"Journalismus der Zukunft" (8): Die Macht der Gerüchte und die Macht der Journalisten

 

Es ist chic geworden, von der Lügenpresse zu sprechen: Jeder hat sich schon mal über seine Zeitung geärgert, über banale Fehler oder handfeste Irrtümer, über Enten und andere Tiere. Aber die Schar der Lügenpresse-Anhänger ist keine homogene Gruppe, im Gegenteil.

Bernd Kastner, Reporter der "Süddeutschen Zeitung", besucht Frau Wölk, die der "SZ" geschrieben hatte, sie sei "Teil des Schweigekartells". Beim Herausgehen fragt der Reporter Frau Wölk, ob sie die "Süddeutsche" abonniert habe. Die skeptische Frau Wölk wundert sich über die Frage und antwortet: "Selbstverständlich." Es gibt offenbar viele Leser, die die Lügenpresse mögen, lesen und sich über sie ärgern - und dies alles auf einmal.

Es lohnt die Kunst der Unterscheidung: Wer gehört zu den Kritikern der Lügenpresse? Und wen können Journalisten noch erreichen?

Die Unbelehrbaren, die beleidigen, aufwiegeln und Gewalt säen, sind kaum zu erreichen, weder wenn sie allein vor ihrem Computer sitzen, noch in Gruppen, die marschieren und nach Spott-Reden die deutsche Nationalhymne anstimmen.

Die Mitläufer scharen sich hinter den Hasspredigern, weil sie die Medien - gleich weder Art - nicht als ihre Wortführer respektieren, sondern als Sprachrohr der Mächtigen. Sie sehnen sich nach einer Stimme, die ihren Verletzungen, Ausgrenzungen und Erniedrigungen Öffentlichkeit gibt. Sie sind zu erreichen, wenn sie Respekt spüren und ihre scheinbare Machtlosigkeit artikuliert wird. Es lohnt ein Blick zu den Wissenschaftlern, den Neuro-Biologen, die ein optimistisches Bild vom Menschen zeichnen: Unser Gehirn lässt sich von den Bösen prägen - und so auch von den Guten. Der Hirnforscher Gerhard Roth fand heraus: Unsere Persönlichkeit, Psyche und Geist sind nicht allein geprägt durch die Gene, sondern auch - "das ist die große Einsicht" - durch die Umwelt. Menschen sind formbar, "im positiven wie leider auch im negativen Sinn, und das ist die große Chance, die wir heute haben", sagt der Biologe. " Menschen sind nicht so von Beginn an, wie sie gerade mal sind, sondern wir können sie beeinflussen, hoffentlich positiv. Das mit naturwissenschaftlichen Mitteln demonstrieren zu können, ist eine der größten Errungenschaften der Wissenschaft überhaupt.

"Das ist die Chance der Lokalzeitungen: Sie berichten aus der Welt, die die vertraute Welt aller Leser ist. Lokalredakteure können Auge in Auge reagieren - und sie sollten es tun, denn sie finden leicht gute Argumente.

Ein vorbildliches Beispiel gab Christoph Pepper, Chefredakteur des "Mindener Tageblatts", der im Januar 2016 auf einer kompletten Zeitungsseite einen langen Leserbrief veröffentlichte und darunter dem Leser gleich antwortete - "auch wenn Sie - verzeihen Sie das offene Wort - die Zumutbarkeitsgrenze durchaus überschreiten". So zeigt ein Redakteur Respekt und fordert umgekehrt auch Respekt ein - und die meisten Leser werden ihm ebenfalls den Respekt zollen.

Statt Verschwörungen detailliert zu erzählen, ist es besser, die falsche Geschichte mit einer neuen zu überschreiben

Die "Da muss ja was dran sein"-Denker sind auch mit Argumenten zu erreichen: Sachlich, ohne erhobenen Zeigefinger. Das setzt voraus, dass die Redaktion bereit ist, sich auch mit maßlosen Tiraden auseinanderzusetzen. Aber Vorsicht! Wer Verschwörungen ausführlich Raum gibt, macht sie glaubhaft - auch wenn er sie gleich widerlegt; das fanden Sozialpsychologen heraus.Wie entkommt ein Journalist dieser Falle? Der Wissenschaftsredakteur Sebastian Herrmann gibt Tipps in einem "SZ"-Leitartikel; er rät dazu: Statt Verschwörungen detailliert zu erzählen, so dass sie sich einprägen, ist es besser, die falsche Geschichte mit einer neuen Geschichte zu überschreiben und zu recherchieren:

- Wer erzählt die Geschichte?

