Falsche Schlussfolgerungen - vor allem bei Wechselwählern: Meinungsforscher machen grobe Rechenfehler

10.03.2016
 
 

Die an Wahl-Abenden verbreiteten Zahlen über Wählerströme zwischen den Parteien spiegeln eine reduzierte Wirklichkeit. Das belegt eine Analyse des Mediendienstes kress.de von 25 Bildschirmfotos zum Thema "Wählerströme" zur Bürgerschaftswahl in Hamburg vom 15. Februar 2015. In der Kritik: Meinungsforscher wie infratest dimap. Von Konrad Woede.

Wählerstrom-Analysen an Wahlabenden halten einer späteren Überprüfung nicht stand: Viele Wählerwanderungs-Zahlen, die an Wahlabenden verbreitet werden, vermitteln nur einen beschränkten Blick auf die Wirklichkeit.

Wie reagierten die Parteien und die Öffentlichkeit auf die nicht validen, aber dennoch veröffentlichten Zahlen? Welche Folgen haben Wechselwählerberichte?

Die sechs wichtigsten Fakten:

1. Zwischen den tatsächlichen Ergebnissen und den in den Wahl-Sendungen der ARD an Wahlabenden veröffentlichten Daten über Wählerwanderungen bestehen nicht unerhebliche Divergenzen.

2. Das gilt auch für die im Internet über tagesschau.de verbreiteten Informationen. Nach den diesen Informationen hinzugefügten  "Hinweise(n) zur Wählerwanderung" dürften solche Differenzen nicht auftreten.

3. Die nicht validen Daten dieser Wahl-Berichterstattung entsprechen den Daten, die von der Firma Infratest dimap in ihrer Veröffentlichung zur Hamburgwahl verbreitet wurden und die von mehreren parteinahen "Think-Tanks", beispielsweise von der Konrad-Adenauer-Stiftung, in reduzierter Form übernommen wurden. Auch zahlreiche Presseorgane übernahmen diese Daten.

4. Aus den am Wahlabend des 15.02.2015 bekanntgegebenen problembehafteten Wanderstromzahlen wurden nicht nur weitreichende Folgerungen für die Politik des Bundeslands Hamburg abgeleitet, sondern auch für die Politik in anderen Ländern und im Bund. Ähnliches geschieht regelmäßig bei anderen Wahlabenden, zuletzt anlässlich der Kommunalwahlen in Hessen und dürfte sich bei den Landtagswahlen am kommenden Sonntag wiederholen.

5. Die Dynamik der Wahlberichterstattung an Wahlabenden gerät nicht selten wegen des Sensationscharakters der Meldungen, welche die politischen Machtverhältnisse in der Republik betreffen, zu "Werbekampagnen" für bestimmte Parteien, derzeit vorrangig zugunsten der AfD. Aufgrund des Bemühens der Kommentatoren, dem Publikum die Hintergründe von und die Ursachen für Wahlergebnisse zu vermitteln, werden Zahlen genannt, die sich nicht selten später als vorläufig oder gar falsch erweisen.

6. Nach einer Interessengebundenheit der von privatrechtlich organisierten Meinungsforschungsinstitute und Firmen, welche die Wählerwanderungszahlen liefern und die Auswertungssoftware zur Feststellung der Wahlergebnisse bereitstellen, wird in der Regel nicht gefragt. Dies bedürfte ebenso einer Überprüfung wie die Praxis, Wechselwählerzahlen als wesentliches Erklärungsmodell für Wahlergebnisse zu verbreiten. Ob diese Praxis mit den Rundfunkstaatsverträgen und dem Grundgesetz zu vereinbaren sind, sollte überprüft werden.

Ein Beispiel für die mangelnde Validität der am Wahlabend und danach verbreiteten Wähler-Wanderungs-Zahlen bieten die Bildschirmfotos über die "Wählerwanderung" bei den Nichtwählern. Vergleicht man die von Infratest dimap zu verschiedenen Zeitpunkten veröffentlichten Zahlenangaben zur "Wanderung Nichtwähler", die am Wahlabend des 15.02.2015, an den darauf folgenden Tagen und bis heute von der ARD bezüglich der Ergebnisse der Hamburger Bürgerschaftswahl verbreitet wurden und werden, so stellt man fest: Die geschätzten Daten unterscheiden sich zum Teil erheblich. So meldeten die ARD-Sender (und das ZDF) am Wahlabend für die SPD und die CDU erheblich erscheinende Mengen von Wechselwählern, die nach tagesschau.de zu anderen Parteien „gewandert“ sein sollten; zu den Nichtwählern z.B. 20.000 (12.000+8.000, vgl. Abb.1); und aus solchen Zahlen wurden weitreichende politische Folgerungen abgeleitet. Nach Informationen, die in der auf den Wahlabend folgenden Zeit verbreitet wurden, waren aus den 20.000 Wechslern von SPD und CDU 4.000 (1.000+3.000, vgl. Abb.2) geworden. Das bedeutete alleine bei diesen Parteien zusammen eine Reduktion um 80%. Im politischen Raum spielten solche "neuen" Information später keine Rolle mehr.

