Chefredakteurin Nicole Zepter zum Relaunch: "Das Heft ist absolut perfekt - 'Neon' ist wie Coca Cola"

 

Zuletzt machte das Gruner+Jahr-Magazin "Neon" wegen sinkender Auflage von sich reden – mit neuem Design und Konzept will das Blatt zurück in die Zukunft. Chefredakteurin Nicole Zepter und Herausgeber Andreas Petzold sind beim Vor-Ort-Gespräch mit kress in Hamburg hörbar begeistert von der neuen Aufmachung ihres Schützlings. Oder, um es mit Zepter zu sagen: "Das Heft ist absolut perfekt."

Nicole Zepter wurde im vergangenen Mai in die Chefetage der "Neon"-Redaktion berufen und erneuerte zunächst das Team (was für viel Wirbel sorgte, siehe dazu die erste Ausgabe von "kress pro") und nun das Magazin, das an diesem Montag im frischen Gewand erschienen ist. Das Resultat findet sie sensationell, gibt aber auch unumwunden zu: "Man ist etwas selbstverliebt, wenn man einen Relaunch macht."

Zepter brennt für das Magazin, das sie führt. "'Neon'", ruft sie, "'Neon' ist wie Coca-Cola!", und meint damit: In den 13 Jahren, die es das G+J-Blatt für Menschen zwischen 20 und 35 Jahren gibt, ist es eine Marke geworden. Herausgeber Andreas Petzold stimmt ihr zu: "'Neon' ist eine herausragende und auch imagebildende Marke für den Verlag – und es macht unglaublich Spaß, für diese Marke zu arbeiten."

Meinungsbildend bei jungen Erwachsenen

Nun ist "Neon" sicherlich weit weg von Coca-Cola, aber doch meinungsbildend bei der Zielgruppe, lobt Zepter. Ein Alleinstellungsmerkmal, das sich viele Medien wünschen.

Jetzt wird die Marke angepasst an das neue, wilde, schnelle und intellektuelle Leben der jungen Erwachsenen, für die es schreibt. "Dazu haben wir uns gefragt: 'Was ist eigentlich die Neon-DNA?' Die galt es zu extrahieren", erläutert Zepter den Prozess, das Magazin upzudaten auf das Niveau ihrer Leserschaft 2016. Obendrein wurden die sinkenden Verkaufszahlen (Ende 2014 um 23 Prozent) verlagsintern analysiert, es wurde recherchiert und verändert. Ohne Genmanipulation, dafür gebotoxt und geliftet, erscheint die runderneuerte Ausgabe des Magazins.

Mehr Politik für die "Generation Relaxx"

"Ich habe mich mit unserer Kreativ-Direktorin Maja Nieveler und dem Berater Mirko Borsche zusammengetan und überlegt, was der Kern des Magazins ist. Dabei wurde klar, dass wir ein General Interest Magazin sind und bleiben", sagt Zepter. General Interest für die junge Zielgruppe bedeutet für sie eine "Balance zwischen Unterhaltung und Substanz", aber auch: Mehr Politik. Denn laut der Shell-Studie "Generation Relaxx" ist das politische Interesse der Zielgruppe seit 2002 um satte zehn Prozent gestiegen.

Zepter und ihr Team verkörpern ihre Zielgruppe – die Chefredakteurin spricht in der inklusiven Wir-Form von sich und den Lesenden. "Wir sind Digital Natives, wir sind mit der Globalisierung aufgewachsen, wir leben mittlerweile mit Terror."

"Direkter und meinungsstärker"

Corporate Identity in Höchstform – und es wird, natürlich, von einem Corporate Design gekrönt. Mit neuem Color-Konzept und klarem Design will die neue "Neon" punkten. Am deutlichsten aber sind die inhaltlichen Änderungen: "Wir sind mit der Tonalität direkter geworden, weil wir das Gefühl haben, dass die Generation oder die Leserschaft so selbstbewusst ist, dass wir bestimmte Dinge einfach beim Namen nennen. Wir haben, das gab es früher nicht, stückweise Haltungen und Meinungen einfließen lassen", so Zepter beim kress.de-Besuch in Hamburg.

