Früherer Grimme-Chef Bernd Gäbler: "Ohne Journalismus würde Satire nicht funktionieren"

 

Mit einer ungewöhnlichen Fragestellung beschäftigt sich das Demokratie-Forum Hambacher Schloss am Mittwoch: "Warum gelten Satiriker heute als die Journalisten mit Tiefgang und Haltung?" will SWR-Chefreporter Thomas Leif, der die Veranstaltung moderiert, u.a. von "Monitor"-Chef Georg Restle und "extra3"-Redaktionsleiter Andreas Lange wissen. Zu den Gästen gehört auch Bernd Gäbler, ehemaliger Leiter des Adolf-Grimme-Instituts.

Weitere Teilnehmer der Diskussion sind die politische Kabarettistin Lisa Politt, Chefin im Hamburger Theater Polittbüro, der Freiburger Kabarettist Matthias Deutschmann sowie der Buchautor und Medienwissenschaftler Benedikt Porzelt, Fachgebiet Politik und Komik.

Der frühere Grimme-Chef Bernd Gäbler sagt unter anderem im Interview: "Satire ist auch ein schneller Genuss kleinformatiger Komplexitätsreduktion."

Entwickeln sich die Premium-Satire-Sendungen in ZDF und ARD als Ersatz für die klassischen Magazine, auch weil Satire weniger angreifbar ist?

Bernd Gäbler: Natürlich sind Satireformate kein Ersatz für klassischen Journalismus. Unklar ist aber, ob bzw. inwieweit sie von einigen Rezipienten als solche genutzt werden, was aber auch nicht den Satirikern vorzuwerfen wäre. Da muss schon jeder in seinem Teich fischen. Sicher ist aber, dass die Bedeutung der Satire zunimmt. Gerade die "heute show" mit zuletzt über 4 Mio. Zuschauern hat die Einschaltquoten des "heute-journals" schon seit Dezember 2012 überholt, ist die jüngste, beliebteste und jenseits des linearen Fernsehens am stärksten nachgefragte Sendung des ZDF. Nicht weil sie weniger angreifbar ist, sondern vor allem, weil sie für verschiedene Publika anschlussfähig ist.

Wie sieht ihre Bilanz der Böhmermann-Affäre aus?

Bernd Gäbler: Auch der Satiriker ist für seine Worte verantwortlich. Satire darf nicht alles, sondern hat - wie auch schon Tucholsky wusste - eine Grenze nach oben und nach unten. Böhmermanns Gedicht war stillos und nicht klug, weil er Erdogan Vorwände lieferte, einen harmlosen Kritiker zu besiegen. Es fehlt an guten und verantwortungsbewussten Redakteure. Die riesige Resonanz liegt weniger an der Sache selbst als an der politischen Situation, in die sie hineinwirkte. Viele empfanden diese als eine Wende von einem moralischen Verhalten der Bundesregierung in der Flüchtlingsfrage - was die "Willkommenskultur" auch nicht war - zu einem unmoralischen Deal mit der Türkei. Böhmermann war das Symbol für diese angebliche Wende. Tatsächlich ist beides realpolitische Wurschtelei, weil es a) keine europäische Lösung gibt und vor allem b) kein Einwanderungsgesetz.

Was sagt der Satire-Boom über den Zustand unserer Gesellschaft und die Bedürfnisse des Publikums?

Bernd Gäbler: Positiv daran ist, dass Autoritäten nicht hingenommen, sondern ständig verulkt und hinterfragt werden. Lachen ist befreiend. Gleichzeitig ist Satire auch ein schneller Genuss kleinformatiger Komplexitätsreduktion. Der Abstand zwischen Nachricht und Verstehen wächst. Die Welt wird in Schnipseln rezipiert. Aus Kontext wird Konfetti. Da ist man dankbar, wenn einem einer auf die Sprünge hilft.

Bietet das Format "Satire" im Gegensatz zu Nachrichtensendungen bessere Möglichkeiten, komplexe politische Entwicklungen und kritischen "investigativen" Journalismus zu vermitteln?

Bernd Gäbler: Natürlich nicht. Aber Satire - die etwa im Fall der "heute show" ja vor allem Zweitverwertung von Journalismus ist - könnte ein gutes "Mittelstück" in einer Kette des Verstehens sein. Eigentlich muss man schon etwas wissen, um "richtig" lachen zu können - auch Satire ist also nicht voraussetzungslos. Journalismus geht ihr voraus. Und eigentlich reicht es nicht, über die Satire zu lachen. Sie könnte gut ein Anlass sein, sich weitergehend zu informieren. Sie macht nachfolgenden Journalismus nötig.

Gibt es eine Verbindung zwischen dem Satire-Boom und fehlender öffentlicher Reflektion, etwa zu den Ursachen und Folgen der Finanzkrise?

Bernd Gäbler: Ich glaube schon. Satire bietet oft ein befreiendes Lachen und ein erstes, überlegenes Verstehen. Große Teile der Öffentlichkeit scheinen vor allem auf schnelles moralisches Urteilen aus zu sein. Das individuelle Bekenntnis ist leichter als eine langwierige, argumentative Auseinandersetzung. Es ist schon schwer, eine plurale Meinungslandschaft zu durchpflügen, noch schwerer ist es oft, das harte Graubrot ausführlicher Information oder gar investigativer Recherchen durchzukauen.

Würde konservative Satire - etwa mit einem Gerhard Löwenthal - funktionieren?

Bernd Gäbler: Vielleicht nicht mit Gerhard Löwenthal, aber mit Kienzle und Hauser hat sie ja schon funktioniert, ebenso schreibt Martenstein doch oft zugleich ironisch und konservativ. Das linksliberale Milieu ist voll von Doppelmoral, Egoismen und Heuchelei - in diesem Beet gedeihen viele Blüten, die Konservative dankbar ernten könnten.

Welches Aufklärungspotential haben TV-Satiriker bei sensiblen Themen wie der zunehmenden Radikalisierung am rechten Rand im Zuge der Flüchtlingskrise? Verklärt dabei zu viel Humor den nüchternen Blick auf die Dinge?

Bernd Gäbler: Die Gefahr besteht. Zugleich kann Satire aber auch den Blick öffnen. Sie muss sich dann aber von einfacher Blödelei unterscheiden - durch symbolische Prägnanz, kluge Verdichtung und Sprachgefühl.

kress.de-Service: Der Eintritt zum Demokratie-Forum Hambacher Schloss ist frei. Die Organisatoren bitten um Anmeldung per Email unter demokratieforum@hambacher-schloss.de. Auf der Seite www.swr.de/demokratieforum gibt es die Aufzeichnungen der vergangenen Demokratie-Foren.

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