Früherer "TA"-Chefredakteur Sergej Lochthofen überzeugt: "In Essen glaubt man nicht mehr an die Zukunft der Regionalzeitungen"

 

Eine hitzige Diskussion haben sich in Erfurt Vertreter der Funke Mediengruppe mit Sergej Lochthofen, früherer Chefredakteur von "Thüringer Allgemeine", geliefert. Ein wenig Lob am Anfang darf sein - dass sich mit Geschäftsführer Michael Tallai (Foto) eine Spitzenkraft der Diskussion zum Kahlschlag in den Thüringer Zeitungsredaktionen stellt, ist ein längst überfälliger Paradigmenwechsel in dem einst wichtigsten Regionalzeitungsverlag Deutschlands.

"Der geplante Stellen-Abbau ist einmalig in Deutschland, das ist schrecklich", sagte Sergej Lochthofen, Ex-Chefredakteur der "Thüringer Allgemeine", bei der Podiumsdiskussion in Erfurt, an der auch Beobachter aus Braunschweig und Essen teilnahmen. Die Veranstaltung organisiert hatte die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung. Wir erinnern uns - die SPD-Medienholding ddvg war vor der Komplett-Schließung der Redaktion der "Westfälischen Rundschau" wirtschaftlicher Partner des Essener Medienkonzerns, an deren Spitze die Mehrheits-Eigentümerin Petra Grotkamp steht.

Bei der Diskussion in Erfurt bestätigte der Thüringer Statthalter des Essener Funke-Konzerns, der Mediengruppe-Thüringen-Geschäftsführer Michael Tallai:

1. 150 Mitarbeiter verlieren ihren Arbeitsplatz, davon die meisten in den Redaktionen, die um ein Drittel kleiner werde;

2. die Redaktionen von "Thüringer Allgemeine" (TA), "Thüringische Landeszeitung" (TLZ) und "Ostthüringer Zeitung" (OTZ) werden zusammengelegt und aufgesplittert in eine Gesellschaft, in der sämtliche Lokalredakteure versammelt werden (die heute noch eigenständig sind) und eine zentrale Redaktions-Gesellschaft;

3. die lokalen Redaktions-Sekretariate werden aufgelöst, dafür gibt es ein zentrale Service-Gesellschaft, eine Art erweitertes Callcenter.

Britt Mandler, Betriebsratsvorsitzende von "Thüringer Allgemeine", ergänzte: Rund zwanzig Prozent der Sekretariatsaufgaben werde in die Redaktion verlagert. Sie widersprach auch dem Geschäftsführer, der eine Aufstockung der Lokalredaktionen angekündigt hatte: "Viele Lokalredaktionen werden nicht personell verstärkt. Die Motivation der Redakteure ist im Keller."

"Kahlschlag wegen Umlage für Berliner Zentralredaktion"

Grund für den Kahlschlag ist für Sergej Lochthofen die Umlage, die Thüringen für die Zentralredaktion an der Friedrichstraße in Berlin zahlen müsse. "Das ist ein schlechtes Geschäft: Zwei Millionen im Jahr zu zahlen für etwas, was hier eigentlich keiner will." Auch Geschäftsführer Michael Tallai verwies auf aktuelle Befragungen, wonach die Leser wegen des Lokal- und Thüringen-Teils die Zeitungen abonnieren und nicht wegen der überregionalen Berichterstattung.

Lochthofen nahm Geschäftsführer Tallai in Schutz, da er umsetzen müsse, was ihm die Konzernzentrale in Essen verordne: "In Essen glaubt man nicht mehr an die Zukunft der Regionalzeitungen. An der Spitze steht eine Zeitschriften-Mann, der es gewohnt ist, dass eine Redaktion zwölf Blätter macht."

