SWR-Chefreporter Thomas Leif über den "Innovationsreport" beim "Spiegel": "Es geht um einen organisierten Denkmalsturz"

 

Der "Innovationsreport" beim "Spiegel" ist für SWR-Chefreporter Thomas Leif ein "organisierter Denkmalsturz": "Der im Auftrag von Chefredaktion und Geschäftsführung mit allen verfügbaren Ressourcen und internen, vertraulichen Datenquellen angefertigte 'Innovationsreport' soll alle Mitarbeiterinn und Mitarbeiter beim 'Spiegel' auf den unaufschiebbaren Wandel im digital geprägten Medienmarkt vorbereiten."

Leif, der im SWR am Donnerstag zuerst über den "Innovationsreport" berichtet hat, identifiziert in der schonungslosen "Spiegel-Analyse" drei zentrale Botschaften, die er heute früh im Interview mit Bettina Klein im Deutschlandfunk erläuterte:

1. Die Defizite und Schwachstellen der "Marke Spiegel" werden erstmals tabufrei und kühl dokumentiert: die hierarchischen Verkrustungen und Seilschaften, der unvertretbare Privilegien-Wildwuchs, der Ressort-Egoismus, die Abschottungs-Kultur im Unternehmen. Mit der faktengesättigten Analyse soll bewusst eine "schöpferische Zerstörung" des Leitmediums in Deutschland vorgenommen werden. Damit soll der Freiraum für neues Denken geschaffen werden.

2. Nur wenn die gesamte "Spiegel"-Gruppe ihre Organisation, ihr Selbstverständnis, ihre interne Kommunikationskultur fundamental ändert, hat sie eine langfristige Überlebenschance. Es geht also um eine Kombination: die radikale (Selbst)-Kritik und der riskante Blick nach Innen sollen den Weg freimachen für eine neue "Spiegel"-Kultur, für echte Innovation, getragen von Aufbruchstimmung und Risikobereitschaft für neue Projekte und publizistische Ideen. Auspropieren geht vor Bewahren. Das Ziel ist eine neue Medienmacher-Architektur, die alle verfügbaren Ressourcen - jenseits des Status Quo - intelligent bündelt. Der Vorschlag, das betonierte Sinnbild für das alte Hierarchie-Denken, den Neubau an der Ericusspitze zu verlassen, symbolisiert die geforderte Konsequenz. Der rigorose Stil der Expertise aus dem eigenen Haus ist der semantische Vorbote für das, was kommen soll.

3. Die 61-seitige Präzisions-Analyse denkt die zermürbenden Machtkämpfe in der Post-Stefan-Aust-Ära mit und hat den "Innovationsreport" von einem Querschnitt-Team der "Spiegel"-Gruppe von unten verfassen lassen. Die Betriebsgeheimnisse von oben inclusive professioneller Berater wurden beigesteuert. Dies reduziert vorerst die Angriffsflächen. Aber das "Feuer unterm Eis" bleibt. Die Spitzen gegen die Status-Quo-Bewahrer sind scharf formuliert.

Für Leif ist der "Innovationsreport" die bislang wohl "gründlichste, dichteste, auf vielfältigen internen Quellen beruhende Analyse eines Medien-Unternehmens". Diese Expertise, die auf die Weisheit der Vielen in allen Verlagssegmenten baut, blamiert gleichzeitig die bisher vorliegenden 'Null-Acht-Fünfzehn-Methoden' der externen Unternehmensberatern, die zuvor die meisten Verlage in Deutschland heimgesucht haben.

Mit der sorgfältigen Analyse würde der "Spiegel" Medientrends vorwegnehmen. Zukünftig bleibe niemand von Kritik verschont, nicht einmal die bislang sakrosankten "Spiegel"-Gesellschafter, denen bescheinigt wird, zu langsam und "risikoavers" zu agieren und die Nicht-Entscheidung über wichtige Vorhaben zu pflegen.

Auch würden Hierarchien und Ressorts keinen Selbstzweck erfüllen, sie müssten sich in ihrem Mehrwert für das Ganze ständig beweisen: "Vernetzte Teams und Talente prägen künftig die interne Kultur, Ressortgrenzen und Bürokratie-Schleifen sind von gestern. Der Status quo verschwindet: permanenter Austausch und (herrschaftsfreie) Kommunikation erzeugen eine neue Unternehmenskultur. Der Wandel und die Ideen beflügeln einen neuen Gemeinschaftsgeist", so SWR-Chefreporter Thomas Leif.

Der "Innovationsreport" reflektiert bereits den Autoritäts-Entzug des "Spiegel", aber auch anderer Medien durch das Publikum. Arroganz, Besserwisserei, Überheblichkeit, Zynismus und Sarkasmus und andere Accessoires der Macht sind offenbar aufgebraucht. In dem aktuelle und frühere "Spiegel-Mitarbeiter auf Basis einer Umfrage das "Denkmal Spiegel" selbst stürzen, gibt es kein Zurück in die bequeme Welt der Schönredner, Verdränger und Beschwichtiger. Wenn Kritik am eigenen Betrieb mit seinen gelernten Routine-Schleifen der Macht-Bürokratie von Oben faktisch verordnet wird, ändern sich die Machtverhältnisse.

Leifs Fazit ist offen: Ob es gelingt die internen Widerstände einzuhegen, die geplanten Sparprogramme ohne spürbare Qualitätsverluste umzusetzen, den Privilegien-Wildwuchs zu stutzen und die erprobten Hierarchien zu verflachen, ist längst nicht ausgemacht. Der von Chefredaktion und Geschäftsführung beauftragte Innovationsreport ist jedenfalls 'benchmark' für mutige Reformen von erstarrten Medien-Unternehmen. Ein Pool von Ideen und Vorbild für eine ambitionierte Beteiligungskultur der Macher.

Laut Thomas Leif folgt der "Innovationsreport" dem Lern-Prinzip: "Wenn der Spiegel wüsste, was der Spiegel weiß." Ein mutiger Aufbruch zu publizistischen Neuland mit vollem Risiko, hohem Tempo und ziemlich unklarer Sicht in eine neue Spiegel-Ära.

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