Journalismus der Zukunft: Schätze Debatten! (Der vierte Pfeiler der Qualität)

 

"Das Beste an der gegenwärtigen Debatte über die Wahrhaftigkeit der Berichterstattung ist die Debatte selbst", sagte Bundespräsident Joachim Gauck, als er über Lügenpresse sprach und das Misstrauen der Bürger, ob die Journalisten die Realität noch beschreiben würden. Wer debattiert, der lebt in einer Demokratie. Wer nicht debattiert, der lebt nicht mehr in der Freiheit, der lebt in einer Schweige-Gesellschaft. 

"Eine zentrale Stelle bestimmte, welche Informationen und welche Meinungen verpflichtend waren", kennt Bundespräsident Joachim Gauck aus seinem Leben in der DDR. "Zensur und Desinformation bestimmten den Medienalltag. Und heute? Es ist so völlig anders."

Journalisten regen Debatten an, fördern und fordern sie und führen sie selber. Wenn Journalisten die demokratische Gesellschaft spiegeln, dann müssen sie mitreden und mitreden lassen. Die Debatte, auch der Streit, gehören zur Demokratie ebenso wie die Lösung, der meist ein Kompromiss ist. Also, frei nach dem Bundespräsidenten: Das Beste an der Debatte ist die Debatte selbst.

Demokratie lebt von Kontrolle, der Macht auf Zeit – und vom Streit und der darin eingebetteten Debatte. Jeder sollte seine Weltsicht wiederfinden, aber nicht wild und ungefiltert wie in vielen Schlamm-Debatten des Internets, sondern von Journalisten moderiert. "Ängste ernst zu nehmen, heißt nicht, ihnen zu folgen", sagte Bundespräsident Gauck in einer seiner Weihnachtsansprachen. "Mit angstgeweiteten Augen werden wir Lösungswege nur schwer erkennen, wir werden eher klein und mutlos."

Journalisten sollten Ängste ernst nehmen, um zu verhindern, dass sich die Ängstlichen mit den Bösen und Verführern verbünden und zu Märtyrern verklären lassen: "Wir werden unterdrückt!" Wer seine Angst in der Zeitung gespiegelt findet, der nimmt auch die anderen Meinungen wahr - im Gegensatz zu dem, der nicht mehr liest: Wer viele Meinungen kennt, hat es leichter, sich eine eigene Meinung zu bilden.

"Ich sehe es als eine unserer Kernaufgaben, Debatten zu ermöglichen", sagte Alexander Marguier, einer der beiden "Cicero"-Chefredakteure, nachdem er das Magazin auch als Verleger übernommen hatte. Ähnlich erklärte es Gabor Steingart bei einem Vortrag, den "Garrick Utley Lecture" in den USA; Steingart ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Handelsblatt und war zuvor Ressortleiter und Washingtoner Korrespondent des Spiegel und Chefredakteur des "Handelsblatts":

"Unsere neuen Partner fragen nach neuen Debattenräumen. Sie werden auf diesem Weg nicht einfach sitzen bleiben und passive Zuhörer sein, sondern aktive Mitstreiter, ja sogar Antagonisten sein. Sie werden nicht zufrieden sein, wenn wir wie Politiker sprechen. Sie wollen kein Wischiwaschi."

Mit den "neuen Partnern" meint er nicht, oder nur am Rande, seine Leser, sondern Unternehmer und Manager, für die und mit denen er Kongresse organisiert wie den zweitägigen "Digitale Energiewirtschaft 2016" ; er kostet für die Teilnehmer 2.400 Euro inclusive Mittagessen, aber ohne Übernachtung im Hotel. Die Sponsoren wie Siemens oder Eurodate nennt Steingart "Partner"; sie treten im Programm auf und präsentieren sich während des Kongresses.

