kress.de-Serie "Journalismus der Zukunft" von Paul-Josef Raue: Sei fair! (Der sechste Pfeiler der Qualität)

 

Journalisten haben den Pressekodex und den Presserat, den die meisten als obersten Schiedsrichter akzeptieren. Dennoch sind viele Bürger überzeugt: Die Medien sind unfair. Redakteure schließen sich an: "Die Fairness ist verloren gegangen", stellt Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe fest. Die journalistische Ethik reicht offenbar nicht. Es ist wie im Fußball: Wer weiterspielt, wenn ein gegnerischer Spieler verletzt am Boden liegt, verstößt gegen keine Regel; spielt er den Ball trotzdem ins Aus, bekommt er Beifall und gilt als fair. Nur - was meinen Leser und Zuschauer, wenn sie über fehlende Fairness klagen? Was ist Fairness im Journalismus?

Der Pressekodex definiert in seiner Präambel: Ein Journalist arbeitet "fair, nach bestem Wissen und Gewissen, unbeeinflusst von persönlichen Interessen und sachfremden Beweggründen". So wünschen sich auch die Leser den fairen Journalisten. Er soll seriöser, offener und toleranter sein, als sie meist selbst sind; ein Vorbild, dem sie vertrauen können; ein Familien-Mitglied, vor dem sie Respekt haben.

Dies Bild des respektablen Familienmenschen prägte schon früh die Ethik des Journalismus, wie 1925 beispielsweise in Verhaltens-Regeln aus Wisconsin:

Wir glauben, dass eine Zeitung, die ins Haus mitgenommen wird, nichts enthalten soll, das nicht im Familienkreis laut vorgelesen werden könnte.

Fairness bedeutet nach dieser Regel: Hol den Leser dort ab, wo er lebt und zu Hause ist - und nicht dort, wo Du ihn gerne haben möchtest. Als Hanns Joachim Friedrich nach seinen Regeln bei der Moderation der "Tagesthemen" gefragt wurde, sprach er vom Vertrauen der Zuschauer, wenn sie "dich zu einem Familienmitglied machen, dich jeden Abend einschalten und dir zuhören... Ich habe mich nie als Nachrichtenonkel verstanden, sondern als Mensch, der mit am Esstisch sitzt, der ein bisschen mehr weiß, weil er die Fähigkeit hat, unbefangen in die Welt zu gucken und das, was er entdeckt, so wiederzugeben, dass die Leute ihm glauben. Und ich darf die Leute abends in ihrer Wohnung nicht anbrüllen, das haben die nicht gern..."

Das klingt nach Familien-Idyll, einer heilen, übersichtlichen Welt; offenbar sind Zeitungen solch ein Sehnsuchts-Ort für viele Menschen. Sie wissen, wie verwirrt die Welt ist, und sie wünschen sich Menschen, die für sie die Welt entwirren und trotz allem zu einem lebenswerten Ort machen. Deshalb mögen die Leute Journalisten - aber sie mögen nicht die Medien.

Dieser Widerspruch ist eine Frage des Gefühls: Das Medium ist kalt, die Journalistin und der Journalist sind nett, sie gehören zur Familie. In der aktuellen Emnid-Umfrage zum Vertrauen in die Medien urteilen 79 Prozent positiv über Journalisten, Frauen noch positiver als Männer, Ältere noch positiver als Jüngere; sogar 68 Prozent der "Zweifler" urteilen positiv, das sind die heftigsten Kritiker der Medien.

Die Bürger haben klare Vorstellungen von dem, was Journalisten wirklich leisten: Fast alle schätzen sie als Garanten der Demokratie, als Lotsen in einer unüberschaubaren Welt, als Trendsetter, als Themensetzer, als Vorbilder. Birgit von Eimeren, die Leiterin Medienforschung im Bayerischen Rundfunk, ist sicher: Die Menschen wollen sich in den Medien "vergewissern, dass die Welt noch steht".

Die meisten Leser sind zudem überzeugt, Journalisten ginge es wie ihnen: Ausgeliefert dunklen Mächten. Diese Mächte, denen sich Journalisten beugen müssen, sind der Staat und die Regierung, Unternehmen und Anzeigenkunden, aber auch Chefredakteure, Verleger und Intendanten. Deshalb meinen zwei von drei Bürgern: Journalisten dürfen oft nicht schreiben, was sie wirklich denken.

