Der neue Chef der katholischen "Tagespost": Oliver Maksan sieht Bedarf für "orientierende Medien"

 

Oliver Maksan (37) wird zum 1. Juli 2016 neuer Chefredakteur und Geschäftsführer der "Tagespost". Maksan wird bei der katholischen Tageszeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur Nachfolger von Markus Reder (45). Ein Gespräch über Maksans publizistische Leitlinie, Kooperationspläne mit anderen Medien und das Angeln von Abonnenten.  

kress.de: Herr Maksan, "der Maßstab all unserer Kommentierung ist stets das Katholische". So lautet die Prämisse der "Tagespost", deren Führung Sie zum 1. Juli übernehmen. Was bedeutet "Katholisch" in einer Zeit, in der Papst Franziskus plant, Frauen für das Diakonat zuzulassen?


Oliver Maksan: Was katholisch ist, ist präzise auffindbar und nicht einfach Verhandlungs- oder Ansichtssache. Die vom Lehramt ausgelegte Überlieferung der Kirche ist hier verlässliche Richtschnur. Sie ist aber nur nach vorn offen, nicht nach hinten. Niemand ist deshalb dogmatisch unfreier als der unfehlbare Papst. Er muss stets allen seinen Vorgängern bis hin zu Petrus gerecht werden. Das ist bei Papst Franziskus nicht anders. Er hat deshalb nicht die Zulassung von Frauen zum Diakonat angekündigt. Er hat angekündigt, eine Kommission einzusetzen, die die historische Dimension dieser Frage klären will. Dabei wird bestätigt werden, was man durch die theologische Quellenforschung schon jetzt weiß: Es gab zu keinem Zeitpunkt in der Kirche, auch nicht in den ersten Jahrhunderten, eine gleichgeartete Weihe von Männern und Frauen.


Wie wollen Sie Ihren Lesern Halt geben, wenn selbst die Kirche Ihre Meinung zu Themen ändert, an die Sie seit Jahrhunderten festhält?

Oliver Maksan: Ich teile Ihre Einschätzung nicht, dass die Kirche ihr Fähnchen in den Wind hält. Man muss zwei Ebenen unterscheiden, um lehrmäßige Veränderungen zu verstehen. Da sind die dogmatischen und ethischen Prinzipien. Und dann die Umstände, in denen sie angewendet werden. Erstere wandeln sich nicht, letztere schon. Du sollst nicht töten: Euthanasie bleibt ethisch in sich schlecht. Das wird auch in tausend Jahren nicht anders sein, weil es dabei um das Lebensrecht des Menschen geht. Bei anderen Fragen hat es tatsächlich einen Wandel gegeben. Nehmen Sie das Zinsverbot. Wucher galt als eine der schlimmsten Sünden im Mittelalter. Heute verurteilt die Kirche den Zins nicht mehr. Sie nimmt ihn in ihren Banken sogar selber. Was hat sich geändert? Die Lehre, dass man Menschen durch Wucher nicht die Lebensgrundlage gehen darf? Nein, die Umstände. Aus einem Konsumdarlehen wurde mit dem sich entwickelnden Kapitalismus ein Produktionsdarlehen. Das Prinzip griff nicht mehr.

Sie waren die vergangenen Jahre in der Diaspora, haben als Korrespondent von Jerusalem aus über die Folgen des "Arabischen Frühlings" berichtet. In welcher Lage befinden sich die christlichen
 Minderheiten im Nahen Osten?


Oliver Maksan: In keiner guten, was Sie nicht überraschen wird. Im Irak und Syrien ist es am schlimmsten. Vor allem im Irak hat sich die Zahl der Christen seit der amerikanischen Invasion 2003 um etwa zwei Drittel verringert. In Syrien ist das aufgrund des Krieges ähnlich. Und selbst in Ländern wie Libanon oder Jordanien spürt man die Radikalisierung mancher Teile des Islam. Das christliche Vertrauen in eine Zukunft im Orient nimmt deshalb auch dort ab, wo kein Krieg ist. Wirtschaftliche Probleme verschärfen die Lage. Und weil die Christen in der Regel gut gebildet sind, Bildung aber mobil macht, sind sie sehr für Auswanderung anfällig.


