USA-Experte Ali Aslan: "Aggressive Wahlkampf-Rhetorik ist Folge der schwindenden Debattenkultur in amerikanischen Medien"

 

"Ich habe in meiner beruflichen Laufbahn bisher sechs Präsidentschaftswahlen mitverfolgt. Keine war so polarisierend wie die Jetzige", sagt Ali Aslan nach dem "Super Tuesday". Ein Gespräch über den Wahlkampf in den USA, Veränderungen im Nachrichtenjournalismus und die mangelnde Diversity vor deutschen Kameras.

Der deutsche Moderator und Journalist Ali Aslan weiß wie kaum ein anderer, wie das Herz der amerikanischen Medien schlägt. Aslan studierte internationale Politik an der Georgetown University in Washington DC und Journalistik an der renommierten Columbia Journalism School in New York. Während seines Volontariats bei CNN in Washington DC sah er Larry King und Bernard Shaw über die Schulter, danach arbeitete er in New York mit dem legendären Nachrichtenmoderator Peter Jennings bei ABC News. Für Deutsche Welle TV moderierte Aslan von 2012 bis 2014 die englischsprachige Talkshow "Quadriga".

kress.de: Herr Aslan, Sie waren kürzlich auf einer längeren Vortragsreise durch die USA. Was waren dabei die aktuellsten Themen?

Ali Aslan: Neben der europäischen Flüchtlingskrise wurde ich am häufigsten gefragt, wie Donald Trump in Deutschland und Europa wahrgenommen wird. Die Ost- und Westküsten-Intelligenzija ist sich nämlich sehr wohl peinlichst bewusst, dass der Erfolg Trumps im Ausland argwöhnisch und teilweise ungläubig betrachtet wird. Aber die USA bestehen eben nicht nur aus New York und Los Angeles, sondern haben auch ihre eigenen Versionen von Sachsen-Anhalt.

Meinungen statt Fakten

Wie überhitzt ist der Wahlkampf in den USA?

Ali Aslan: Ich habe in meiner beruflichen Laufbahn bisher sechs Präsidentschaftswahlen mitverfolgt. Keine war so polarisierend wie die Jetzige. Die vorherrschende, sehr aggressive Rhetorik des aktuellen Wahlkampfes ist auch eine Folge der schwindenden Debattenkultur in den amerikanischen Medien. Der amerikanische Nachrichtenjournalismus wird zunehmend weniger von Fakten, als vielmehr von Meinungen geprägt. Befruchtender Austausch von Ideen kommt so selten zustande und die Toleranz für abweichende Meinungen nimmt stark ab.

Die amerikanischen Medien haben also einen großen Einfluss auf Donald Trumps Erfolg?

Ali Aslan: Sie haben sicherlich ihr Scherflein dazu beigetragen. Obwohl er die Presse offenkundig verachtet und Verleumdungsklagen gegen sie erleichtern möchte, wird fast jede seiner Reden live und ohne Unterbrechung ausgestrahlt. Das hat höhere Einschaltquoten, aber auch eine künstliche Überhöhung Trumps zur Folge. Diese uneingeschränkte Aufmerksamkeit und mediale Berichterstattung wird selbst einer Hillary Clinton nicht zuteil, geschweige denn Ted Cruz oder John Kasich. Allenfalls der demokratische Außenseiter Bernie Sanders mit seiner Anti-Establishment-Botschaft kann mit der Medienpräsenz eines Trump mithalten. Inzwischen geben viele meiner US-Kollegen zu, dass man Trump - wohl auch mit Blick auf Quote und Auflage - zu lange nicht kritisch hinterfragt und unterschätzt hat.

Wer pöbelt, bekommt Sendezeit

Trump in den USA, die AfD in Deutschland – beide pöbeln mit Vorliebe gegen die Medien und sind doch allzeit in ihnen präsent.