Tindergarten und Recherchetiefe

Platz dafür gibt es in der neuen Pro-und-Contra-Kolumne zweier Autorinnen mit dem Titel "Helden und Idioten" und der politischen Kolumne des Künstlers und Journalisten Michel Abdollahi. Neu ist auch die Rubrik "Tindergarten", in der es um lustige und skurrile Tindererlebnisse geht, und eine über das Scheitern, die "Steuerung, ALT, Entfernen" heißt. Ebenfalls dazugekommen ist die Rubrik "Zuhause" – der Bereich "Sehen" wird in "Politik" umgetauft und aus "Fühlen" wird "Liebe".

Geschichten, die zu groß fürs Magazin, aber zu gut für die Schublade sind, werden im Netz verhandelt. Allerdings bleibe das Heft der Kern von allem, betont Zepter. Denn "alles, was wir online spielen, generiert sich ja aus dem Heft". Immer dicht an den Lesenden, denn die Nähe zu ihnen ist einer der DNA-Stränge, auf die "Neon" baut. "Die Generation, an die wir uns richten, ist sehr unterrepräsentiert. Und genau das ist unser Antrieb. Wir sind der Anwalt unserer Leser – wir setzen uns ein und hinterfragen immer wieder den Status Quo."

"'Neon' muss eine unnachahmliche Ansammlung von guten Ideen sein"

Und das auf durchaus provokante Weise. Da kann eine Geschichte über die gnadenlos rechts-populistische AfD schon mal gnadenlos subjektiv sein – solange sie darin Allgemeingültigkeit hat. "Wichtig ist", sagt Petzold, "dass die Geschichte so speziell ist, dass der Absender 'Neon' im Kopf bleibt. 'Neon' muss eine unnachahmliche Ansammlung von guten Ideen sein. Das ist unser Wettbewerbsvorteil." Einen weiteren Vorteil sieht Petzold im Anspruch des Magazins, Raum für tiefere Recherchen zu lassen – was heutzutage durch den Strukturwandel und die Geschwindigkeit zunehmend seltener werde.

Wirkliche Konkurrenz für "Neon" machen weder Petzold noch Zepter aus: "Bei 'Bento' und 'Vice' sehe ich eine klare Differenz in der Tonalität", überlegt Zepter. "Aber 'Vice' sind sehr hardcoreinvestigativ und 'Bento' ist rein digital." Anders sieht es im Internet aus – Blogs und Instagram-Profile kommen dem "Neon"-Prinzip näher als die gedruckten Mitbewerber, resümiert die Journalistin. Sorgen bereitet ihr die Netzkonkurrenz allerdings nicht. "Da sind wir wieder bei der Markenintensität. Ich glaube, dass die Marke 'Neon' so eine große Strahlkraft hat, dass sie, egal in welchem Format, einfach den Acid hat."

Hintergrund

"Neon" ist ein monatlich erscheinendes General-Interest-Magazin des Verlages Gruner+Jahr. Die Zielgruppe sind junge Erwachsene zwischen 20 und 35 Jahren. Die "Neon" erschien erstmalig 2003 wird von deutlich mehr Männern als Frauen gelesen. Das Magazin erschien erstmals im Juni 2003 als Line Extension des "stern". Im vierten Quartal 2015 lag die Druckauflage bei 240.000 Exemplaren, die Anzahl der verkauften Exemplare bei 120.174 (IVW).

neon.de-Daten: Page Impressions 10,22 Mio.; Visits 870.000 (IVW 2016-02); Unique User 290.000.

Chefredakteurin von "Neon" ist Nicole Zepter, stellvertretender Chefredakteur Jan Abele. Die Leitung Digital liegt in den Händen von Oliver Dirr (auch Mitglied der Chefredaktion). Textchefin ist Irmhild Speck, Kreativdirektorin Maja Nieveler, Bildchefin Amélie Schneider. "Neon" erscheint im Verlag stern Medien GmbH. Geschäftsführer: Soheil Dastyari, Publisher ist Wiebke Dauletiar.

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