"Wir vertreten eine Position, die den notleidenden Menschen ins Zentrum stellt"

Viele Menschen vor allem aus Syrien fliehen nach Europa, um dem Krieg in Ihrer Heimat zu entfliehen. In Deutschland schlägt ihnen aber nicht nur Nächstenliebe entgegen. Gerade Politiker wie die Adelige Beatrix von Storch, stellvertretende Vorsitzende der AfD, positionieren sich populistisch gegen die Flüchtlinge. Welche Position vertreten Sie als Publizist?

Oliver Maksan: Wir vertreten selbstverständlich eine Position, die den notleidenden Menschen ins Zentrum stellt. Der Papst hat durch seine Besuche auf Lesbos und Lampedusa vorher genau das versucht. Das waren prophetische Gesten, die sagen wollten: Jeder zählt, keiner ist eine Nummer in einer Statistik. Gleichzeitig muss man immer die Konsequenzen seines Handelns bedenken, will man ethisch verantwortbare Politik machen. Und oft gibt es unbeabsichtigte Nebeneffekte. Viele Bischöfe im Nahen Osten sagen: Eure Politik der offenen Tür zieht uns die Leute weg. 


Die konfessionellen Medien klagen seit Jahren über massive Auflagenrückgänge, der "Rheinische Merkur" erscheint bereits seit Dezember 2010 nicht mehr als selbstständiger Titel, sondern als 
"Christ und Welt" in der Wochenzeitung "Die Zeit". Haben sich katholische Medien überlebt?

Oliver Maksan: Natürlich nicht. Aber wahr ist, dass die sie tragenden Milieus einerseits nicht größer werden, gleichzeitig aber auch die Gesetze wirken, die auch säkularen Printmedien das Leben schwer machen. Wenn ich aber sehe, dass unsere Welt galoppierend unübersichtlicher wird - Stichworte Biotechnologie, Ökologie, Migration oder radikaler Islam - , sehe ich sogar wachsenden Bedarf für orientierende Medien wie die "Tagespost".

"Ich sehe im katholischen Milieu viele Kooperationsmöglichkeiten zum gegenseitigen Nutzen"

"Die Tagespost" erscheint drei Mal die Woche, die Abonnenten erwarten eine zeitgemäße, moderne Zeitung. In welcher Verfassung befindet sich das Blatt aus Ihrer Sicht?


Oliver Maksan: Inhaltlich in einer guten. Wir sind ja keine Bistumszeitung, sondern eine Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur. Wir schauen durch eine katholische Brille auf eine bunte Welt. Gleichzeitig wollen wir katholische Positionen im Gespräch mit der säkularen Welt übersetzen. Das gelingt uns, glaube ich, ganz gut.


Welche Bereiche wollen Sie in der Zeitung stärken?


Oliver Maksan: Die Bereiche, weshalb Menschen heute und Zukunft noch stärker für ein Medium bezahlen: Wir wollen noch hintergründiger berichten, Analyse und Kommentar stärken.


Sie werden auch die Geschäftsführung der "Tagespost" übernehmen. Gibt es Pläne, bei der Produktion oder im Anzeigenverkauf mit anderen Medien zu kooperieren?


Oliver Maksan: Ja, die gibt es. Ich sehe im katholischen Milieu viele Kooperationsmöglichkeiten zum gegenseitigen Nutzen. Man tritt sich nicht auf die Füße. Letztlich hat man ja auch dasselbe Ziel.


"Wir hängen die Angel keinesfalls in einen leergefischten Teich"

Und wie wollen Sie mehr Abonnenten gewinnen?


Oliver Maksan: Indem wir potenziellen Abonnenten auf zwei Beinen entgegenkommen. Einerseits wollen wir inhaltlich das Profil schärfen. Gleichzeitig wollen wir die Möglichkeiten unserer neuen Internetseite nutzen und nicht zuletzt durch die sozialen Medien unseren Bekanntheitsgrad erhöhen. So kommt man auch im katholischen Bereich an potenzielle Interessenten heran. Und es gibt viele wertesensible Katholiken, die wir bislang noch gar nicht erreicht haben. Wir hängen die Angel also keinesfalls in einen leergefischten Teich.