- Warum erzählt er sie? Was sind seine Motive? 

- Wie ist die Geschichte entstanden? Welche giftigen Quellen gibt es?

- Wer profitiert von der Verbreitung?

Die Guten, unwortmäßig als Gutmenschen verspottet, werden unruhig, wenn sie immer mehr von denen lesen, die nur murren und hassen. Ihnen werden Redakteure gerecht, wenn sie nüchtern erzählen, was die tun, die solidarisch sind, wie sie helfen und wie man sich ihnen anschließen kann. Nichts verstört mehr als die nüchterne Erzählung, wie man Gutes tun kann. Nichts verschließt mehr als das ständige Lob der Guten und das Herumtrampeln auf den Bösen.

Konservative Intellektuelle und Journalisten sehen sich im Machtkampf um die Deutungshoheit als Verlierer, beispielsweise der ehemalige "FAZ"-Redakteur Udo Ulfkotte, der mit seinem Buch "Gekaufte Journalisten" monatelang in den Bestseller-Listen stand; der Untertitel des Buchs wird gerne von Pegida-Anhängern zitiert: "Wie Politiker, Geheimdienste und Hochfinanz Deutschlands Massenmedien lenken".Auch der Philosoph Peter Sloterdijk, der sich als "linkskonservativ" bezeichnet, mag Medienkritik, je gröber umso besser: Als er im Münchner Literaturhaus liest, erntet er Beifall, als der die Medien kritisiert, wie Michael Stallknecht in der "Süddeutschen Zeitung" berichtete. Der Beifall spornt Sloterdijk an und er setzt noch einen drauf: Ebenso dringend wie die Flüchtlinge brauchen die Journalisten einen Deutschkurs; Sloterdijk entdeckt "unverantwortliche Journalisten", weil sie die Migration von Milliarden Menschen ignorierten und "weil sie origineller sein wollen als die klügsten Köpfe dieses Landes." Es geht eben um Deutungshoheit.

Gleichwohl waren viele Journalisten über Jahrzehnte zu selbstsicher, zu unkritisch dem eigenen Handeln gegenüber. Schon Ende der sechziger Jahre schrieben Peter Glotz, der SPD-Politiker, und Wolfgang R. Langenbucher, der Kommunikations-Professor, eine "Kritik der deutschen Presse" unter dem Titel "Der missachtete Leser". Dieter Golombek gründete daraufhin sein Lokaljournalistenpreis und sorgte dafür, dass der wichtigste Teil der Zeitung verständlicher, politischer und im besten Sinne bürgerlicher wurde. Heute gibt es exzellente Lokalteile in Dresden und Konstanz, in Flensburg und Winnenden, in Nordhausen und Pforzheim und vielen Städten und Kreisen: Man lese nur das Buch mit den preis- und fast preisgekrönten Beiträgen zum Deutschen Lokaljournalistenpreis, das Jahr für Jahr erscheint. Armin Maus, Chefredakteur in Braunschweig, nennt seine Zeitung sogar "Die Bürgerzeitung".

Wer nur eine Zeitung liest möchte in seiner Zeitung viele Positionen entdecken, er mag nicht das Gefühl, belehrt zu werden

Dennoch steckt in den aktuellen Vorwürfen, jenseits politischer Agitation, immer noch einiges an Wahrheit:

Der Konformitätsdruck existiert, wenn auch nicht auf Weisung von oben: Wie erklärt man einem Leser, dass er dieselben Themen in der "Tagesschau" sieht und in diversen Zeitungen und Magazinen, deren Titelseiten er sich am Kiosk anschaut?

Die Einseitigkeit ist als genereller Vorwurf zwar unzutreffend, aber aus Sicht der Leser korrekt: Wer nur eine Zeitung liest - und das sind die meisten - möchte in seiner Zeitung möglichst viele Positionen entdecken, er schätzt Debatten, das "Pro & Kontra"; er mag nicht das Gefühl, belehrt zu werden.

