Die neue stellvertretende "taz"-Chefredakteurin Barbara Junge: "Washington hat mich geschult"

27.04.2016
 

Von der politischen Korrespondentin in Washington zur Stellvertretenden Chefredakteurin in Berlin: Am 1. Mai tritt Barbara Junge als Teil der neuen Dreierspitze der "taz" an. kress.de sprach mit der Politikjournalistin über ihr geplantes Zusammenspiel mit Katrin Gottschalk und einen Umzug, der nicht leicht fiel.

Auf den Tag genau 15 Jahre nachdem sie die "taz" verließ und zum "Tagesspiegel"wechselte, fängt Barbara Junge nun wieder bei der "taz" an. Ein paar Etagen höher zwar, als stellvertretende Chefredakteurin, aber wieder am symbolträchtigen 1. Mai. Ein Zeichen?

"Ich wollte schon immer zur 'taz'. Es war gar keine Frage, woanders hinzugehen!",erzählt Junge von den Träumen zu Beginn ihrer journalistischen Laufbahn. Und weiß natürlich ziemlich genau, was sie erwartet - ihre Karriere begann bei der "taz" und führt sie nun zurück zu der Zeitung, die sie so schätzt. Gleich nach der Journalistenschule begann sie dort als Praktikantin, wurde Rathausreporterin und Ressortleiterin. Fünf Jahre später wechselte sie zum "Tagesspiegel". Junge gehörte dort zuletzt zum Blattmacherteam des Politikteils, 2013 übernahm sie das Redaktionsbüro des "Tagesspiegel" in Washington, wo sie mit ihrem Partner und den beiden Kindern lebte.

Ein brennendes Führungsteam

Nun hat Barbara Junge Washington verlassen und ist nach Berlin gezogen, um dort gemeinsam mit Katrin Gottschalk ihren Posten als stellvertretende Chefredakteurin der "taz" anzutreten. Mit den beiden Journalistinnen hat sich Chefredakteur Georg Löwisch ein spannendes Team zur Seite gestellt. Die Dreierspitze, die bereits im Vorfeld davon schwärmt, wie gut man sich gegenseitig ergänze und wie sehr man sich schätze, ist sich einig, dass eine große Herausforderung auf sie zukommt. Aber eine, für die sie alle brennen.

Doch bei allem Enthusiasmus: Ganz leicht fällt Barbara Junge die Rückkehr in ihre alte Heimat nicht. "Ich wollte eigentlich nicht aus Amerika weg", gibt sie zu."Washington und mein Job hier sind großartig ... aber die 'taz' ist auch großartig! Trotzdem musste ich natürlich einen Moment abwägen - dafür bin ich zu gerne hier und dafür ist der Job auch zu gut. Aber zur 'taz' gerufen zu werden, ist so etwas Schönes - es stachelt meine Leidenschaft an."

Kritischer Journalismus aus Leidenschaft

Ein Umzug mitten im amerikanischen Wahljahr - ein suboptimales Timing für eine engagierte Politikjournalistin wie Junge. "Ja, das tut weh", räumt sie ein. Deshalb ist es zunächst ein Umzug auf Raten - weil der Freund noch bis zum Ende des Wahljahres bleibt und die Kinder das Schuljahr in den USA beenden. Viel Gependel bis zum Sommer. Raus aus der großen Politik, rein in die Entscheidungsetage einer Tageszeitung, die als gleichermaßen sperrig wie innovativ gilt. Ein finanzieller oder klassisch karrieretechnischer Aufstieg ist das nicht unbedingt, aber um jeden Preis Karriere zu machen stand nie ganz oben auf Junges Prioritätenliste. "Mehr als die Karriere reizt mich ein Umfeld, in dem ich etwas tun kann. Ich mag kritischen Journalismus, und auch wenn der selbstverständlich im 'Tagesspiegel' dazu gehört, die 'taz' ist doch ein ganz spezieller Ort dafür."

Georg Löwisch und Barbara Junge kennen sich schon lange, die Vertrauensbasis ist groß. Und bevor das Paket Löwisch-Gottschalk- Junge präsentiert wurde, lernte Junge natürlich auch Katrin Gottschalk kennen. Das bisherige Gefühl ist rund um positiv: "Dass es mit Katrin und mir auch funktioniert, war natürlich die Grundlage für unsere gemeinsame Arbeit und bisher lässt es sich ganz wunderbar an. Wir sind sehr unterschiedlich, ich bin Politikjournalistin mit großer Berufserfahrung und bringe viel von meiner Leidenschaft und meinem politischen Schwung mit - und Katrin hat jugendlichen Schwung, einen feministischen Blick mit Schwerpunkt auf Kultur und die soziokulturellen Debatten im und jenseits des Netzes. Ich finde das ergänzt sich. Und heiraten wollten wir ja nicht." Barbara Junge lacht, laut und herzlich.

Ellenbogen in Washington

Sie macht einen heiteren und aufgeräumten Eindruck, wirkt klar und reflektiert, dabei aber zugewandt. Wichtige Eigenschaften für eine europäische Korrespondentin im Weißen Haus. "Washington schult", sagt Junge. "Hier ist jeder Kategorie 1 A oder 1B aber auf keinen Fall 2 A - da bedarf es einer gewissen Souveränität." Und ein wenig amerikanische Attitüde kann auch in der Führungsebene der "taz" nicht schaden. "Die 'taz' zu repräsentieren, hätte ich wahrscheinlich vor Amerika nicht in der Form gekonnt, in der ich es jetzt kann."

Doch trotz Führungskompetenzen und Leitungserfahrung - eine Herausforderung ist ein derartiger Neuanfang immer. "So eine Chefredaktion", sagt Junge, "stellt wieder andere Anforderungen als Washington. Ich habe Respekt davor, aber freue mich auf die Herausforderung. Es fühlt sich an, als ob es genau das Richtige wäre."

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