Michael Klein antwortet Alf Frommer: Journalistische Meinung ist wichtiger denn je

16.03.2016
 
 

Warum im Journalismus Nachrichten wichtiger sind als Meinungsbeträge, hatte Creative Director Alf Frommer in einem Beitrag auf kress.de erklärt. Laut Frommer kann der Journalismus nur verlieren, wenn er sich auf eine Meinungsschlacht einlässt. Michael Klein, Nachrichtenchef Zeitungsgruppe Lahn-Dill, widerspricht.

Im redaktionellen Alltag einer Tageszeitung mache ich die Erfahrung, dass Meinungsbeiträge regelmäßig ein intensives Feedback in der Leserschaft auslösen. Mit einem Kommentar oder Leitartikel setzen sich die Leser auseinander. Und manchmal nehmen sie ihn auch auseinander. Die Leser wissen genau, dass am anderen Ende jemand sitzt, der nicht bloß eine Meinung propagiert, sondern tagaus, tagein das politische Geschehen verfolgt, einordnet, Spitzenpolitiker interviewt und vor Ort ist - zum Beispiel bei den Bundesparteitagen.

Ein guter Kommentar setzt eine gute Recherche voraus

Deshalb muss man der These Alf Frommers klar widersprechen, dass es für einen Kommentar keiner Ausbildung bedürfe, weil ja jeder eine Meinung habe. Natürlich hat jeder eine Meinung, das ist banal. Aber es macht einen großen Unterschied, ob ich die Meinung am Stammtisch äußere, in einem Leserbrief, auf der Kanzel, in einem Blogbeitrag, unter einem Artikel im Netz - oder in einem journalistischen Kommentar. Wer mal ein Kommentar-Seminar des Innenpolitikchefs der "Süddeutschen Zeitung", Heribert Prantl, besucht hat, der weiß: Ein guter Kommentar setzt eine gute Recherche voraus. Nicht nur Nachrichten wollen recherchiert sein, auch ein Leitartikel. Dazu bedarf es einer gründlichen Ausbildung. Und in dieser lernt man auch, dass ein journalistischer Kommentar keinesfalls die Propagierung persönlicher Interessen ist. Natürlich ist ein Kommentar subjektiv - wie das Recherchieren, Verfassen und Auswählen von Nachrichten auch. Aber er folgt journalistischen Kriterien, stellt Thesen auf, führt Argumente und Belege an, diskutiert die Einwände, wägt ab.

Ich will das an einem Beispiel erläutern. Man kann die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel gut finden und das in einem Kommentar schreiben. Das tut allerdings auch der Regierungssprecher. Der Parteisprecher würde noch eins drauf setzen und empfehlen, man solle deshalb die CDU wählen. Ein journalistischer Kommentar hätte eine wesentlich weitere Perspektive. Er hätte sich mit der Kritik an der Politik Merkels auseinanderzusetzen, zum Beispiel die Frage zu diskutieren, wie der Staat auf die zunehmende Gewalt krimineller Gruppen (gemeint ist Köln ebenso wie Clausnitz) als Folge der verstärkten Zuwanderung reagieren soll. Er kann dann trotzdem zum Ergebnis kommen, dass zur Rettung Europas Merkels Politik alternativlos ist. Aber er darf es sich nicht so leicht machen wie jemand, der nur mal eben so seine Meinung sagt, die womöglich nicht einmal den Fakten standhält. Ein guter journalistischer Kommentar ist im Meer unzähliger Meinungsäußerungen übrigens eine Rarität - eine, die wir zur politischen Willensbildung in der Demokratie mehr denn je brauchen.

Die Leser möchten wissen, was "ihr" Redakteur davon hält

Dass gut recherchierte Nachrichten wichtig sind, ist eine Binsenweisheit. Aber sie müssen auch mit Kompetenz und gutem Handwerkszeug eingeordnet werden. Und da ist der Kommentar das Mittel der Wahl. Denn was Leser nach meiner Erfahrung nicht mögen, ist eine Kommentierung in der Nachricht selbst. Genau das drückt die von Alf Frommer zitierte Leserbefragung aus. Die Leser möchten sich zunächst gerne selbst ein Bild machen. Zugleich möchten sie aber auch wissen, was "ihr" Redakteur oder "ihr" Kolumnist davon hält, dem sie vielleicht nicht immer zustimmen, aber dessen Know-how sie schätzen. Und von dem sie wissen, dass er nicht als Aktivist schreibt, sondern - auch im Kommentar - dem Grundsatz der Fairness und Redlichkeit verpflichtet ist. Dem sie deshalb vertrauen.

Man konnte kürzlich bei der "Welt" sehr gut sehen, wo die Grenze zwischen Meinungsmache und professioneller Kommentierung liegt: Ein Journalist, der nebenher Propaganda für das Gedankengut der AfD betrieb, musste die Zeitung verlassen. Denn so jemand ist nicht mehr in der Lage, fair und redlich zu kommentieren. Er war längst getrieben von einer Mission - nicht anders als ein PR-Mensch. Da wurde Vertrauen missbraucht.

Gut recherchierte Meinungsbeiträge werden in Zukunft nicht unwichtiger werden, sie werden im Gegenteil wichtiger werden. Denn die Zahl der Nachrichten wächst stetig und damit steigt der Bedarf an kompetenter Analyse der Fakten. Denn auch die gut recherchierte Nachricht ist nicht automatisch von Relevanz.

Michael Klein, Nachrichtenchef Zeitungsgruppe Lahn-Dill/Wetzlarer Neue Zeitung

 

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