Aus der "taz" wird die "günlük gazete": Deutsch-türkische Sonderausgabe zum Tag der Pressefreiheit

 

Novum bei der Berliner "tageszeitung". Zum internationalen Tag der Pressefreiheit erscheint das Blatt am 3. Mai in einer 16-seitigen Sonderausgabe in deutscher und türkischer Sprache. Damit wolle die "taz" auf die zunehmende Repression der türkischen Regierung gegen die Medien aufmerksam machen, formuliert die Leiterin des Ressorts Gesellschaft und Medien, Marlene Halser, das Ziel der deutschen und türkischen Blattmacher.

Wohin treibt der Nato-Partner und EU-Bewerber Türkei unter dem islamisch-konservativen Präsidenten Rezzep Tayyip Erdogan und seiner AKP-Partei? "Die AKP ist eine zunehmend faschistische Regierung", urteilt Erk Acarer von der regierungskritischen Tageszeitung "Birgün" (Auflage: 25.000). Der 43-jährige Reporter und seine Kollegin Gözde Kazaz von der Wochenzeitung "Agos" (Auflage: 5.000) stellen gemeinsam mit "taz"-JournalistInnen die 16-seitige Sonderausgabe zusammen. Die beiden türkischen Journalisten werfen Erdogan und seiner Regierung vor, die Berichterstattung etwa über die Kämpfe in den Kurdengebieten im Südosten des Landes zu unterdrücken.

Journalisten würden zunehmend unter dem Vorwurf des Terrorismus und der Spionage angeklagt, kritisiert "taz"-Redakteurin Fatma Aydemir. Prominentestes Beispiel ist Can Dündar. Der Chefredakteur der Zeitung "Cumhuriyet" hatte voriges Jahr Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an islamische Islamisten in Syrien enthüllt. Dafür droht ihm und einem Mitarbeiter eine lebenslange Freiheitsstrafe. Doch die Unterdrückung der Meinungs- und Pressefreiheit setzt schon sehr viel früher ein." Es reicht schon ein offener Brief, um des Terrorismus angeklagt zu werden", berichtet "Agos"-Journalistin Gözde Kazaz vom Fall mehrerer Akademiker, die sich öffentlich für Frieden eingesetzt hatten.

Im Südosten der Türkei werden Journalisten häufig mit dem Tode bedroht. Vor allem, wenn sie für unabhängige Nachrichtenmedien arbeiten. Die 28-jährige Kazaz weiß vom Fall einer Berichterstatterin, die unter dem Vorwurf festgenommen worden sei, ein aufgeregtes Gesicht gemacht zu haben.

Angst vor Repressalien bei ihrer Rückkehr in die Türkei haben Kazaz und Erk Acarer nach eigener Aussage nicht. Er werde weiterhin nach der Nadel im Heuhaufen suchen,verkündet Acarer trotzig.

"taz"-Ressortleiterin Halse wirft der EU und der Bundesregierung vor, wegen des Flüchtlingsdeals mit Erdogan die "schmutzige Realität" auszublenden. Dadurch dass Erdogan mit Hilfe von mehreren Milliarden Euro den Flüchtlingsstrom nach Europa fast zum Erliegen gebracht habe, sei für die Regierenden Normalität eingetreten.

Löwisch: "Zeichen der Solidarität mit den Journalistinnen und Journalisten in der Türkei"

Die günlük gazete (Tageszeitung) wird nach Angaben der Macher sowohl für deutsche als auch für türkische Leser gemacht. Geplant ist eine Verlinkung der Artikel, damit sie über das Internet auch in der Türkei verbreitet werden können. Darüber hinaus will die "taz" in Berlin und im übrigen Bundesgebiet  Tausende Exemplare verteilen. An den Kiosken soll die "taz" am Dienstag sowohl unter den deutschen als auch unter den türkischen Zeitungen angeboten werden.

Die "tageszeitung" hat eine verkaufte Auflage von 53.500 Exemplaren. Chefredakteur ist Georg Löwisch. Er sagt zu der Sonderausgabe: "Während der Böhmermann-Debatte konnte man den falschen Eindruck bekommen, die Pressefreiheit sei nicht in der Türkei, sondern in Deutschland bedroht." Und weiter: "Am 3. Mai ist Zeit für ein Zeichen der Solidarität mit den Journalistinnen und Journalisten in der Türkei. Weil wir ihre Sache zu unserer Sache machen, werden die 'taz'-Sonderseiten nicht nur in deutscher, sondern auch in türkischer Sprache erscheinen."

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