Die Unfehlbarkeit ähnelt dem Papst-Dogma der katholischen Kirche. Nur selten gestehen Journalisten Fehler ein, lassen nur selten über wirkliche oder vermeintliche Fehler diskutieren. "Echte Fehlleistungen räumt kaum jemand ein", bekennt Ex-"Spiegel"-Chefredakteur Georg Mascolo.

Allerdings werden Fehler, die etwa das ZDF in der Flüchtlings-Debatte einräumte, von Politiker und anderen Kritikern als Beweis für die "Lügenpresse" genommen. Bayerns Ministerpräsident Seehofer sagte in einem "Spiegel"-Interview: "Das ZDF musste wegen der Berichterstattung über Köln sein Bedauern zum Ausdruck bringen. Die ARD hat erklärt, ja, es stimmt, wir haben viele flüchtende Frauen und Kinder gezeigt, aber nicht im selben Maße die Männer, die viel häufiger nach Deutschland kamen. Zum Teil gab es eine Berichterstattung, die wenig mit der Realität zu tun hatte." Fehler, die Medien korrigieren, werden also nicht als Beleg für Liberalität genommen, sondern als Ausdruck grundsätzlicher Verderbtheit.

"Corrections" sind in den meisten US-Zeitungen tägliche Übung: Am 3. März 2016 beispielsweise korrigierte die New York Times ein Dutzend Fehler; täglich fordert sie ihre Leser auf, Fehler zu melden. Wahrscheinlich müssen deutsche Leser und Politiker sich erst daran gewöhnen, dass Fehler in Zeitungen normal sind und es normal ist, sie zu korrigieren.

Die Unnahbarkeit von Journalisten, die wie in einem Wachturm über den Menschen hocken, führt bei den Lesern zu dem Urteil: Die sind für uns nicht mehr erreichbar. Amerikanische Zeitungen haben deshalb den Ombudsmann eingeführt, der neutral die Interessen der Leser vertritt, ihre Beschwerden recherchiert und darüber unbeeinflusst in der Zeitung berichtet - was nicht selten zum Unmut der Redakteure führt.

In Deutschland haben nur wenige Verlage einen Ombudsmann. Anton Sahlender, Ex-Vize-Chefredakteur der Main-Post in Würzburg, hat eine eigene Kolumne in seiner Zeitung. Er führt die Vereinigung der Medien-Ombudsleute, die sich auf diesen Prinzipien verpflichtet haben:

  • Der Medien-Ombudsmann setzt sich für den Schutz und die Steigerung der Qualität des Journalismus durch Förderung eines respektvollen und wahrheitsgemäßen Diskurses über die Methoden und Zwecke des Journalismus ein.
  • Hauptziel des Medien-Ombudsmanns ist die Förderung der Transparenz innerhalb seines Medienunternehmens.

Die "Braunschweiger Zeitung" war eine der ersten Redaktionen in Deutschland, die einen Ombudsmann von außen verpflichtet hat: Zuerst ein ehemaliger Staatsanwalt, nach dessen Tod der emeritierte Domprediger, der Ängste und Sehnsüchte von Menschen kennt, von denen die meisten Journalisten nicht einmal eine Ahnung haben.

Journalisten jagen immer wieder Menschen - und wundern sich, wenn heute Menschen Journalisten jagen

Die Käuflichkeit von Journalisten beginnt, wenn sie die Grenzlinie zur Werbung überschreiten. Die großen Zeitungen und Magazine proben trotz aller Aversion der Leser gegen PR in seriösen Zeitungen schon "Native Advertising", also Werbung im Netz, die wie großer Journalismus daherkommt. Jochen Wegner, der Chefredakteur von Zeit Online, bekennt: "Viele große internationale Medien haben schon eine Antwort gegeben und Einheiten für Native Advertising aufgebaut. Ich denke, dass wir das langfristig auch tun müssen. Wir wollen sehen, ob das geht, ohne dass man dabei seine Seele verliert."