Das ist der General-Vorwurf:

Medien sind gelenkt

Wer kann Bürgern verdenken, wenn sie sich über Einheitsjournalismus beschweren? In den Zeitungen stehen dieselben Nachrichten wie in der Tagesschau und den Push-Meldungen im Netz. Der Vorwurf ist so alt wie die Republik, er wird auch von Journalisten geteilt:

  • "Tagesspiegel"-Herausgeber Sebastian Turner zitiert eine Analyse von Media-Tenor: "80 Prozent aller substanziellen Zitate in Fernsehen, Radio, Internet, Zeitungen und Zeitschriften gehen auf eine kleine Zahl von Leitmedien zurück." Also - überall das Gleiche, wobei laut Turner der Trend durch Zentralredaktionen verstärkt wird; er vergleicht die Medien mit Auto-Fabriken, die möglichst viele Gleichteile einsetzen.

  • Giovanni di Lorenzo, der "Zeit"-Chefredakteur, klagt über die Einheit im Bösen: Alle hacken auf dieselben ein. "Wir haben an der Menschen- und Hetzjagd nach Leuten, die Fehler begangen haben, partizipiert. Die Hetze, als die Leute schon am Boden lagen, ist ein Armutszeugnis für unsere Branche." Im Fußball nennt man dies Nachtreten; es zieht die Rote Karte nach sich.

  • Karl-Hermann Flach, Vize-Chefredakteur der "Frankfurter Rundschau", beklagte Ende der sechziger Jahre, eine Gefahr für die Pressefreiheit gehe von den Journalisten selbst aus: Sie passen sich an, sind windelweich. "Der kämpferische Journalismus, der sich als notwendigen Gegenspieler zur Obrigkeit begreift, gehört zur Ausnahme, nicht zur Regel des deutschen Journalismus."

  • Ein Vierteljahrhundert vor Udo Ulfkottes "Gekaufte Journalisten" schrieb Wolf Schneider "Unsere tägliche Desinformation - Wie uns Massenmedien in die Irre führen" - weniger missionarisch, ohne Verschwörungs-Theorien und mit Hinweisen, wie Journalisten besser werden können.

Schneider kannte noch nicht das Internet. Einige Journalisten glaubten später: Online wird alles anders, besser; sie glauben noch immer, das Internet könne zur Gegenöffentlichkeit werden, mit dem die Bürger den Steuerleuten der Macht ins Ruder greifen.

Professor Boris Paal und Moritz Heinemann, Medienrechtler an der Universität Freiburg, haben den Glauben verloren und fragen: Zerstören wir nicht den Austausch von Meinungen, den "Wesenskern einer offenen Zivilgesellschaft", wenn digitale Plattformen Meinungen auswählen und steuern? "Der 'Herr' über den Algorithmus ist zu einem guten Teil ,Herrscher' über die Meinungsbildung der Kunden".

In einigen Redaktionen sind die SEO-Redakteure schon mächtiger als die Chefredakteure: Die Suchmaschinen-Optimierer durchschauen die Regeln der Google-Software und richten Nachrichten so ein, dass sie bei Google weit oben stehen. Leser lesen nur noch, was schon viele lesen. (Mehr dazu: Sozialpsychologe Klaus Fiedler im 4. Teil der Serie)

Ein hoch zu schätzender Vorteil von Zeitungen sind Überraschungen, die sie den Lesern bieten, überraschende Themen und Berichte, überraschende Meinungen, über die Leser stolpern, über die sie sich ärgern - aber von denen sie Kenntnis erlangen. Überraschungen stehen auch massenhaft im Netz: Nur - findet sie der noch, der sein Profil personalisiert hat und dem Algorithmen das Immergleiche zu lesen geben?

Wie können Journalisten fairer werden? Zumindest auf der Titelseite und der Homepage bringen Regionalzeitungen die eigenen starken Themen, gut recherchierte Nachrichten und Analysen aus der Region - eben nicht den Wiederkäu der Abend-Nachrichten von Fernsehen und Radio. Das "Hamburger Abendblatt" macht es schon seit langem und zitiert den Gorch-Fock-Wahlspruch auf der Titelseite: "Mit der Heimat im Herzen die Welt umfassen"; die "Emder Zeitung" und die "Oberhessische Presse" in Marburg waren die Lokal-Pioniere in den achtziger Jahren, einige folgten.

Leser, das belegen Untersuchungen, schätzen das unter einer Bedingung: Es müssen ihre Themen sein, keine gedruckten Verlautbarungen; es muss mit ihrem Leben und ihrem Alltag zu tun haben; es muss überraschend und fundiert sein.

