"Öffentlich-rechtliche Königsdisziplin": Wie Heike Hempel mit "Ku'damm 56" die Zuschauer vor die Schirme zwingen will

 

Es ist das bislang ambitionierteste TV-Event des Jahres: Mit dem Dreiteiler "Ku'damm 56" will Heike Hempel, Leiterin der ZDF-Hauptredaktion Fernsehfilm/Serie II, ab Sonntag die Zuschauer zurück in die verklemmten 50er Jahre entführen. Nebenbei lässt sie die Sender-Muskeln spielen, wie sie im kress.de-Interview sagt.

kress.de: Frau Hempel, große historische Stoffe im Fernsehen beschäftigen sich gerne mit Kriegs- und Krisenzeiten. Was hat Sie diesmal bewegt, die Handlung in die 50er Jahre zu verlegen - eine Zeit, die nicht so wirklich oft im Rampenlicht steht?

Heike Hempel: Genau deshalb – die 50er Jahre haben wir fiktional noch nicht beleuchtet. Es ist eine uns heute fremde Kultur voller ungeschriebener, aber strikter Regeln und unausgesprochener Beziehungen. Die Außenfassade war perfekt geregelt, aber innerhalb der Familien wurde, ich glaube nicht nur bei uns zu Hause, über die wichtigen Dinge nicht gesprochen. Verdrängen und Beschweigen war – aus naheliegenden Gründen - ­damals schwer in Mode. Auch deshalb wissen wir heute vielleicht so wenig über diese Epoche, aus der wir doch alle irgendwie  hervorgegangen sind. Ziel war es also, diese Kultur wieder in den Focus zu rücken und mit einer solchen mehrteiligen Erzählung ein Gespräch innerhalb der Familien zu inspirieren.

"'Ku'damm 56' ist ein Familiendrama - mit allen Abgründen"

kress.de: Sie erzählen Ihre Geschichte sehr nahe an Einzelpersonen - quasi als Familiengeschichte. Warum das? Lässt sich Historisches nur im Kleinräumigen und im Nahbereich dramatisieren?

Heike Hempel: Wir sind, meinem Empfinden nach, im fiktionalen Erzählen immer dann besonders stark und überzeugend, wenn wir von der exotischsten aller Welten erzählen: unseren eigenen Familien. "Ku'damm 56" ist ein Familiendrama mit allen Abgründen und Überraschungen und Annette Hess (die Drehbuchautorin, verantwortlich unter anderem auch für "Weissensee" in der ARD, Anmerkung kress.de) hat es aus meiner Sicht geschafft, mit Humor und Spannung, immer nah bei ihren Figuren zu bleiben, auf Augenhöhe mit ihnen. Das ist modernes serielles Erzählen und state of the art heute – der distanzierte Blick, Geschichte von oben ist von gestern!

kress.de: Starke Frauen im Zentrum - färbt da ein wenig die Prägung durch Ihre Sonntagsfilmreihe ab?

Heike Hempel: In der Tat behandeln wir hier die großen weiblichen Themen der Zeit: selbstbestimmte Sexualität, Körperlichkeit und Sinnlichkeit und die Frage nach Gleichberechtigung in einer Zeit, in der gerade an der Schraube der Emanzipation kräftig zurück gedreht wurde. Ich hoffe, dass das den Frauen, die am Sonntag ZDF schauen etwas sagt über die Epoche aus der sie oder ihre Mütter kommen. Aber unabhängig vom Sendeplatz halte ich diese Fokussierung der Perspektive bei einem Frauenanteil von fast 50% der Weltbevölkerung durchaus für legitim.

"Eine Woche warten? Das hält man nicht aus"

kress.de: Wie groß ist Ihre Sorge, ob die Zuschauer der Mehrteiler-Struktur - verteilt über die jeweiligen Sendetage - treu bleiben?

Heike Hempel: No risk, no fun! Das ist die Herausforderung, der sich eine solche Miniserie in einem öffentlich-rechtlichen Vollprogramm stellen muss.

kress.de: Was hat gegen eine Aufteilung auf mehrere Sonntage gesprochen?

