Mächtige Maschinerie: Was Medien von den Panama Papers lernen können

06.04.2016
 
 

Die viel geschmähten Verlage alter Abstammung sind lernende Systeme. Diesen Beweis hat der Rechercheverbund um die "SZ" mit den "Panama Papers" erbracht. Mediengeschichte wird diese Story wohl nicht wegen der Tragweite der Enthüllung schreiben. Beeindruckend ist aber die Maschinerie, die zu ihrer Recherche und Realisierung in Gang gesetzt wurde. Es ist eine Gebrauchsanweisung für die zeitgemäße Vermarktung investigativer (= teurer) Geschichten; sie erfüllt in der Praxis etliche Forderungen aus dem legendären Innovation Report der "NYT". Was sich daraus lernen lässt. Eine Einordnung von Steffen Range, Chefredakteur der "Deutschen Handwerks Zeitung".

Interdisziplinäre Mannschaft. Viele komplexe Themen, vor allem an der Schnittstelle von Wirtschaft oder Politik, lassen sich nur noch in interdisziplinären Teams bewältigen. Vom Datenjournalismus ganz zu schweigen: Kein Redakteur ist in der Lage, 2,6 Terabyte Daten zu sichten und begreifbar zu machen. Eine Investigativabteilung, die dieser Datenflut beikommen kann, gleicht eher einer straff geführten Soko als einer Schar kreativer Einzelkämpfer. Der SZ-geführte Rechercheverbund hat das berücksichtigt: 400 Journalisten aus 80 Ländern haben sich - flankiert von Grafikern, Illustratoren und Programmierern - ein Jahr lang mit den Unterlagen befasst, ohne dass Details an die Öffentlichkeit drangen. Das kommt einer logistischen Großtat gleich und ist auch eine Antwort auf die Globalisierung. Denn die Wege des weltweit vagabundieren Kapitals lassen sich am besten durch einen global angelegten Rechercheverbund verfolgen.

Viele Kanäle. Die Vermarktung der Story wurde von Anfang an digital angegangen. Die gedruckte Zeitung war ein wichtiger Ausgabekanal, doch die Veröffentlichung wurde nicht um Print herum konzipiert. Den Anfang der Choreografie machten die sozialen Netzwerke: Im Minutentakt poppten am Sonntag die Eilmeldungen auf, wobei zunächst die Hashtags #panamaleaks und #panamapapers um die Vorherrschaft rangen. Glaubwürdige Marken wie "Süddeutsche Zeitung" und BBC verbreiteten die Nachricht kurz vor 20 Uhr deutscher Zeit in den sozialen Netzwerken, darauf folgte im Fernsehen die Tagesschau mit einer kurzen Meldung - kaum ein politisch interessierter, netzaffiner Leser oder Zuschauer konnte kurz vor dem Tatort dieser Nachricht entgehen. Letzte Zweifel, ob es sich hier wirklich um eine ungewöhnliche Enthüllung handeln sollte, wurden zerstreut, als Snowden die Story mit dem Tweet empfahl: "Biggest leak in the history of data journalism just went live, and it's about corruption".

Um einer möglichen Überlastung ihrer Server vorzubeugen, hatte die SZ vorsorglich - und zu Recht - eine gesonderten Landingpage für das Online-Spezial auf www.panamapapers.de eingerichtet. Anne Will nahm sich des Themas in ihrer Talkrunde an (wobei hier mehr der gute Wille zählte als der Erkenntnisgewinn). Auch die Konkurrenz zeigte sich konstruktiv und befeuerte die Geschichte: Die meisten Qualitätsmedien berichteten noch in den Abendstunden ausführlich auf ihren Online-Portalen. Sie nahmen den Nachrichtenwert wichtiger als die Rivalität zum öffentlich-privaten Rechercheverbund.

Minuten nach der ersten Eilmeldung hatte sich die News im Internet und in den sozialen Netzwerken verbreitet. Das ist bei selbst gesetzten Themen - anders als bei aktuellen Nachrichten, die auf einschneidenden Ereignissen wie Todesfällen oder Katastrophen beruhen - keine Selbstverständlichkeit. Den Schlusspunkt der ersten Vermarktungswelle bildete die Zeitung. Für die gedruckte Ausgabe der Süddeutschen etwa wurde in den Morgenstunden mit Radiospots geworben.

