Dokumentarfilmer antwortet Xavier-Naidoo-Kritikern: Harold Woetzels Plädoyer für Journalismus ohne Vorurteile

30.05.2016
 
 

Nach Tagen des Schweigens hat Harold Woetzel genug: Erstmals nimmt der Dokumentarfilmer Stellung zu der Kritik an der von ihm verantworteten "Xavier Naidoo-Story" auf Vox. Besonders hart geht er in einem Gastbeitrag für kress.de ins Gericht mit dem Medienjournalisten Stefan Niggemeier. Woetzels Beitrag ist ein wichtiges Plädoyer für Journalismus, der sich halt nicht von Vorurteilen und Konstruktionen treiben lässt.


"60% des Publikums bezweifeln die Glaubwürdigkeit der Medien, sehen sie "gelenkt" von Journalisten, die kein umfassendes Bild eines Sachverhalts liefern, sondern nachschreiben, was andere vorgeschrieben haben. In fast allen medienkritischen Untersuchungen und Texten wird das Folgen der "Meute" im "mainstream" als das Grundübel des Journalismus beschrieben. Nur aus der Erkenntnis folgt nichts. Weder in der Causa Wulff noch - jetzt - in der Causa Naidoo." (Erkenntnisse aus der Studie des BR über "Politikverachtung")

Die Vorwürfe gegen die Doku

Der "Übermedienkritiker" Stefan Niggemeier hat in seinem Verriss einer Xavier Naidoo-Doku diese als "Schmierenjournalismus" bewertet. Er bezieht sich dabei auf den gerade 12 Minuten langen Part in einer 54-minütigen Doku über Naidoo und dessen geplante Teilnahme am Eurovision Song Contest in Stockholm 2016. Bekanntlich war Xavier Naidoo vom NDR überredet worden, sich als deutscher Beitrag zur Verfügung zu stellen, wurde dann aber wegen des damit verbundenen "Shitstorms" wieder ausgeladen.


Der Grund für die "null Punkte" des Medienkritikers: die Doku habe die Argumente für die Anschuldigungen gegen Naidoo - wonach dieser "ein rechtsextremer, homophober, rassistischer und antisemitischer Reichsbürger und Verschwörungstheoretiker" sei - "manipulativ" ausgeklammert. Man hätte die Kritiker ausführlich zu Wort kommen lassen müssen. Eine "Schmieren-Dokumentation" sei das deshalb, weil die Doku und ihr Autor, der "Haus- und Hof-Filmer Naidoos", diese Kritik an dem dunkelhäutigen Sänger aus Mannheim einfach als "irre" abgetan habe . . .

Ja, lieber Herr Niggemeier, in der Tat: diese Diskussion ist mittlerweile wirklich "irre".

Und weil wir bei unserer Doku an Zuschauer denken und nicht an "Medienkritiker", sollte da nicht noch einmal die Schnappatmung der notorischen Naidoo-Hasser im O-Ton zu hören und zu sehen sein. Das hätten uns die Zuschauer einer solchen Doku über Naidoo, den Gastgeber der letzten Folge von "Sing meinen Song", diesem mehrfach (unter anderem mit dem Deutschen Fernsehpreis) ausgezeichneten Musikformat, zu Recht nicht verziehen. Abgesehen davon war uns die wertvolle und begrenzte Sendezeit dafür einfach zu schade.


Tatsache ist doch, dass man beinahe zwei Jahre lang in der Öffentlichkeit nichts anderes lesen, hören, sehen konnte als diese grotesken Zerrbilder eines dunkelhäutigen und dabei höchst erfolgreichen Sängers aus Mannheim, der plötzlich für das "Dunkel-Deutschland" zu stehen schien - nur weil sich eine Clique von Journalisten und jugendlichen "Störungsmeldern" auf ihn eingeschossen hatte.

Selbstverständlich hatten wir in unserer Doku die im Raum stehenden Vorwürfe kompakt zusammengefasst, so dass jeder Zuschauer die folgenden Positionen von Künstler-Kollegen Naidoos selbst einordnen konnte. Beispielsweise von Herbert Grönemeyer: "Xavier ist für mich einer der besten und etabliertesten Musiker in Deutschland. Er ist weder homophob noch rechts noch reichsbürgerlich, sondern er ist neugierig, hat seinen eigenen Kopf, ist christlicher Freigeist, und zum Glück ist er umtriebig, leidenschaftlich und so macht er auch seine Musik." 

Oder von Reinhard Mey: "Und er ist ein Freigeist, er ist ein Querdenker, ein Freidenker, und solche Leute kann das Land gut gebrauchen."

Oder von Udo Lindenberg: "Hör mal, ich denk grad zurück an unsere Tour 'Rock gegen rechte Gewalt', da waren wir unterwegs in ganz vielen Städten und Initiativen und Aussteiger und was alles so wichtig war und wichtig bleibt. Und da bist du am Start, sehr geil."



Sagt das nicht alles über die Absicht und das Niveau des Niggemeier-Verrisses unserer Doku, dass er diese Statements alle nicht erwähnt? Denn dann hätte er sie alle ja angreifen müssen, die sich bei uns außergewöhnlich klar, entschieden und leidenschaftlich für Xavier Naidoo ausgesprochen haben: Wolfgang Niedecken, Udo Lindenberg, Reinhard Mey, Michael Mittermeier, Til Schweiger, Marek Lieberberg, Samy Deluxe, Helene Fischer, Die Prinzen usw. usf. Allesamt keine "schmierigen" Menschen, sondern hochrespektierte Zeugen und Kritiker einer völlig irre gewordenen medialen Hasskampagne und eines offensichtlichen Gesinnungsjournalismus gegen einen dunkelhäutigen Mannheimer Sänger.


Niggemeiers Vorwürfe gegen unsere Doku richten sich deshalb zu 100 Prozent auch an diese Musiker und Künstler, die sich mit präzisen und klaren Argumenten für Xavier Naidoo und gegen die Hasskampagne geäußert haben. Nur ist es natürlich schwierig für einen "Medienkritiker", so viele Stars und Persönlichkeiten, die selbst in seinem Milieu gut beleumdet sind, schlecht zu machen. Da hält man sich doch gefahrlos lieber an einem kleinen Filmautoren schadlos und versucht, ihm mit dem Schimpfwort "Schmierenjournalist" zu schaden.


