Guido Knopp im Interview: Freie Medien stark genug, sich gegen "Lügenpresse"-Propaganda zu wehren

 

TV-Historiker Guido Knopp ist für den öffentlich-rechtlichen Infokanal Phoenix auf Zeitreise gegangen und spürt dem "Rätsel RAF-Terror" nach. Der Themenschwerpunkt RAF startete an diesem Sonntag mit einer Doku über den Freitod von Ulrike Meinhof. Im kress.de-Interview äußert sich Knopp über den Nachrichtenwert von Dokumentationen, die zynische Medienarbeit der RAF und den Unterschied zwischen der Anti-Springer-Kampagne der 68er und der "Lügenpresse"-Propaganda von Pegida und AfD.

kress.de: Der Sender befasst sich mit dem Thema in einem Jahresschwerpunkt ab Sonntag, 8. Mai 2016 - an diesem Montag jährt sich der Todestag von Ulrike Meinhof zum 40. Mal. Welche Rolle spielten sie für die Zeitzeugen, die Sie gefunden haben?

Guido Knopp: Wir beginnen gerade mit den Dreharbeiten für unsere "Zeitreise"-Reportage, die am 30. November ausgestrahlt werden soll. Aber Ulrike Meinhof ist natürlich als Mitbegründerin eine entscheidende Figur in der sogenannten Rote Armee Fraktion (RAF) gewesen. Sie war Journalistin und intellektuelle Vordenkerin der ersten RAF-Generation, die dem linksalternativen Milieu entstammte. Der Protest der Studentenbewegung der 1960er Jahre gegen den Vietnam-Krieg und die Notstandsgesetze prägte ihr Denken und Handeln. In der außerparlamentarischen Opposition wurde Gewalt gegen Sachen oft befürwortet, nicht aber Gewalt gegen Menschen. Doch Meinhof und die RAF beschritten eben diesen Weg der Gewalt gegen Menschen und ermordeten Repräsentanten des Systems. Wie wurden sie zu Mördern? Wie leben die ehemaligen Terroristen heute mit ihrer Schuld? Das sind Fragen, die mich interessieren.

"Alle Akten sind verschwunden oder unter Verschluss - ein Skandal"

Neue Zeitzeugen können Historikern dabei helfen, neue Erkenntnisse zu gewinnen. Wie hat sich Ihr Bild von der RAF verändert?

Guido Knopp: Dem Bild werden sicherlich ein paar Puzzleteile hinzugefügt. Mit dem Phoenix-Jahresschwerpunkt wollen wir den Rätseln des RAF-Terrors nachgehen und somit das unvollständige Bild ein wenig vervollständigen. Das betrifft zum Beispiel die Rolle der Geheimdienste und die Verbindungen zwischen ostdeutscher Staatssicherheit und RAF. Oder: welche Rolle spielte der Berliner Verfassungsschutz, der in den späten 1960er Jahren V-Leute in die Kreise der späteren Terroristen einschleuste? V-Mann Peter Urbach zum Beispiel versorgte die Terroristen mit Waffen und Bomben. Der Berliner Verfassungsschutz hat also möglicherweise Verbrechen, die er später verfolgt hat, mit ermöglicht. Urbach können wir nicht mehr persönlich fragen. Er kam nach seiner Aussage im Prozess gegen Horst Mahler in ein Zeugenschutzprogramm und starb 2012 in Kalifornien. Alle Akten sind verschwunden oder unter Verschluss - ein Skandal.

Es sind noch viele Fragen offen.

Guido Knopp: Genau: Vor allem die RAF-Terroristen der sogenannten dritten Generation umgeben noch viele Fragen. Wir wissen immer noch nicht, wer 1989 den Deutsche-Bank- Chef Alfred Herrhausen und 1991 den Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder ermordet hat. Warum ist das nach wie vor ungeklärt? Die Terroristen leben heute noch mitten unter uns im Untergrund. Von Daniela Klette wurden sowohl bei dem Anschlag auf die amerikanische Botschaft in Bonn 1991 als auch bei Banküberfällen im vergangenen Jahr DNA-Spuren gesichert. Viele Attentäter sind uns bis heute aber noch nicht einmal namentlich bekannt. Warum? Und warum konnte man die Codes in den sogenannten Haag-Meyer- Papieren nicht entschlüsseln, die 1976 sichergestellt wurden? Die waren so etwas wie das Drehbuch der RAF für den Deutschen Herbst 1977.

Der Terror-Code der RAF

Welche Codes verwandte die RAF dort?

Guido Knopp: Sie sprach zum Beispiel von der "Big Raushole", einer Befreiungsaktion für die Gefangenen in Stuttgart-Stammheim. Das war noch relativ einfach zu entschlüsseln. Aber beim Codewort "Margarine" tappten die Ermittler völlig im Dunkeln. Dabei ist der Code im Nachhinein betrachtet eigentlich ganz einfach: Die populärste Margarine zu der Zeit hieß"SB". S und B sind auch die Initialen von Generalbundesanwalt Siegfried Buback, der dann im April 1977 von der RAF ermordet wurde.