Aus der ursprünglichen Information, die Nichtwähler hätten insgesamt um ca. 17.000 Stimmen zugenommen wurde kurze Zeit später die Information, die Nichtwähler hätten um 7.000 Stimmen abgenommen. Und diese Information wird immer noch verbreitet, obwohl das Endgültige Wahlergebnis seit dem 27.02.2015 feststeht und aussagt, dass die Zahl der Nichtwähler um rund 29.500 Stimmen zugenommen hat. Zwischen der letzten ARD-Meldung und der Wirklichkeit des Wahlergebnisses klafft eine Differenz von mehr als 36.000 Stimmen (vgl. dazu das nebenstehende Diagramm).

Große Differenzen auch bei Grünen

Differenzen zwischen den geschätzten Wanderungszahlen fanden sich nicht nur bei den Nichtwählern. Besonders gravierend sind z.B. auch die Divergenzen bei der Partei Bündnis 90/Die Grünen.

Die auf den durch die ARD verbreiteten Wanderungs-Bildtafeln genannten Zahlen werden auch in den Wahlanalysen von Infratest dimap und z.B. bei der Adenauer-Stiftung genannt, allerdings ergänzt um nicht unerhebliche Mengen von anderen "Wanderungen", die in den "ARD-Bildtafeln" nicht auftauchen, zum Teil aber erheblich größer sind als die der Öffentlichkeit mitgeteilten Daten. Bei der SPD stellt sich das so dar, dass außer den auf den ARD-Bildtafeln zu dieser Partei genannten Zahlen folgende Gruppen und Werte genannt werden: Wählerstamm: 218.000; Zu- und Fortgezogene: Zustrom 35.000, Abstrom 31.000, Saldo +4.000; Erstwähler/Verstorbene: Zustrom 15.000, Abstrom 22.000, Saldo -7.000; Nichtwähler: Zustrom 24.000, Abstrom 25.000, Saldo -1.000. Zur zuletzt genannten Saldo-Zahl sei angemerkt, dass es sich bei dieser Zahlenangabe um die Zahl 1.000 auf Abb.2 (oben) handelt, die auf der Tafel von Abb.1 noch auf den Wert 12.000 lautete.

ARD-Bildtafeln geben nur Saldozahlen wieder

Das Beispiel zeigt zweierlei: Erstens geben die ARD-Bildtafeln nur die Saldozahlen bei den Parteien wieder. Der Zuschauer erhält insofern nur eine reduzierte Information; zum Zweiten ist anzumerken, dass die der allgemeinen Öffentlichkeit nicht mitgeteilten Zahlenwerte oft sehr viel höher sind als die mitgeteilten. Am Wahlabend löste die Information, 10.000 Wähler seien von der CDU zur SPD gewandert weitreichende politische Folgerungen aus. Auch bei dieser Zahl handelte se sich um eine Saldo-Zahl, die in der endgültigen Bildtafel auf 8.000 reduziert wurde. Die Wanderungszahlen bei Infratest dimap und der Konrad-Adenauer-Stiftung ergänzen die diesbezügliche Saldo-Zahl 8.000 um die Angabe für den Zustrom: 15.000 und einen ebenfalls geschätzten Abstrom von 7.000 Wählern. Die Saldo-Zahl auf der ARD-Bildtafel für die SPD ist die größte unter den dort genannten Werten für den Austausch zwischen den verschiedenen Parteien und der SPD. Stellt man diese der Öffentlichkeit mitgeteilten Daten den Zahlenwerten gegenüber, die der Öffentlichkeit bezüglich der "Wanderungen" nicht mitgeteilt wurden (siehe oben: Wählerstamm 218.000 oder Zu- Fortgezogene: 35.000-31.000=4.000) zeigt sich die Relevanz der Frage, welche Bedeutung angesichts solcher Zahlengrößen die Aussage hat, die SPD habe der CDU große Mengen (nämlich 10.000 oder 8.000) Wähler der Mitte "geraubt". So z.B. Axel Springers "Die Welt", in diesem Fall der stellvertretende Chefredakteur Ulf Poschardt. Ähnlich äußerte sich auch der Hauptgeschäftsführer der Handelskammer Hamburg in einem Interview in dem privaten Sender Hamburg1: Die SPD habe viele Wähler gewonnen, die „mit Sicherheit keine Stammwähler der SPD“ seien.