"Die Medien lassen sich einspannen in große Dreckschleuder-Maschinen, um Menschen zu beschädigen." (BR, 7.11.15)


Nun spielen die ersten "Qualitätsjournalisten" schon wieder die alte Platte und schreiben fleißig bei Niggemeiers "Übermedien"-Blog ab - wobei sie ohne Scham zugeben, die Doku selbst gar nicht gesehen zu haben (man hat ja keine Zeit mehr heute für sowas....). Stattdessen verlässt man sich auf seine Peer Groups in der Käseglocke des journalistischen Milieus . Der Hang zum "Mainstream" wirkt als Katalysator von Gleichklang - offenbar ein systemisches Problem des gegenwärtigen Journalismus. Deshalb gibt es exklusiv für den Medienkritiker und seine Abschreiber hier ein paar Antworten auf diesen Artikel.


Es ist keine Verteidigung für Xavier Naidoo (der braucht das nicht) - es ist ein Plädoyer für einen Journalismus, der sich nicht von Vorurteilen und Konstruktionen treiben lässt. Einer, der den Sachverhalt umfassend klärt und den Kontext der Geschichte unvoreingenommen wahrnimmt. Kurz: ein Journalismus, den Niggemeier sonst von anderen fordert, im Falle Naidoo aber eklatant missachtet hat. Und es ist vor allem ein Plädoyer für einen menschlichen Journalismus, dem der innere Kompass nicht verlorengegangen ist. Der kein Scheunentor ist für lautstarken (oder lautlosen) Rufmord.


Die Vorwürfe gegen Naidoo: 



1. "Rassismus"


Zum Rassisten wird man nicht, nur weil eine enthemmte Pressemeute ein altes Interview im "Musikexpress" (von 1999!) hervorzieht, in dem sich Xavier, ein farbiger Sänger mit indischen und südafrikanischen Wurzeln, selbstironisch (und ganz offenbar beflügelt durch seine damalige Freundin "Maria Juana") den Satz sagte "Ich bin ein Rassist ohne Ansehen der Hautfarbe" (!). Ein medialer Mob extrahiert 16 Jahre später drei Worte aus diesem Satz und dem ganzen Interview: "Ich bin ein Rassist", nimmt das für bare Münze und wiederholt es hundertfach in Zeitungsartikeln und Fernsehberichten. Tweets, Facebook-Kommentare tragen das weiter, sogar Politiker von SPD, Grüne, FDP, Linke fühlen sich bemüßigt, auf diesen Zug aufzuspringen und sich eilfertigst und "mutig" von einem "Rassisten" zu distanzieren. Die sonst so nüchterne "Tagesschau" verkündet mit dürren Worten: "Ihm wird Rassismus und Homophobie vorgeworfen", ohne ein Wort der Distanzierung oder Recherche, woher das eigentlich kommt, was dahinter steckt - womit diese Bezeichnung sofort und für alle Zeiten an Naidoo hängen bleiben wird, solange diese Leute die Deutungshoheit behalten. Das heißt: der von vielen Unwissenden wiederholte "Vorwurf" reicht, um einen Menschen zu vernichten; die Klärung des Vorwurfs bleibt Nebensache.


Rassist ist man aber doch, wenn man andere Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Zugehörigkeit zu einer anderen Ethnie für geringer als sich selbst erachtet. Wie könnte man das Naidoo je nachweisen? In all seinen Texten, Interviews und vor allem in seinen Taten hat er das Gegenteil dieses "Vorwurfs" bewiesen. Sein Lebensprojekt, seine musikalische Familie "Söhne Mannheims", war und ist die erste 'Multikulti'-Band Deutschlands, in der die "Ausländer", die "anderen Rassen" sogar die Mehrheit bilden. Sie machten nicht nur zusammen Musik, sondern lebten zusammen, diskutierten, stritten, beteten gemeinsam (bei verschiedenen Religionen), schmiedeten visionäre Pläne für ihre Heimatstadt Mannheim, von denen viele mittlerweile umgesetzt wurden. Es war ein Bob Marley-ähnliches Projekt, dem sich die Söhne mit Xavier Naidoo in vielerlei Hinsicht verbunden fühlten.


Vor 15 Jahren, als man im Osten der Republik noch "Neger" jagte und tot schlug, fuhr er mit seinen afrikanischstämmigen Musikerfreunden, den "Brothers Keepers", in ostdeutsche Schulen und betrieb antirassistische Aufklärungsarbeit. In dem Song "Adriano" zeichnet Naidoo auch wieder wütende Rachebilder, mit denen er seinen Schmerz und die Wut über die Menschenjagd und den Mord an seinem "Bruder" Alberto Adriano, der in der Nacht vom 10. auf den 11. Juni 2000 im Stadtpark von Dessau von Neonazis zu Tode geprügelt wurde, als Musiker und Künstler verarbeitet: "Dies ist so was wie eine letzte Warnung, denn unser Rückschlag ist längst in Planung. Wir fall'n dort ein, wo ihr auffallt, gebieten eurer braunen Scheiße endlich Aufhalt. Denn was ihr sucht ist das Ende, und was wir reichen, sind geballte Fäuste und keine Hände, Euer Niedergang für immer, und was wir hören werden, ist euer Weinen und euer Gewimmer."

Diese eigentlich gewalttätigen Bilder und Textzeilen hat man ihm bezeichnenderweise nicht ein einziges Mal vorgehalten in der aktuellen Hetzjagd gegen ihn - weil sie nicht passen zu dem Zerrbild, das man von ihm medial zeichnen wollte. Welche unglaubliche Anmaßung gehört dazu, jemanden als Rassisten zu bezeichnen, der wohl so viel praktischen Antirassismus in seinem Leben bewiesen hat wie keiner von all den "weißen Männern und Frauen", die jetzt ausgerechnet ihn mit diesem Rufmord-Wort belegen?


