Interview mit dem National Geographic-Chef: Warum Axel Gundolf keine deutschen Sendergesichter haben will

 

Vom Kinderfernsehen zu den großen Natur- und Wissensdokumentationen: Seit vergangenem Sommer verantwortet Axel Gundolf als Programmchef die Inhalte der Fox-Sender National Geographic Channel, Nat Geo Wild und Nat Geo People. Mit Hollywood-Stars wie Morgan Freeman und Oscar-Regisseur Ron Howard schöpft er aus den Vollen. Im kress.de-Interview verrät Gundolf, warum er keine deutschen Sendergesichter haben will.

kress.deHerr Gundolf, Ihre neue Stelle haben Sie jetzt auch schon seit etwas mehr als einem halben Jahr inne. Sie kommen vom Kinder- und Jugend-Fernsehen. Wie heimisch sind Sie mittlerweile mit anspruchsvollen, etwas gewichtigeren Dokumentationen geworden?

Axel Gundolf: Fühlt sich gut an. Die Entscheidung fiel mir leicht. Ich war sechs Jahre bei Super RTL, das war eine sehr schöne Zeit mit spannenden Aufgaben. Doch ich wollte einfach noch einmal etwas anderes machen. Als sich die Möglichkeit dafür beim National Geographic Channel auftat, erschien mir das intuitiv sofort attraktiv. Das geht ja wohl vielen Leuten so: Die Marke ist sehr ansprechend. Ich bin zwar kein großer Abenteurer. Mein Abenteuer war, für den Job von Köln nach München zu ziehen. Der Gedanke, der hinter National Geographic steht – mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, Fragen zu stellen – gefällt mir aber sehr gut.

"Ich war wahrscheinlich bei den falschen Zahnärzten"

Wie schnell kamen bei Ihnen die frühen Kinder-Erinnerungen an das Zahnarzt-Wartezimmer hoch, wo immer diese Zeitschriften auslagen?

Axel Gundolf: Bei mir gar nicht. Ich war wahrscheinlich bei den falschen Zahnärzten. Aber ich höre das von vielen Leuten, die mit dem Magazin mit dem gelben Rand schon früh in ihrem Leben so ihre ersten Erfahrungen machten.

Kinderfernsehen, für das Sie bei Super RTL standen, ist ja nun doch etwas ganz anders. Vor allem, wenn es um die fiktionalen Formen geht. Wie schwer fiel Ihnen die Umstellung?

Axel Gundolf: Ich glaube, was das Handwerkliche angeht, ist das Programmgestalten ähnlich. Die Philosophie hinter dem, was wir ausstrahlen, ist jetzt natürlich schon eine andere. Wir sind ja mit der National Geographic Society verschwestert. Dieses mehr als 125-jährige Erbe spürt man und  macht sich in einem positiven Sinne im Hintergrund stets bemerkbar. Wir sind Teil eines großen Gedankens.

27 Cent von jedem Euro gehen an die National Geographic Society

Zuletzt wurde die Anbindung an die Society ja gestärkt. War die früher nur so eine Art Namens-Deckmäntelchen?

Axel Gundolf: Für das Fernsehgeschäft ändert sich gar nicht so viel. Wir hatten immer schon eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Society. Aber durch den National Geographic Partners-Deal wird das noch ausgebaut. Das ist für mich ein Zeichen des Vertrauens der Society in Fox. Uns wird als Konzern zugetraut, mit dieser Marke in noch größerem Umfang zu agieren. Gleichzeitig gehen durch den neuen Vertrag jetzt 27 Cent von jedem Euro, den wir erwirtschaften, direkt in die Arbeit der Society und finanzieren so deren Arbeit und die vielen Expeditionen, deren Fotografen und Journalisten. Wir sind zwar ein kommerzielles Unternehmen. Aber für mich ist es eine schöne Vorstellung, dass wir gleichzeitig diese weltweit wirksame Idee unterstützen.