Zu den DvH-Medien zählt neben dem "Handelsblatt" auch der "Tagesspiegel" in Berlin. Sein Herausgeber Sebastian Turner entwickelte ein eigenes Konzept für seine Debatten: Die Leitmedien verbünden sich mit den Leitmilieus, die verunsichert sind durchs Internet, durch Blogs und Posts und das, was Turner "das Ende jeder Berechenbarkeit" nennt.

Wer sich mit den Mächtigen an einen Tisch setzt, läuft Gefahr, eingebunden zu werden

Beim European Newspaper Congress 2016 in Wien stellte Turner vor, wie er mit dem Tagesspiegel eine neue Berechenbarkeit schaffen will:

"Die Leitmedien setzen die Agenda für die Leitmilieus, die allergisch reagieren auf Medien, die sie bevormunden, Kritik nicht annehmen und nur Bekanntes von Dritten wiederholen." Die Medien unterteilt Turner in zwei Klassen: Die Leitmedien und die Folgemedien; die einen schreiben für die Mächtigen in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, die anderen für "Follower" und Leser in "Echoräumen", in denen sich Gleichgesinnte - wie bei Pegida - gegenseitig bestärken, ohne in der Gesellschaft anerkannt zu werden.

Die teuren Kongresse werden von Redakteuren begleitet, moderierend, berichtend und kommentierend; auch die "FAZ" bietet den "Partnern" Veranstaltungen an "unter Mitwirkung der 'FAZ'-Redakteure". Kongresse mit ihren Debatten sind eine neue Einnahme-Quelle für die Verlage geworden als Ersatz für verlorene Werbe-Märkte. Dies Debatten-Konzept birgt allerdings eine Gefahr, die dem Journalismus überhaupt zu eigen ist: Wer von den Mächtigen informiert werden will, muss mit ihnen sprechen; wer sich jedoch mit ihnen an einen Tisch setzt, läuft Gefahr, eingebunden zu werden; wer sie unbeeinflusst kontrollieren will, verletzt schnell die Regeln der Macht-Kommunikation und wird ausgeschlossen; wer sich für seine Leitmedien-Debatten bezahlen lässt, setzt sich allerdings dem Vorwurf aus, er sei beeinflussbar und kontrolliere nicht mehr so tief, wie es nötig ist.

Lokalzeitungen haben den Wert der Debatte mit den Lesern entdeckt - nicht in Konfrontation mit den Eliten, aber auch nicht in öffentlichen Umarmungen

Debatten mit den Leitmilieus sind auch für Lokal- und Regionalzeitungen mehr als ein PR-Gag oder eine zusätzliche Einnahme, sie stärken die Marke und binden die Leser. Doch was ist mit den einfachen Lesern? Was ist mit den Bürgern, die das Fundament der Demokratie bilden?

Der Leitmedien-Architekt Sebastian Turner spricht auch über die einfachen Leser, die weder regieren noch führen:

"Weil die Leser den Medien nicht mehr einzeln sprachlos gegenüberstehen, sondern sich jederzeit äußern und Bündnisse schließen können, werden sie kritischer Teil ihrer Medien. Die Medien mit dem besten Publikum bekommen die beste Kritik und werden so noch besser - wenn sie denn zuhören. Der konstruktive Dialog ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Wer sich im homogenisierten Mediendiskurs nicht wiederfindet, der kann sich ausgeschlossen fühlen und aggressiv werden."

Die größte nationale Zeitung, die "Süddeutsche", debattiert schon seit Jahrzehnten kostenlos mit den Lesern und bittet die Leitmilieus dazu: Joseph Ströbl gründete vor einigen Jahrzehnten schon - organisiert als Verein - das Verkehrsparlament sowie das Gesundheitsforum der Süddeutschen Zeitung; Gernot Sittner, der ein gutes Jahrzehnt "SZ"-Chefredakteur war, führte es fort.