Etwas Absurderes als diesen Vorwurf "Rassismus" kann es gegen Xavier Naidoo also kaum geben. Aber auch davor hat man nicht haltgemacht in dem blinden Furor, von dem eine ganze mediale Kaste und ihr Publikum plötzlich befallen war. Naidoo lebt Anti-Rassismus jeden Tag, nachweislich und ganz praktisch. Nicht als Maulheld. Gegen diese überprüfbare Lebensleistung steht ein verunglücktes 16 Jahre altes Zitat...

2. "Homophobie"


Homophob ist man noch lange nicht, wenn man eine Textzeile aus einem wütenden Rap-Song des Künstler-Duos XAVAS (Naidoo und Savas) in böswilliger Absicht herausreißt, in dem die beiden ihren Schmerz und ihre Wut über organisierten Kindesmissbrauch, perverse Kinderschänder und -mörder künstlerisch verarbeiten. Es sind künstlerische Rachebilder gegen "Bestien" wie den belgischen Kindesentführer und siebenfachen Mörder Marc Dutroux und seine mutmaßlichen Auftraggeber, für die er kleine Kinder und junge Mädchen in elenden Kellerlöchern gefangen hielt, einige vorher noch vergewaltigte und einige brutal verhungern ließ. Die "lyrics" mögen viele für geschmacklos halten, für ästhetisch verfehlt - aber homophob sind sie deshalb noch lange nicht.


Homophobie ist nachweisbar - in Worten und in Taten. Nicht einmal hat jemand diesen Nachweis geführt, obwohl sicher jedes Wort, das Naidoo jemals in Interviews oder in seinen Songs von sich gegeben hatte, 20-mal umgedreht wurde. Es gibt nun einmal keine Feindschaft oder Ablehnung von Xavier Naidoo gegen homosexuelle Menschen. Jene, die ihm böswillig diese Beschreibung anhefteten, wollten gar nicht mit seinen vielen Freunden reden, mit seiner musikalischen Familie, zu der natürlich auch Homosexuelle gehören, mit denen er genauso liebevoll und respektvoll umgeht wie mit den anderen. Es wäre leicht gewesen herauszufinden, wie er sie unterstützt in ihrer musikalischen Karriere, wie er ihre Alben produziert, sie mitnimmt auf seine Konzerte als Opening Act, ihnen seine Autos gibt, sie in seinem Haus wohnen lässt. Die "Vorwürfe" sind schlicht falsch.


"Wahrlich ich sage euch: Die Zöllner und Huren mögen wohl eher ins Himmelreich kommen denn ihr..." Matthäus 21, 31-32

3. Rechtsextrem oder "Reichsbürger" (wird fälschlich meist als Synonym verwendet) ist man nicht,

wenn man sich aus Sorge vor einem drohenden Krieg zwischen Russland und der NATO vor den Berliner Reichstag begibt, bei zwei Friedensdemonstrationen unterschiedlicher Veranstalter eine Kurzansprache hält und dort diese Worte sagt: "Ich lass mich vor keinen Karren spannen; ich lieb die da drüben, ich liebe Euch, das Wichtigste ist, dass wir dafür sorgen, dass nie wieder ein Krieg von deutschem Boden ausgeht!"



Zum "Haus- und Hof-Filmer Naidoos", um Niggemeiers abwertende Beschreibung für mich zu zitieren, bin ich erst durch die mediale Dauererregung geworden. Weniger das besondere Interesse an der Person oder Musik des Mannheimer Sängers ließen mich die mittlerweile drei Dokumentarfilme über ihn machen, ich bin kein "Fan". Sondern das, was sich als Empörungsinszenierung abspielte nach Xaviers Kurzauftritt auf zwei "Friedensbühnen" in Berlin im Oktober 2014. Das war mein Schlüsselerlebnis als Dokumentarfilmer/Journalist - und mein Beweggrund, weiter mit ihm zu drehen, nach unserem ersten Film in der ARD-Reihe "Deutschland Deine Künstler" 2013. Was da im Gefolge von Naidoos spontanem Entschluss, sich in Berlin zu zeigen (über den gerne gestritten werden darf), losbrach, hätte ich nach 30-jähriger Berufserfahrung als Filmemacher nie für möglich gehalten.

Es gab nicht einen einzigen Bericht, der nicht gespickt gewesen wäre mit schweren journalistisch-handwerklichen Fehlern. Um nur ein paar aufzuzählen:


- Nachweislich hatte so gut wie jeder der angeblichen Qualitätsjournalisten voneinander abgeschrieben. (Die Meute im Mainstream-Rausch)


- Kein einziger Journalist (außer mir) hatte damals mit Naidoo selbst gesprochen.


- Ihm wurden (und werden) Positionen unterschoben, die er nie bezogen hat, die er vielmehr explizit richtig gestellt hatte, unter anderem in einem SWR-Interview mit mir eine Woche nach den Berliner Ereignissen: dass er sich "die anschauen wollte, mit denen er ein einen Topf geworfen wurde", dass er auf die Menschen zugehen wolle, "egal wer da steht", das er die Positionen der so genannten Reichsbürger nicht teilt usw.: "Ich möchte auf die Leute zugehen in Liebe, und ich habe auch auf der Veranstaltung der so genannten Reichsbürger gesagt, dass wir in der Liebe bleiben müssen."


Die emotional-heftige Reaktion des Medienkritikers Niggemeier auf unsere Doku ist sicher auch der Tatsache geschuldet, dass wir ihn ganz bewusst (und pars pro toto für viele andere Journalisten) mit seinem Tweet gezeigt haben, den er damals in die Welt gezwitschert hatte: "Naidoo tritt für die Bundesrepublik (oder das Deutsche Reich, man weiß es ja bei ihm nicht) beim ESC an"!?



