Neues "Wirtschaftsforum" mit Markus Gürne auf Phoenix gestartet: "Die Welt ist komplexer geworden"

 

ARD-Wirtschaftsexperte Markus Gürne (Börse, "PlusMinus") startet am Sonntag, 29. Mai, um 13 Uhr, ein neues Gesprächsformat. Das "Wirtschaftsforum" knüpft da an, wo der "Presseclub" aufhört. Im Interview mit kress.de erklärt der ehemalige Auslandskorrespondent, warum er sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden gibt.

kress.de: Sie melden sich bei Phoenix mit einem neuen Gesprächsformat aus der Frankfurter Börse. Machen Sie Fernsehen für Multiplikatoren?


Markus Gürne: Nein, Fernsehen für alle, die das ganze Bild betrachten wollen. Das ist auch nötig, denn der Rahmen ist größer und die Welt komplexer geworden. Wenn man in diesem Bild bleiben möchte: Es lohnt sich auch, neue Perspektiven aufzuzeigen.


Nach welchen Kriterien setzen Sie Themen, suchen Sie Gäste?


Markus Gürne: Wer hat etwas zu sagen? Das ist wohl die wichtigste Maxime, nach der die Phoenix-Redaktion in Bonn und ich die Themen setzen und Gäste einladen. Und wer kann es so tun, dass es verständlich ist und einen neuen Blick auf das Diskussionsthema eröffnet.


Politiker stehen unter permanenter Beobachtung und haben im besten Fall gelernt, auf jede Frage antworten zu können. Für die Chef-Etage ist öffentliche Kommunikation Neuland. Wie gehen Sie mit dieser Klientel um?

Markus Gürne: Meiner Erfahrung nach sind Chefs solcher Unternehmen viel handfester als man meint. Und sie sagen gerne, was sie denken. Das macht die Sache leichter. Grundsätzlich wird in der Chef-Etage gemacht, entschieden und gestaltet. Meist mit klaren Worten. Natürlich sprechen Chefs auch in Floskeln, aber das wollen wir ihnen nicht durchgehen lassen.


Apropos Politik. Wird das "Forum Wirtschaft" eine "politikerfreie" Zone?

Markus Gürne: Das geht gar nicht. Die Politik bestimmt die Rahmenbedingungen, in denen wir leben und auch wirtschaften. Deshalb müssen wir auch über Politik sprechen.

Welche Vorteile bringt eine öffentliche Debatte Ihren Gästen?


Markus Gürne: Sie können ihre Sicht erläutern, darüber debattieren und sich auch mit anderen Perspektiven auseinandersetzen - und dabei auch ihre Gedanken zu Ende formulieren.

Drehen wir die Perspektive: Welchen Erkenntnisgewinn darf sich Ihr Publikum erhoffen?


Markus Gürne: Im besten Fall reißen sich die Gäste bei uns schonungslos die Maske vom Gesicht, wenn Sie eine haben. In jedem Forum Wirtschaft dürfen die Zuschauerinnen und Zuschauer zudem auf Erkenntnis-Gewinn durch ehrliche Argumente hoffen.



Gerade in Zeiten der Globalisierung kommt Zuschauern das verbreitete Wirtschaftschinesisch oft spanisch vor. Ist Ihr Forum eine Art Wörterbuch: "Wirtschaft-Deutsch/Deutsch-Wirtschaft"?


Markus Gürne: Wenn dies gelänge, wäre es famos!


Im Ernst: Welches Vorwissen muss Ihr Publikum mitbringen?


Markus Gürne: Je mehr, desto besser. Aber die Wirklichkeit sieht leider so aus, dass sich viele beim Thema Wirtschaft wegdrehen oder innerlich abschalten. Ich möchte den Zuschauerinnen und Zuschauern zeigen, wie sehr Politik, Wirtschaft und Finanzmarkt eine kommunizierende Röhre bilden, mit Auswirkungen auf uns.


Für die Generation U30 ist das Fernsehen ein Opa-Medium. Welche Rolle spielt das Internet bei Ihrem Format?

Markus Gürne: Unsere Sendung ist nicht nur im TV zu sehen, sondern auch dauerhaft im Phoenix-Youtube-Kanal abrufbar. Damit tragen wir heutigen Sehgewohnheiten Rechnung. Die Zuschauer können die Sendung sehen, wann und wo sie wollen.