Ein nationales Leitmedium wie die "SZ" schaut wohl mehr auf den einfachen Leser, weil sie mit vielen Lokalredaktionen auch eine regionale Zeitung ist. Gerade die Lokalzeitungen haben im vergangenen Jahrzehnt der Wert der Debatte mit den Lesern entdeckt - nicht in Konfrontation mit den Eliten einer Region, aber auch nicht in öffentlichen Umarmungen. Die Lokalzeitungen haben einen Vorteil vor den nationalen: Sie werden noch von vielen der Ausgeschlossenen und Aggressiven gelesen.

So kritisch die meisten Leser gegenüber den Eliten sind, so schätzen sie doch das Gespräch mit ihnen: Sie wollen gehört werden, kritisieren und zuhören. Wer sich die preisgekrönten und fast preisgekrönten Sieger des Deutschen Lokaljournalisten-Preises anschaut, entdeckt in den Jahren sehr viele in der Kategorie "Forum", in der sich die lokalen Debatten-Formate versammeln. Im aktuellen Preis 2015 bekamen zwei Debatten-Serien Spezial-Preise: 

  • Die "Westfalen-Post", die im Sauerland gelesen wird, fragte unter ihrem neuen Chefredakteur Jost Lübben die Leser: "Was braucht Hagen?" Viele hundert Leser schrieben, was sie bewegt, was sie brauchen und was ihnen fehlt. Die Jury des Lokaljournalistenpreises begründet: "Die Hagener Stadtredaktion schafft eine Plattform, die fern jeder Besserwisserei Probleme benennt und eine Diskussion über mögliche Lösungen in Gang setzt. Die Hagener machen mit, per Post, Mail und vor allem Facebook. Die Botschaft der Bürger ist so laut, dass Verwaltung, Politik und Verbände sie nicht überhören können: Ein Aktionsplan für mehr Sauberkeit ist der Anfang. Die Zeitung wird zum Motor und Moderator für breite Bürgerbeteiligung und eine permanente Debatte zu den zentralen Herausforderungen der Stadt."

  • Die "Braunschweiger Zeitung" entwickelte mit Chefredakteur Armin Maus alarm.38.de. Leser melden per App Misstände, die Redaktion hakt nach, berichtet auch in der Zeitung und meldet online einen Status: "In Bearbeitung", "gelöst" oder "unlösbar". Über tausend Meldungen sind in einem halben Jahr eingegangen. Bürgermeister, Polizei und Behörden fanden die Idee der Redaktion anfangs überhaupt nicht gut - und verpassten die Chance, in der Debatte mitzumischen. 

    Die Aktion wurde auch mit dem "Leser-Blatt- Bindungspreis" des Verbands Deutscher Lokalzeitungen ausgezeichnet mit der Begründung: Eine innovative Aktion, die der journalistischen Wächterfunktion eine neue Bedeutung gibt.

Welche Formen der Debatte können Redaktionen nutzen?

1. Schwarz auf weiß - die gedruckte Debatte

Ein gelungenes Beispiel ist "Was braucht Hagen?" der Westfalen-Post: Die Leser bestimmen die Debatte, die Redaktion bringt die Behörden dazu, den Bürgern öffentlich zu antworten. Redaktionen müssen nicht warten, bis sich ein Thema aufdrängt; sie sollten auch Themen setzen - wie es die Westfalen-Post getan hat. Ist die Resonanz schwach, löst sich eine Debatte schnell von alleine auf; trifft die Redaktion den Nerv, darf eine Debatte auch mal so lange im Blatt stehen, bis Lösungen absehbar sind oder in einem großen Streitgespräch die Unlösbarkeit zur Lösung wird.

