Ein deutsch-türkischer Star: Wie sehr Orhan Kilic die Arbeit am NSU-Opfer-Film bedrückte

 

Mit Rollen wie seiner Debüt-Serie "Herbstbrand" oder als Geheimagent im Politthriller "Stille Kammer" wurde Orhan Kilic zu einem der TV-Stars der Türkei. Im kress.de-Interview erzählt er, wie sehr ihm seine Rolle im NSU-Opfer-Film an die Nieren ging.

In Istanbul, wo der 41-Jährige lebt, kann der "türkische James Bond" kaum auf die Straße gehen, ohne erkannt zu werden. Orhan Kilic pendelt zwischen den Welten - zwischen Deutschland, wo er geboren wurde, aufwuchs und sich an der Hochschule der Künste in Berlin zum Schauspieler ausbilden ließ, und der quirligen Medienmetropole Istanbul.

Der Film "Die Opfer - Bitte vergesst mich nicht" von Regisseur Züli Aladag war eine der größten Herausforderungen in seiner bisherigen Karriere - weil das Politdrama nicht nur auf den viel beschworenen "wahren Begebenheiten" beruht, sondern den Mord an Enver Simsek und die Qualen, die seine Hinterbliebenen durch die fehlgerichteten Ermittlungen der Polizei auf einer Quelle aus erster Hand basieren: Semiya Simsek, im Film hervorragend verkörpert von der Schauspielerin Almila Bagriacik, hat die Vorlage zum Drehbuch des ARD-Films geschrieben, der das Mittelstück der Fernsehfilm-Trilogie zu den NSU-Morden bildete.

kress.de: Herr Kilic, wie kamen Sie denn zu der Rolle von Enver Simsek in dem ARD-Drama "Die Opfer - Vergesst mich nicht"?

Orhan Kilic: Es war so, dass ich dem Regisseur eigentlich schon einmal vorgeschlagen worden war. Zwei Jahre vor diesem Film. Als Züli Aldag damit begann, den NSU-Film vorzubereiten, hat er sich in Deutschland nach frischen Gesichtern umgeschaut. Als ich ihm angeboten wurde, fiel ihm auf, dass er mein Gesicht ja gut kannte. Deswegen ist er mit meiner Agentur in Kontakt getreten. Er hat meine Sachen gesehen, die ich in der Türkei gemacht habe. Er wollte, dass Enver Simsek ein in Deutschland unbekannter Schauspieler spielt.

"Enver zu spielen, war erdrückend"

Was ging in Ihnen vor, als man Ihnen diese verantwortungsvolle Rolle antrug?

Orhan Kilic: Eigentlich wusste ich nicht, wer Enver Simsek ist. Sie müssen wissen, ich lebe seit 2005 in Istanbul. Als ich mich in die tatsächlichen Gegebenheiten eingelesen habe, war ich sehr bedrückt. In der Türkei habe ich zwei große Biographien gespielt, also Menschen dargestellt, die wirklich gelebt hat. Daher hat mich die Verkörperung von Enver Simsek interessiert und neugierig gemacht. Wie brutal, wie unmenschlich er ermordet wurde, darüber habe mich mit seiner Tochter Semiya unterhalten. Es wurde immer schwieriger für mich, die Rolle zu spielen. Ich habe Semiya und die Familie kennengelernt und wurde dadurch immer vorsichtiger bei der Bewerkstelligung der mir gestellten Aufgabe. Enver zu spielen, war erdrückend und eine große Herausforderung. Vor allem, weil ich natürlich der Tochter Semiya und ihrer Familie gerecht werden wollte. Sie hat das Buch geschrieben, auf dem der Film basiert.

Wie beklemmend hat sich das für Sie angefühlt, mit dem Stoff des Fernsehfilms so ungewöhnlich nahe an die Wirklichkeit zu kommen?

Orhan Kilic: Das ganze Team hatte Gespräche geführt - angeleitet vom Regisseur Züli. Wir haben uns viel mit Semiya und ihrer Familie ausgetauscht. Was mit Leichtigkeit anfing, wurde immer beklemmender. Die Tochter hat mir die Geschichte noch einmal komplett erzählt. Sie hat sehr unter den Ereignissen gelitten. Nun war es besonders sehr schwer zu ertragen, weil wir ja die Realität abbilden. Bei ihren Erzählungen blieb mir der Atem weg. Immer wieder fragt ich sie: Wie konntest du damit umgehen? Sie war ja erst 14! Sie sagte: Der Schmerz ist immer da. Zunächst ließ mir die Situation kaum Luft zum Atmen. Doch dann hat mich Semiya daran erinnert, dass ich Schauspieler bin. Ich nahm mir die Zeit, die ich brauchte. Für die Rolle musste ich Semiya vergessen, ich musste die Wahrheit vergessen. Es war für mich die Rettung, dass ich das reale Geschehen für einen Moment verdrängen konnte. Sonst wäre es nicht zu schaffen gewesen.

