Jung-­Produzentin Carmen Stozek über Innovation bei den Öffentlich-Rechtlichen in der Netflix-Ära: "̈Wir dürfen den Anschluss nicht verlieren"

 

Die Degeto startet am 27. Mai auf dem Frauen­-Sendeplatz Freitag, 20.15 Uhr, mit "Fanny" eine neue ARD-Reihe. Die Hauptrolle übernimmt Jutta Speidel. Jung­-Produzentin Carmen Stozek spricht im kress.de-Interview über Innovation bei den Öffentlich-Rechtlichen in der Netflix-Ära.

kress.de: Hand aufs Herz: Kann man mit öffentlich­-rechtlichem Programm noch die Generation Netflix locken?

Carmen Stozek: Die öffentlich­-rechtlichen Programme haben eine lange Tradition und sind was das Informations­- wie Kulturprogramm angeht nicht wegzudenken aus der Medienlandschaft. Bestimmte Unterhaltungsformate haben große Fangemeinden, wie z.B. der "Tatort". Und es entstehen aktuell auch spannende neue Formate, wie z.B. die Serie  "Weissensee", die in meinen Augen qualitativ mit einer internationalen Serie absolut mithalten kann. Durch die Mediatheken ist ein, wenn auch begrenztes, flexibleres Fernsehen möglich geworden.

Nicht bestreiten lässt sich allerdings, dass Netflix und Co. vor allem im Bereich der Fiction eine ernstzunehmende Konkurrenz werden. Amazon und Netflix bekommen sogar schon feste Knöpfe auf TV-­Fernbedienungen. Sie kaufen sich weltweit die besten Formate ein und versuchen durch starke Eigenproduktionen Zuschauer zu gewinnen und vor allem auch an sich zu binden. Um hier nicht den Anschluss zu verlieren, sollten die öffentlich-rechtlichen Sender noch mehr Aktivität zeigen, originelle, mutige Formaten zu entwickeln, zu experimentieren und sich von zu starren Sendeplatzanforderungen zu befreien. Es ist nicht so, dass derzeit keine positiven Entwicklungen in der Formatentwicklung gemacht würden - ich denke nur, jetzt ist es wichtig, den Anschluss nicht zu verlieren.

Das neue Lebensgefühl der 60-­Jährigen

Die Degeto will erklärtermaßen den ARD-­Sendeplatz Freitagabend verjüngen. Warum setzen Sie dabei ausgerechnet auf das TV­-Traditionsgesicht Jutta Speidel?

Carmen Stozek: Im Vordergrund stand, dass wir eine neue Reihe zum Thema Erben machen wollten, in deren Mittelpunkt eine spannende weiblichen Hauptfigur steht. Als Resultat intensiver Vorgespräche, unter anderem auch mit Jutta Speidel, kreierte letztendlich unser Autor Thomas O. Walendy die Figur Fanny Steininger. Befreiend bei der Entwicklung der Figur Fanny war, dass sie als Reihenfigur nicht vollkommen sein musste, sondern Fehler, sowie Ecken und Kanten hat und das Lebensgefühl der aktuell 60­-Jährigen stärker transportiert. Jutta Speidel ist die Traumbesetzung für Fanny.

"Fanny" ist eine starke, jung gebliebene Frau. Wie flippig darf eine Frau in den besten Jahren sein, wann wird es unglaubwürdig?

Carmen Stozek: Ich glaube, so lange wir aus dem spezifischen Charakter einer Filmfigur erzählen, ihre Haltung verstehen, kann sie nicht unglaubwürdig werden. Das ist die Aufgabe in Zusammenarbeit mit dem Autor/Autoren, Redaktion, Regie und auch Darsteller/in, dies immer wieder im Entwicklungsprozess zu hinterfragen. Gerade beim Start einer neuen Reihe ist dies eine besonders große Herausforderung, weil auch wir die Figuren gerade kennenlernen.

Der emotionale Blick aufs Erben

Wie muss eine Figur erzählt werden, damit sie zwei Zuschauer­-Generationen interessiert?

Carmen Stozek: Interessant sind Figuren, wenn sie in sich stimmig sind.

Warum statten Sie "Fanny" mit einem Erbe aus?