Niggemeier hat Naidoo damit zum "Reichsbürger" gestempelt, ohne darüber jemals mit ihm selbst gesprochen oder seine Äußerungen dazu wirklich sorgfältig berücksichtigt zu haben. Das ist journalistisch nicht nur grob fahrlässig, das ist entweder wirklich "ahnungslos" oder einfach nur gehässig und böswillig. Naidoo hat in keiner einzigen seiner Aussagen jemals die Existenz der Bundesrepublik bestritten, wie es sog. "Reichsbürger" tun. Zwischen den Aussagen (die natürlich kritisch kommentiert werden können) "Deutschland ist kein wirklich freies, souveränes Land, sonst dürfte die NSA nicht tun bei uns, was sie tut" und der "Reichsbürger"-Position einer "BRD-GmbH", an die man keine Steuern zahlen müsse, ist ein kategorialer Unterschied. Egal wie man beide Aussagen bewertet - sie sind nicht identisch. 

Bewundernswert für mich: bis heute steht Naidoo zu seinen Kurzauftritten auf den beiden Bühnen in Berlin. Er werde weiter auf die Menschen zugehen, so wie Jesus es auch getan habe, sagte er eine Woche danach in dem SWR-Interview mit mir. Bibelkundige wissen, dass er sich damit auf die Lukas-Geschichte aus dem Neuen Testament bezieht: "Er ging hin, zu den Huren und den Zöllnern und hat mit ihnen gesprochen". Ein Zöllner war damals jemand, der aus der (Kirchen-) Gemeinde ausgeschieden wurde und dessen Umgang man gemieden hatte wie die Pest. Das muss damals noch schlimmer gewesen sein als heute mit ein paar versprengten, eher bemitleidenswerten, weil im bürgerlichen Leben gescheiterten Existenzen wie den so genannten "Reichsbürgern" zu sprechen.


Dass Naidoo, wie man weiß, ein gläubiger Christ ist, scheint die heutige Mediengesellschaft tief zu irritieren. Nichts leichter, als Menschen, die an etwas glauben, zu verspotten und zu verhöhnen. Den "Jesus der Hitparaden" nannte man ihn - damals hatte der Wortwitz und eine fast liebevolle Ironie noch die Oberhand. Doch mit den Jahren wurde es immer gehässiger. "Der selbsternannte Saviour, also Erretter" hieß es bald, "gefallener Engel" und "Prophet des rechten (!) Glaubens", "zwischen Auserwähltheitsanspruch, Allmachtshybris und Aufmerksamkeitsökonomie". Das war eine weitere Strategie von Journalisten, ihn als religiösen Spinner und christlichen Fundamentalisten zu diffamieren.


Da gibt es einen Hauptstadtjournalisten des NDR, der sogar Theologie (!) studiert hat, der beim Fach "Nächstenliebe" aber geschwänzt zu haben scheint. Der bringt es fertig, eine komplexe und spannende Persönlichkeit wie die von Naidoo als Tweet zur ESC-Entscheidung in gerade mal acht Worten hinrichten zu wollen und seinen eigenen Kollegen von der Unterhaltungsredaktion damit in den Rücken zu fallen: "Haarsträubende Fehlentscheidung: #XavierNaidoo ist ein irrlichternder Verschwörungstheoretiker."


Dieser Hauptstadtkorrespondent kennt Naidoo nicht persönlich, hat ihn nie getroffen, nicht einmal mit ihm selbst gesprochen. Er kennt die Hintergründe nur aus den Schlagzeilen und wiederholt, was andere zuvor x-mal schon voneinander abgeschrieben haben. Im Neuen Testament heißt es so von den Pharisäern: "selbstgerecht, heuchlerisch, scheinheilig, ja eigentlich sogar von teuflischem Mord- und Lügengeist" ... Das müsste ein studierter Theologe doch kennen - und auch diese Stelle: "Wahrlich ich sage euch: Die Zöllner und Huren mögen wohl eher ins Himmelreich kommen denn ihr..." Matthäus 21, 31-32


Das Anliegen unserer aktuellen Doku "Die Xavier Naidoo-Story 2016"



Das waren jetzt nur drei Punkte auf Niggemeiers Liste, auf die unsere Doku hätte eingehen sollen. Dafür hätte die Sendezeit kaum gereicht. Warum sollten wir unseren Film vollmüllen, um diese alten Diskussionen und Unterstellungen wieder auszubreiten und sorgfältig zurecht zu rücken?


Nein: unser Film wollte die letzten 365 Tage im Leben des Xavier Naidoos aus seiner Sicht zeigen, natürlich auch aus der Sicht der Freunde von Naidoo (und zuallerletzt auch aus der des Autors). So stand das auch in der Pressemeldung: "Ein Jahr lang haben wir Xavier Naidoo mit der Kamera begleitet. Wie war dieses Jahr für ihn selbst, wie hat er es erlebt? Was hat sich verändert und wie hat es ihn verändert? Und wie blicken Freunde und Musikerkollegen auf Xavier Naidoo?".


Es bestanden also von Anfang an weder Absicht noch Anspruch, das zu liefern, was Niggemeier von der Doku verlangte - nämlich die x-te Wiederholung all dieser Anschuldigungen, die am Ende in ihrer Penetranz und Eindimensionalität nur noch absurd und böswillig wirkten. Das Zerrbild von Naidoo als fleischgewordener "Sohn des Teufels", wie der Rapper Samy Deluxe es in unserer Doku ironisch auf den Punkt brachte, war omnipräsent - kaum ein Artikel in der so genannten Qualitätspresse, der ihn nicht so gezeichnet hätte.

Mittlerweile wenden sich selbst Menschen, die von Naidoo gar nichts halten oder wissen wollen, genervt ab, wenn immer wieder stereotyp die Begriffe "Aluhut - Reichsbürger - Homophobie" fallen, kaum dass sein Name genannt wird. Warum also sollte sich da ein Film "über das letzte Jahr des Xavier Naidoo" nicht die Freiheit nehmen, gegen Niggemeiersche Erwartungen und die anderer Naidoo-Gegner mal etwas ganz anderes zu zeigen? Ist es nicht das Privileg einer Filmerzählung, das so zu gestalten? Ganz so wie es das Privileg von Blogs wie Niggemeier u.a. es ist, das Gegenteil zu schreiben? Ob das für ihn dann "Schmierenjournalismus" ist oder für Abschreiber seines Blogs "eine peinliche Dokumentation", für die der Sender "sich schämen" müsse, kann den fast zwei Millionen Zuschauern der Doku wurscht sein (mir sowieso).


