Neues Buch des früheren "FAZ"-Redakteurs Stefan Schulz: "Redaktionsschluss" für die gedruckte Zeitung

30.05.2016
 
 

"Man muss den Buchtitel "Redaktionsschluss" wörtlich nehmen. Denn die Kernthesen des früheren "FAZ"-Redakteurs Stefan Schulz lauten: Die gedruckte Zeitung, wie wir sie kannten, steht unwiderruflich vor dem Aus. Die Auflagen befinden sich im Sinkflug, die Werbeeinnahmen schwinden, der Rotstift regiert. Redaktionen werden personell ausgedünnt, die Beschäftigungsverhältnisse immer prekärer. Die Zukunft gehört dem Online-Journalismus." Eine Rezension von Prof. Dr. Ulrich Teusch.

Doch die hohen Klickzahlen, die dort generiert werden, sind trügerisch. Viele Besucher der Medien-Webseiten belassen es bei einer kurzen Stippvisite - flüchtige Laufkundschaft, die sich nicht länger als ein paar Minuten aufhält. Und vor allem: Viele Menschen greifen nicht direkt auf die Seiten zu, sondern werden von Google oder Facebook dorthin geleitet. Letztere sind es denn auch, die den Takt vorgeben.

Schulz hat ein analytisch brillantes und fesselnd geschriebenes Buch vorgelegt. Zugleich ein beklemmendes Werk, das eine düstere Medienzukunft heraufbeschwört. Viele, die in den großen Medienhäusern Verantwortung tragen, so sein Vorwurf, haben die bedrohlichen Entwicklungen viel zu spät mitbekommen - oder sie verschließen nach wie vor Augen und Ohren.

Der Autor erzählt zwei Episoden, die das schlaglichtartig veranschaulichen. Die eine trug sich bei der "FAZ" zu, als der legendäre Frank Schirrmacher noch das Zepter im Feuilleton führte. Die Online-Redakteure der Zeitung hatten ein Problem. Sie fragten sich, wie sie mit einem Artikel verfahren sollten, der aus Schirrmachers Ressort stammte und die Website der FAZ zierte, aber immer schlechtere Klickzahlen aufwies. Gemessen werden solche Zugriffe mit einer Software namens "Chartbeat".

"Es war das erste Mal, dass [Schirrmacher] von Chartbeat hörte. Er mahnte deutlich an, dass über die Linie der Zeitung von den fünf Herausgebern entschieden würde und nicht von einer Software. In Zukunft wollte er sofort darüber informiert werden, wenn leitende Online-Redakteure die Empfehlungen der Software zu ihrer journalistischen Entscheidungsgrundlage machten und dies auch von anderen verlangten. Doch das Horrorszenario des einen war längst Alltag der anderen."

Die zweite Episode spielte sich bei einer Veranstaltung zur Zukunft des "Qualitätsjournalismus" ab. Da beklagte sich der Chefredakteur der "Hannoverschen Allgemeinen" über Unternehmen wie Google und Facebook. Diese greifen, sagte er, Presseerzeugnisse im Internet auf, ohne dafür zahlen zu müssen. Das trug ihm eine zornige Replik von Ralf Bremer ein, dem Vertreter von Google Deutschland. Er machte dem Chefredakteur klar, dass viele Menschen die Online-Angebote der Zeitungen doch nur deshalb lesen, weil sie von Google dorthin geleitet werden. Wäre es also nicht angemessener, Google für solche Dienste zu entschädigen? Und dann wollte Bremer noch wissen, was denn die Redaktion der "Hannoverschen Allgemeinen" eigentlich dafür zahle, dass sie in exzessivem Ausmaß die Google-Suche, Google Maps, Google News, YouTube und Ähnliches nutze?

Was aus diesen und vielen anderen Beispielen des Buches überdeutlich wird: Die Gewichte in der Medienwelt haben sich längst verlagert.

"Der organisierte Journalismus ist nicht nur beim Vertrieb seiner Produkte auf die Dienste der neuen Informationsanbieter angewiesen, sondern schon bei ihrer Herstellung." "'Spiegel online' und allen Betroffenen bliebe nur eine Möglichkeit des Widerspruchs, nämlich Google die Nutzung aller Inhalte pauschal zu verbieten und auf mehr als die Hälfte aller Leser zu verzichten, die als Laufpublikum von Google und anderen Informationsvermittlern aus auf die Website gelangen. Die Pluralität der Medienwelt wird heute von Google gestaltet."