Am Abend des zweiten Tages wiederum liefen zwei Dokumentationen in der ARD, am darauf folgenden Tag stiegen konkurrierende Zeitungen mit Sonderseiten und Schwerpunkten ein. Mittlerweile gibt es diverse "Making of"-Formate zu den Panamapapiern. Der Rechercheverbund feiert sich selbst. Es werden noch viele Auftritte der beteiligten Investigativreporter in Radio und Fernsehen folgen, diverse offene und geschlossene Diskussionsveranstaltungen in Großstädten - und am Ende springen wohl ein paar Journalistenpreise heraus. Der Nachhall für die beteiligten Medien also wird groß sein, selbst wenn sich niemand mehr für Briefkastenfirmen interessiert.

Geringe Aufmerksamkeitsspanne. Seit Jahren lässt sich feststellen, dass Anteilnahme und Aufmerksamkeit des Publikums selbst bei Großereignissen rasch nachlassen. Selbst von bedeutenden Enthüllungen können Redaktionen nicht mehr tagelang zehren. So auch in diesem Fall. Nach spätestens einem Tag waren alle Witze über Panamahüte auserzählt und alle Janosch-Analogien gezogen. Wohl auch aufgrund solcher Annahmen ließ sich der SZ-Rechercheverbund nicht dazu hinreißen, die Story scheibchenweise zu verbreiten. Die wesentlichen Ergebnisse kamen auf einen Schlag heraus, lediglich den Deutschland-Dreh sparten sich die Journalisten auf. Ihnen blieb keine andere Wahl: eingedenk der Tatsache, dass diese Story in den meisten Medien nach einer halben Woche auf Liebhaberstatus herabgestuft und fortan - wie NSA und NSU - nur noch von Journalisten, Politikern und Spitzenbeamten rezipiert werden wird.

So erklärt sich auch der Verkaufsstart des Buches zu den Panamapapieren. Es erscheint am Mittwoch, 6. April - drei Tage nach der ersten Eilmeldung. Wer erinnert sich noch an die Zeiten, als die Bildbände zur Fußball-WM von Dieter Kürten oder Harry Valerien viele Wochen nach dem Sportereignis auf den Markt kamen? Kurzum: Es wurde für die Panamapapiere, abgestimmt auf den Zeitpunkt der Veröffentlichung, eine Vermarktungsmaschinerie in Gang gesetzt, wie wir sie bisher von Star Wars oder Harry Potter kannten. Panama-Legofiguren und Puzzle bleiben uns indes erspart.

Selbstverständlich haben nur wenige Geschichten die Wucht einer solchen Story. Und ob die Anstrengung im gesunden Verhältnis zum tatsächlichen Wert der Enthüllung steht, wird sich noch weisen. Jede Redaktion, die eine Investigativabteilung betreibt, muss sich die Frage gefallen lassen, ob derartig gewaltige Ressourcen nicht besser in die kontinuierliche Verbesserung von Print und Online investiert sind. So oder so wurde eine Antwort gegeben, wie Qualitätsjournalismus auf Weltniveau zeitgemäß interpretiert werden kann.

Allerdings lassen sich auch für Storys, die eine oder zwei Nummern kleiner sind, Schlussfolgerungen ziehen. Redaktionen müssen ihre Scheu überwinden, mit Marketingabteilungen zusammenzuarbeiten. Sie können auch im Regionalen die Durchschlagkraft herausragender Geschichten mit Radiospots, gut geplanter Onlinewerbung und Social-Media-Kampagnen unterstützen. Einzelkämpfer haben ausgespielt. Große Storys verlangen nach einem großen Aufschlag. Wer eine Geschichte sorgfältig recherchieren, aufschreiben, inszenieren will, bedarf der Unterstützung von Datenjournalisten, Illustratoren, Social-Media-Experten und Verkäufern. Das erzwingen allein schon kaufmännische Erwägungen. Wenn eine Redaktion Dutzende Manntage und damit Tausende Euro für die Entstehung einer Geschichte ausgibt, kann es kaum genügen, die Story eines willkürlichen Tages auf der Titelseite der Zeitung (oder online) zu bringen und zu hoffen, dass die Laufkundschaft die großartige Recherche zur Kenntnis nimmt. Diese Form des Understatements ist zwar sympathisch, aber aus der Zeit gefallen.

Steffen Range

kress.de-Lesetipp: Paul-Josef Raue, Newsroom.de: Das neue Gold des Journalismus: Vier Erkenntnisse aus den Panama-Papers-Recherchen

 

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