Hohe Erwartungen an die neue Intendantin: Patricia Schlesinger führt ab 1. Juli den rbb

 

Der rbb hört auch in Zukunft auf das Kommando einer Frau. Der Rundfunkrat der Zwei-Länder-Anstalt wählte am Donnerstag die Fernseh-Journalistin Patricia Schlesinger vom NDR zur neuen Intendantin. Sie soll insbesondere dem als mausgrau verschrienen TV-Programm journalistisch auf die Beine helfen.

Der Rundfunkrat tat sich schwer bei der Wahl der neuen Senderchefin, obwohl sie als Favoritin ins Rennen gegangen war. Erst im sechsten Wahlgang hatte die 54-jährige Schlesinger die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit beisammen: Mit 22 zu sieben Stimmen setzte sie sich am Abend in Potsdam gegen de ZDF-Journalisten Theo Koll durch.

Schlesinger, die beim NDR-Fernsehen die Abteilung Kultur und Dokumentation leitet, tritt am 1. Juli die Nachfolge von Dagmar Reim an, die den rbb seit 2003 geleitet hatte. Während ihrer Karriere arbeitete Schlesinger unter anderem als Redakteurin des Fernsehmagazins "Panorama" und als ARD-Korrespondentin in den USA.

"Das muss besser werden"

Auf die neue Intendantin kommt vor allem eine Reform und Modernisierung des Fernsehprogramms zu. Mit einem Marktanteil von sechs Prozent gehört das rbb-Fernsehen bundesweit zu den Schlusslichtern der Dritten Programme. "Das muss besser werden", hieß es in Kreisen des Rundfunkrats über das schwache journalistische Profil des Senders in der Metropolenregion. Der rbb müsse experimentierfreudiger werden – auch um gezielt ein jüngeres Publikum anzusprechen. Trotz der Umbrüche in der Medienbranche mit wachsenden Problemen des klassischen Fernsehens müsse sich der Sender darum bemühen, jüngere Zuschauer an sich zu binden. "An den Finanzen wird das nicht scheitern", hieß es weiter unter Verweis auf die günstige Finanzlage der Anstalt.

Raus aus dem TV-Quotentief

Auch den Mitarbeitern brennen die dürftigen Zuschauerzahlen auf den Nägeln. Gewünscht werde eine journalistische Führungsperson, die Ideen entwickeln könne, um den Sender aus dem "mehrjährigen Fernseh-Quotentief zu führen", hieß es unlängst in einer Erklärung des Redakteursausschusses. Es gehe darum, den rbb zu einem zukunftsfähigen, multimedialen, öffentlich-rechtlichen Sender zu entwickeln. Im Gegensatz zum Fernsehen stehen die sechs Hörfunkprogramme im Ruf, unproblematisch zu sein.

Das klare Ergebnis für Schlesinger im sechsten Wahlgang dürfte als Vertrauensvotum für die neue Intendantin ausreichen, um die notwendigen Reformen anzupacken. Gegenkandidat Koll leitet das ZDF-Studio in Paris und war davor unter anderem Moderator des Magazins "Frontal21". Neben Schlesinger und Koll war auch ARD-Programmdirektor Volker Herres im Gespräch, der sich jedoch aus dem Kreis der Kandidaten zurückzog.

Der rbb sendet seit dem 1.Mai 2003 ein regionales Fernseh- und sechs Hörfunkprogramme. Er entstand aus dem Zusammenschuss des Senders Freies Berlin (SFB) und des Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg (ORB). Der rbb hat Funkhäuser in Berlin und Potsdam sowie Regionalstudios beziehungsweise -büros in Cottbus und Frankfurt (Oder) sowie in Prenzlau und Perleberg. Zum ARD-Programm trägt die Zwei-Länder-Anstalt unter anderem mit einen "Tatort" aus Berlin, einem "Polizeiruf 110" aus Brandenburg und dem Politik-Magazin "Kontraste" bei. Gemeinsam mit dem Westdeutschen Rundfunk hat der RBB die Federführung beim ARD-Hauptstadtstudio.

Intendantin Reim stand seit Beginn des Programms an der Spitze des Senders. Sie war die erst Frau an der Spitze einer ARD-Anstalt. Ende Juni scheidet sie aus privaten Gründen aus dem Amt. Ihr werden große Verdienste beim Zusammenwachsen von SFB und ORB zum rbb zugeschrieben, zu dessen Sendegebiet neben der Millionenstadt Berlin vor allem dünn besiedelte ländliche Gebiete gehören. Die großen Unterschiede und Interessengegensätze zwischen Mark und Metropole werden auch zur Begründung herangezogen, dass es dem rbb im Gegensatz zu anderen Mehrländeranstalten wie dem Norddeutschen oder dem Mitteldeutschen Rundfunk nicht gelungen ist, eine regionale Identität zu stiften.

Rundfunkrat beklagte Defizite in der Kommunikation

In Kreisen des Rundfunkrats wurden Rein trotz ihrer Verdienste Defizite in der internen Kommunikation vorgeworfen. Hier sei die neue Intendantin ebenfalls gefordert. Allerdings sei Kommunikation keine Einbahnstraße.

Die etwa 1900 rbb-Mitarbeiter betreiben die drittkleinste ARD-Anstalt. Kleiner sind nur der Saarländische Rundfunk und Radio Bremen.

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