"FNP"-Chefredakteur Joachim Braun: "Würde mich über Innovationsreport in meinem Haus freuen"

 

"Ich würde mich über so einen 'Innovationsreport' in meinem Haus freuen, vor allem wenn er von den eigenen Kollegen gemacht wird und dadurch viel mehr Durchschlagskraft bekommt, als wenn Chefredaktion, Geschäftsführung oder externe Berater einen solche Analyse erstellen, so Joachim Braun, Chefredakteur der "Frankfurter Neuen Presse". Wie er das "Spiegel"-Papier einschätzt...

Wir erinnern uns - "FAZ"-Herausgeber Holger Steltzner hielt einen "Innovationsreport" bei der "FAZ" für "unnötig". Warum, erklärte er kress.de so: "Weil die 'FAZ' schon lange keine künstliche Grenze zwischen digitalen und gedruckten Inhalten zieht, gibt es keine Friktionen zwischen den Redaktionen." Holger Schellkopf, stellvertretender Chefredakteur der "Mittelbayerischen Zeitung" in Regensburg, glaubt dagegen, dass ein "Innovationsreport" schon deshalb sinnvoll sei, weil er für Unruhe sorge. Solch eine Bewegung sei "als Initialzündung für Innovation nicht zu unterschätzen, wenn sie denn konstruktiv aufgegriffen wird".

Joachim Braun trat Anfang Februar 2016 in die Redaktion der "Frankfurter Neuen Presse" ein und übernahm die "FNP"-Chefredaktion zu Ostern 2016 von Rainer M. Gefeller. Braun war zuvor Chefredakteur vom "Nordbayerischen Kurier" in Bayreuth. Die Frankfurter Societäts-Medien GmbH, in der die "Frankfurter Neue Presse" erscheint, und ihre Schwesterunternehmen Frankfurter Societäts-Druckerei GmbH und Frankfurter Rundschau GmbH sind Tochterunternehmen der Frankfurter Societät GmbH. Die Unternehmensgruppe befindet sich gemeinsam mit der Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH im Mehrheitsbesitz der gemeinnützigen FAZIT-Stiftung.

"Die Situation ist ernst"

kress.de: Herr Braun, was sagen Sie zu dem Innovationsreport des "Spiegel"?

Joachim Braun: In dem Innovationsreport geht es aus meiner Sicht weniger um Innovationen, als um eine Beschreibung des derzeitigen Zustands von Verlags und Redaktion des Spiegels. Gut so! Je ehrlicher wir mit dem Medienwandel umgehen, um so besser sind unsere Chancen einen funktionierenden Change-Prozess aufzusetzen und für neue Zielgruppen neue, auch digitale Produkte aufzusetzen. Noch immer glauben in der Branche viele – ja, auch Entscheider – wir müssten nur ein paar Stellschrauben drehen, und dann werden wir wieder erfolgreich sein. Damit ist nicht zu rechnen. Denn wir stehen erst am Anfang des Wandels und leben jetzt noch immer ganz gut von unseren langjährigen Stammlesern. Rezepte oder Ideen für neue digitale Geschäftsmodelle, die mit unseren tradierten Produkten und Inhalten nicht mehr erreichbare Altersgruppen erschließt, weist der Report des Spiegel offenbar nicht aus. Schade. Aber das mag der zweite Schritt sein. Jetzt ist man sich offenbar erst mal klar geworden, wie ernst die Situation ist.

Halten Sie einen Innovationsreport in einem Medienhaus eigentlich für sinnvoll?

Joachim Braun: Klar bringt eine solche Analyse Unruhe in einen Verlag oder in eine Redaktion. Aber das ist ja auch der Sinn eines solchen Papiers. Zu zeigen, dass es nicht mehr so weitergehen kann wie bisher, dass wir aus der Komfortzone endlich raus und neu denken müssen. Dass die offene Auseinandersetzung mit den eigenen Stärken und Schwächen auch mündlich stattfinden kann, klar, das ist möglich. Aber es bringt längst nicht so viel. Die eigentliche Diskussion beim Spiegel fängt ja nun an, mit Vorliegen der Analyse. Jetzt können sich die Kollegen über richtig und falsch auseinandersetzen und notwendige Konsequenzen einleiten. Nur, so tun, als wüssten sie nichts, das können sie jetzt nicht mehr.

"Mehr Durchschlagskraft, wenn er von den eigenen Kollegen gemacht wird"

Könnten Sie sich vorstellen, dass Ihr Haus auch einen Innovationsreport erstellt?

Joachim Braun: Ich würde mich über so einen "Innovationsreport" in meinem Haus freuen, vor allem wenn er von den eigenen Kollegen gemacht wird und dadurch viel mehr Durchschlagskraft bekommt, als wenn Chefredaktion, Geschäftsführung oder externe Berater einen solche Analyse erstellen. Wir haben bei der FNP gerade einen Change-Prozess begonnen, allerdings auf konventionelle Art, mit Unterstützung von außen. Voraussetzung war natürlich auch hier eine Bewertung der gegenwärtigen Situation, und jetzt, nach Vorstellung des neuen Konzepts, gehen wir zügig an die Umsetzung. Und wenn wir damit durch sind, im Herbst, dann werden wir umgehend darüber nachdenken, welche Veränderungen nun kommen müssen. Stehen bleiben kann sich keiner mehr leisten – wir nicht und auch der "Spiegel" nicht.

Die Fragen an Joachim Braun, Chefredakteur der "Frankfurter Neuen Presse", stellte kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

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