Medienkritiker vs. Dokumentarfilmer: unterschiedliche Vorstellungen vom journalistischen Ethos



Dokumentarfilmer sehen ihre oberste Pflicht in der Verantwortung für die Menschen und die Zusammenhänge, über die man Filme macht oder etwas schreibt. Bevor ich jemanden so nachhaltig und verstörend beschädige, wie es fast alle deutschen Leitmedien mit der öffentlichen Person, aber auch dem Menschen Naidoo getan haben, rede ich erst mal mit dem Betreffenden, versuche "in sein Hirnkastl zu gucken", um zu verstehen, wie er tickt. Das ist damals, als die gesamte Kampagne gegen Naidoo gestartet wurde, von keinem gemacht worden.


Deshalb geht es mir genauso wie Nena, die in unserer Doku folgendes gesagt hatte über die Anti-Naidoo-Kampagne: "Diese Art von Hetzjagd, die wir da erlebt haben - da schäme ich mich für Leute, die sich Journalist nennen, ob das ein 'Stern' ist oder 'Die Zeit', die die miesesten Headlines hatten, noch mieser als die 'Bildzeitung'. Wirklich, da gehe ich auf keinen Fall mit."

Wie Nena schäme ich mich für diese Art von Denunzianten aus Politik- und Boulevard-Ressorts, die einen dunkelhäutigen Sänger aus Mannheim mit der Absicht der Vernichtung in die Schlagzeilen gebracht haben. Einen, der sich sein Leben lang gegen Rassismus, rechte Gewalt, Ausgrenzung, Menschenfeindschaft und immer für Verständigung, "Liebe" (so äußern sich Künstler nun mal, und meinen das sogar so...), andere Lebensentwürfe und Freiheit in jeder Hinsicht ausgesprochen hat.


Ich bin von solchen Hetzjagden ebenso angewidert wie die "Großkaräter" in unserer Doku, die ihre Abneigung dagegen klar und deutlich geäußert haben, vom Kaliber eines Grönemeyer und Niedecken, Mittermeier und Mey. Und wir haben noch weit mehr ehrenwerte, hoch respektierte und berühmte Menschen dazu befragt, vom Rap bis zur Literatur, die wir aus Zeitgründen nicht in die Doku aufnehmen konnten.

Vor allem das Statement Herbert Grönemeyers hätte die Naidoo-Basher doch wenigstens etwas nachdenklich machen müssen: "Ich glaube, der NDR konnte sich glücklich schätzen, so ein Kaliber wie Xavier damals für seine Eurovision gewonnen und überredet zu haben. Was danach dann aber auf seinem Rücken für ein absurdes Theater abgefertigt wurde, ist total unverständlich. Xavier ist für mich einer der besten und etabliertesten Musiker in Deutschland. Er ist weder homophob noch rechts noch reichsbürgerlich, sondern er ist neugierig, hat seinen eigenen Kopf, ist christlicher Freigeist, und zum Glück ist er umtriebig, leidenschaftlich und so macht er auch seine Musik. Und ich finde, wir brauchen in Deutschland keine Gesinnungspolizei oder Meinungsüberwachung, sondern hoffentlich 80 Millionen verschiedene Köpfe und Wahrheiten. Und solange davon niemand verhetzt, verunglimpft oder ausgegrenzt wird, nennt man das Kultur. Und so soll das sein, und da gehört Xavier wunderbar und wundervoller Weise dazu."

Niggemeier geht auf dieses Statement mit keinem Wort ein. Nun muss man als Politik-Journalist oder "Medienkritiker" ja vielleicht kein Menschenfreund sein - ich rede da niemandem rein in sein persönliches Berufsverständnis. Aber wer als Dokumentarfilmer kein solcher ist, hat in meinen Augen und nach meiner Lebenserfahrung seinen Beruf verfehlt. Abgesehen davon ist für mich als Sportler der Begriff der Fairness elementar, für Leben und Beruf. Und Fairness bedeutet immer auch Anständigkeit. Ganz sicher ist eines: wäre ich mir auch nur eine einzige Sekunde unsicher gewesen, einen solchen Menschen vor mir zu haben, wie er mir aus den Schlagzeilen als hässliche Fratze entgegen kam, hätte ich nicht eine einzige Doku über Xavier Naidoo gedreht.

Wir haben eine Verantwortung, der man sich stellen muss - einer Verantwortung für die Menschen, über die wir schreiben und Filme drehen.


Was Niggemeiers Kollegen und Freunde von Vice, von Spon, von der HuffPost als "Qualitäts-Journalisten" in der "Causa Naidoo" angerichtet haben, darf man, so finde ich, als Medienschaffender nicht zulassen. Zum Beispiel der Berliner Autor Justin Huggler, der es geschafft hatte, ein und denselben Artikel mit dem unglaublichen Titel "Singer whose lyrics deride Jews, gays, to sing for Germany at Eurovision" ("Sänger, der in seinen Texten Juden und Schwule verhöhnt, soll für Deutschland beim ESC singen") an den britischen "Daily Telegraph" und an die "Jerusalem Post" zu verkaufen, wonach beim NDR die Führungsetage "in Flammen stand" und es zum sofortigen Rückzug der ESC-Entscheidung für Naidoo kam...


So ein Titel, so ein Artikel ist schlicht unanständig, verwerflich, ruchlos - böse. Wir haben eine Verantwortung, der man sich stellen muss - einer Verantwortung für die Menschen, über die wir schreiben und Filme drehen. Oder wie "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo es sagte: "Wenn wir Menschen derart auf den Prüfstand stellen: Wer ist dem gewachsen? Wer von uns wäre es? So ein Blick auf die Gesellschaft zeugt nicht von einem moralischen Kompass, es ist im Gegenteil die Neuauflage des mittelalterlichen Prangers. Da kann es nicht ernsthaft überraschen, dass das Misstrauen und die Häme, die wir beständig gesät haben, nun auf uns selbst zurückfallen."