Die Jagd nach provokanten Schlagzeilen macht Journalisten verführbar. PR-Profis, Pressesprecher und Politiker wissen das und instrumentalisieren Redaktionen, als wären sie bereitwillige Erfüllungsgehilfen. Frauke Petry, Chefin der AfD, schrieb vor Landtagswahlen im März 2016 ihren Mitgliedern diese Mail (gekürzt):

"In einer auf Zuspitzungen und Verkürzungen angelegten Medienlandschaft gehen differenzierte und sachlich formulierte Aussagen leicht unter. Um sich medial Gehör zu verschaffen, sind daher pointierte, teilweise provokante Aussagen unerlässlich. Oder um es mit Konrad Adenauer zu sagen: Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernstgenommen'." In Sachsen-Anhalt bekam die AfD die zweitmeisten Stimmen.

Nähe zu den Eliten mögen Leser nicht, zu groß ist das Misstrauen gegen Politiker, Kirche und Wirtschaft. Leser mögen eine vierte Gewalt, die Distanz wahrt, sichtbar Distanz wahrt, und nicht in der ersten Reihe sitzt.

Die Unfairness im Umgang mit den Eliten irritiert gleichwohl. "Wir haben an der Menschen- und Hetzjagd nach Leuten, die Fehler begangen haben, partizipiert", bekannte "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo in einer Debatte über Qualitätsjournalismus. "Die Hetze, als die Leute schon am Boden lagen, ist ein Armutszeugnis für unsere Branche." Es ist eine Gratwanderung: Die Eliten zu kontrollieren und gleichzeitig fair mit ihnen umzugehen. Aber keiner behauptet, dass Journalismus einfach sei.

Die Lust an der Vernichtung der sozialen Existenz, einst ein Merkmal des Boulevards, wuchert in die seriösen Zeitungen hinein. Das Motto der "Bildzeitung" gehört ihr nicht mehr allein: "Wer mit uns im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit uns nach unten". So sehr sich Menschen auch an sozialen Hinrichtungen ergötzen mögen, so fällt auf die Henker doch ein Schatten: Die meisten haben ein Gespür für Fairness, und sie mögen die nicht, die folgenlos unfair spielen.

Journalisten jagen immer wieder Menschen - und wundern sich, wenn heute Menschen Journalisten jagen: Lügenpresse. Die Respektlosigkeit kehrt sich um.

Das können Journalisten ändern.

Die Macht der Gerüchte ist auch Titel einer Podiumsdiskussion beim Europäischen Newspaper Kongress mit Manfred Perterer (Chefredakteur der Salzburger Nachrichten, Anton Sahlender (Würzburg, Präsident der deutschen Ombudsräte) und) und Ulrich Wolf (Reporter der Sächsischen Zeitung, Dresden); die Moderation übernimmt Paul-Josef Raue. Der Kongress findet vom 1. bis 3. Mai in Wien statt.

Paul-Josef Raue (65) berät Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen. Er war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt und Marburg. Er gründete mit der Eisenacher Presse die erste deutsch-deutsche Zeitung. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standwerk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren im Rowohlt-Verlag erscheint.

Bisher erschienen:

  • Teil 1: "Journalismus der Zukunft" am 9. Februar 2016
  • Teil 2: All journalism is local - Aber welchen Lokaljournalismus brauchen die Leser (Das Lokale) am 16. Februar 2016
  • Teil 3: "Der Lokaljournalismus muss seine Richtung ändern" am 23. Februar 2016
  • Teil 4: "Leidenschaft. Ohne Leidenschaft ist Journalismus wenig wert" (Welche Journalisten brauchen wir) am 1. März 2016
  • Teil 5: "Unsere Ausbildung stimmt nicht mehr" (Das Volontariat) am 8. März 2016
  • Teil 6: "Eine Redaktion, ein Desk und immer weniger Redakteure" (Die Organisation der Redaktion) am 15. März 2016
  • Teil 7: "Was kommt nach der Lügenpresse?" am 22. März 2016

Nächste Folgen:

  • Teil 9 (neu): Lügenpresse und zwei Oscars für den Journalismus
  • Teil 10 und weitere: Was ist Qualität? Die acht Pfeiler des Journalismus

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