Aber gibt Ihnen und den Kollegen in Amerika die Anbindung nicht ein besseres Standing? Fällt es Ihnen nun leichter, bei Morgan Freeman anzurufen, um ihn für eine Ihrer Doku-Reihen zu gewinnen?

Axel Gundolf: Das hilft sicher. Die neue Ausrichtung, die wir international verfolgen, dass wir nämlich näher an den Ursprung der Marke rücken, entwickelt eine große Strahlkraft. Das merke ich in meiner Arbeit, wenn ich mit Leuten darüber spreche, und auf internationalen Level spüren wir, dass Stars wie Morgan Freeman, aber auch andere, mit denen wir in Zukunft zusammenarbeiten werden, sehr offen und begeisterungsfähig sind, für das was wir mit ihnen vorhaben.

"Bärtige Männer werden auch in Zukunft ihren Platz bei uns haben"

Heißt das: Künftig stärker von den vollbärtigen US-Holzfällern, die – wie das auch einige Ihrer Mitbewerber etwas aus dem Discovery-Stall tun – ihre Motoren dröhnen lassen? Und jetzt eher hin zum ernsteren wissenschaftlichen Anspruch?

Axel Gundolf: Ich würd’s anders formulieren: Die bärtigen Männer in Alaska werden auch in Zukunft ihren Platz bei uns haben. Aber wir werden in jedem Fall verstärkter hochwertigere und damit auch kostspieligere Dokumentationen wie zuletzt "Story of God" auf den Bildschirm bringen. Ich spreche von Produktionen, wo sowohl hinter der Kamera bei den Produzenten, Regisseuren und Ideengebern, als auch vor der Kamera die besten Leute aus Hollywood und auch aus anderen Ländern unsere Themen an die Zuschauer bringen. Gleichzeitig erweitern wir unsere Themenpalette – vom Wissenschaftlichen auch hin zu dem Anspruch, über reine Faktenvermittlung hinauszugehen und künftig auch die großen Fragen anzugehen. Das kann dann sogar einen philosophischen Anspruch haben.

Und Trucks werden Sie nicht übers Eis jagen?

Axel Gundolf: Genau. Es geht etwa bei Nat Geo people immer um Geschichten von Menschen – mit einem NationalGeographic-Anspruch.

"Ultra-HD ist für uns auf jeden Fall schon ein Thema"

Wenn man über Pay-TV und hochwertige Doku-Inhalte spricht, kommen ja schnell auch Qualitätsbegehrlichkeiten auf. Wann werden Sie in Ultra-HD einsteigen – oder ziehen da die Plattformpartner noch nicht mit?

Axel Gundolf: Es ist für uns auf jeden Fall schon ein Thema. Vieles passiert derzeit im Hintergrund. Und wir beobachten die technische Entwicklung sehr genau. Bestimmte Projekte wie "Story of God" werden schon in Ultra-HD produziert. National Geographic ist wegen seiner Bildstärke – die ja auch über den Sendern hinaus in den Online-Bereich und das Magazin hinausgeht – prädestiniert dafür, Vorreiter bei dieser Technik zu sein.

Wie viele andere Pay-Häuser in Deutschland hängen Sie stark an Ihrem US-Mutterhaus. Was bedeutet das eigentlich für die Freiheit des Programmdirektors? Wie groß sind überhaupt Ihre Möglichkeiten, eigene Akzente zu setze? Oder verstehen Sie sich eher als Kurator oder als jemand, der vorgegebene Inhalte durchwinkt?

Axel Gundolf: Der Begriff Kurator trifft es sehr gut. Für mich ist das ein rein positiver Begriff. Er bedeutet ja, dass man die Inhalte pflegt, sich um sie kümmert und sie mit Liebe behandelt. Ein überwiegender Teil unserer Inhalte kommt natürlich über unsere internationale Struktur zu uns. Wir setzen bestimmte Akzente lokal. Unsere Stärke ist ja, ganz in der Tradition der National Geographic Society den Leuten die Welt näher zu bringen. Und das funktioniert tatsächlich am besten, wenn man das auch wirklich weltweit macht. Außerdem arbeiten wir mit Budgets, die nur international so möglich sind.

