TV-Produzent Michael Souvignier im Interview: "Ich bin für Verständnis, Menschlichkeit, Vergebung"

 

Von Trisomie bis zum Bruder-Duell der Dassler-Brüder: Der Kölner TV-Produzent Michael Souvignier kann Zeitgeschichte, auch und gerade wenn es um gesellschaftliche Kontroversen geht. Vor Ostern ist der Chef der Produktionsfirma Zeitsprung gleich mit zwei Produktionen im Fernsehen vertreten. Im Interview mit kress.de zeigt sich Souvignier als Moralist und Unterhalter. Obendrein begründet er, warum er mehr Geld für herausragende Produktionen verlangt.

kress.de: Glückwunsch, Sie sind vor Ostern mit zwei großen Produktionen vertreten – einmal im öffentlich-rechtlichen, einmal im privaten Free-TV. Wo liegen die Unterschiede bei der Zusammenarbeit mit den Sendern?

Michael Souvignier: Es gibt keinen Unterschied, was die Themen angeht - und dies sieht man besonders daran, dass sowohl RTL mit uns die Dassler gemacht haben und Arte kommt ebenfalls mit einer Dassler-Verfilmung im Herbst. Unterschiede gibt es häufiger in der Farbigkeit, der Kameraführung, des Castes, der bei den privaten meist jünger ist als bei ARD oder ZDF. Dies alles hängt aber maßgeblich von der Story ab.

"Ich liebe diesen Film"

Ihr "Starfighter"-Projekt für RTL ist quotentechnisch abgestürzt. Was haben Sie daraus gelernt für Ihr Filmporträt der Kassler-Brüder?

Michael Souvignier: Für mich war dies ein perfekter RTL-Film. Zu Beginn mit hohen Schauwerten, viel Aktion und in der zweiten Hälfte ein großes Drama. Ich liebe diesen Film. Sie dürfen nicht vergessen, zu diesem Zeitpunkt war RTL außer mit "Cobra 11" nicht mehr in der Fiction vertreten und hatte einen großen Anspruch auf eine Veränderung. Wir waren mit unserem Film die Speerspitze und übrigens auch kein Flop, der kam nach uns mit "Deutschland 83". Die Erfahrung lehrt, der Zuschauer ist ein Gewohnheitsmensch und braucht seine Zeit,  bis er versteht, RTL ist mit der Fiction wieder da, so wie jetzt mit dem "Lehrer" und die Quoten stimmen. Darüber freue ich mich übrigens sehr. Bei den Dasslern sind wir mit unseren beiden Brüdern noch frauenaffiner aufgestellt, und ich hoffe, dass der Film mit dieser Programmierung ein Erfolg wird.

Die Motivation für einen Dassler-Film muss man als Westdeutscher kaum begründet. Zur Polarität der Vorwende-Welt standen auch die Marken Adidas und Puma. Welche Treter haben Sie bevorzugt?

Michael Souvignier: Als ich bei TUSEM Essen Handball gespielt habe war ich Puma-Fan, ganz und gar. Meine roten Wildledersportschuhe werde ich nie vergessen.

"Keiner weiß mehr, was sich die beiden vor ihrer Trennung am gemeinsamen Küchentisch erzählt haben"

Aber mal im Ernst: Worauf haben Sie bei der Realisierung des Stoffs Wert gelegt?

Michael Souvignier: Wie bei allen Stoffen von uns auf Authentizität und Emotionalität. Dazu kommen ein hoher Schauwert, großartige Schauspieler und die Regie, Szenenbild, Kostüm, Maske, Schnitt, Musik: Am Ende muss das ganze "Paket" stimmen.

Ein Biopic spitzt Zeitgeschichte zu. Was muss stimmen, wo ist Dramatisierung erlaubt?

Michael Souvignier: Die Fakten müssen stimmen, die Fiction kommt da ins Spiel, wo wir verdichten, bei den Dialogen, in der Dramaturgie. Keiner weiß mehr, was sich die beiden vor ihrer Trennung am gemeinsamen Küchentisch erzählt haben. Hier fiktionalisieren wir natürlich.

Hatten die Unternehmen Adidas und Puma Einfluss auf die Produktion?

Michael Souvignier: Keinerlei.

Apropos Einfluss eines Unternehmens. Der Zweiteiler "Contergan – eine einzige Tablette" war mit einem entnervenden Rechtsstreit verbunden. Wie hat das Verfahren Ihren Blick auf Wirtschaftsinteressen verändert?

Michael Souvignier: Nach "Contergan" habe ich viele weitere Filme gemacht, die diese Art von Wirtschaftsinteresse anprangern, wie zum Beispiel "Blutgeld", "Frau Böhm sagt nein", oder was Ungerechtigkeit betrifft "Marco W. - Nichts mehr wie vorher". Mein Blick hat sich also nicht geändert.

"Aus der Vergangenheit lernen, nicht vergessen"

Ihr Interesse für Behinderte ist geblieben. "Nur eine Handvoll Leben" im Ersten erzählt von Eltern, die damit leben müssen, dass ihr Kind mit Trisomie zur Welt kommt. Warum ist Ihnen das Thema gerade jetzt wichtig?

Michael Souvignier: Wie ich finde, wir leben in einer Zeit der Entmenschlichung, und dagegen kämpfe ich an.Wie kann man die AfD wählen, die sich gegen so viele menschliche Errungenschaften stellt? Ich bin für Verständnis, Menschlichkeit,Vergebung und Nächstenliebe, will hier nicht pathetisch klingen und bin auch nicht religiös, aber solche Dinge beschäftigen mich sehr, auch deshalb mache ich so einen Film wie "Anne Frank", der jetzt im Kino läuft, damit wir aus der Vergangenheit (betont) lernen, nicht vergessen

Es geht um eine Haltung zur Abtreibung, aber letztlich auch um Inklusion. Welchen Beitrag kann Fernsehen in dieser Debatte leisten?