Heike Hempel: "Ku'damm 56" ist sehr stark seriell erzählt - Achtung Zauberwort: horizontal -  mit sehr spannenden Cliffhangern. Und dann eine Woche warten? Das hält man ja gar nicht aus.

"Wir müssen Exzellenz beweisen"

kress.de: Wie wichtig sind Ihnen denn solche Leuchtturm-Produktionen für die Wahrnehmung des ZDF bei den Zuschauern?

Heike Hempel: Solche Projekte sind aus meiner Sicht die Königsdisziplin des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Hier müssen wir Exzellenz beweisen. Immer wieder. Dafür zahlen die Zuschauer ihr Gebührengeld. Wir müssen wirtschaftlich arbeiten, aber unsere Zielsetzung ist nicht die eines Wirtschaftsunternehmens. Das heißt, wir leisten es uns, große, auch teure  Programme ins Schaufenster zu rücken, die neue Sujets setzen und/oder Erzählweisen weiterentwickeln – mit einem Wort innovativ sind, ohne aber das breite Publikum zu vergessen. Denn: Wir machen kein Fernsehen für eine digital versierte, reiche, spitze Zielgruppe – wir machen Fernsehen für alle!

kress.de: Wie viele derartige Großprojekte pro Jahr kann sich das ZDF eigentlich leisten? Ist damit das Pulver für Mehrteiler erst einmal verschossen?

Heike Hempel: Nein, wir machen jährlich zwei bis drei so großer Projekte, erinnern Sie sich an "Unsere Mütter, unsere Väter" oder an "Tannbach". Wir haben weitere mehrteilig erzählte Projekte in Vorbereitung, die sich u.a. auch mit den 60er und 70er Jahren beschäftigen.

kress.de: Wie ist es Ihnen gelungen, die anspruchsvolle, sehr aufwändige Produktion zu finanzieren und welche Widerstände mussten dabei überwunden werden?

"Aus eigenen Kräften finanziert"

Heike Hempel: Wir haben "Ku'damm 56" aus eigenen Kräften finanziert, in diesem Fall ohne Beteiligung der Filmförderungen, aber mit ZDF-Enterprises als starken Partner. Die Kollegen - Alexander Coridaß und Fred Burcksen - waren von Anfang an mit im Boot .

kress.de: Warum läuft die Reihe nicht tatsächlich an den eigentlichen Oster- oder an anderen Feiertagen? Was spricht für die Aufmerksamkeit vor der großen Programmierungsdichte zu Ostern?

Heike Hempel: An Ostern und anderen Feiertagen haben die Zuschauer eine andere Erwartung an das Programm. Bei uns schauen sie die bekannten Marken, bei den Privaten Kinofilme. Außerdem ist die Sehbeteiligung insgesamt geringer.

"Eine genuin öffentlich-rechtliche Aufgabe"

kress.de: Abschließend, lässt sich der Stoff fortsetzen? Und was muss aus Quotensicht geschehen, dass man den Erzählfaden etwa in einem weiteren Jahrzehnt - den 60ern?, den 70ern? - fortspinnt?

Heike Hempel: Eine schöne Idee, aber ganz ehrlich: Dazu habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Wir sind stolz auf diesen Dreiteiler und freuen uns über Resonanz. Aber ein solches Projekt machen wir nicht aus Quotenoptimierungsgründen. Es ist, wie beschrieben, unsere genuin öffentlich-rechtliche Aufgabe.

Hintergrund: "Ku'damm 56" wurde von UFA Fiction (Produzenten: Benjamin Benedict und Nico Hofmann) als jeweils 90-minütiger Dreiteiler erstellt. Regie führt Sven Bohse, nach einem Drehbuch von Annette Hess. Die Hauptrollen spielen Claudia Michelsen, Sonja Gerhardt, Emilia Schüle und Maria Ehrich.

Ausgestrahlt werden die drei Filme am Sonntag, 20. März, am Montag, 21. März und am Mittwoch, 21. März jeweils um 20:15 Uhr im ZDF.

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