"Ein Zeichen der Demokratie in Deutschland"

Wie wichtig ist Ihnen der ARD-Film persönlich und inwiefern glauben Sie wird er seinem Ziel gerecht, über die wahren NSU-Hintergründe und die Schmerzen der Opfer aufzuklären?

Orhan Kilic: Wichtig ist vor allen Dingen, dass so ein Film überhaupt gemacht werden kann. Das ist ein Zeichen der Demokratie in Deutschland, was ich total gut finde. Der Film ist ein Dreiteiler. Der Wahrheit wirklich nahe gekommen sind eigentlich vor allem wir, die Opfer. Der Prozess läuft noch. Solange der Verfassungsschutz noch darüber schweigt, wird nichts ans Tageslicht kommen. Ich glaube aber fest daran, dass die wahren Zusammenhänge aufgearbeitet werden. Es gibt noch viele Schatten in der Geschichte.

Wie irritierend ist es für Sie, zwischen den Film- und Fernsehwelten von Deutschland und der Türkei zu pendeln?

Orhan Kilic: Deutschland und die Türkei sind zwei total unterschiedliche Länder. Türken zeigen ihre Emotionen anders, in der Türkei nimmt man das Leben anders wahr, die zwischenmenschlichen Beziehungen haben ein ganz andere Bedeutung. Das ist wie im Fahrstuhl. Man fährt rauf und runter. In Deutschland spielt man sehr ökonomisch, in der Türkei sehr südländisch. Man muss seine Gefühle zeigen - und das manchmal auch im Übermaß. In Deutschland mäßigt man sich dagegen, man dosiert seine Regungen zurückhaltend. Doch damit habe ich kein Problem. Mein Handwerk habe ich in Deutschland gelernt, ich weiß, was Regisseure von mir erwarten.

kress.de: Wie sehr hat Ihre enorme Bekanntheit Ihr Leben verändert? Wie fühlt es sich für Sie an, sich als Fernsehstar durch Istanbul zu gehen?

Orhan Kilic: Man gewöhnt sich an alles. Als ich in der Türkei ankam, war ich schauspielerisch ganz am Anfang. Am Landestheater in Stendal war ich sehr beliebt. Außerhalb von Stendal kannten mich meine Eltern und Bekannten, sonst niemand. Das hat sich geändert. Wenn man wie ich aus bescheidenen Verhältnissen kommt, hat man am Anfang damit Schwierigkeiten. Auf der Straße angehalten und unverblümt angesprochen zu werden, kommt eben vor. Man weiß aber auch genau, was man machen kann, damit man auch mal seine Ruhe hat. Natürlich freut es mich sehr, wenn ich die Menschen mit meiner Schauspielerei berühre. Dafür nehme ich es gerne in Kauf, auch auf der Straße von Unbekannten umarmt zu werden.

"Für eine spannende Rolle würde ich mir 20 Kilo anfuttern"

kress.de: Was muss passieren, damit Sie wieder dauerhaft nach Berlin zurückkehren? Mit welchen deutschen Traumrollen kann man Sie locken?

Orhan Kilic: Ich wünsche mir vor allem Rollen, die mich herausfordern. Wissen Sie, ich habe meine Ausbildung an der HDK in Berlin gemacht. Seitdem weiß ich vor allem eins: Ich möchte in jede Rolle eintauchen, in die Innenwelt der Figur, aber mich äußerlich der Rolle anpassen. Für eine spannende Rolle würde ich mir auch 20 Kilo anfuttern.

Das Interview mit Orhan Kilic führten Rupert Sommer und Bülend Ürük

kress.de-Tipp: Alle drei NSU-Filme der ARD - "Die Täter - Heute ist nicht alle Tage" (Foto: Christian Schwochow), "Die Opfer - Bitte vergesst mich nicht" (Regie: Züli Aladag) und "Die Ermittler - Nur für den Dienstgebrauch" (Regie: Florian Cossen) sowie umfangreiches Hintergrundmatrial, Interviews und Dossiers sind in der ARD Mediathek abrufbar.

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