Michael Souvignier: Die Medien sind sehr wichtig und meinungsbildend. Sehen Sie: Ohne die Medien würde es heute den Contergan-Opfern nicht besser gehen. Da bin ich sehr stolz, hier einen Anstoß zu mehr Gerechtigkeit gegeben zu haben.

Sie arbeiten wieder einmal mit Annette Frier zusammen. Was zeichnet sie aus?

Michael Souvignier: Ich liebe Sie als Schauspielerin und mache mit Ihr bisher ausschließlich Dramen als Filme.  Sie hat den Switch von Comedy zum Drama perfekt vollzogen.

Die beiden aktuellen Produktionen bedienen Fernsehen, wie wir es kennen. Zugleich wird das bisherige System verändert durch den Bezahlsender Sky sowie die Online-Dienste Amazon und Netflix. Wie, glauben Sie, wird sich die Fernsehlandschaft verändern?

Michael Souvignier: Eine Veränderung wird noch dauern, aber sie kommt, dies ist jetzt schon deutlich spürbar. Das deutsche TV ist hervorragend, allen Kritiken zum Trotz, Deutschland ist der nach Amerika zweitgrößte TV-Markt. Wir Produzenten sind aufgefordert, uns stärker um Miniserien, horizontale Erzählformen und noch besserer Dramaturgie und besserer Herstellung von Programm zu kümmern. Dazu benötigen wir die alten und neuen Player und auch mehr Geld fürs Programm, um (betont) Herausragendes zu zeigen. Dies passiert mehr und mehr, und dies ist wunderbar.

Können Sie sich vorstellen, einem Lockruf der neuen Anbieter zu folgen – und wenn ja, unter welchen Vorzeichen?

Michael Souvignier: Ich bin mit den neuen Anbietern im Gespräch und freue mich über jeden Player; der in unserem Geschäft dazu kommt, den Horizont erweitert.

Zur Person

Michael Souvignier (57) ist ein deutscher Filmproduzent, Regisseur und Fotograf. Der gebürtige Essener lebt und arbeitet in Köln. Er ist Chef der Produktionsfirma Zeitsprung. Souvignier ist für seine Produktionen vielfach ausgezeichnet worden – so für den Zweiteiler "Contergan".

Die Filme

"Nur eine Handvoll Leben" (am Mittwoch, 23. März, im Ersten): Der WDR-Fernsehfilm über die schicksalhafte Diagnose "Trisomie 18" wird von Franziska Meletzky ("Tatort", "Bloch") inszeniert. Ein Kind mit dieser Chromosomendefekt wird – wenn es die Geburt übersteht – mit hoher Wahrscheinlichkeit nur wenige Wochen, vielleicht Monate alt werden. So beschreiben die Mediziner die erfahrungsgemäßen Aussichten des sogenannten "Edwards-Syndrom".

Das Drehbuch schrieb Henriette Piper ("Nichts mehr wie vorher"), die Kamera führt Bella Halben. Die Hauptrollen haben Annette Frier ("Ich bin dann mal weg", "Sophie kocht") und Christian Erdmann ("Katie Fforde", "Ellas Entscheidung") übernommen.

"Das Duell der Brüder" (am Karfreitag bei RTL): Der fiktionale Film ist inspiriert von wahren Ereignissen und erzählt die faszinierende Geschichte der zwei bekanntesten deutschen Sportartikelhersteller Adidas und Puma. Anfang der 20er Jahre bauen die zwei Brüder, Adolf (Ken Duken) und Rudolf (Torben Liebrecht) Dassler, eine kleine Schuhmanufaktur im fränkischen Herzogenaurach auf. Nach dem Krieg rollt die Schuh-Fabrikation langsam wieder an - doch der aufkommende geschäftliche Erfolg wird getrübt durch immer heftiger werdende Streitereien der beiden Brüder, die unversöhnlich und kompromisslos ihre jeweils eigenen geschäftlichen Interessen verfolgen. 1948 kommt es schließlich zur Aufspaltung des Stammwerks: die Geburtsstunde der zwei Weltkonzerne Adidas und Puma. 

Das RTL Event-Movie ist unter der Regie von Oliver Dommenget entstanden. Produzenten sind Michael Souvignier (Zeitsprung Pictures) und Uwe Kersken (G5 fiction). Die Fachberatung haben der renommierte Dokumentarfilmer Stefan Lamby sowie der Historiker Prof. Dr. Gregor Schöllgen (Uni Erlangen-Nürnberg) übernommen. Der Film wurde von der Film- und Medienstiftung NRW sowie vom Medienboard Berlin-Brandenburg unterstützt. In den Hauptrollen: Die Schauspieler Ken Duken, Torben Liebrecht, Picco von Groote, Nadja Becker.

Ihre Kommentare
Kopf

Andi

25.03.2016
!

Interessantes Interview mit einem bewundernswerten Produzenten, Danke. Eine Frage nur: Warum nennen Sie bei "Duell der Brüder" zwar den Regisseur und die Hauptdarsteller und auch zwei Fachberater, aber nicht den Menschen, der das Drehbuch geschrieben hat? Das soll ja dem Vernehmen nach nicht ganz unwichtig für einen Film sein...


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