Soll heißen: Einen deutschen Waldschrat durch den deutschen Forst zu begleiten, ist nicht der Anspruch, den Sie haben?

Axel Gundolf: Wenn das Konzept stimmt, wäre das was, was wir machen können. Aber es muss unseren Kriterien entsprechen. Und es muss im Idealfall auch über den deutschen Markt hinaus interessant sein.

Kaufen Sie für Ihr deutsches Programm auch noch auf den externen Fernsehmärkten zu? Oder reicht Ihre Programmversorgung aus den USA so gut aus?

Axel Gundolf: Um unsere Versorgung müssen wir uns gar keine Sorgen machen. Wir kaufen insofern zu, dass wir als wichtiger Medienmarkt in Europa mit Einfluss auf die internationalen Kaufentscheidungen nehmen.

Worauf können sich die Zuschauer denn als nächstes freuen?

Axel Gundolf: Es gibt mehrere Großprojekte, hinter denen prominente Namen stehen: Das Größte, was in diesem Jahr ansteht, ist im Herbst das Format "Mars". Da wird es um die Besiedelung des Planeten gehen – beleuchtet aus wissenschaftlicher Perspektive, aber auch mit Scripted-Elementen. Dahinter stehen Ron Howard und Brian Grazer als Produzenten, die unter anderem "Apollo 13" und "A Beautiful Mind" gemacht haben. Ein weiteres Highlight, das wir demnächst zeigen werden, ist "Years of Living Dangerously". Da wird es um den Klimawandel und seine Folgen gehen. Da ist es National Geographic gelungen, für jede Folge vor der Kamera einen prominenten Repräsentanten für bestimmte Themen zu gewinnen. Unter anderem werden Arnold Schwarzenegger, David Letterman und James Cameron mit von der Partie sein. Und im nächsten Jahr kommt dann mit "Genius" die erste Scripted Serie in der Geschichte des National Geographic Channels ins Programm, mit Oscar-Preisträger Ron Howard auf dem Regiestuhl. Die erste Staffel wird sich mit dem Leben und Schaffen von Albert Einstein beschäftigen. Da freue ich mich persönlich schon enorm drauf.

"Wir sind nicht auf ein deutsches Gesicht angewiesen"

Juckt es Sie nicht in einer Art Weihnachtswunsch, einmal ein deutsches Promi-Gesicht für Ihre Sender zu etablieren? Viele Ihrer Mitbewerber versuchen das ja? Hannes Jaenicke schon angefragt?

Axel Gundolf: Grundsätzlich glaube ich schon, dass wir als Sender nicht darauf angewiesen sind, ein deutsches Gesicht zu haben. Es ist aber Teil dieser neuen Strategie, nicht nur Hollywood-Talente, sondern auch internationale Größen zu verpflichten. Der "Mars"-Regisseur etwa ist Mexikaner. Wir stehen auch in Gesprächen mit unserem Mutterkonzern, der wissen möchte, wen wir denn in Deutschland – als Schauspieler, als Regisseur, als Produzent – ansprechen könnten, die zu National Geographic passen könnten. Daran arbeiten wir konkret. Im Moment kann ich aber noch keine Namen nennen.

Schlafen Sie eigentlich ruhiger, wenn Sie sich jetzt nicht mehr mit Quotensorgen rumschlagen müssen?

Axel Gundolf: Ich habe auch bei Super RTL immer ganz gut geschlafen. Aber ich bin schon auch ein kleiner Quoten-Junkie. Wir versuchen – wie vermutlich jeder Sender -, die Balance aus Quoten- und Qualitätsanspruch zu meistern. Solange die Zuschauer sagen, dass sie gerne bereit sind, für unsere Sender Geld auszugeben, haben wir einen guten Job gemacht.

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