Und die nationalen Zeitungen? Sie recherchieren die Nachrichten, über die nachher das Fernsehen berichtet. Da "Panama-Papers" nicht jeden Tag aufzutreiben sind, bieten sich Analysen an mit neuen Lösungen zu bekannten Problemen oder mit unterschätzten Wissenschafts-Erkenntnissen, die oft den Alltag tiefgreifender verändern als die Politik. Es gibt nicht nur einen Blick auf die Welt.

Zweiter Generalvorwurf: Journalisten gewichten falsch

Journalisten sind mächtig: Sie bestimmen, was Menschen lesen, sie bestimmen, was unwichtig ist und was nicht in der Zeitung oder im Netz stehen soll. Wählten sie nicht aus, versänken allerdings die Menschen in der Fülle der Nachrichten. Die Auswahl von Nachrichten ist Macht und Ohnmacht zugleich.

Ein Beispiel: Gerade gebildete Leser stören sich an der Westzentrierung der Medien. Warum bekommt ein Attentat im pakistanischen Lahore weniger Aufmerksamkeit als eines in Brüssel oder Paris? Bei dem Attentat in Lahore starben 73 Christen, die in einem Park Ostern feierten, die Hälfte von ihnen waren Kinder.

Martin Belam, ein Redakteur beim Londoner "Guardian", reagierte auf heftige Kritik in Tweets wie "Ist ein pakistanisches Leben weniger wert als ein europäisches?"; er vertiefte sich in Statistiken seiner Zeitung und fand heraus: Wir haben über Lahore nicht nur wenig berichtet, auch wurden die Artikel wenig gelesen. Belam schließt daraus: Wir Journalisten verstehen eine andere Kultur nicht, da ist eine Barriere, die uns hindert, dies dem Leser zu vermitteln.

Wie können Journalisten fairer werden? Sie können regelmäßig mit Lesern über Gewichtung diskutieren und so der Gegenmeinung ein Gewicht in der Zeitung oder im Netz geben.

Ab und zu sollten Journalisten gegen den Strom schwimmen und einfach eine ungewöhnliche Geschichte wie über Lahore groß fahren - aber so, dass die Menschen sie verstehen, dass sie merken, was Lahore mit ihrem Leben gemein hat.

Die Liste der journalistischen Unfairness

Die Liste ist entnommen der aktuellen Emnid-Umfrage "Vertrauen in die Medien"; Auftraggeber war der Bayerische Rundfunk.

Erster Vorwurf: Journalisten berichten zu viel über Probleme und zu wenig über Lösungen (76 Prozent)

Menschen sind ausreichend mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, mit Krankheiten, Familien-Streit, Ärger am Arbeitsplatz. Wer in der Zeitung, im Fernsehen und im Netz Tag für Tag auch nur das Elend der Welt ausbreitet, riskiert Abstumpfung und Überforderung bei seinen Lesern.

Wie können Journalisten fairer werden? Es reicht nicht, eine Spalte "Gute Nachrichten" ins Blatt zu heben. Es reicht nicht, wie die "Bildzeitung" einmal im Jahr, eine komplette Ausgabe mit guten Nachrichten zu füllen, um wenig später zu titeln "Ghetto Report Deutschland: Marode Häuser, hohe Arbeitslosigkeit, Steigende Kriminalität, Wachsender Ausländer-Anteil".

Die Leser wollen zweierlei: Verstehen, was ein Problem für sie bedeutet, und herausfinden, wie ein Problem zu lösen ist - am besten mit Hinweisen, was sie selbst tun können.

Zweiter Vorwurf: Journalisten dürfen oft nicht sagen, was sie wirklich denken (65 Prozent)

Der Vorwurf ist korrekt, wenn man das "oft" streicht. Er ist eine Binse: Menschen, die alles sagen, was sie denken, sind unbeliebt oder werden Kabarettisten. Das gilt auch für Journalisten. Der "Münchner Merkur" kann nicht Schlagzeilen wie die "taz" schreiben: "Kruzifix! Bayern ohne Balkensepp" hätte die meisten Leser verärgert. Auch der Presserat rügte: Balkensepp für Jesus verletzt das religiöse Empfinden von Christen.