Di Lorenzo beschreibt damit eine Tendenz im gesamten Journalismus, die Psycho-Pathologisierung von prominenten Figuren, nicht nur im Show-Business, sondern auch im Politikjournalismus und anderen Ressorts. Offenbar ist die Branche (auch Niggemeier in seinem "Übermedien"-Blog) noch immer blind, solche Tendenzen wahrzunehmen und zu kritisieren. Die aktuelle Umfrage im Auftrag des Bayerischen Rundfunks: etwa die Hälfte der Befragten beklagt, dass die Medien nicht einmal die Sachverhalte korrekt darstellen. Medienkritiker wie Niggemeier & Co. sollten sich diese Befunde mal genau anschauen und mit ihrer Arbeitspraxis abgleichen.



"Lügenpresse" revisited



Ausgelöst war die Kampagne gegen Naidoo von einem Spiegel-Online-Autoren, der sich nicht entblödet hatte, einen Bericht aus dem obskuren Anzeigenblättchen "Vice" fast wörtlich und ohne eigene Recherche abzuschreiben. In seiner Kolumne hatte er deshalb ein Spontankonzert Naidoos in Mannheim an einem Freitag nach Berlin verlegt und ihn plötzlich auf einer "Querfront-Montagsdemo" sprechen lassen, wobei er ihm "braunes Gedankengut" attestierte. In einem Brief an den SPON-Chefredakteur und die Redaktionsleitung - als Quasi-"Verursacher" dieses Mannheimer Auftritts von Naidoo (für Dreharbeiten zu unserer XXL-Doku) - hatte ich das richtig gestellt und auch genau zitiert, was Naidoo wirklich gesagt hatte bei diesem Spontankonzert. Ich habe niemals eine Antwort erhalten.

Auch von dem "Übermedien"-Wächter Niggemeier gab es nie ein Wort gegen diese haarsträubenden Praktiken in unserem journalistischen Gewerbe - ich finde das höchst verstörend, wenn Autoren stets den Dialog mit den Lesern fordern, aber in eigener Sache stumm bleiben, wenn sie Fehler korrigieren sollten. Und ausgerechnet er wundert sich über das tiefe Misstrauen immer größerer Teile der Bevölkerung gegen die Presse? 



Die journalistischen Erregungsepidemien

"Das Meutehafte des Auftretens und die Wiederholung des bereits Wiederholten wirkt wirklichkeitsverändernd. Nicht selten werden die Überbringer der Botschaft zu ihrem Erzeuger." Gabor Steingart ("Die 7 Versäumnisse des Journalismus")


Etwa ein halbes Jahr vor der Entscheidung der NDR-Unterhaltungsabteilung, Naidoo für den ESC anzufragen, lief unsere fast vierstündige Doku über ihn, die ausführlich seine Beweggründe, sein Antrieb für das, was er singt und tut, aufzeigte - von seiner Biographie bis zum Freundes- und Lebensumfeld. Auch seine politische Haltung ("ich bin gläubiger Libertärer") hatte er dabei klar gemacht - ungewöhnlich offen für einen Star der Musikszene.


Diese ungewöhnlich lange, abendfüllende Doku hat jedem, der nach Erklärungen suchte, der verstehen wollte, vieles erklärt, ein umfassendes Bild eines Künstlers geliefert. Der sich eben nicht ausdrückt wie ein Politiker, dessen gestanzte Worthülsen vorher von mindestens fünf Pressebeauftragten und Politikberatern glatt geschliffen worden sind. Sondern der spielerisch mit der deutschen Sprache umgeht, wie es einem Hiphop-Musiker auch ansteht, und der damit bereits Musikgeschichte geschrieben hat.

Auch vor diesem Hintergrund hätten gerade die Vorwürfe der "Homophobie" und des "rechten Gedankenguts" von verantwortungsbewussten, sorgfältig arbeitenden Journalisten nie wieder so selektiv, kontextfrei und eindimensional vorgebracht werden dürfen - außer um den Preis ihrer Glaubwürdigkeit. Nur hat selbst so eine abendfüllende Doku bei den einschlägigen Medienleuten nichts genützt. Die hatten sich ihre Geschichte (Narration) bereits zurechtgelegt und suchten sich dann den passenden "Vorwurf" (Rechtsextremist) für ihre gewünschte storyline - ohne den "Vorwurf" genau zu prüfen.


Und so wurde nur 5 Monate später, bei der Verkündigung der NDR-Entscheidung für Naidoo als deutscher ESC-Beitrag - dieselbe Erregungsmaschinerie wieder in Gang gesetzt. Wieder wurden dieselben verkürzenden Anwürfe und Verleumdungen holzschnitzartig wiederholt. Niggemeier und Freunde waren dabei - sie befeuerten die Verdachts- und "Vorwurfs"-Maschine, wärmten sich am selbst entzündeten Skandalisierungs-Feuer. . .



Ein krumm gewachsenes Bäumchen wieder grade machen



Gegen Rufmord, so die Erfahrung, hilft kein feiner Pinsel. Deshalb die ganz bewusste Entscheidung, für diese aktuelle Doku über Xavier Naidoos letztes Jahr eine ähnlich grobe Holzschnitzversion zu wählen, wie es die Anwürfe und Unterstellungen gegen ihn vorgemacht haben. Nach dem Kenntnisstand dessen, der als Journalist und Dokumentarfilmer den Mannheimer Musikstar am besten und längsten kennt und über all diese Dinge ausführlich und lange mit ihm gesprochen hat (man nennt das "Recherche" und Klärung des Kontextes . . .), sind es Verleumdungen, die abstrus und grotesk feindselig sind und definitiv mehr über diejenigen verraten, die sie äußern, als über den, der sie ertragen muss. (Dass es aber tatsächlich ein nachweisbares Netzwerk von Autoren in verschiedenen Medien gibt, die diese Kampagne betrieben haben und wohl auch weiter betreiben werden, ist ein anderes Thema für einen anderen Film. . .).

