Baha Güngör zur Causa Böhmermann: Ein vulgäres Gedicht ist keine Satire

11.04.2016
 
 

Baha Güngör war bis vergangenen Sommer Leiter der Türkei-Redaktion der Deutschen Welle. Er gilt als einer der bestvernetzten deutschen Journalisten in der Türkei. Für kress.de hat Güngör den Streit um Jan Böhmermanns TV-Satire auf den türkischen Präsidenten Erdogan kommentiert.

Für die erdrückende Mehrheit in der deutschen Öffentlichkeit ist Recep Tayyip Erdogan ein rotes Tuch. Der türkische Präsident lässt auch keine Gelegenheit aus, den Fronten gegen ihn im In- und Ausland ein immer engeres Zusammenrücken zu ermöglichen.

Die Pressefreiheit, der Aktionsradius von kritischen Wissenschaftlern oder Gewerkschaften werden nach Erdogans Wünschen marginalisiert. Journalisten sitzen bedroht von lebenslangen Haftstrafen auf den Anklagebänken vor Gerichten. Ein Aufmucken in seinem Umfeld oder in den ihm untergebenen Staatsorganen löst immer wieder Wellen von Versetzungen oder Suspendierungen vom Dienst aus.

In seinem Land duldet er keine Kritik an seiner Person. Inzwischen scheut er aber auch keine Kraftproben mit ausländischen Journalisten, Satirikern oder ihren Medienunternehmen. Ein musikalisches Satire-Stück in der NDR-Sendung "extra3" von Christian Ehring ärgerte ihn zwar mächtig, dagegen aber war er machtlos. Der Schutzwall zeitgenössischer Freiheiten für Meinung und Kunst war für Erdogan unüberwindbar. Das war auch gut so!

Was aber Jan Böhmermann möglicherweise im Vertrauen auf die Schutzmechanismen der Demokratie mit seinem vulgären Gedicht über Erdogan abgeliefert hat, sprengt jeglichen künstlerischen Entfaltungsfreiraum. Böhmermann bediente sich der untersten Schubladen der deutschen Sprache. Seine Verse in seiner ZDF-Sendung "Neo Magazin Royale" haben ein Dorfstammtisch-Niveau, es ist keine Satire und mitnichten vergleichbar mit Ehrings "Erdowi, Erdowo, Erdowahn".

Es war gut, dass Berlin im Ehring-Fall dem Druck aus Ankara nicht nachgegeben und sich unbeirrt von der Einbestellung des deutschen Botschafters ins türkische Außenministerium schützend vor den "extra3"-Beitrag gestellt hatte. Genauso gut war es aber auch, dass das ZDF die Entgleisungen Böhmermanns von seiner Mediathek gelöscht hat. Diese waren nämlich über die Person Erdogans hinaus entwürdigend für ein Volk, für eine Religion und für eine Kultur.

Die Masche Böhmermanns, sein Gedicht als einen Versuch darzustellen, die Grenzen der Satire aufzuzeigen, ist zu billig, um ihm das abzunehmen. Nicht minder verwerflich aber sind die Versuche, sich hinter Böhmermann zu stellen und wie etwa Axel-Springer-Boss Mathias Döpfner zu behaupten, er habe über das gelungene Gedicht laut gelacht.

Wie unreif muss das Verständnis für Satire und Humor sein, wenn Sex mit Tieren, das Schauen von Kinderpornos, angeblich schöner als ein Döner riechender Schweinefurz oder die angebliche Homosexualität Erdogans als lustig empfunden und verteidigt wird? In einem Land wie Deutschland, in dem die politische Korrektheit dazu verpflichtet, allen voran Rücksicht auf die gleichgeschlechtliche Liebe zu nehmen, kann doch nichts zum Lachen darin gefunden werden, wenn Erdogan als "schwul" hingestellt wird?

Erdogan wäre gut beraten gewesen, auf die Forderung nach einer Anklage gegen Böhmermann zu verzichten. Wer ihn aber kennt, weiß, dass er die Chance erkannt hat, über ein weiteres Feindbild innenpolitisch weiter zu punkten. Wenn die Bundesregierung sich stützend auf den Paragraphen 104 StGB für die Erteilung einer Verfolgungsermächtigung gegen Böhmermann entscheiden sollte, bedeutet das aber nicht mehr als einen Pyrrhus-Sieg für den türkischen Staatschef. Im Gegenzug verliert er nämlich die noch verbliebenen Restsympathien hierzulande. Die Gefährdung des gebotenen Respekts vor den Menschen in der Türkei, ihrer Religion und ihrer Kultur wird indes kein Urteil gegen Böhmermann wert sein.

Es ist nicht nachvollziehbar, die Versuche der Türkei-Politik mit Fingerspitzengefühl als ein "Kotau" vor Erdogan wegen des Flüchtlingsdeals zu zerreißen. Die Unfähigkeit von 28 EU-Staaten mit 500 Millionen Menschen, den um ihr Leben fliehenden zwei drei Millionen Menschen Zuflucht zu gewähren, ließ keine andere Wahl als Lösungen zur Abwendung von der Fortsetzung humanitärer Katastrophen zu suchen. Es waren EU-Staaten, die mit Stacheldrahtzäunen und Ablehnung von nicht-christlichen Flüchtlingen Erdogan einen Trumpf nach dem anderen in die Hände gespielt haben. Mit seinem Schmäh-Gedicht hat Böhmermann ebenfalls Stacheldrahtzäune und Mauern zwischen die Türkei und Deutschland geschoben, was er wahrscheinlich nicht so geplant hat. Seine Unterstützer sollten darauf verzichten, weiteres Öl ins Feuer zu gießen.