Redakteure sollen ihre Leser nicht verletzen, nicht auf ihrer Seele herumtrampeln - das meint der Begriff "Tendenz". In dem Sinn ist jede Zeitung populistisch und nimmt Rücksicht auf die Seelenverfassung von Menschen, für die sie schreibt. Der Verleger holt sich einen Chefredakteur, der zur Tendenz passt; der Chefredakteur zieht die Grenzen und verschiebt sie auch mal, denn die Gesellschaft ändert sich, die Leser allzumal. Dazu gehört, dass er sich auch mal bei seinen Lesern entschuldigt - und den Unwillen der Redaktion in Kauf nimmt.

Peter Pauls, der Chefredakteur des "Kölner Stadtanzeiger", musste sich harsche Kritik seiner Leser anhören. Nach dem vom Ko-Piloten verursachten Absturz in den französischen Alpen begann ein Kommentar: "Der Absturz des Fluges 4U9525 steht für den schlimmsten deutschen Massenmord seit 1945."

Da hatte ein Redakteur geschrieben, was er gedacht hat. Sollte er das? Nein, sagt der Chefredakteur. Am meisten ärgerte ihn der Vergleich mit der "Bildzeitung". In einem Feature des Deutschlandfunks sagte er:

"Ich kann Ihnen ganz genau sagen, an welcher Stelle wir uns von den Boulevardmedien unterscheiden. Wir haben kein Bild des Co-Piloten von Facebook runtergeladen, wir haben seinen Namen nicht genannt, wir haben nicht mit seiner ehemaligen Freundin gesprochen, wir haben nicht sein Umfeld abgeklopft."

Wie können Journalisten fairer werden? Sie müssen die Größe haben, wie der Kölner Chefredakteur, sich zu entschuldigen, wenn etwas schief gelaufen ist - auch wenn Redakteure "Nestbeschmutzung" nicht mögen. Chefredakteure sollten erklären, wie Redaktionen arbeiten, welchen Regeln sie begründet folgen und was sie von anderen unterscheidet. Sie sollten erklären, dass sich Redakteure an Regeln halten müssen - auch wenn einige Leser das als Zensur sehen (was es nicht ist) oder als Bevormundung (was es ist).

Dritter Vorwurf: Journalisten blenden berechtigte Meinungen aus, die sie für unerwünscht halten (60 Prozent)

Der Vorwurf kommt stets in Zeiten voller Dramatik auf - wie aktuell in der Flüchtlings-Krise. Eine Allensbach-Umfrage von Ende 2015 zeigt auf der einen Seite, dass das Vertrauen in Journalisten sogar gestiegen ist, aber gleichzeitig ihre Flüchtlings-Berichte als einseitig beurteilt werden - mit fallender Tendenz: Von Oktober 2015 bis Dezember sank die Zahl der Kritiker von 47 auf 41 Prozent. Warum?

Viele Journalisten hatten sich von ihrer Vorstellung gelöst, sie könnten durch freundliche Kommentare eine Wirklichkeit ändern, die jeder Leser selbst erlebt. Journalisten wollten Leser und Zuschauer schützen vor schädlichen Meinungen, aber das geht fast immer schief: Menschen mögen keine Belehrung; sie wollen sich nicht zwingen lassen, auf ihre Sorgen zu verzichten und "Willkommen" zu sagen; sie wollen nicht in eine rechte, gar braune Ecke gestellt werden.

Albrecht Ude und Cordula Meyer gehen im Mai-Newsletter des netzwerk recherche auf die Debatte ein:

o   Wann ist es richtig und wichtig, in der Flüchtlings-Debatte Haltung zu zeigen?

o    Kann eine politische Einstellung den Blick auf die Wirklichkeit verengen?

o    Wie umgehen mit Rechtspopulisten?

o    Soll man die AfD ignorieren statt ihre Politiker in Talkshows einzuladen?

Also: Draufhauen oder schweigen? Die etablierten Parteien probierten es mit Schweigen und boykottierten im Fernsehen Debatten mit AfD-Politikern; TV-Journalisten probierten es mit Draufhauen in Interviews, in denen sie AfD-Politiker aggressiver befragten als andere.

Eine ähnliche Debatte läuft in den USA zur Trump-Berichterstattung. Ihn als Witzfigur abzutun, scheint ihm nicht zu schaden. Journalisten kritisieren, dass die Recherche kaum oder zu spät kam über Trumps Geschäfte, seine finanziellen Verflechtungen und die Folgen seiner politischen Vorschläge.