Es war der französische Philosoph Louis Althusser, der an ein Bild von Blaise Pascal erinnert hatte: wonach ein Bäumchen, das lange in eine krumme Richtung gebogen wurde, wieder in die andere Richtung gebogen werden muss, bis es am Ende wieder gerade ist. Das haben wir mit dieser Doku versucht. Und wie immer Niggemeier oder die schnellen Abschreiber seines Blogs das bezeichnen, gibt es dafür genügend Anlass. In der allgemeinen "Vorwurfs"-Berichterstattung gegen Naidoo war so gut wie keine vernehmbare Stimme für ihn zu hören (mit schönen, aber wenigen Ausnahmen, wie z.B. Alexander Wallasch im The European.

Wenn dieser Versuch einer "Gegenöffentlichkeit" oder einer "Pascalschen Korrektur" mithilfe einer solchen Doku "Schmierenjournalismus" genannt wird, kann das von mir nur als Ehrenbezeugung verstanden werden. Es ist jedenfalls der Beweis, dass sich da jemand persönlich getroffen fühlt.


Das Schimpfwort wäre besser an jene gerichtet, die in einer Weise gegen einen Menschen des öffentlichen Lebens vorgegangen sind, die alle Fairness, jeden Anstand, jede Mitmenschlichkeit, Differenzierung oder den Versuch eines Verständnisses vermissen ließ. In meinem journalistischen Verständnis sind jene, die einen Menschen wie Naidoo des Antisemitismus, der Homophobie oder gar des Rassismus bezichtigen, in vollem Verständnis des Wortes "Schmierenjournalisten". Statt kritisch (auch den eigenen Vorurteilen, politischen und moralischen Einstellungen gegenüber) zu sein, sind sie bedauerlicherweise zu selbstgerechten Pharisäern und Hasspredigern geworden. Und daher werde ich Kollegen, die das weiterhin schreiben (oder von anderen abschreiben), als "Qualitätsjournalisten" nicht mehr ernst nehmen können.



Aufgabe einer echten Medienkritik



Ein Ziel des "Übermedien"-Blogs, so kann man lesen, sei es, "aufzuzeigen, wo Medien falsch liegen und warum (!)"... Viele kritische Medienkonsumenten hätten das Vertrauen in die Presse noch nicht ganz verloren. In deren berechtigte und unberechtigte Kritik solle "Übermedien" Ordnung bringen - "und hoffentlich dafür sorgen, dass Journalisten gezwungen werden, Fehler zuzugeben und zu berichtigen" ("taz").


Lieber Herr Niggemeier: Sie hätten in diesem Fall besser bei sich selbst und Ihren Kollegen im Geiste anfangen sollen.


Was ich von einem "Medienkritiker" stattdessen erwarten würde: eine scharfsinnige Analyse dessen, was eine ganze Meute von Schreibern und Programmmachern dazu brachte, unisono dasselbe Halali ins Horn zu blasen. Was waren deren Beweggründe? Woher stammte die Hysterie? Wie konnten so viele Sicherungen durchbrennen? Was machte den Gau möglich? Warum fürchten deshalb viele eine McCarthy-Stimmung in unserem Land? Warum ausgerechnet gegen Naidoo? Und welches "big picture" über die gegenwärtige Verfasstheit unserer Republik zeigt sich an diesem Beispiel?

Die Naidoo-Hasser und -"Achtgroschenjungs" bei der HuffPost, Vice, Spiegel online, Zapp oder Zeit "Störungsgmelder" mögen ihre Mission weiterführen wollen, die Deutungshoheit über die "Causa Naidoo" zu behalten . Ich bin zuversichtlich: es wird auf Dauer nicht gelingen. Dafür habe ich zu große Achtung vor dem, was es als wirklichen Qualitätsjournalismus noch immer gibt in unserem Land. Um am Ende noch einmal Gabor Steingart zu zitieren: "(Immer noch viele in unserem Beruf) wissen, wie lebendiger Journalismus aussieht: unterscheidbar und unformatiert, streitbar und tief, experimentell und elementar, den Leser liebend, den Mächtigen auf Abstand haltend, unabhängig - auch gegenüber den Kollegen anderer Blätter, lauter im Umgang mit Fehlern, auch den eigenen."

Und, ach ja, lieber Herr Niggemeier: im Unterschied zu Ihnen und denen, die bei Ihnen fleißig abschreiben (ist ja billiger "content"!), finden wir unsere Doku sorgfältig, informativ, neu, unterhaltsam, gut...

Harold Woetzel


 

Ihre Kommentare
Kopf

Alexander Wallasch

30.05.2016
!

Lieber Harold Woetzel
,
vielen Dank für die freundliche Verlinkung und den wundervoll intensiven Text zum Thema von Ihnen hier - sowie natürlich ihre so sehenswerte Dokumentation, die ich sehr gerne angeschaut habe.


Daniela Mohr

30.05.2016
!

Sehr gut geschrieben! Sachlich, differenziert und begründet. Eine Lehrschrift für die journalistische Ausbildung! Die Nachteile im Vergleich zum Tweet liegen auf der Hand: Differenzierter und begründeter Content ist nicht kurz; der Leser sollte gewillt sein zu lesen, imstande sein selbst zu denken und Andersdenkenden freundlich begegnen.


Michael Tschugg

30.05.2016
!

Na, da bin ich baff! Der sonst so kritische "kress" nennt den Text aus dem Mannheim/Heidelberger-Freundeumfeld von Naidoo Plädoyer für einen Journalismus ohne Vorurteile??!! Fakt ist, man darf lt. Gericht Teile von Naidoo-Texten weiter antisemitisch nennen. Fakt ist, er beruft sich (zu oft) auf G. Sorel, den schon Mussolini hoch verehrte usw.usw. Als Medienprofi sollte sich Naidoo mal klar bekennen. Dann müssten Medien und Macher nicht derart unter der Gürtellinie übereinander herziehen.


Amali

30.05.2016
!

Hut ab für Ihren informativen Text, Herr Woetzel! Ich habe die wirren Anschuldigungen gegen XN von Anfang an mit Fassungslosigkeit mitverfolgt und bedanke mich bei Ihnen - im Namen aller XN-Unterstützer - für Ihre Loyalität ihm gegenüber. Man merkt, dass Sie ihn kennen; im Gegensatz zu vielen anderen, die sich weder mit seinem Leben, seinen Einstellungen, noch seinen Texten auseinandergesetzt haben. Ich wünschte, Herr Naidoo würde wieder mit einem Song auf diesen versuchten Rufmord reagieren!