Die Fragen an Oliver Maksan, designierter Chefredakteur der katholischen Zeitung "Die Tagespost", stellte kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

Hintergrund: "Die Tagespost"

Die "Tagespost" ist die einzige katholische Tageszeitung im deutschen Sprachraum. Sie erscheint als katholische Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur seit August 1948 und hat aktuell eine Druckauflage von 10.227 Exemplaren. Von dem katholischen Publizisten Johann Wilhelm Naumann gegründet, will das Blatt zur innerkirchlichen Meinungsbildung beitragen und mit der säkularen Gesellschaft über katholische Positionen ins Gespräch kommen. Die Zeitung erscheint in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Der Verlagsort ist Würzburg.

Oliver Maksan (37) wird zum 1. Juli 2016 neuer Chefredakteur und Geschäftsführer der "Tagespost". Das hat der Aufsichtsrat einstimmig beschlossen. Maksan folgt Markus Reder (45) nach, der aus gesundheitlichen Gründen auf eigenen Wunsch zum 30. Juni ausscheidet. "Mit Oliver Maksan garantieren wir redaktionelle Kontinuität und einen klaren katholischen Kurs. Er weiß, wie die 'Tagespost' tickt. Wir freuen uns auf seine Ideen", betont "Tagespost"-Herausgeber Prälat Günter Putz, Domdekan in Würzburg. "Wir bedauern gleichzeitig zutiefst, dass Markus Reder die Zeitung aus gesundheitlichen Gründen verlassen muss", so Prälat Putz weiter. "Wir sind voller Anerkennung für seinen vorbildlichen und unermüdlichen Einsatz für die 'Tagespost'. Wir wünschen ihm von Herzen eine rasche Genesung und Gottes Segen für die Zukunft."

Oliver Maksan, 1979 in Nördlingen in Bayern geboren, studierte katholische Theologie und Philosophie in Eichstätt, Paris, Rom und München. Nach seinem Studienabschluss arbeitete Maksan zunächst in der Presseabteilung des Katholischen Militärbischofsamtes in Berlin. Im Oktober 2007 begann er ein zweijähriges Volontariat bei der "Tagespost". 2009 wurde er Redakteur der Zeitung und begleitete in der Folge vor allem deutsche Innenpolitik. Weil sich schnell abzeichnete, dass der "Arabische Frühling" massive Auswirkungen auf die Christen des Orients haben würde, wurde Maksan zum 1. Februar 2012 als Nahost-Korrespondent der Zeitung nach Jerusalem entsandt. Seither berichtet er über Religion und Politik aus dem Heiligen Land und der Region. Zahlreiche Reisen führten ihn in die Länder der arabischen Welt zwischen Marokko und Irak.

Markus Reder, 1970 in Augsburg geboren, war der Zeitung bereits in der Zeit seines Studiums der katholischen Theologie und Germanistik verbunden. Nach seinem Diplom absolvierte er ab 1997 ein Volontariat bei der "Tagespost". 1999 trat Reder in die Redaktion ein. Schwerpunkt seiner Tätigkeit war die politische Berichterstattung. Seit 2001 war er Chef vom Dienst. Im April 2006 wurde er zum Chefredakteur und Geschäftsführer berufen. Tatkräftig entwickelte Reder in der Folge das Profil der Zeitung fort, schärfte Inhalt und Form. 2009 erschien die "Tagespost" in einem neuen Kleid. Die Layout-Reform setzte sich zum Ziel, das Blatt den veränderten Seh- und Lesegewohnheiten behutsam anzupassen. Das gilt auch für den Internet-Auftritt der Zeitung. Um die katholische Publizistik und Nachwuchsförderung nachhaltig zu unterstützen, setzte sich Reder 2010 für die Gründung der Johann Wilhelm Naumann-Stiftung ein. (B.Ü.)

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