Ohne Lösung sollte keine Debatte enden: Sie einfach für beendet zu erklären, irritiert die Leser, die den Redakteur nicht als strengen Oberlehrer mögen, der einfach Basta sagt. Und die Querköpfe? Sie sind wie das Salz in einer Debatte. Auch wenn unsere Gesellschaft die Mitte ebenso mag wie die politische Korrektheit, so braucht sie dennoch scheinbar unsinnige Einwürfe, die vielen Debatten eine überraschende Wende geben oder zum Weiterdenken animieren. Zu den Vorzügen einer Zeitung zählt, dass sie zulassen kann, quer zu denken - ohne dass gleich einer protestiert wie in einer Talkshow oder einem öffentlichen Podium: Das Überraschende bleibt erst einmal für einen Tag stehen in einem Denkraum der Möglichkeiten.

Und wie weit darf ein Querdenker gehen? Welche Wörter darf er nutzen? Als Thilo Sarrazin, weit vor Pegida und der AfD, das Wort "Überfremdung" prägte, schrieb die dpa in ihrem Sprach-Kompass, dem internen Regelwerk:

"Die dpa macht sich den Sprachduktus des Wortes Überfremdung in den dpa-Diensten nicht zu eigen. Entsprechende Äußerungen etwa im Zusammenhang mit der Debatte um Thilo Sarrazin können zitiert werden, wenn er das ausdrücklich so sagt."

Das ist der Kompromiss in einer Debatte: Journalisten zitieren, aber machen sich strittige, gar aufreizende Wörter nicht zu eigen - und erklären das den Lesern. Roland Freund, Stellvertreter des dpa-Chefredakteurs, rät denn auch seinen Redakteuren: Journalisten müssen sich ständig mit der Sprache beschäftigen, denn "Sprache lebt und die Diskussion darum auch".

2. Die "Leser-Seite" im Blatt

Die "Thüringer Allgemeine" bringt jeden Tag eine Seite, auf der nur die Leser zu Wort kommen mit Briefen, Fotos, Gedichten, Geschichten. Diese "Leser-Seite" hat wenig gemein mit dem Leserbrief-Friedhof in den meisten Zeitungen, sie ist gestaltet wie eine redaktionelle Seite; so werden die Beiträge der Leser aufgewertet und gleichwertig neben die der Redakteure gestellt.

Wolfgang Jörgens, ein Leser aus dem Harz, führt sogar regelmäßig eine Statistik über die Themen der Leser, die Ende des Jahres auch veröffentlicht wird. Seit Einführung der Leser- Seite hat sich die Zahl der Leserbriefe vervielfacht.

Leser ärgern sich, wenn ihr Brief nicht veröffentlicht wird. Sie schätzen es aber, wenn die Redaktion ihre Regeln veröffentlicht. Als einer der ersten druckte Christoph Pepper, der Chefredakteur des "Mindener Tageblatt", die Spielregeln für Leserbriefe ab: Keine Beleidigungen, nicht länger als dreißig Zeilen, keine Dauerschreiber, keine Politiker und Funktionäre.

Solche Regeln den Lesern mitzuteilen, gehört zur Fairness, die in der übernächsten Folge als sechster Pfeiler der journalistischen Qualität errichtet wird.

3. Leser-Beiräte und Leser-Konferenzen

Die "Bild"Zeitung gründete vor knapp zehn Jahren den ersten Beirat in Deutschland, der in manchen Zeitungen auch "Leserkonferenz" genannt wird: Über zwanzigtausend Bewerbungen gingen bisher ein, 128 Leser nahmen teil. Es folgten beispielsweise der "Nordkurier" im Osten, die "Stuttgarter Zeitung", die "Schwäbische Zeitung", die "WAZ", die in allen Lokalredaktionen einen eigenen berief, und im vergangenen Jahr die "Frankfurter Rundschau", die ihn so ankündigte:

"Es geht um begleitende Kritik, nicht um die tägliche Arbeit. Es geht um die Linie, die Richtung, nicht um Redaktionskonferenzen. Ein Leserbeirat hat für die 'FR' - und um die allein geht es! - nur dann Wert, wenn er die Perspektive von außen behält, die Perspektive der Leser und Leserinnen. Nur dann kann er uns sagen, in welchen Fällen wir betriebsblind gewesen sind, wo wir vielleicht andere Schwerpunkte hätten setzen sollen oder welche Schwerpunkte wir in Zukunft setzen sollten."