Carmen Stozek: Hauptsächlich deshalb, weil es uns vorrangig nicht um den juristischen Blick, sondern um die emotionale Perspektive auf die Erbfälle ging.

"Ein Beispiel für echte Individualität"

"Fanny" wird als Lebenskünstlerin bezeichnet. Ein romantischer Gegenentwurf zu unserer durchreglementierten Gesellschaft?

Carmen Stozek: Ich sehe in Fanny weniger eine Lebenskünstlerin, als vielmehr eine Frau, die sich von anderer Leute Erwartungen emanzipiert. Insofern kein romantischer Lebensentwurf, sondern ein Beispiel für echte Individualität.

In "Fannys" Fällen geht es wesentlich, wenn auch augenzwinkernd, um Gerechtigkeit. Hat unsere Gesellschaft da ein Problem?

Carmen Stozek: Im Zusammenhang mit dem Thema Erben stellt sich häufig auch die Gerechtigkeitsfrage. Vor allem dann, wenn gefühlte Gerechtigkeit und formales Erbrecht auseinanderfallen. Und in diesem Spannungsverhältnis agiert Fanny.

Selbst junge Alte nutzen heutzutage Smartphones. Wie beeinflusst das die Erzählweise und Bildsprache von "Fanny"?

Carmen Stozek: Im Fall von Fanny spielte das keine Rolle.

"Fanny" ist als lockere Reihe angelegt. Warum nicht als Serie?

Carmen Stozek: Ein neues Reihenformat zu entwickeln war unser Auftrag. Was Fanny mit Andrea Sawatzkis Bella verbindet

Sie haben mit der Reihe "Bella" mit Andrea Sawatzki ein Ausrufezeichen gesetzt. Was haben Sie beibehalten, was verändert?

Carmen Stozek: Beide Formate verbindet ein großes Figurenensemble. Das ermöglicht erzählerische Vielseitigkeit und Dynamik. Die "Fanny"-­Reihe hat im Unterschied zur "Bella"-­Reihe eine Fallstruktur, d.h. neben Fannys eigener Geschichte ist immer auch ein Erbfall zu lösen, bzw. die emotionale Geschichte hinter einem Erbfall.

Bei der Figur Fanny steht weniger die klassische Weiterentwicklung einer Figur im Fokus. Vielmehr soll es Spaß machen, Fanny Steininger, der Nichtanwältin und Alleinerbin, dabei zu zusehen, wie sie in den unterschiedlichsten Konstellationen agiert.

"Veränderung bedeutet Bewegung, und das finde ich gut"

Veränderungen in der Branche bringen Sky, Netflix und Amazon. Mit welchen Hoffnungen, welchen Befürchtungen verbinden Sie das?

Carmen Stozek: Veränderung bedeutet Bewegung, und das finde ich gut. 

Natürlich gibt es Hoffnung auf eine größere Nachfrage an Produktionen und somit, was ich persönlich spannend finde, auch die Chance ein neues Format nicht nach einer Erst- oder sagen wir Zweitanbietung gleich begraben zu müssen, sondern weiter dafür kämpfen zu können. Es wird viel geredet von kreativer Freiheit, keinen festen Sender- oder Sendeplatzprofilen, über die Hoffnung auf größere Entwicklungsbudgets und mehr Entwicklungszeit. Klingt wie ein wunderbares Märchen. Wir werden sehen, was davon wahr wird. Neugierig bin ich jedenfalls, ob die angeblich hohe Nachfrage nach deutschen Produktionen wirklich entsteht und auch bei kleinen bis mittelständischen Produktionsfirmen ankommen wird.

Hintergrund

Die Reihe

In der neuen ARD-­Degeto-­Reihe "Fanny" geht es ums Erben. Die ersten beiden Folgen "Fanny und die geheimen Väter" sowie "Fanny und die gestohlene Frau" werden Freitag, 27. Mai, und Freitag, 3. Juni, jeweils 20.15 Uhr, ausgestrahlt. Produziert wird die Reihe von HagerMoss.

Die Producerin

Carmen Stozek wurde 1973 in Bonn geboren, studierte an der HFF München. Seit 2005 arbeitet sie bei HagerMoss. Die Producerin setzte Ausrufezeichen mit modernen Frauen­-Figuren wie "Lena Fauch" und "Bella".

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