Innovationsreport des "Spiegel": Was die Präambel verrät

 

Paul-Josef Raue hat für kress.de die Tonalität des "Spiegel"-Reports mit dem Vorbild von der "New York Times" verglichen. Sehr "deutsch" und ein wenig kleinmütig kommt ihm die vielbeachtete Hamburger Fleißarbeit vor.

Schon der Titel "Innovations-Report" verrät, wo die Autoren des "Spiegel" ihr Vorbild sehen: In "Innovation", dem großen Report der "New York Times" über das Überleben in der digitalen Welt. Vergleichen wir die beiden Vorworte und schauen nach den Unterschieden.

Anklänge an das Pathos im Grundgesetz

Schlicht "Introduction" nennen es die New Yorker, bedeutungsschwer "Präambel" die Hamburger. Editorial,  "Vorwort", "Einführung", "Hausmitteilung" (wie im wöchentlichen "Spiegel") – das sind die gängigen Begriffe. "Präambel" ist ungewöhnlich im Journalismus, klingt bedeutungsschwer und lässt an unser Grundgesetz denken, das mit einer Präambel beginnt: "Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen…"

Der Innovations-Report des Spiegel präambelt in den ersten Sätzen: "Dieser Report ist das Ergebnis eines Experiments. Im Auftrag der Geschäftsführung und der Chefredaktionen haben sich im Juni…" Das klingt sehr deutsch, autoritätsbewusst: "Im Auftrag von…" Und schon leicht entschuldigend: "Experiment" – bitte nicht so ernst nehmen!

Der erste Satz der New Yorker ist schon eher eine Präambel: "The New York Times is winning at journalism." Das ist selbstbewusst, das ist programmatisch. Die Autoren sind sich bewusst, dass viele Klagen, manch Revolutionäres zu lesen sein werden – ab Absatz 2 ff -, aber sie stellen zuerst einmal klar, was nicht verhandelbar ist: "Of all the challenges facing a media company in the digital age, producing great journalism is the hardest. Our daily report is deep, broad, smart and engaging — and we’ve got a huge lead over the competition." Wow!

Kein Wort über die Notwendigkeit von großem Journalismus

Von der immer noch unübertroffenen Bedeutung des "Spiegel" – gerade für unsere Demokratie -, von der Faszination und der Notwendigkeit großen Journalismus fällt nicht ein Satz in der Hamburger Präambel. Der "Spiegel" ist eben ein deutsches Magazin, und so betonen die Autoren schon in den ersten Sätzen, dass sie fleißig waren: Sie "haben in den vergangenen Monaten dieses Dokument erstellt – zum ganz überwiegenden Teil neben ihrem jeweiligen Tagesgeschäft".

Die "Spiegel"-Autoren haben mit vielen internen und externen Experten gesprochen, schreiben sie im zweiten Absatz. Mit wem? Die New Yorker listen alle Gesprächspartner namentlich auf: Rund 300 interne und 150 externe. Die Hamburger nennen keinen, wahrscheinlich beriefen sie sich auf den Datenschutz.

Wer waren die Experten und Firmen, mit denen der "Spiegel" sprach?

Sie haben auch Firmen studiert, die "sich in ähnlichen Situationen wie wir befanden": Welche waren das? Sie nennen keine, die New Yorker zeigen auf einer kompletten Seite die Signets aller Firmen, mit denen sie sich beschäftigt haben: Von Aljazeera über BuzzFeed, Facebook, Google, Netflix, "Politico" bis zur "Washington Post" und dem "Wall Street Journal" und vielen anderen (übrigens ohne ein deutsches Medium).

Ob die Hamburger auch mit "Brand Eins" gesprochen haben, dem erfolgreichen deutschen Wirtschafts-Magazin über Pioniergeist und Lust an der Veränderung – übrigens eine Gründung des "Spiegel"-Verlags, aber nach der zweiten Ausgabe schon aufgegeben und verkauft.

Die New Yorker Autoren stellen sich mit Namen und Foto vor

Wir erfahren die Namen der Hamburger Mitarbeiter, nur die Namen, die in der Spiegel-"Digital-Gruppe" (warum "Digital"?)  wirken. Die Autoren der New Yorker Studie stellen sich mit Foto und ausführlicher Beschreibung ihres Jobs vor, aus dem hervorgeht, warum sie zu den Auserwählten gehören.

Der New Yorker Report beschreibt schon vom zweiten Absatz an schonungslos, warum Veränderung notwendig ist. Die New Yorker verbeugen sich vor den Konkurrenten, die schon um Leser und Kunden kämpfen, und stellen fest: Wir sind gut, aber das reicht nicht.

Der Stil der Times ist schnörkellos, nur an einigen Stellen heult der Motor auf: Brauchen wir einen neuen Journalismus? Nein! "We want to help tune the newsroom engine to get all the cylinders firing more efficiently."

Bullshit-Phrasen statt "Schnörkellosigkeit"

"Ohne allzu viel Schnörkel", so schreiben sie in der Präambel, soll auch der "Spiegel"-Report auskommen, denn: "Wir haben in dem Stil geschrieben, der zum Markenkern unseres Hauses gehört: Zugespitzt und ohne allzu viel Schnörkel."

Doch die Sprache der Präambel ist näher an McKinsey als am "Spiegel": "Konstruktiv und ergebnisorientiert an gemeinsamen Lösungen arbeiten" oder "im Kleinen anfangen und bloß nicht entmutigen lassen". Da haben einige im Wörterbuch der Manager geblättert: Wie spreche ich forsch, aber bedeutungslos? Oder gab es noch ein anderes Vorbild? Spiegel-Online brachte vor gut einem Jahr den "Bullshit-O-Mat", mit dem man seine "Hohlsprech-Skills" trainieren konnte.

Wie wohl manch einer der "Spiegel"-Kolumnisten darüber schreiben würde, wenn es nicht aus dem eigenen Haus käme?

Der "Innovationsreport" klingt schwerfällig

Wie schwer wiegt die Präambel? Bedeutungsschwer oder schwerfällig? Die Autoren haben sich für das zweite entschieden und das New Yorker Vorbild aus den Augen verloren. Es ist aber nur die "Präambel", und wahrscheinlich ist solch ein Report von unten für den Patriarchen- und Elite-Klub an der Elbe schon ein revolutionäres und zu lobendes Werk.

Und wie endet die Präambel der Hamburger? Mit dem unvermeidlichen Gender-gerechten Hinweis, dass auch alle "Kolleginnen und Mitarbeiterinnen" gemeint sind und - dass Kritik erwünscht ist. Und wie soll die Kritik sein? Konstruktiv, ja wirklich: konstruktiv.

Wie enden die New Yorker? Nach all den Schaubildern des Schreckens, deren Kurven nach unten zeigen, werden auch sie konstruktiv, aber nicht vermengt mit einer Klage über die Veränderungs-Unwilligen.  Die Einleitung des "New York Times Innovation Reports" endet mit unbändigem Optimismus: Wir sind die Größten, aber wir müssen Gas geben - "not a single person among the hundreds we interviewed ever suggested tinkering with the journalistic values and integrity that make the 'Times' the greatest journalistic institution in the world. But we must evolve, and quickly, to maintain that status over the coming decades."

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