4. Die Ombudsfrau und der Ombudsmann

Schon immer waren Leser gute Informanten: Sie kamen in die Redaktion und regten Themen an. Und sie waren schon immer die besten Kritiker, deren Beschwerden aber meist folgenlos verpufften. Eine junge Institution in noch wenigen deutschen Zeitungen ist die Ombudsfrau (auch "Leser-Anwalt"), die der Kritik der Leser nachgeht, sie prüft und darüber auch in der Zeitung berichtet - nicht immer zur Freude der Redakteure. Darum ging es ausführlich schon im achten Teil dieser Kress-Serie.

Wer Debatten schätzt, der mag die überschaubare Größe eines Salons. Die Leser, die kommen, stehen stellvertretend für die gesamte Leserschaft

5. Die Online-Debatten

Die Zeitung als seriöse Marke im Internet darauf, dass die Debatten mit Respekt geführt werden - als Insel in den Schlamm-Niederungen des Netzes. Wie sie das macht, hängt von den Kapazitäten ab: Ohne Moderation, ohne Netiquette kommt keiner aus, der seinen Ruf nicht verlieren will.

Ich bewundere immer wieder Blogger wie Stefan Niggemeier, die stundenlang vor dem Bildschirm sitzen müssen, Hunderte von Kommentaren lesen und stets auf der Lauer liegen zu antworten. Wer liest eigentlich diese endlose Litanei von Kommentaren? Sollte ein Redakteur nicht, wenn die Erregung abebbt, in einem kleinen Blog die Kommentare versammeln, die er für wichtig hält, bedenkenswert, überraschend oder einfach gut formuliert?

Wer schreibt Online-Kommentare? Der Londoner "Guardian" hat siebzig Millionen Kommentare auf seiner Webseite ausgewertet und kam zu einem Ergebnis, das allerdings kaum auf deutsche Seiten übertragen werden kann: Die meisten Trolle mit dem höchsten Grad an Missachtung sind Frauen; die meisten blockierten Kommentare gibt es im Mode- Ressort, in dem fast nur Frauen kommentieren. Die zehn regelmäßig schreibenden Kommentatoren mit dem geringsten Missbrauch sind Männer.

Solch eine Untersuchung in Deutschland zu starten, wäre eine sinnvolle Aufgabe für die Medienwissenschaftler.

6. Die großen Debatten in großen Sälen

Hunderte von Zuhörern - die braucht eine Zeitungsredaktion selten: Nicht die Quantität zählt, sondern die Qualität einer Debatte, die meist in einer kleinen überschaubaren Runde stärker ist. Nur wenn eine Debatte hitzig geworden ist oder nach einer Lösung schreit, wenn viele Bürger das Streitgespräch verfolgen wollen mit all den Gefühlen, die es befeuert, dann geht auch die Zeitung in die Stadthalle oder den großen Rathaus-Saal.

In die Geschichte der deutschen Einheit ging eine Debatte in der Magdeburger Pauluskirche ein. "Geistige Lynchstimmung" war in mehr als tausend Leserbriefen der Volksstimme zu spüren, nachdem der Politologe Christian Pfeiffer, ein Wessi, die DDR-Erziehung für die Fremdenfeindlichkeit verantwortlich gemacht hatte. Pfeiffer kam dennoch zum Volksstimme- Forum mit 1200 Lesern in der überfüllten Kirche, und die meist negativ gestimmten Bürger begannen die Debatte zu schätzen, auch wenn sie schmerzte.