Wie können Journalisten fairer werden? Albrecht Ude und Cordula Meyer vom netzwerk recherche raten: Lieber einmal weniger empört kommentieren, lieber nicht über jedes Stöckchen springen, das die AfD (oder Pegida oder sonst wer) hinhält, sondern recherchieren:

o    Welche Widersprüche gibt es im Parteiprogramm, in den politischen Positionen?

o    Wie arbeiten die Abgeordneten der Partei in den Parlamenten?

o    Genügen die Parteimitglieder ihren eigenen Ansprüchen?

o    Ist bei den Rechtspopulisten alles so sauber, wie sie Deutschland angeblich machen wollen?

Recherchen entzaubern stärker als Kommentare und Abgrenzung. Wer sich als Missionar versteht, gar als Ideologe, der sollte in die Politik gehen oder zu Greenpeace. Journalisten achten ihre Leser und geben ihnen Themen, Argumente und Meinungen, damit sie selber entscheiden können.

Bei aller Kritik gilt auch das demokratische Grundgesetz der Toleranz: Journalisten respektieren alle Meinungen, es sei denn, diese hebeln die Demokratie aus. Und es gilt der Primat der Wirklichkeit: Nichts ausblenden, auf Gerüchte kurz eingehen und sie widerlegen.

(Mehr dazu im achten Teil dieser Serie "Die Macht der Gerüchte und die Macht der Journalisten")

Vierter Vorwurf: Journalisten schreiben häufig absichtlich die Unwahrheit (55 Prozent)

Der Vorwurf stimmt, nicht oft, aber zu oft, und zwar immer dann, wenn Journalisten unbedingt die Ersten sein wollen. Es ist ein Wahn.

"Helmut Kohl, der Kanzler der deutschen Einheit, ist tot. Kohl starb in der Nacht zu Freitag im Alter von 85 Jahren. Mehr in Kürze", twitterte "Die Welt" nächtens am 10. Juli 2015; sie war einer falschen Information aufgesessen und hatte nicht recherchiert. Sie korrigierte es nach 102 Sekunden.

Länger brauchte Ex-"Focus"-Chefredakteur Helmut Markwort, der im Fernsehen verkündet hatte, Gabriels Rücktritt als SPD-Vorsitzender stehe bevor; das wisse er "aus zuverlässiger Quelle". Gabriel trat nicht zurück, und Markwort gestand seinen Fehler nicht ein, sondern rechtfertigte sich: "Das war eine gezielte Information, um den Rücktritt zu verhindern... Ich hatte den ganzen Tag Sorge, dass mir das jemand wegnimmt oder mir jemand zuvorkommt."

Wie können Journalisten fairer werden? Sie befolgen das Prinzip der Nachrichtenagenturen: "Be first, but first be right"; sei der Erste, aber der Erste, der's richtig bringt - und sie erklären ihren Lesern, warum andere, die jedes Gerücht ungeprüft rauspusten, schneller sind, aber schlechter.

Journalisten müssen die sozialen Netzwerke als unwirtlichen Ort betrachten, wenn es um die Stimmigkeit von Nachrichten geht. Selbst Twitter-Accounts von seriösen Nachrichten-Agenturen wie AP wurden schon gehackt; im April 2013 verbreiteten Hacker: Anschlag aufs Weiße Haus!

Offensichtliche Fehler müssen - in der Zeitung wie auch Online - korrigiert werden. Kaum eine Redaktion kann einen Fehler-und-Korrektur-Redakteur einstellen wie die New York Times, aber sie kann aus dem Ablauf lernen, wie dort die Korrektur organisiert ist:

  1. Beschwerden über Fehler werden an die Blattmacher (Editors) und den Autor weitergeleitet.

  2. Offensichtliche Fehler werden sofort korrigiert.

  3. Widersprechen sich Autor und Blattmacher, entscheidet der Korrektur-Redakteur.

  4. Sieht es so aus, als habe die Redaktion einen Fehler gemacht, aber nicht zu recherchieren ist, was richtig ist: Keine Korrektur.

Fünfter Vorwurf: Journalisten stützen mit ihrer Berichterstattung die Mächtigen im Land (55, aber bei Zeitungen nur 45 Prozent)

So sehen es auch Journalisten - schon seit Jahrzehnten. Beim Kongress "Die alltägliche Pressefreiheit" in den achtziger Jahren nannte ein Korrespondent die Hauptstadt "Käseglocke Bonn" und klagte: "Es gibt mehr Schmiermaxe des Systems als Kontrolleure der Macht."

Der Medienwissenschaftler Matthias Kohring stellt fest: "Durch eine zu große Nähe zur Politik haben die Medien Vertrauen verspielt." Frank A. Meyer, bei 3sat Moderator von "Vis-a-vis", schreibt in "Cicero", die Nähe zu den Mächtigen wirke bei Journalisten wie ein Aphrodisiakum.

