60 Jahre Deutsche Fernsehlotterie: Was die Jubiläumsfeier trübt

 

Alles in allem kann die Fernsehlotterie auf 60 erfolgreiche Jahre zurückblicken. Ende gut, alles gut? Nicht ganz. Denn die Fernsehlotterie fühlt sich durch die Glückspielstaatsverträge von 2008 und 2012 eingeschränkt. "Die Fernsehlotterie in rauer See" hat Geschäftsführer Christian Kipper ein Positionspapier überschrieben.

Im "Haus Bolle" wird Christian Kipper mit großem Hallo begrüßt. Der Geschäftsführer der Deutschen Fernsehlotterie ist im Verein "Straßenkinder" ein gern gesehener Gast. Denn seine gemeinnützige Gesellschaft hat sich mit 300.000 Euro an einem Neubau des Vereins im Berliner Plattenbauviertel Marzahn beteiligt. "Ohne die Fernsehlotterie hätte das nicht stattgefunden", lobt Vereinsgründer Eckehard Baumann die Förderung aus Hamburg. Der 1,7 Millionen Euro teure Anbau soll Kindern aus armen Familien wenigstens stundenweise einen Ort zum Spielen und Lernen bieten. In der Nachbarschaft gebe es Straßenzüge, in denen 60 bis 80 Prozent der Menschen von Hartz IV lebten, erzählt Baumann, der für jeden Cent Unterstützung dankbar ist.

"Wir organisieren das soziale Miteinander"

Am 28. April wird die Fernsehlotterie 60 Jahre alt. Das "Haus Bolle" ist eines von insgesamt über 230 sozialen Projekten, die 2015 mit Lotteriemitteln in Höhe von 44,4 Millionen Euro gefördert wurden. Das Geld stammt von den Mitspielern, denen durch ihre Lose Gewinne wie Reisen, Autos oder bis zu eine Million Euro in bar winken. Seit 1956 flossen auf diese Weise 1,7 Milliarden Euro an 7500 Einrichtungen in ganz Deutschland.

"Wir organisieren das soziale Miteinander", beschreibt Kipper die Arbeit der Lotterie. Pro Jahr würden etwa 45 Millionen Euro für wohltätige Zwecke ausgegeben. Über die Verteilung des Geldes entscheidet die Stiftung "Deutsches Hilfswerk", die vom Norddeutschen Rundfunk im Auftrag der ARD und den kommunalen Spitzenverbänden errichtet wurde. Finanziert werden Einrichtungen der Jugend-. Alten- und Gesundheitspflege.

Mit einem Platz an der Sonne für Kinder fing alles an

Die Fernsehlotterie spiegelt ein Stück Zeitgeschichte wieder. Am Anfang stand der Gedanke, Kinder aus dem damals abgeschotteten West-Berlin in die Ferien nach Westdeutschland zu fliegen - zu einem Platz an der Sonne. Denn über die Autobahn zureisen war bis in die 1970er Jahre hinein mühsam und mit Schikanen der DDR-Sicherheitsorgane verbunden.

Bereits 1948 während der Blockade der Berliner West-Sektoren durch die Sowjetunion hatte das Hilfswerk Berlin "Rosinenbomber" für Kinderferien eingesetzt.

Dann kam die Lotterie, die zum "Straßenfeger" wurde

Jochen Richert, Pressereferent beim Hilfswerk, initiierte 1956 die Lotterie. Er erfand auch den Werbespruch "Mit fünf Mark sind Sie dabei" - mittlerweile geflügeltes Wort für Zahlungsaufforderungen aller Art.

In den 1960er und 1970er Jahren waren die jährlichen Ziehungen der Lose wahre "Straßenfeger", die der ARD heute unvorstellbare Quoten einbrachten. Familien fieberten vor dem Bildschirm und hofften, eine Reise in den Schwarzwald oder in die Alpen gewonnen zu haben. Oder aber 100 Pfund Kaffee beziehungsweise 100 Zentner Kohlen, denn auch solche Basics gehörten damals zu den Gewinnen. 1979 wurde dann erstmals auch Bargeld ausgelost.

Wer hat die Lostrommel?

Die Gewinnzahlen wurden aus einer gläsernen Trommel namens "Glückswirbel"gezogen. Sie war 9,50 Meter lang und galt als die größte Lostrommel der Welt. Heute kann diese Antiquität der Fernsehgeschichte jedoch niemandem mehr Glück bringen. "Sie ist spurlos verschwunden, niemand weiß, wo sie ist", bedauert Geschäftsführer Kipper.

Heute werden die Glückszahlen ohne die damals üblichen Showeinlagen in einem nüchternen Büro der Fernsehlotterie gezogen, die unlängst ein Domizil in der Hamburger City bezogen hat. Das zielscheibenförmige Gerät wirkt wie eine Jahrmarktbudenverheißung. Aber wie vor 60 Jahren steht die Verlosung tatsächlich unter der strengen Aufsicht eines Notars.

Streit um die Gage

In den Jahren nach der Einheit 1990 verlagerte die Fernsehlotterie ihren Förderschwerpunkt für einige Jahre in die neuen Länder. Zudem wurde die Ziehung schrittweise auf einen wöchentlichen Rhythmus umgestellt. Nach der Jahrtausendwende waren Frank Elstner und Monica Lierhaus bekannte Werbeträger der Fernsehlotterie. Die Gage der nach einer Hirnoperation zeitweilig auf fremde Hilfe angewiesenen Sportjournalistin Lierhaus sorgte für Streit und für einen vorübergehenden Knick im Lotterieaufkommen.

"Die Fernsehlotterie in rauer See"

Seit geraumer Zeit präsentieren Mitarbeiter geförderter Einrichtung am Sonntagabend vor der "Lindenstraße" und der "Tagesschau "die Gewinner. Auch Kipper wirbt gelegentlich vor der Fernsehkamera für den guten Zweck.

Alles in allem kann die Fernsehlotterie auf 60 erfolgreiche Jahre zurückblicken. Ende gut, alles gut? Nicht ganz. Denn die Fernsehlotterie fühlt sich durch die Glückspielstaatsverträge von 2008 und 2012 eingeschränkt. "Die Fernsehlotterie in rauer See" hat Kipper ein Positionspapier überschrieben. Die Restriktionen hätten "zu einem empfindlichen Rückgang des Erlöses" geführt. Die Fernsehlotterie hat kein eigenes Vertriebs- und Filialnetz und legt ihre Lose traditionell in Banken, Sparkassen und der Post aus. Deren Zahl hat sich seit 1995 auf 35.300 halbiert, Tendenz weiterstark rückläufig.

Im Internet unattraktiv 

Und der zeitgemäße Vertrieb über das Internet ist Kipper zufolge durch die gemessen am Suchtrisiko des Spielangebots unverhältnismäßigen Hürden erschwert. Ein Loskäufer müsse sich bei der Anmeldung identifizieren und authentifizieren und dann das auf das Einschreiben mit einem persönlichen Zugangscode warten. "Unter diesen Vorzeichen bleibt die Fernsehlotterie bei ihrem Vertrieb im Internet unattraktiv", so Kipper. "Die Politik reagiert ordnungspolitisch und ignoriert die Leistungen und Beiträge der Soziallotterien für das Gemeinwesen."

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