Wahlkurpfälzer

30.05.2016
!

Lieber Herr Woetzel, vielen Dank für Ihren wirklich ausführlichen Artikel.


Mattan Köster

30.05.2016
!

@ Michael Tschugg: Selbst sollte es Fakt sein, dass man lt. Gericht Texte von Xavier Naidoo als antisemitisch bezeichnen darf, heißt dies noch lange nicht, dass seine Texte auch antisemitisch sind. Das Gerichte zwar gerne gerecht sein sollten, heißt auch nicht dass sie immer gerecht sind. Ich bin ein Fan von seiner Musik, was nicht heißt, dass ich nicht auch seine Texte kritisch begutachte. Und ich kenne alle seine veröffentlichten Lieder und kann mit 100 %iger Gewissheit sagen, dass keiner...


Mattan Köster

30.05.2016
!

... seiner Texte in irgendeiner Art und Weise antisemitisch ist. Wenn man sich gründlich mit ihm als Person, aber auch mit seiner Musik befasst, kann man auf so verquere Interpretationen nicht kommen.


Ronald Hörstmann

30.05.2016
!

um es mit Victor Hugo aus "Les Miserables" zu sagen: "Die höchste Instanz ist das Gewissen" - Rufmord ist gewissenlos, diese Anschuldigung muss sich so mancher Journalist gefallen lassen.


Maren Müller

31.05.2016
!

Das Beste, was ich seit langer Zeit über die Causa Naidoo und die Verfasstheit unseres Qualitätsjournalismus gelesen habe.
Danke, Harold Woetzel



Günter Schlüter

31.05.2016
!

Danke für diese klare Stellungnahme. Was habe ich mich über diesen üblen, schon seit Jahren grassierenden, Lemmingjournalismus geärgert.


Roland Maier

31.05.2016
!

Die angebliche „Friedensdemo“ war laut Verfassungsschutz eine Reichsbürgerdemo. Berliner Verfassungsschutzbericht 2014, Seite 109: „Im Oktober gab es eine Demonstration dieser Szene vor dem Reichstagsgebäude, an der sich ca. 300 Personen beteiligten und bei der auch prominente Redner [u.a. Xavier Naidoo] auftraten, was eine breite mediale Resonanz nach sich zog.

Danach unterstütze Naidoo eine ebenfalls im Verfassungsschutzbericht ab Seite 107 erläuterte Demo um den AK Berlin & Jürgen Elsässer.


Michael Tschugg

31.05.2016
!

Nur der guten Ordnung halber - ich bin mit XN seit 1995 vertraut als er noch Musicals sang, fand ihn als Background schon besser als Sabrina Sedlur und war pro als es (noch) gegen Moses Pelham ging. Nur: in seiner Position muss man eben auch wissen, was man wie sagt... Jüdische Banker Schmocks zu nennen, ist für mich sehr, sehr grenzwertig. Sorel, rechtsradikaler Syndikalist, habe ich genannt. Und Herr Elsässer, bei dem er gern auftaucht, gilt als "neu-rechts". Zeige mir Deine Freunde...


Boris Glatthaar

31.05.2016
!

Ich finde einige von Naidoos Äußerungen und Auftritten noch immer fragwürdig. Und etliche Behauptungen Woetzels kann ich mangels Belegen ebenso wenig nachvollziehen wie die widersprechenden Darstellungen, die Woetzel angreift. Fakt ist aber, dass sich eine hysterische Form des "Journalismus" entwickelt hat, der diese Bezeichnung nicht mehr verdient, und in dem die Autoren wie die Irren voneinander abschreiben und alle handwerklichen Mindeststandards ignorieren, dabei aber immer schön den großen


leie

31.05.2016
!

Danke.


Nadine Wodniok

01.06.2016
!

Vielen Dank für diese herzerwärmende, fachlich herausragende Stellungnahme. Der NDR sollte Xavier Naidoo für den nächsten Grand Prix noch einmal nominieren! DAS wäre die einzige, richtige, vernünftige und menschliche Antwort auf das ganze Gerede und die sinnlose Medienhetze.

Xavier Naidoo ist ein hervorragender Musiker und vorbildlicher Mensch. Wer, wenn nicht er wäre es würdig, für Deutschland beim Eurovision Songcontest zu starten? Kein letzter Platz mehr, sondern eine Botschaft für alle!


Nadine Wodniok

01.06.2016
!

Nachtrag (wegen Platzmangel):
Harold Woetzels Stellungnahme ist für mich der Inbegriff eines Journalisten und dessen Arbeit. Man merkt, dass er seinen Beruf lebt und liebt! Er belügt seine Leser nicht, macht keine Augenwischerei. Er äußert sich klar, präzise, informativ und leicht verständlich. In einer netten, menschlichen und sympathischen Ausdrucksweise. Solch ein Denken und Handeln erwarte ich von einem Journalisten! Nah am Menschen, ausführlich recherchiert, der Wahrheit entsprechend.


Nadine Wodniok

01.06.2016
!

Und noch ein Satz an Niggemeier und dessen "Gefolge":

Ohne uns Leser und Zuschauer wärt ihr Journalisten gar nichts!

Wir erwarten die Wahrheit und vor allem Menschlichkeit! Und wenigstens ein Minimum an Respekt!


Dirk Walther

05.06.2016
!

...ich schließe mich den sehr intelligent geschriebenen Kommentaren an, was soll ich da noch sagen?


Daniel Müller

19.10.2016
!

Wer glaubt dass Xavier Naidoo rechtsextrem ist, glaubt auch dass Pegida und AfD fremdenfreundlich sind.
Danke für diese ausführliche Stellungnahme Herr Woetzel.


X

Kommentar als bedenklich melden

 
×

Bestätigung

Dieser Kommentar wurde erfolgreich gepetzt.

×

Oooooooooops

Beim Petzen trat ein Fehler auf. Versuchen Sie es bitte noch einmal.

Inhalt konnte nicht geladen werden.