Ali Aslan: Dabei kommt uns Journalisten mehr denn je eine wichtige Aufklärungsfunktion zu, auf beiden Seiten des Atlantik! Stattdessen scheint es in Deutschland eine Art Mode zu sein, sich über Trump und seine "ignoranten" Anhänger lustig zu machen. Doch die Wahlerfolge der AfD machen deutlich, dass wir keinen Grund zur Überheblichkeit haben. Beide Phänomene zeigen vielmehr, dass ein nicht unwesentlicher Teil der Menschen – unabhängig von ihrer Nationalität – empfänglich ist für einfache, lokale Antworten auf sehr komplexe, globale Fragen.

Sie haben in den USA lange Zeit mit Peter Jennings gearbeitet. Was haben Sie von dem erfahrenen Nachrichtenmann gelernt?

Ali Aslan: Jennings war stets souverän und hat auch in hektischeren Momenten nie die Ruhe verloren. Es war ein Privileg, mit ihm zusammenzuarbeiten und als Moderator profitiere ich noch heute davon. Er war – wie auch Walter Cronkite, Edward Murrow oder Tom Brokaw – weit mehr als ein Anchorman, nämlich eine moralische Autorität, die den Amerikanern Abend für Abend die Welt erklärt hat. Allerdings haben der schnelle Nachrichtenzyklus und Social-Media diese Spezies obsolet gemacht.

Masse statt Klasse

Inwiefern hat sich der amerikanische Nachrichtenjournalismus noch verändert?

Ali Aslan: In den USA ist das Nachrichtenangebot vielfältiger und unübersichtlicher geworden. Bis Mitte oder sogar Ende der 90er Jahre waren die traditionellen US-Hauptnachrichtensendungen und Sonntagmorgen-Talkshows noch primäre Informationsquellen und Orientierungsanker für viele Amerikaner. Die haben allerdings in den letzten zwei Jahrzehnten durch die wachsende Vielfalt der Kanäle und das Internet zunehmend an Reichweite und Relevanz verloren. An Relevanz deutlich gewonnen haben dagegen TV-Moderatoren wie John Oliver, Trevor Noah oder Bill Maher, die humoristisch das politische Tagesgeschäft aufarbeiten.

Was können die deutschen Medien von den US-amerikanischen Kolleginnen und Kollegen lernen?

Ali Aslan: In punkto Vielfalt in den Medien haben wir sicherlich noch einiges an Nachholbedarf im Vergleich zu den USA. So werden zum Beispiel alle größeren deutschen Talkshows von Journalistinnen und Journalisten ohne Migrationshintergrund moderiert. Das ist im Jahr 2016 angesichts unserer gesellschaftlichen Vielfalt nicht mehr zeitgemäß und wäre in den USA, wo man viel mehr Wert auf Diversität vor der Kamera legt, undenkbar. Das Potenzial ist auch in Deutschland zweifellos da – man muss es auch nutzen!

Die Fragen an den Moderator Ali Aslan stellte kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük. Mitarbeit: Tania Witte.

Ihre Kommentare
Kopf

Christian G. Christiansen

16.03.2016
!

Ali Aslan hat in punkto mangelnde Moderatoren-Vielfalt in den deutschen Medien recht. Hier sollten die Öffentlich-Rechtlichen endlich `mal vorangehen !
Die in den USA schwindende Debattenkultur der (privaten) Medien, wenn sie überhaupt relevant vorhanden war, hält ja auch in Deutschland vermehrt ihren Eingang. Die Proporz-"Debatten" bei Will und Maischberger sind handfeste Beispiele.
Ali Aslam ist mit seinen relativ lockeren Moderationen bei der Hertie-school ein gutes Zeichen für den Nachwuchs.


Joseph Meyer

16.03.2016
!

Hallo,
Ali Aslan ist - so wie viele seiner Kollegen - Mitglied der "Atlantikbrücke". Das bedeutet für mich, dass er die Interessen der Bevölkerung in Europa nicht mehr unvoreingenommen vertreten kann! Siehe zum Beispiel die von den USA erzwungenen unsäglichen Wirtschaftssanktionen zwischen der EU und Russland, siehe die Haltung der meisten Massenmedien in Bezug auf die negativen Folgen der Freihandelsabkommen CEYA, TTIP, TISA, usw.


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