Solch große Debatte ist nur bei ähnlich heißen Themen sinnvoll, vor einer Wahl oder einem kommunal heftig umstrittenen Neubau. Am Rande sei angemerkt, dass nicht in allen Redaktionen ein Moderator für solche Debatten zu finden ist, der mit den Emotionen, hartnäckigen Störern oder Dauerrednern fertig werden kann.

7. Die kleine Salon-Debatte

Ein "Salon" ist schnell organisiert, bedarf keiner Mikrofon-Anlage, keiner aufwändigen Einladung, keiner großen Vorbereitung. Wer Debatten schätzt und wer regelmäßig einlädt, der mag die überschaubare Größe eines Salons. Die Leser, die kommen oder eingeladen werden, stehen stellvertretend für die gesamte Leserschaft - etwa wenn eine Schulklasse mit einem Korrespondenten über den Nahen Osten diskutiert, moderiert von einem Redakteur.

8. Kongresse und Symposien

Als die "Thüringer Allgemeine" ihren 25. Gründungs-Tag feierte, lud sie Leser zu einem ganztägigen Symposium ein, in dem zwanzig Journalisten - eigene und aushäusige sowie einige Experten - maximal zehn Minuten lang über den Journalismus vor und nach der Revolution erzählten, die Entdeckung des Lesers reflektierten ebenso wie die Zukunft der Zeitung. Am Ende einer Themen-Reihe entspann sich eine Diskussion. Die Leser redeten mit, indem sie Fragen auf einen Zettel schrieben: Das spart Zeit und lässt jeden zu Wort kommen. Die Redaktion berichtete ausführlich über das - kostenlose - Symposium und machte ein Buch daraus: Zur Nachahmung empfohlen - Debatte statt teurer Kongress oder Festakt mit Streichquartett.

Info

Sieben Tipps für Debatten

Über zwei Dutzend preisgekrönte oder fast preisgekrönte Anregungen für ungewöhnliche Debatten stehen in den jährlich erscheinenden "Rezepten für die Redaktion". Dieter Golombek leitete über drei Jahrzehnte die Jury des Deutschen Lokaljournalistenpreises und gibt seit einem Jahrzehnt das Buch zum Preis heraus; zum Start gab es 2005 das fast fünfhundert Seiten starke "Rezepte"-Buch mit den besten Konzepten, Serien und Artikeln aus einem Vierteljahrhundert.

1. Die "Braunschweiger Zeitung" war eine der ersten, die Leser ernst nahm und fest in die Arbeit der Redaktion einband: "Leser fragen". Seit einem Jahrzehnt interviewen Leser, es sind mittlerweile weit über tausend, prominente Zeitgenossen und stellen Fragen, die selbst Journalisten erstaunen. Vor der Landtagswahl organisierte die Redaktion Kinder- Pressekonferenzen: Grundschüler fragten die Spitzenkandidaten, etwa Christian Wulff: "Bist Du nachtragend?" Jugend- und Wissenschafts-Parlamente gehören ebenfalls zum Debatten- Repertoire der Bürgerzeitung.

2. Die "Saarbrücker Zeitung" bekam 2002 einen der Deutschen Lokaljournalisten-Preise für den Ältestenrat, in dem einfache Rentner neben Ex-Minister sitzen und über die Probleme der Stadt diskutieren von Verwaltungsgebühren über Müllabfuhr bis zu fehlenden Bänken für Ältere in Supermärkten.

3. Die "Cellesche Zeitung" in Niedersachsen veröffentlichte vor der Kommunalwahl Fragebögen, um von den Lesern zu erfahren, was in ihrer Gemeinde gut oder schief läuft. Tausende machten mir, und so lieferten die Bürger die Themen für den Wahlkampf.

4. Die "Hamburger Morgenpost" erfand das Ketten-Interview: Der TV-Moderator Reinhold Beckmann antwortete auf die Startfrage und stellte die nächste Frage an einen Bademeister: "Haben Sie noch Lust aufs Schwimmen?". Der Bademeister antwortete und stellte seine Frage an einen TV-Koch usw. Achtzig Hamburger fragten und antworteten, unterhaltsam und informativ.