Das Foto des RAF-Gefangenen Hanns-Martin Schleyer vor dem Logo der Terror-Gruppe gehört zu den traurigen Ikonen der Zeitgeschichte. Welches zynische Kalkül steckte dahinter?

Guido Knopp: Die RAF wollte auf sich aufmerksam machen und natürlich auch ihre Macht demonstrieren. Sie wollte Schleyer als öffentlichkeitswirksames Druckmittel einsetzen, um ihre Ziele zu erreichen.

"Es handelt sich um völlig unterschiedliche Ansätze"

Bevor der Linksterrorismus aktiv wurde, gab es eine publikumswirksame Kampagne gegen die Springer-Presse. Sehen Sie eine Schnittmenge zur aktuellen "Lügenpresse"-Debatte - und wenn ja, welche?

Guido Knopp: Nein, das kann man aus meiner Sicht nicht direkt vergleichen. Es handelt sich um völlig unterschiedliche Ansätze. Während das eine eher eine gezielte Aktion vor allem gegen ein Medium oder einen Verlag war, richten sich die Vorwürfe der rechten Pegida-Bewegung und der Alternative für Deutschland heute eher pauschal gegen aufklärende Medien.

Parolen à la "Springer-Presse, halt die Fresse" folgte wenig später eine Debatte, ob und wie Springer enteignet werden könne. Glauben Sie, dass die "Lügenpresse"-Kampagne eskalieren kann?

Guido Knopp: Sie hat bereits einen traurigen Höhepunkt erreicht. Aber unsere freien Medien sind stark genug, das auszuhalten und sich zu wehren.

Die RAF würde im Internet-Zeitalter sehr präsent sein


Islamistische Terroristen haben die Redaktion von "Charlie Hebdo" angegriffen. Was hat die RAF davon abgehalten, Springer zu attackieren?

Guido Knopp: Sie haben durchaus Springer-Häuser in Berlin und Frankfurt am Main attackiert und Molotow-Cocktails geworfen. Wir wissen heute, dass auch Axel Springer als Person im Fadenkreuz der Terroristen war. 1972 gab es einen Anschlag im Hamburger Axel-Springer-Haus, der dem Verleger galt. 17 Mitarbeiter wurden verwundet. Axel Springer selbst blieb unverletzt.

Eine spekulative Frage: Der RAF fehlten die Möglichkeiten, das Internet für ihre Propaganda zu missbrauchen. Wie würde sie im digitalen Zeitalter auftreten?

Guido Knopp: Natürlich würde sie wie heute der IS das Internet nutzen und - bei aller Anonymität ihrer Mitglieder - sehr präsent sein.

Hintergrund

Was vor 48 Jahren mit den Brandanschlägen auf Kaufhäuser in Frankfurt begann und mehr als 30 Menschenleben forderte,ist heute offenbar noch immer nicht zu Ende: die Gewalt der Roten Armee Fraktion, kurz RAF. Zwar hat die selbsternannte Stadtguerilla 1998 ihre Selbstauflösung verkündet. Doch bei mehreren Überfällen auf Geldtransporter entdeckten Ermittler im vergangenen Jahr Spuren von RAF-Mitgliedern der sogenannten Dritten Generation an den Tatorten.

Die Öffentlichkeit steht heute vor zahlreichen Rätseln: Warum wurden für zahlreiche RAF-Morde die Täter weder ermittelt noch verurteilt - bis jetzt? Und welche Rolle spielten die Geheimdienste in West und Ost? Lebt die RAF im Untergrund weiter - trotz ihrer 1998 verkündeten Selbstauflösung? Und haben sich die inzwischen 40 Jahre alten Anti-Terror-Gesetze überhaupt bewährt?

phoenix geht den offenen Fragen des RAF-Terrors nach: in aktuellen Dokumentationen, in einem Online-Modul, in Diskussionsrunden und herausragenden Reportagen - mit Zeitzeugen, namhaften Experten und einem opulenten Spielfilm-Highlight. Im Fokus: bis heute ungelöste, größere Rätsel aus allen drei RAF-Generationen.

Sendungen zu den Stichtagen

8. Mai 2016 - 40 Jahre: Selbstmord Ulrike Meinhof
3. Juni 2016 - 25 Jahre: Verurteilung Susanne Albrecht
24. Juni 2016 - 40 Jahre: Anti-Terror-Gesetze
4. Juli 2016 - 40 Jahre: "Operation Entebbe" - Das Ende einer Flugzeugentführung in Uganda
9. Juli 2016 - 30 Jahre: Ermordung Karl Heinz Beckurts
10. Oktober 2016 - 30 Jahre: Ermordung Gerold von Braunmühls
30. November 2016 - 40 Jahre: Entdeckung des RAF-"Masterplans" für die Terroroffensive 1977 (Haag-Mayer-Papiere)

Biografie

Guido Knopp (* 29. Januar 1948 in Treysa, Hessen) ist vor allem für seine Aufarbeitung zeitgeschichtlicher Themen bekannt, lange Jahre fürs ZDF, heutzutage für den öffentlich-rechtlichen Info-Kanal Phoenix. Knopp wurde für seine Arbeit vielfach ausgezeichnet.

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