Ein Beispiel aus einem anderen, jetzt besonders aktuellen Bereich zeigt dasselbe Bild: Bei der jüngsten Hessenwahl vermittelte eine Wahlmoderatorin im Hessischen Rundfunk angesichts der ersten ausgezählten Stimmen in Karlshafen am Wahlabend kurz vor 19:00 Uhr, die AfD habe dort 22,3 Prozent der Stimmen gewonnen und löste mit dieser Information bei vielen Schrecken, bei anderen Triumpfgefühle aus. Da die SPD dort 11,4 Prozent verloren habe und die CDU 10,1%, weise das auf entsprechende Wählerwanderungen hin. Zwei Tage später war auf der Homepage der Verwaltung des Ortes zu lesen, das vorläufige Ergebnis laute 14 Prozent für die AfD – ein nicht unerheblicher Unterschied gegenüber der Erstmeldung, die sich auf die Auszählung der Trendergebnisse bezog, was auch gesagt wurde. Dennoch dürfte die vermittelte Trendmeldung für potentielle Wähler der AfD in den drei Ländern, in denen am kommenden Sonntag gewählt wird, eine Ermutigung und/oder Bestätigung gewesen sein, diese Partei ebenfalls zu wählen. Eine Wirkung, die man in eingeschränktem Maße als werbewirksam für diese Partei nennen kann.

Die Firma Infratest dimap ist privatwirtschaftlich organisiert und hat dementsprechende wirtschaftliche Interessen. Infratest gehört zu einem internationalen Konzern, der global agiert. Die Firmen IVU.ELECT und vote iT GmbH sind Software-Produzenten, die für den Bund, die Bundesländer und Kommunen Rechenprogramme bereitstellen für die Bewältigung ihrer Aufgabe, die abgegebenen Wählerstimmen auszuwerten und Ergebnisse zu ermitteln. Hierbei kommt es immer wieder zu erheblichen Problemen verschiedener Art.

Die Wechselwähler-Schätzungen vermitteln allenfalls einen Ausschnitt aus dem gesellschaftlichen Prozess, mit dem die Handlungsweise von Wahlberechtigten (der Wähler und der Nichtwähler) verbunden ist. Der durch die Diskussion über Wechselwähler erfasste Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit lässt den Einfluss kleiner Gruppen in der Bevölkerung größer erscheinen als er wirklich ist. Große Teile der Bevölkerung werden dadurch bezüglich ihrer Interessen benachteiligt. Die Praxis der Wahlergebnis-Deutung mittels des Wanderungsmodells von Infratest dimap scheint nicht kompatibel mit den Anforderungen der Rundfunkstaatsverträge und mit dem Grundgesetz und sollte daher überprüft werden. Das Modell vertieft die soziale Spaltung der Gesellschaft und gefährdet den inneren Frieden des Landes. Mit zunehmender Nichtwahl schwindet die Legitimität staatlichen Organe.

Autor: Konrad Woede

kress.de-Hinweis: Die komplette, ausführliche Studie "Berechnet richtig falsch. Eine Analyse der Wahlberichterstattung über die Bürgerschaftswahl in Hamburg 2015" kann beim Autor per Email (Konrad.Woede(at)t-online.de) angefordert werden. 

 

Ihre Kommentare
Kopf

Peter Grabowski

11.03.2016
!

Ich habe die anscheinend synonyme Verwendung der Begriffe "Divergenz" und "Differenz" nicht verstanden. Hat sich in der Wissenschaft da etwas verändert?


Philipp Decreßin

14.03.2016
!

Die Verknüpfung der Email ist unglücklich: Mit meinem Desktop-Mailclient kann ich den Autor nicht kontaktieren.
Also auf diesem Weg: 1x bitte die ausführliche Studie. Vielen Dank.


Marc Bartl

Marc Bartl

Johann Oberauer GmbH
Chefredakteur kress.de

14.03.2016
!

Lieber Herr Decreßin, ich habe die E-Mail-Adresse oben eingefügt. Bitte schauen Sie noch mal. Beste Grüße!


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