Bauer lässt es gut sein: Glück für Günther Jauch, Glück für Anne Will

 

Günther Jauch geht seit Jahren entschieden gegen Boulevardmedien vor. Die Bauer Media Group hat das zu spüren bekommen und beim letzten ARD-Polit-Talk Jauchs zurückgeschlagen. Nach langer Prüfung hat der Konzern entschieden, es damit gut sein zu lassen. Anne Will (Foto) bleibt somit die Fortsetzung erspart.



Als Polit-Talker ist Günther Jauch Vergangenheit. Kaum jemand vermisst ihn, macht doch Anne Will ihre Sache meist sehr gut bis ausgezeichnet. Seine - wie er selbst sagte - "allerletzte Sendung aus dem Gasometer" wird dennoch in Erinnerung bleiben: wegen ihres bizarren Endes. Kaum hatte sich Jauch am 29. November 2015 bei seinem Millionenpublikum dafür bedankt, dass es ihm "so wunderbar die Treue gehalten" habe, da erschien wie Kai aus der Kiste ein Mann von bürohafter Gestalt auf der Mattscheibe, der sich alsbald als NDR-Mitarbeiter herausstellte. Er verlas eine Gegendarstellung von Tom Junkersdorf, dem ehemaligen Chefredakteur der Klatsch-Zeitschrift "Closer". 



In der Sendung vom 13. April 2014 war es - vor allem mit Blick auf den Unfall von Formel-1-Legende Michael Schumacher - um den Umgang von Medien mit Prominenten gegangen. Eingeblendet worden war ein Schriftlaufband mit all jenen Zeitschriften, die Jauchs Angaben zufolge einen Auftritt in der Sendung abgelehnt haben sollen, unter ihnen "Closer". Junkersdorf ließ das verblüffte ARD-Publikum eineinhalb Jahre später wissen: "Hierzu stelle ich fest: Am Freitag vor der Sendung hat eine für 'Closer' tätige Medienagentur der Produktionsfirma meine Teilnahme an der Sendung angeboten. Dies wurde abgelehnt."

Was war geschehen? Die "Closer" musste eine Gegendarstellung von Jauch dreimal hintereinander drucken. Der populäre Moderator ist bekannt dafür, haarklein gegen Halb- und Unwahrheiten oder scheinbar banale Tatsachenbehauptungen vorzugehen. "Closer" hatte unter ein Foto Jauchs aus den 80er-Jahren einen Text gedruckt, aus dem man schließen konnte, es zeige den Reporter beim Radio. Der Fernsehstar stellte dazu fest, dass das Bild ihn als Moderator einer ZDF-Sendung zeige.

"Closer" und Jauch im Clinch



"Closer" druckte die Korrektur, betonte, es sei nicht die Absicht gewesen, "ein Foto von Jauch beim Radio" zu zeigen und erlaubte sich einen Scherz: Es brachte ein Foto neben der Gegendarstellung, dass Jauch in Frauenkleidung in einer ARD-Show präsentierte. Dazu der Text: Der Moderator sei "in der Tat für seine besonderen TV-Outfits bekannt". Doch Jauch verstand an der Stelle keinen Spaß. Er ging wiederum dagegen vor, weil das orangenfarbige Damenkostüm auf dem Foto von der Gegendarstellung ablenke und diese damit quasi entwerte. Zudem bemängelten seine Anwälte die optische Gestaltung des gedruckten Widerspruchs. Die Richter folgten der Argumentation. "Closer" brachte erneut die Gegendarstellung mit veränderter Optik, aber daneben abermals das Foto "Jauch in Frauenkleidung". Weil die Zeitschrift dazu glossenhafte Anmerkungen machte, klagte Jauch erneut - und gewann. "Closer" musste die Gegendarstellung ein drittes Mal bringen.



