mir zu einseitig.
Wir haben Berufe, die ohne einander nicht können. Wenn keiner mehr Content macht (und seien es Katzenfotos), dann braucht man auch keine Programmierer mehr zum online-stellen.
Vielleicht haben wir (ja, ich bin auch Journalist und hab inzwischen genauso meine Zweifel) uns einfach den falschen Zweig ausgesucht.
Journalismus ist out - Content-Generator ist in. Scheißegal was, Hauptsache es wird geklickt. ;-(


Joachim Jürschick

11.03.2016
!

Eine schönere Liebeserklärung an den Ex ... -Programmierer kann man gar nicht machen. Und ja: Es ist von Vorteil mittlerweile auch als Journalist ein wenig HTML und PHP zu können, Videos zu schneiden und ... . Das Aufgabenfeld erweitert sich immer mehr. Und dann gibt es da ja noch die Daten-Journalisten. Die sind schon ein ganzes Stück weiter als wir "Digisaurier".


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