Richard Gutjahr über den Reiz von Snapchat: Snappe sich, wer kann!

 

Snappe sich wer kann! Zu Snapchat ist schon viel gesagt und geschrieben worden. Aber noch nicht von Richard Gutjahr. Unser Autor wurde 2015 zum Snapchatter des Jahres gewählt. Und auch sonst ist Gutjahr von der Geister-App schwer begeistert.

Ein Graben zieht sich quer durch unsere Gesellschaft. Tiefer als das Schuldenloch von Athen. Unfassbarer als die Wahlerfolge der AfD. Gigantischer als der größte anzunehmende Leak in der ehrwürdigen Geschichte des investigativ-recherchierenden Qualitätsjournalismus (Nein, nicht der Innovationsreport des "Spiegel"). Die Rede ist von Snapchat.

Endlich ein Thema, das die "Nation" (= Medien-Bubble) spaltet wie lange nichts mehr. Man muss nur "Snap" rufen, schon bekommen die Leute Snapatmung: "Löscht sich von selbst?" - "Nur ein Hype!", "Totaler Müll!", "Braucht kein Mensch!".

Die Älteren unter uns fühlen sich zurückversetzt ins Jahr 2006. Damals, nach dem Krieg, als Twitter aufkam: "140 Zeichen?" - "Nur ein Hype!", "Totaler Müll!", "Braucht kein Mensch!". Heute gehört Twitter zum Establishment, sogar öffentlich-rechtliche Führungskräfte rühmen sich mittlerweile damit, einen Twitter-Account zu besitzen (Apropos, Twitter! WO BLEIBT MEIN KUCHEN!!).

Was anders ist als sonst: Selbst selbsterklärte Netzerklärer erklärten Snapchat noch bis vor kurzem zu einem Hype. Tja-ha! Wer in der Bubble zu den Wortführern gehören will, muss mit seinem Todesurteil nun mal der Erste sein (...um dann später, wenn sich herausstellt, dass man mit seiner Prognose wieder mal komplett daneben lag, der Erste zu sein, zu erklären, dass man das ja sooo nie wirklich gesagt habe).

Snapchat bricht mit allen Regeln, die uns Medienfuzzis heilig sind

Also: Was ist wirklich dran an Snapchat? Muss man dabei sein? Zunächst einmal: Snapchat ist ein Zeitgeist, der Zeit frisst und zumindest anfangs gehörig auf den Geist geht. Die Bedienungsoberfläche ist eine Frechheit. Die App ist so selbsterklärend wie das Cockpit einer A380. Selbst wenn man das System irgendwann kapiert, braucht es viel Geduld und Praxis, bis sich der wahre Sinn dahinter erschließt.

Warum Snapchat nervt? Snapchat bricht mit allen Regeln, die uns Medienfuzzis heilig sind. Es geht eben nicht um Quote, ums geliked oder geshared werden. Niemand sieht, wieviele Follower man hat. Man kann noch nicht einmal gefunden werden, wenn man nicht den Nutzernamen eines Snapchatters kennt. Ich weiß, was Sie jetzt denken: WTF!

Was gerade uns Journalisten am meisten stinkt, ist die Tatsache, dass sich bei Snapchat nach spätestens 24 Stunden alle Inhalte löschen. Persönliche Botschaften zerstören sich sogar nach nur einmal Öffnen! Ich habe mal versucht, das Prinzip einem empörten ZDF-Reporter zu erklären. Gerne hätte ich seinen Beitrag hier verlinkt. Leider wurde der Film nach sieben Tagen aus der Mediathek gelöscht.

Wo also liegt der eigentliche Reiz in dem Ganzen? Snapchat ist roh. Snapchat ist nah und unmittelbar. Da es keine Video-Bearbeitungs-Funktion gibt, verschwendet man keine unnötige Zeit mit der Post-Produktion. Weil Snaps flüchtig sind, für Google und Facebook unsichtbar bleiben, sind die Inhalte oft intimer als sonst wo im Netz.

Wenn Sie also immer noch mit sich hadern: Bleiben Sie jung im Geist, egal wie alt Sie sich fühlen! Snappen Sie! Folgen Sie aktiven Snappern und treten Sie ein in den Snap-Club. Zumindest solange, bis das nächste schräge Ding um die Ecke biegt. Ach - eine Sache noch, jetzt, wo Sie mit dem Artikel fast durch sind: Dieser Text zerstört sich in 10 Sekunden von selbst.

Richard Gutjahr snapt unter "richardgutjahr"

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