Journalistin und Can-Dündar-Ehefrau Dilek Dündar: "Wir hoffen, aber ein Wunder können wir nicht erwarten"

 

Can Dündar, Chefredakteur der kritischen Tageszeitung "Cumhuriyet", droht  in der Türkei des Präsidenten Reccep Tayyip Erdogan zwei Mal lebenslange Haft. Über den Fall, der längst zum Symbol für die Unterdrückung der Presse- und Meinungsfreiheit in dem Nato-Land wurde, berichtete im Berliner Gorki-Theater Dündars ebenfalls als Journalistin arbeitende Ehefrau Dilek.

Weil Can Dündar seine Arbeit gemacht hat, droht ihm in der Türkei des Präsidenten Reccep Tayyip Erdogan zwei Mal lebenslange Haft. Der Chefredakteur der kritischen Tageszeitung "Cumhuriyet" hatte im vorigen Mai illegale Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an islamistische Rebellen, darunter den IS im Nachbarland Syrien, enthüllt. Dafür wurden Dündar und sein Büroleiter Erdem Gül auf Geheiß des immer autokratischer regierenden Erdogan ins Gefängnis gesteckt und des Terrorismus sowie der Spionage angeklagt. Über den Fall, der längst zum Symbol für die Unterdrückung der Presse- und Meinungsfreiheit in dem Nato-Land wurde, berichtete am Dienstagabend im Berliner Gorki-Theater Dündars ebenfalls als Journalistin arbeitende Ehefrau Dilek Dündar.

"Anklage Journalismus" steht auf dem Transparent, das die Veranstalter von "Reporter ohne Grenzen" im abgedunkelten Foyer des Theaters neben dem Podium aufgespannt haben. Journalismus, so die Botschaft an die vielleicht 75 Zuschauer, kann ein für Betroffene gefährliches Geschäft werden. Dass Dündar und Gül die Wahrheit berichtet haben, darauf weist gleich zu Beginn der Veranstaltung Moderation Britta Hilpert hin: "Sie wurden nicht der Lüge beschuldigt." Das sei sehr wichtig zu wissen."

"Willkommen in unserer Welt"

Natürlich spielt auch die Kontroverse über das Erdogan-Schmähgedicht des Comedian Jan Böhmermann an diesem Abend eine Rolle. Darin wird Erdogan als Kinderschänder beschrieben, der zudem Sex mit Tieren hat. Von der Bundesregierung verlangt er die Bestrafung Böhmermanns, was die Regierung aber gar nicht kann. Sie kann die Staatsanwaltschaft aber zu Ermittlungen bevollmächtigen.

"Willkommen in unserer Welt", sagt Dilek Dündar voller Sarkasmus über den Ruf des dauernd beleidigten Potentaten nach Bestrafung. Das seien die Türken gewohnt. Dort habe der Staatschef über 1800 Strafverfahren wegen Beleidigung angestrengt. "Deutschland beginnt zu begreifen, womit wir es mit Erdogan zu tun haben", kommentiert eine trotz alledem unaufgeregt wirkende Dündar die Prozessfreudigkeit des türkischen Staatschefs. Dem kommt in der Flüchtlingskrise auch noch eine Schlüsselrolle zu, weil er für viele Milliarden Euro die Weiterreise von Iraker, Afghanen und Pakistanis stoppen sol.

"Noch leisten sie Widerstand"

Can Dündar wurde am 26. Februar, Erdogans 62. Geburtstag, auf Anordnung des Verfassungsgericht freilassen. Doch der islamistische Staatschef hat angekündigt, den Richterspruch nicht zu akzeptieren. Er will um jeden Preis eine Verurteilung. Dündar werde für die Veröffentlichung des Berichts über die Waffenlieferungen einen "hohen Preis bezahlen", hatte der Präsident schon im vorigen Jahr gedroht. Das Strafverfahren gegen Dündar, der das Land nicht verlassen darf, geht weiter: "Kein Licht am Ende des Tunnels", beschreibt Dilek Dündar die ungewisse Lage für ihren Mann. "Wir hoffen, aber ein Wunder können wir nicht erwarten." Umso wichtiger sei die Solidarität im Westen mit ihrem Mann. "Noch leisten sie Widerstand", ergänzt sie und meint damit nicht nur Can Dündar, sondern alle Gegner Erdogans.

Die eher linke "Cumhuriyet" ist nicht die einzige Zeitung, die Erdogan ins Visier genommen hat. So legte er im März die islamisch-konservative Zeitung "Zaman" an die Kette, in dem er ihr einen staatlichen Treuhänder vorsetzte. Die Polizei stürmte unter dem Einsatz von Wasserwerfern und Tränengas das Redaktionsgebäude der Zeitung.

Im Kampf gegen Erdogan können sich die Journalisten wohl nicht durchgehend der Unterstützung ihrer Verleger sicher sein. Die Zeitungseigentürmer seien in der Regel keine ausgewiesenen publizistischen Köpfe, sondern in der Regel Unternehmer. "Sie sind abhängig von Staatsaufträgen", formuliert es Dilek Dündar. So sichere Erdogan sich deren Wohlwollen und müsse nicht direkt gegen die Blätter vorgehen.

Seine Kritikerinnen wie Dilek Dündar und die Kulturjournalistin Beral Madra bescheinigten dem in Kurdistan einen Bürgerkrieg führenden Erdogan allerdings Ehrlichkeit. "Er sagt, was er denkt. Er hat die Demokratie als einen Zug bezeichnet, den Sie benutzen, aber wenn Sie ihn nicht länger benötigen, können Sie ihn verlassen", so Madra.

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