Nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Geschäftsfrau: Cornelia Funke über "ein Denken außerhalb kommerzieller Boxen"

29.04.2016
 

Cornelia Funke ist ein Phänomen. Ihre blühende Fantasie und ihr Unternehmungsgeist katapultierten sie 2005 auf die "Time Magazine"-Liste der 100 weltweit einflussreichsten Menschen - und das als Jugendbuchautorin. kress.de erwischte die, trotz Jetlag erfrischend unprätentiöse, Schriftstellerin am Tag nach ihrer Rückkehr von einer Lesereise in Neuseeland.

fMit "Herr der Diebe" gelang Cornelia Funke 2002 der internationale Durchbruch, ihre"Tintenherz"-Triologie und die "Reckless"-Bände sind Megaseller - und doch wird die Autorin in Deutschland noch immer gerne klein geredet. Das liegt an dem Genre, in dem sie sich bewegt: Funke schreibt Kinder- und Jugendbücher und das gilt hierzulande wenig. Dass sich ihre Bücher weit über 20 Millionen-Mal in 45 Länder verkauft haben und bisher acht davon verfilmt wurden, dass sie nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Geschäftsfrau ist, wissen die Wenigsten.

"German Wahnsinn" und "Atmende Bücher"

Der jüngste Streich der Unternehmerin: Im März gründete Cornelia Funke gemeinsam mit Eduardo Garcia, dem Inhaber des Hamburger Tonstudios "German Wahnsinn" einen Hörbuchverlag. Garcia, der seit über zwanzig Jahren als Hörbuchproduzent tätig ist, hatte mit seinem Team im vergangenen Jahr bereits die Musik zu Cornelia Funkes "Reckless"-Reihe beigesteuert - eine Kooperation, die so inspirierend war, dass beide Lust auf eine noch intensivere kreative Zusammenarbeit bekamen. So entstand "Atmende Bücher". Das Label ist eine Hommage an Funkes Liebe zum "klingenden Wort" und wird, ganz nebenbei, ihrem Wunsch gerecht, aktiver am Klingen ihrer eigenen Worte mitzuarbeiten.

Zunächst sind dabei ausschließlich Hörbuchadaptionen und Lesungen aus Funkes eigenen Büchern geplant. "Ich gehe die Dinge gern klein an, und auch Eduardo Garcia ist für 'Atmende Bücher' mehr an der Qualität als an der Quantität interessiert", erläutert Funke und schwärmt von der phantastischen Qualität des Studios und davon, wie offen und gleichberechtigt dort zusammen gearbeitet wird. Funke und Garcia eint die Freude am Spielen und daran, Neues auszuprobieren. Selbst interkontinentale Live-Hörbuchaufnahmen zwischen Los Angeles, wo Funke seit 2005 lebt, und Hamburg haben sie gemeinsam verwirklicht.

Hörbücher neu gedacht

Bereits im vergangenen Jahr gründete Funke in den USA den Verlag "Breathing Books", der sich Print und Digitalen Projekten verschrieben hat. Außer den Namen haben "Breathing Books" und sein deutsches Geschwister "Atmende Bücher" allerdings wenig gemeinsam. Was es ist, das Bücher atmen lässt? "Einfallsreichtum, ein Denken außerhalb kommerzieller Boxen, die Leidenschaft für Geschichten und die Erkenntnis, dass man die auf sehr unterschiedliche Weise erzählen kann." Und das - bestenfalls - mit größtmöglicher Unabhängigkeit von kommerziellen Zwängen, was Funkes Schritt, nun auch in Deutschland Mehrheitsgesellschafterin eines Verlags zu werden, erklärt. Zeitgemäß ist es ohnehin: Bereits im vergangenen Jahr setzten eine Handvoll italienischer Autorinnen und Autoren, unter ihnen Umberto Eco, Berlusconis wachsendem Medienmonopol einen eigenen Verlag entgegen.

"Wenn man als Autor selbst verlegt", erläutert Funke, "hat man die Freiheit, weniger kommerziell zu denken, wenn man will. Die Verlage müssen bei ihren Produkten oft andere kommerzielle Kriterien anlegen, weil sie eine große Produktpalette anbieten." Umso wichtiger ist eine finanzielle und kreative Unabhängigkeit der Schreibenden für die Entwicklung guter literarischer Werke. "Den geduldigen Aufbau junger Autoren gibt es kaum noch - es soll gleich der Bestseller sein und man hört allzu oft vom 'zuschneidern für den Markt'. Das ist eine alles andere als erfreuliche Entwicklung, die in den USA schon weiter fortgeschritten ist."

Literatur will gehört werden

Ein erfreulicherer Trend in den USA sind Hörbücher. Die sind dort nämlich viel verbreiteter als in Deutschland, ganz einfach, weil viele Menschen auf den langen Anfahrtswegen zur Arbeit Audiobooks hören. Ein Entwicklung, die Funke sehr gut nachvollziehen kann. "Ich selbst lese mir alles laut vor, was ich schreibe, also ist die gelesene Fassung für mich eigentlich die ursprünglichere." Deshalb kommt die Fortsetzung ihres 1997er-Bestsellers "Drachenreiter" im Herbst zeitgleich als Printversion und als Hörbuch auf den Markt. Komplettiert wird "Die Feder eines Greifs" natürlich durch die richtige Musik. "Auf diesen Teil der Zusammenarbeit mit 'German Wahnsinn' freue ich mich schon sehr, denn Musik und Sound jeder Art lässt sich ja auch wunderbar international nutzen - ein Aspekt, der für mich natürlich immer interessant ist, weil ich in so vielen Sprachen veröffentlicht werde."

Die Fessel des Kommerz

Aus Cornelia Funkes enormer Erfolgsgeschichte ist eine Art Familienunternehmen erwachsen. Ihre Schwester betreut die Fans, ihr Bruder ist zugleich ihr Anwalt und ihr Cousin übersetzt ihre Romane ins Englische. Eine Konstellation, die sich eher zufällig ergeben hat und die Funke sehr genießt. Es sind auch die rasanten Veränderungen des Buchmarktes, die eine enge Vertrauensbasis zunehmend wichtiger machen. Veränderungen, denen Funke, wie so viele ihrer Kolleginnen und Kollegen, skeptisch gegenübersteht.

"Ein guter und leidenschaftlicher Verlag kann ein wunderbarer Partner für jeden Autoren sein. Aber leider begreifen Verlage das Verhältnis sehr oft nicht als Zusammenarbeit, sondern sehen Autoren und Illustratoren als bloße Lieferanten eines möglichst gut verkäuflichen Produkts. Wer das Schreiben und das Illustrieren als Kunst betrachtet, muss sich daran auf die Dauer stoßen." Das wird, prognostiziert die Erfolgsautorin, dazu führen, dass es bald viele Schreibende und Illustrierende geben wird, die sich zunehmend vom Verlagswesen unabhängig machen. So wie sie.

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