Tallai stellte sich hinter die Essener Geschäftsführer Manfred Braun und Michael Wüller, er warf Lochthofen vor, zu seiner Zeit mit viel mehr Redakteuren schlechtere Auflagen erzielt zu haben, und sieht auch nicht in der Quantität den Schlüssel zum Erfolg: "Selbst bei Verdoppelung der Redakteursstellen hätten die Zeitungen nicht mehr Leser."

"OTZ"-Chefredakteur Jörg Riebartsch ist als einziger der drei Thüringer Chefredakteure noch im Amt; auch er stellte sich mit Nachdruck und lautstark hinter die Geschäftsführung und den geplanten Abbau. Riebartsch brachte nicht nur mit seinem roten Jackett Farbe in die Runde, er widersprach auch der Befürchtung, in Zukunft werde es einen "Einheitsbrei" geben: Die Fakten, also die Nachrichten, würden in allen drei Zeitungen konform erscheinen, die Wertungen seien verschieden.

Als Beispiel nannte Riebartsch den möglichen Austritt Großbritanniens aus der EU. Da sei er anderer Meinung als der Zentralchef Quoos: "Dann erscheint der Kommentar von Herrn Quoos eben nicht in der OTZ."

Hintergrund: Was die Thüringer Zeitungen berichten

Alle drei Zeitungen berichteten auf der zweiten Thüringen-Seite und frei zugänglich im Internet ausführlich über die Diskussion, jeweils mit eigenen Autoren.

In der "Ostthüringer Zeitung" schrieb Volkhard Paczulla:

"Ziel sei, den überregionalen Teil der Zeitungen, der laut Leserbefragungen nicht Hauptgrund für die Kaufentscheidung sei, mit Inhalten der Berliner Zentralredaktion des Mutterkonzerns Funke Mediengruppe zu bestücken. "Aber nicht nur", schränkte Chefredakteur Riebartsch ein. Wichtig bleibe die eigene Bewertung des Tagesgeschehens. Die OTZ werde ihr eigenes Profil behalten.Übrigens auch bei den Ratgeberseiten, Experten-Interviews und Telefonrunden. "Wir wären ja töricht, würden wir solche Formate ohne regionalen Bezug auch von Berlin übernehmen", so der OTZ-Chefredakteur."

Elmar Otto notierte in der "Thüringischen Landeszeitung":

"Die Medienpolitikerin der Grünen-Landtagsfraktion, Madeleine Henfling, warnte vor einer monotonen Berichterstattung, wenn die Mantelredaktionen künftig so ausgedünnt würden, dass sich beispielsweise nur noch ein Redakteur eines landespolitischen Themas annehmen könne. Journalismus sei ein wichtiger Bestandteil der Demokratie und lebe von Vielfalt, so die Abgeordnete."

In der "Thüringer Allgemeinen" schreibt Martin Debes:

"Tallai wies dies als Polemik zurück. "Ja, wir schreiben noch Gewinn, wobei die Betonung auf noch liegt", sagte er. Eine zweistellige Rendite gebe es nicht mehr. Handele man jetzt nicht, rutsche das Unternehmen ins Minus. Allein der Mindestlohn, der jetzt den Zustellern gezahlt werde, koste zusätzliche 15 Millionen Euro im Jahr. Dies müsse kompensiert werden."

kress.de-Hörtipp: Der DJV Thüringen hat die Debatte in Erfurt als Tondokument veröffentlicht.

Ihre Kommentare
Kopf

jetztredichklartext

12.04.2016
!

Nicht nur in Essen, sondern überall! Eine Tageszeitung kann heute die Rolle der Informationsvermittlung kaum noch wahrnehmen. Inhalte ist im digitalen Zeitalter zu alt, von gestern, falls nein dann sind die Inhalte zu dünn. Kinos gibt es auf dem Land nicht mehr, der Prospekt von Aldi liegt auch so im Briefkasten und wenn ich Todesanzeigen lesen wollte würde es das Gemeindeblatt auch tun. Autos und Wohnungen findet man auch keine in der Zeitung. Dann bleibt nur noch Fensterputzen.


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