Ein Kommentar von Baha Güngör

kress.de-Hinweis: Baha Güngör wird an diesem Montagabend in der Phoenix-Sendung "Der Tag" (ab 23 Uhr) zu dem Thema sprechen.

 

Ihre Kommentare
Kopf

Axel Plessner

11.04.2016
!

Kleiner Hinweis an "Baha Güngör": es wird keine "Rücksicht" genommen auf gleichgeschlechtliche Liebe wegen so genannter "politischer Korrektheit", sondern weil in Deutschland *Menschenrechte* Gültigkeit haben.
Offenbar hat "Baha Güngör" davon aber noch nichts gehört, und mit diesem "Nebensatz" wird sein ganzes sonstiges Geschwafel decouvriert und diskreditiert.


Martin Luckmann

11.04.2016
!

vielen dank, herr güngör, für diese klarstellung und den verweis der bömmelmanschen öffentlichen entgleisung dorthin, wohin sie gehört: in den bereich von intelligenz, geschmack und respekt. das schlimme an jenem zeugs sind ja nicht die wellen, die das schlug, sondern erkennen zu müssen, welche personen über soviel dümmlichkeit 'laut lachen', von denen man vorher dachte, sie besässen eine ernstzunehmende intelligenz.


Martin Hille

Martin Hille

mediaterminal
Marketingcoach

11.04.2016
!

Als kritische Satire auf Erdogan, wäre es lediglich dumm und primitiv, ja. Und dann wäre die richtige Reaktion, es als dumme Posse einfach zu übergehen. Das war aber gar nicht die angekündigte(!) Absicht. Es geht um die kindische Eitelkeit Erdogans und unseren Umgang damit. Ein Doalike á la "Erdowi, Erdowan.." hätte diese Absicht weit verfehlt.
Böhmermann hat seine vulgären Worte sehr bewusst gewählt. Der Witz liegt nicht in den ordinären Sprüchen, er liegt in der Reaktion darauf. Das ist Kunst!


Franz Leo Mai
11.04.2016
!

Herzlichen Dank für den Kommentar, der sich wohltuend abhebt von dem, was die Böhmermann- und Döpfner-Jubler von sich geben.


Martin Luckmann

11.04.2016
!

vielen dank, herr güngör, für diese klarstellung und den verweis der bömmelmanschen öffentlichen entgleisung dorthin, wohin sie gehört: in den bereich von intelligenz, geschmack und respekt. das schlimme an jenem zeugs sind ja nicht die wellen, die das schlug, sondern erkennen zu müssen, welche personen über soviel dümmlichkeit 'laut lachen', von denen man vorher dachte, sie besässen eine ernstzunehmende intelligenz.


Gerhard Kreuter

11.04.2016
!

Bis zu dem Gedicht von Jan Bömermann habe ich mich viele Jahre gefragt was eigentlich "entartete Kunst" ist oder sein sollte.
Seit dem Gedicht weiss ich es.
Das Gedicht könnte man als einmalige Entgleisung durchgehen lassen.
Leider fordert Böhmermann den türkischen Präsidenten explizit auf, dagegen vorzugehen und betont ausdrücklich das ihm sehrwohl sein Tun bewusst ist. Er legt es darauf an. Wer um Schläge bettelt, dem sollte man seinen Wunsch erfüllen.


Hartmut Renner

Hartmut Renner

textchef.net und reise-renner.de
Schlussredakteur, Textchef, Lektor, Korrektor, Reisefotograf

12.04.2016
!

Ich bin kein Fan der "B.Z.", aber diese Analyse gefällt mir, weil sie so zielich alle Facetten beleuchtet: http://www.bz-berlin.de/leute/boehmermanns-verurteilung-der-einzige-weg-zu-beweisen-dass-er-recht-hat


jens

16.04.2016
!

Ich denke was Böhmermann provozieren will ist gerade die Reaktion des Autors: Die Reaktionen auf Satire bloßzustellen, "Je suis charlie", aber wehe es sieht hier mal in Deutschland nach was böser Satire aus. In dem Sinne ist das Gedicht nicht die Satire, sondern Teil einer Performance, die Satire ist. Jeder solche Kommentar zeigt, dass die Satire ins Mark trifft.
Und dann kommen noch so enttarnende Reaktionen wie "Ziegenf..." ist rassistisch. Das ist es nur, wenn man selber diese Assoziation hat


X

Kommentar als bedenklich melden

 
×

Bestätigung

Dieser Kommentar wurde erfolgreich gepetzt.

×

Oooooooooops

Beim Petzen trat ein Fehler auf. Versuchen Sie es bitte noch einmal.

Weitere Beiträge zu diesem Thema
Inhalt konnte nicht geladen werden.