5. Die "Mittelbayerische Zeitung" in Regensburg greift immer wieder ein wichtiges lokales oder regionales Thema auf und macht die "Themenwoche" zum Stadtgespräch, etwa "Wege aus dem Verkehrskollaps" oder "Die Werte der Jugend". Leser und Experten kommen zu Wort per Brief, Mail oder online; es gibt dazu repräsentative Meinungsumfragen und Debatten in Gasthaus-Sälen (mit Livestream).

6. Die "Rems-Murr Rundschau" im Zeitungsverlag Waiblingen mutete ihren meist pietistischen Lesern einiges zu mit einer Islam-Serie, die über zwei Monate lief. Den Protesten begegnete die Redaktion mit einer Debatte im Blatt: Leser drohten mit Abbestellung, die Redakteure erklärten das Konzept der Serie - und versprachen, eine ähnliche Serie über das Christentum zu bringen (was denn auch geschah).

7. Das "Hamburger Abendblatt" fuhr mit zwei Dutzend Leserinnen und Lesern auf die Wartburg, um mit zwei Dutzend Lesern aus Thüringen über den Stand der deutschen Einheit zu debattieren, 25 Jahre danach. "Das Parlament der Einheit" wählte aus eigenen Reihen die Präsidenten, tagte einen kompletten Tag und stimmte am Abend über das selbst entwickelte "Wartburg-Manifest" ab.

Die "Rezepte" erscheinen jährlich im Medienfachverlag Oberauer.

Im zweiten Teil der Serie "Journalismus der Zukunft" schreibt Paul-Josef Raue über die acht Pfeiler, auf denen der Journalismus ruht. Es folgen in den nächsten Wochen: Recherchiere immer (5), Sei fair (6), Langweile nicht (7), Schreibe verständlich (8).

Paul-Josef Raue (65) berät Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen. Er war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt und Marburg. Er gründete mit der Eisenacher Presse die erste deutsch-deutsche Zeitung. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standwerk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren im Rowohlt-Verlag erscheint.

Bisher erschienen:

  • Teil 1: "Journalismus der Zukunft" am 9. Februar 2016
  • Teil 2: All journalism is local - Aber welchen Lokaljournalismus brauchen die Leser (Das Lokale) am 16. Februar 2016
  • Teil 3: "Der Lokaljournalismus muss seine Richtung ändern" am 23. Februar 2016
  • Teil 4: "Leidenschaft. Ohne Leidenschaft ist Journalismus wenig wert" (Welche Journalisten brauchen wir) am 1. März 2016
  • Teil 5: "Unsere Ausbildung stimmt nicht mehr" (Das Volontariat) am 8. März 2016
  • Teil 6: "Eine Redaktion, ein Desk und immer weniger Redakteure" (Die Organisation der Redaktion) am 15. März 2016
  • Teil 7: "Was kommt nach der Lügenpresse?" am 22. März 2016
  • Teil 8: "Die Macht der Gerüchte und die Macht der Journalisten" am 29. März 2016
  • Teil 9: "Zwei Oscars für den Journalismus - gegen die Lügenpresse (Die Kunst der der tiefen Recherche)" am 5. April 2016
  • Teil 10: "Was ist Qualität?" am 12. April 2016
  • Teil 11: "Der erste der acht Pfeiler des Journalismus: Achte Deinen Leser!" am 19. April 2016
  • Teil 12: "Wie lesen Leser? - Exkurs zu 'Achte Deinen Leser!'" am 26. April 2016
  • Teil 13: "Schreibe die Wahrheit! (Der zweite Pfeiler der Qualität)" am 3. Mai 2016
  • Teil 14: "Erkläre die Welt" (Der dritte Pfeiler der Qualität)" am 10. Mai 2016

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