Chefredakteur Georg Löwisch über die taz: "Man regt sich über sie auf und dann ist man wieder ganz verknallt"

30.03.2016
 

Die taz war für Georg Löwisch "schon immer mehr als eine Zeitung". Seit September 2015 ist er Chefredakteur. Mit kress.de sprach Löwisch, gleichermaßen entspannt wie enthusiastisch, über seine beiden neuen Stellvertreterinnen und den bevorstehenden Umzug. Warum er seine Redaktion mit einem Kettenkarussell vergleicht und die taz "schon seit über 30 Jahren die Zeitung der Zukunft ist".

kress.de: Sie sind ein echtes Kind der taz. Ihr erster Text erschien 1997, es folgte ein Volontariat, Sie waren Redakteur und Ressortleiter. 2012 verließen Sie das Haus und gingen als Textchef zum Cicero. Nun sind sie zurück. Alte Liebe?

Georg Löwisch: Absolut. Die taz ist - und war schon immer - mehr als eine Zeitung. Man ist mit ihr traurig, man ist mit ihr glücklich, man regt sich über sie auf und dann ist man wieder ganz verknallt in die taz. Deswegen bin ich wieder zurückgekommen.

Ab April stoßen Barbara Junge und Katrin Gottschalk zur Chefredaktion. Was erhoffen Sie sich von der Kombination?

Georg Löwisch: Wir drei sind sehr unterschiedlich, so dass wir ganz verschiedene Impulse und Qualitäten einbringen können. Und wir sind uns zugleich ähnlich genug, um ein gutes Gespann zu bilden. Barbara Junge hat internationale Erfahrung von Nahost bis New York. Katrin Gottschalk ist feministische Journalistin mit einem Faible für GIFs und Listicles. Und ich bin eher der textbesessene Blattmacher mit einem Blick für Leute. Was uns verbindet, ist die Zuneigung zur taz, für die wir alle schon vorher einmal gearbeitet haben. Vielleicht ist das eine neue Phase der taz: Erstmals gehen Kolleginnen und Kollegen nicht nur zur Konkurrenz, sondern kommen mit neuen Erfahrungen ins Haus zurück.

Das Kettenkarussell-Prinzip

Sie leiten eine Zeitung, die für ausgeprägte Diskussionsfreudigkeit bekannt ist. Gibt es einen Trick?

Georg Löwisch: Die präzisen Debatten muss man als Reichtum begreifen. Es wird ja jedes Mal spannend, wenn sich inhaltlicher Streit auch in der Zeitung wiederfindet, wenn die taz zu ein- und demselben Thema mehrere Meinungen bringt. Unsere Vielfalt ist unsere Stärke. Das gilt auch für die Charaktere in der Redaktion. Es sind sehr laute und sehr leise Menschen darunter. Stellen Sie sich die Redaktion als Kettenkarussell vor. Die einen bilden die stabile Mittelsäule, die sich ruhig und gleichmäßig dreht. Sie sorgen dafür, dass die einzelnen Schaukeln nicht wegfliegen. Und andere sind eben diese Schaukeln, die außen so wunderbar hin- und herschwingen.

Und Sie?

Georg Löwisch: Ich bin eher einer, der für Stabilität steht ... und eigentlich weniger spektakulär.

Wünschen Sie sich manchmal, eine Schaukel zu sein?

Georg Löwisch: Nein, ich weiß, wo ich mich nützlich machen kann. Ich kann sehr gut Anregungen geben und Leute motivieren, was Tolles zu machen. Darin bin ich besser, als selber was Verrücktes zu liefern. Und in einem Zeitungshaus, speziell bei der taz, braucht man ohnehin beides. Schaukeln und Mittelsäule.

Zeitung der Zukunft

Im letzten Jahr haben sie gesagt, die taz sei die Zeitung der Zukunft. Warum?

Georg Löwisch: Die taz ist schon seit über 30 Jahren die Zeitung der Zukunft. Wir haben ganz früh auf unser Genossenschaftsmodell statt ausschließlich auf Anzeigen- und Vertriebserlöse gesetzt, waren 1995 die erste deutsche Tageszeitung im Internet, haben 2009 mit der taz am Wochenende den Lesetag Samstag entdeckt. Und jetzt etablieren wir gerade das freiwillige Online-Bezahlmodell "taz zahl ich", an dem sich inzwischen mehr als 7.000 Menschen beteiligen - und zwar jeden Monat. Wir sind gut für Zukunftslösungen.

Wie flach dürfen, wie steil müssen Hierarchien eigentlich sein?

Georg Löwisch: Die taz ist keine Kommandozeitung, wo alle entlang einer Blattlinie marschieren. Ich muss mich gut mit den Leuten abstimmen, die in der Redaktion für eine Frage zuständig sind und auch häufig mit Leuten, die nicht zuständig sind. Diese Checks und Balances senken ein bisschen das Risiko, dass wir den allergrößten Mist entscheiden. Trotzdem muss ich Entscheidungen natürlich in einem gewissen Zeitrahmen treffen. Das gilt vor allem für die Frage, wer im Team welche Verantwortung übernimmt.

Ende 2017 steht der Umzug ins neugebaute, von der Community finanzierte taz-Haus an.

Georg Löwisch: Das wird natürlich aufregend und stressig. Aber wir freuen uns sehr darauf, endlich alles unter einem Dach zu haben. Nicht nur Redaktion und Verlag, sondern auch das taz-Café und separate Veranstaltungsräume.

Freies Denken ab links der Mitte

Inwieweit wird der Umzug die Zeitung verändern?

Georg Löwisch: Neue Räume schaffen immer neue Denkräume. Und es ist auch ein tolles Signal, dass wir nicht in irgendein Gewerbegebiet am Stadtrand ziehen, sondern im alten Berliner Zeitungsviertel bleiben, in der Friedrichsstraße, mitten in Berlin und nicht abgekoppelt von der wirklichen Welt.

Was ist das Alleinstellungsmerkmal der taz 2016?

Georg Löwisch: Die politische Szenerie rutscht nach rechts. Und die deutschen Debatten werden 2016 so grobschablonig geführt, dass einem schlecht wird. Dagegen sind wir ein Medienhaus, in dem von der Mitte bis ziemlich weit nach links gedacht wird. Das genau diskutiert, Auseinandersetzungen zulässt und ungehörten Stimmen Raum gibt. Das auch selber gern in Widersprüchen lebt und darüber spricht, auch jenseits von Sortierungen und Schubladendenken. Ich erlebe das zum Beispiel in unserer Konferenz als einen großen Luxus. Deshalb gehe ich jeden Morgen gerne in die taz.

Das Interview mit Georg Löwisch ist Teil einer kress.de-Serie zur taz. Bereits erschienen ist der Artikel:

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