Sie haben Globalisierung als Korrespondent in Indien gesehen. Wie hat der Einsatz vor Ort Ihren Blick verändert?


Markus Gürne: Vor allem habe ich eines gelernt. Die großen vier - Indien, China, Russland und die USA - sind große Flächenländer, in denen viele Menschen leben. Und sie setzen ihre Interessen durch. Wir müssen in Europa und damit auch in Deutschland lernen, unsere gemeinsamen Interessen zu definieren und einen Plan entwerfen. Denn wir werden auf viele Veränderungen reagieren müssen - am besten, bevor es andere tun.



Globalisierung - Stichwort: TTIP - beunruhigt viele Bürger. Angst essen Seele auf?


Markus Gürne: TTIP ist ein komplexes Thema. Zum einen fehlt die Transparenz, zum anderen darf man so ein Handelsabkommen nicht alleine auf Verbraucherängste wie Chlorhühnchen reduzieren. Auch bei TTIP geht es um politische Fragen in einem größeren Kontext. Werden wir in Europa mit den USA Standards definieren oder nicht? Meiner Erfahrung aus dem Ausland nach wird die Chance immer kleiner, je größer und einflussreicher die Staaten in Asien werden. Aber wenn wir diese Standards nicht werden definieren können, werden es andere tun.


Sie haben unter anderem eine Ausbildung zum Krisenreporter gemacht. Sehen Sie die Wirtschaft als permanentes Krisengebiet?


Markus Gürne: Ja, denn in der Welt des 21. Jahrhunderts ist die Frage, wer wirtschaftlich leistungsfähig ist, eine entscheidende. Wir sehen am Ölpreis, wie sehr Wirtschaft auch als "Kampfmittel" eingesetzt wird. Wirtschaft bildet den Boden einer Gesellschaft. Denn dadurch kann Wohlstand, Friede und Stabilität in einem Land ein festes Fundament finden. Deutschland ist das beste Beispiel dafür.

Sie selbst haben wirtschaftlichen Druck eher als Herausforderung gesehen, Fahrräder repariert, Prospekte ausgetragen. War Dagobert Duck Ihr Vorbild?


Markus Gürne: Mein Vater starb, als ich zehn Jahre alt war. Meine Mutter musste mit vier Kindern das Leben meistern, und es wurde schnell klar, dass das Leben hart ist. Und dass man anpacken muss, um selber auf die Füße zu kommen. Das hatte aber auch den angenehmen Nebeneffekt, dass ich schnell merkte, was man erschaffen kann, wenn man hartnäckig ist - und auch das Quäntchen Glück hat, das dazugehört. Das hatte ich Gott sei Dank. Meine beste Entscheidung war es übrigens, vom ersten Scheck Geld in die private Altersvorsorge einzuzahlen. In den 80er Jahren sehr weise, wie ich heute weiß.

Das Format

Im ersten "Wirtschaftsforum" spricht Markus Gürne mit Meinungsführern in der Wirtschaft über Stärken und Schwächen der deutschen Ökonomie. Seine Gäste: Michael Vassialidis (IG BCE), Professor Reint E. Gropp (Institut für Wirtschaftsforschung, Halle), Mario Ohoven (Bundesverband mittelständische Wirtschaft) und Ingrid Hofmann (Hofmann GmbH). Aufgezeichnet wurde die Sendung symbolträchtig in der Frankfurter Börse. Der Talk wird am Sonntag, 29. Mai, 13 Uhr bei Phoenix augestrahlt. Um Mitternacht desselben Tages wird die Gesprächssendung wiederholt.

Der Moderator

Markus Gürne, Jahrgang 1970, gebürtiger Stuttgarter, leitet seit 2012 die TV-Börsenredaktion der ARD, seit 2013 moderiert er die "Plusminus"-Ausgaben des Hessischen Rundfunks. Gürne hat Rechtswissenschaften, Politikwissenschaften und allgemeine Rhetorik in Tübingen studiert. Der ausgebildete Krisenreporter mit Einsatzorten in Kairo und im Irak berichtete zeitweilig als ARD-Korrespondent auch aus Indien.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.