Der Journalismus, so Schulz, wird sich unter diesem Druck grundlegend verändern. Nicht Qualität, sondern Quantität, nicht Glaubwürdigkeit und Vertrauen, sondern messbare Akzeptanz werden im Zentrum stehen. Das müsse man zwar nicht gut finden, meint er, aber man könne auch wenig dagegen ausrichten. Was bleibt, ist Sarkasmus. Ein wenig fühlt man sich da an den Verleger Axel Springer erinnert. Einst auf die dürftige Qualität seiner Bild-Zeitung angesprochen, erwiderte er trocken: Nun, das sei eben die "tägliche Abstimmung am Kiosk".

Was tun, wenn Google, Facebook und Co. das Ruder übernehmen? Mediengiganten also, die ihre Nutzer nicht wirklich informieren, sondern ihnen letztlich nur das Gefühl geben, informiert zu sein?

Da weiß auch Stefan Schulz keinen überzeugenden Rat. Sein Vorschlag: Wir sollten uns eine "Nachrichtendiät" verordnen, also: abschalten, weghören, wegsehen. Das mag hilfreich sein für Leute, die sich tagaus, tagein mit journalistischem Fast- oder Junkfood den Magen vollschlagen und gelegentlich verderben. Aber wäre es nicht viel sinnvoller, konsequent auf gesunde Ernährung umzustellen?

In Schulz' stark polarisierender Darstellung gerät fast aus dem Blick, dass das Internet nicht nur aus Google und Facebook besteht. Es gibt dort auch alternative Produkte mit hohem Informationswert, hochkarätige journalistische Plattformen, spannende Nachrichtenportale, interessante Blogs. Anders gesagt: An solider Information besteht im Grunde kein Mangel. Wir verfügen heute über historisch einzigartige Möglichkeiten, uns umfassend zu informieren, einen permanenten "Fakten-Check" zu betreiben, dissidente Meinungen einzuholen. Nie zuvor gab es in der Medienlandschaft so viel "Außenpluralität".

Das Problem: Man muss diese Alternativen im Netz aufspüren und sich aus dem reichhaltigen Angebot ein gut verträgliches, auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnittenes Menu zusammenstellen. Doch dazu braucht es nicht nur erhebliche Kompetenzen, sondern auch und vor allem: Zeit. Und die hat längst nicht jeder in ausreichendem Maß zur Verfügung. Außenpluralität ist allzu oft "eine Vielfalt für Archivare".

Wird also die systematische Auswertung der vielen Alternativangebote immer Sache einer Minderheit bleiben? Mehr noch: Besteht die Gefahr einer Fragmentierung der Gesellschaft - "Informationsreiche" hier, "Informationsarme" dort? Oder einer Aufsplitterung in viele parzellierte Öffentlichkeiten, kleine Medienwelten, die nur noch Selbstgespräche führen?

Stefan Schulz: Redaktionsschluss. Die Zeit nach der Zeitung. Carl Hanser Verlag, 303 S., € 21,90.

Rezensent: Prof. Dr. Ulrich Teusch

kress.de-Tipp: "Zwischen Debatten-Allergie und Bekenntnis-Ritualen - Welchen Mehrwert hätten Diskurse für eine vitale Demokratie" lautet das Thema vom Mainzer Medien-Disput am 14. Juni um 19 Uhr in Berlin. Anmeldungen per Email unter veranstaltungen@lv.rlp.de. Mit SWR-Chefreporter Thomas Leif diskutieren "Redaktionsschluss"-Autor Stefan Schulz, Anne Wizorek (#Aufschrei), Albrecht von Lucke, Redakteur "Blätter für deutsche und internationale Politik", der Publizist und Autor Wolfgang Herles (früher "ZDF Aspekte") und die stellvertretende "taz"-Chefredakteurin Katrin Gottschalk.

 

Ihre Kommentare
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30.05.2016
!

Untergangs-Szenarien verkaufen sich immer noch am besten. Also hat der Kollege Schulz alles richtig gemacht.

Bedenklich stimmt mich nur der Anreißer, der im RSS-Feed von kress.de auf die Rezension aufmerksam macht: „Eine Rezension von dem Stefan-Schulz-Buch "Redaktionsschluss". Von Prof. Dr. Ulrich Teusch.“

Vielleicht sollte man auch die Onliner mal stilistisch qualifizieren, dann kommt gar nicht erst der Verdacht auf, dass hier die zweite Garde textet.


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