Der Verdacht liegt auf der Hand, dass Junkersdorf und der Bauer Media Group den Spieß rumdrehen wollten und die Sache ebenfalls auf die Spitze treiben würden. Der "Closer"-Widerspruch war Anfang 2015 schon einmal kurz vor dem Abspann einer Jauch-Sendung verlesen worden. Dem Verlag reichte offenbar die Form beziehungsweise die Platzierung seinerzeit nicht aus, er setzte eine zweite Gegendarstellung durch. Angeblich schoben Jauch und/oder der NDR die zweite Verlesung in die allerletzte ARD-Polit-Show des Moderators. Offizielle Aussagen gab es dazu nicht. Der NDR und Jauchs Firma hielten sich bedeckt.



Im Umfeld der Bauer Media Group war aber sogleich auf "die nicht ganz korrekte" Platzierung verwiesen worden. Da das Schriftband in Jauchs Talkshow im April 2014 mitten in der Sendung und nicht etwa nach dem Abspann eingeblendet worden war, behielt es sich der Medienkonzern vor, erneut dagegen vorzugehen. Einmal so pingelig zu sein, wie Herr Jauch es selbst ist, lautete das Motto. Die Prüfung zog sich hin, ehe die Entscheidung fiel. Mitte April sickerte sie aus der Bauer Media Group: Wir lassen es gut sein und Jauch seinen Frieden.

Offiziell nimmt das Hamburger Unternehmen nicht dazu Stellung. Allerdings gilt als sicher, dass bei der Entscheidung eine Rolle spielte, dass Jauchs Nachfolgerin Anne Will - da Format und Sendeplatz überaus ähnlich sind - wahrscheinlich Junkersdorfs Gegendarstellung Nummer drei hätte verlesen lassen oder als Schriftband einblenden müssen - und das dann höchstwahrscheinlich mitten in der Sendung. 


Rechtsprechung im TV-Bereich


Cornelius Renner, Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht, möchte den konkreten Fall nicht bewerten. Der Lehrbeauftragte an der Berliner Humboldt-Universität erklärt allerdings generell: "Wenn eine beanstandete Aussage mitten in der Sendung war, ist es rechtlich kritisch, die Gegendarstellung nach dem Ende der Sendung zu zeigen." Nach Renners Auffassung lässt sich die Rechtsprechung für Printprodukte auf das Fernsehen übertragen. "In der Zeitung muss eine Gegendarstellung nicht exakt an der Stelle gebracht werden, wo der beanstandete Text stand", erläuterte der Anwalt. "Es reicht, wenn sie in der Rubrik an vergleichbar wichtiger Stelle wie die Ausgangsmitteilung gedruckt wird." Ausnahme bildet die Titelseite, wobei laut Renner auch nicht zu sehr in die redaktionelle Freiheit eingegriffen werden darf. "Es muss genug Platz bleiben, um die Titelseite mit aktuellen Berichten redaktionell zu gestalten."



Der Anwalt sagte: "Der exakte Zeitpunkt der Gegendarstellung in einer TV-Sendung muss nicht der exakte Zeitpunkt der beanstandeten Aussage entsprechen. Allerdings sollte sie in einem passenden Zeitfenster ausgestrahlt werden." Gemeint ist damit: Geht jemand gegen eine Behauptung oder Aussage vor, die in Minute 30 einer einstündigen Sendung gefallen ist, muss die Gegendarstellung also nicht exakt in Minute 30 verlesen werden, wohl aber im näheren zeitlichen Umfeld. Vorstellbar wäre nach Worten Renners in diesem Fall zwischen 15. und 45. Minute. "Entscheidend ist nach unserer Rechtsprechung, dass die Gegendarstellung - zumindest theoretisch - die Zuschauer erreicht, die auch die Ausgangsmitteilung gesehen haben."

​Der Medienexperte verweist darauf, dass es bei der Verlesung von Gegendarstellungen im Fernsehen andere Gestaltungsmöglichkeiten gebe als im Printbereich. Es sei immer eine Gratwanderung, dass es nicht zu einer Entwertung des Widerspruchs ​komme und sie - wie im Fall Jauch - erneut veröffentlicht werden müsse. "Ich erinnere mich an einen Fall, bei der ein schlecht angezogener Praktikant eine Gegendarstellung vor einem unruhigen Hintergrund gelangweilt vor sich hin genuschelt hat."

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