"Standard"-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid: "Wir Journalisten müssen Rechtspopulisten inhaltlich stellen, nicht ausgrenzen"

18.05.2016
 

"Polnische Verhältnisse" fürchtet die Chefredakteurin der wichtigsten österreichischen Qualitätszeitung "Der Standard", Alexandra Föderl-Schmid, auf das Land zukommen, falls der FPÖ-Kandidat Norbert Hofer neuer Bundespräsident werden sollte. Damit es beim großen Nachbarn erst gar nicht so weit kommt, hat die 45-jährige eine klare Botschaft an die deutschen Kollegen: "Wir Journalisten müssen Rechtspopulisten inhaltlich stellen, nicht ausgrenzen".

In Österreich kommt es am 22. Mai zur Stichwahl zwischen Hofer und dem Kandidaten der Grünen, Alexander Van der Bellen. Mit Norbert Hofer könnte erstmals ein FPÖ-Mann als Bundespräsident in die Wiener Hofburg einziehen. Das könnte zum Startsignal in die blaue Republik werden. Denn in Österreich kündigen sich nach Föderl-Schmids Meinung gerade ganz neue Dinge an: "Der nächste Kanzler wird wahrscheinlich ein Blauer sein, also ein Politiker der rechtspopulistischen FPÖ". Der nächste, das klingt nach weiter Ferne. Angesichts des wackligen Zustands der Koalition aus SPÖ und ÖVP und vor allem der größeren Regierungspartei SPÖ gibt es keine Gewähr, dass Faymanns Nachfolger Christian Kern eine lange Amtszeit vergönnt sein wird. Und für den Fall steht die FPÖ mit ihrem Frontmann Heinz Christian Strache schon in den Startlöchern.

Ein Masterplan der Rechtspopulisten

Für die Medien könnten spannende Zeit anbrechen. Denn Föderl-Schmid glaubt, dass sich Hofer nach seiner möglichen Wahl sofort daranmachen würde, den öffentlich-rechtlichen ORF unter den Einfluss seiner Partei zu bringen. Der ORF ist noch viel stärker parteipolitisch bestimmt als ARD und ZDF in Deutschland. Im Sommer wird die komplette Spitze des Senders neu gewählt. Der derzeitige Generaldirektor Alexander Wrabetz will ein drittes Mal antreten. Sein Stellvertreter Richard Grasl könnte ebenfalls antreten. Wrabetz steht der SPÖ nahe, Grasl der ÖVP. Entweder schickt aber die FPÖ einen eigenen Kandidaten ins Rennen oder sie unterstützt Grasl, der ihr dann durchaus wohlgesonnen sein müsste. "Die FPÖ hat längst einen Masterplan in der Schublade, wie sie den ORF in den Griff bekommen kann", glaubt Föderl-Schmid.

Eine FPÖ, die den Bundespräsidenten und den Regierungschef stellt und großen Einfluss auf den öffentlich-rechtlichen Sender hat - schnell gäbe es in Österreich vergleichbare Diskussionen wie derzeit in Polen, wo ebenfalls die rechtpopulistische Regierung die Staatsmedien unter ihre Kontrolle bringt. "Für den Fall fürchte ich polnische Verhältnisse", so die Chefredakteurin des liberal orientierten "Standard".

"Ein Ausgrenzen der AfD bringt überhaupt nichts"

Ein Patentrezept, um den Aufstieg der AfD in Deutschland zu stoppen, habe sie nicht, gesteht Föderl-Schmid ein, die von 1993 bis 2004 "Standard"-Korrespondentin in Berlin war. Aber die österreichischen Medien haben erheblich mehr Erfahrung mit dem Umgang mit einer rechtspopulistischen Partei. "In Deutschland gibt es jetzt genau die gleichen Diskussionen, die wir in Österreich vor 30 Jahren hatten: Sollen wir die Partei ausgrenzen oder nicht". Das Ergebnis sei ganz klar: "Ausgrenzen hat überhaupt nichts gebracht". Die FPÖ sei trotzdem immer stärker geworden - was sicher auch an dem 2008 verstorbenen Parteiführer Jörg Haider lag.

Für die Rechtspopulisten spielen die traditionellen Medien keine große Rolle mehr

Man müsse die AfD inhaltlich und thematisch stellen, sie zu Diskussionen im Fernsehen einladen und über sie wie über die anderen Parteien berichten. "Man muss aber ganz klar sagen, wenn ihre Vertreter die Unwahrheit behaupten. Dann muss man zeigen, wie die Fakten wirklich sind".

 In Österreich zumindest spielten die herkömmlichen Medien allerdings gar keine große Rolle mehr, wenn es um die Blauen gehe. "Die FPÖ erreicht ihre Anhänger sehr stark über Facebook und andere soziale Medien. Wahlkampf macht sie fast nur noch darüber". Das hänge auch damit zusammen, dass die Partei eine sehr starke Basis bei den Erstwählern und den jungen Männern habe. Die Vertreter der Partei redeten auch gar nicht mehr mit allen Medien. Sie suchten sich sehr genau aus, mit welchen Zeitungen sie überhaupt noch reden. Allen voran stehe noch immer Österreichs größtes Boulevard-Blatt, die 'Kronenzeitung'". "Doch gerade der Boulevard hat durch die neuen Medien sehr stark an Einfluss verloren". Das könne man auch, so Föderl-Schmid, am gerade zurückgetretenen Bundeskanzler Faymann sehe. Dieser habe ein sehr enges Verhältnis zu den Boulevardblättern gehabt - genützt habe ihm das nichts.

Für ihr eigenes Blatt sieht die Chefredakteurin übriges nicht schwarz, sollten die Blauen Kanzleramt und Hofburg übernehmen. "Als die FPÖ ab 2000 schon einmal mit der ÖVP regierte, hat der `Standard` von der damaligen Polarisierung sehr profitiert, wie die Leserzahlen zeigten".

Hintergrund

"Der Standard" ist mit einer verkauften Auflage von durchschnittlich 63623 Exemplaren pro Tag (2015) Österreichs viertgrößte Verkaufszeitung. Das inhaltlich liberal ausgerichtete Blatt hatte 2015 eine Reichweite von 396 000 Lesern pro Ausgabe. Die Zeitung wurde 1988 von Oscar Bronner gegründet. Als Vorbild diente die "New York Times". Die Aktiengesellschaft ist zu 85,64 Prozent im Besitz der Bronner Familien-Privatstiftung, 12,5 Prozent hält Bronner selbst, den Rest teilen verschiedene Aktionäre unter sich auf. "Der Standard" wird geleitet von der Journalistin Alexandra Föderl-Schmid, die neben Bronner auch als Herausgeberin fungiert. Die 45jährige war von 1993 bis 2004 als Korrespondentin für den "Standard" in Berlin tätig.

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