Das stimmt für eine Reihe von Medien, auch im Lokalen, aber das Dilemma bleibt: Die Presse, so unser Verfassungsgericht, hat eine öffentliche Aufgabe, sie steht "als ständiges Verbindungs- und Kontrollorgan zwischen dem Volk und seinen gewählten Vertretern in Parlament und Regierung". Wer verbinden muss, muss auch Verbindungen und Nähe herstellen. Dennoch ist die Nähe, das Vertrauen zum Volk stärker: Die Presse muss die "im Volk tatsächlich vertretenen Auffassungen" sammeln und an die "politische handelnden Staatsorgane" herantragen; so interpretiert das Gericht das Grundgesetz.

Wie können Journalisten fairer werden? Distanz und Skepsis - diese Haltung ist der Leitfaden journalistischer Qualität. Also hofieren Journalisten nicht die Mächtigen, lassen sich Journalisten nicht umarmen, das ist die gefährlichste Art der Bestechung; sie führen kritische, nicht unhöfliche oder freche Interviews , sie fragen nach, bis eine Frage beantwortet ist; sie gehen mit allen gleichermaßen kritisch um und führen auch mit den Schmuddelkindern der Politik faire Interviews, damit diese nicht als Märtyrer verklärt werden können; sie lassen nicht zu, dass Pressesprecher Interviews abschwächen, ins Gegenteil verkehren oder starke Passagen einfach streichen.

"Leser spüren, wenn sie nicht mehr das Gesagte zu lesen bekommen, sondern glattgebügelt Geschöntes", sagt der "FAZ"-Wirtschaftsredakteur Klaus-Max Smolka. Also, werte Journalisten:

Lasst den Leser spüren, dass ihr nicht mehr bügelt und schönt. Vergesst die Pressemitteilungen! Recherchiert sie, macht aus ihnen Meldungen oder schmeißt sie in den Papierkorb! Setzt Euch nicht mehr in die erste Reihe, also dorthin wo die Mächtigen sitzen: Euer Platz ist im Volk! Macht klar, wen ihr vertretet - ohne gleich in jedem Mächtigen einen Schurken zu sehen! Seid einzigartig!

Sechster Vorwurf: Journalisten schenken Menschen "wie mir" zu wenig Gehör (51 Prozent)

Wer meint, skeptische Leser empfangen Journalisten mit offenen Armen, der irrt: Der Reporter Ulrich Wolf von der "Sächsischen Zeitung" muss sich bei den Pegida-Spaziergängen anhören, was er wieder falsch geschrieben habe, was er für ein schlechter Mensch sei und wo seine Kinder zur Schule gehen (was er nicht als Drohung verstehen solle). Den Mann auf der Bühne, der ihn jedes Mal maßregelt, hat er mit guten Recherchen entlarvt, und trotzdem klatschen viele.

Wie können Journalisten fairer werden? Ulrich Wolf besucht Leser zu Hause, die sich zu Pegida bekennen und auch mal "Lügenpresse" rufen. Von Hausbesuchen erzählte er beim European Newspaper Congress in Wien, auch von Redakteuren in der "Sächsischen Zeitung", die Pegida schätzen. Sie diskutieren mit, denn - so Wolf - eine gute Redaktion ist auch ein Spiegel der Leserschaft.

Hausbesuche, Leser-Seiten, Leser-Kommentare brauchen Medien, eben alles, was den Lesern Respekt zollt und sie teilnehmen lässt am öffentlichen Leben in einer Demokratie.

Die goldene Regel der Fairness:

Journalisten, geht runter von der Kanzel! Hört den Menschen zu! Gebt ihnen eine Stimme! Kontrolliert die Mächtigen ohne Unterschied! Bleibt skeptisch! Und seid zufrieden, wenn die Leser so skeptisch werden wie Ihr!

Im zweiten Teil der Serie "Journalismus der Zukunft" schreibt Paul-Josef Raue über die acht Pfeiler, auf denen der Journalismus ruht. Es folgen in den nächsten Wochen: Langweile nicht (7), Schreibe verständlich (8).

Paul-Josef Raue (65) berät Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen. Er war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt und Marburg. Er gründete mit der Eisenacher Presse die erste deutsch-deutsche Zeitung. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standwerk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren im Rowohlt-Verlag erscheint.

Bisher erschienen:

  • Teil 1: "Journalismus der Zukunft" am 9. Februar 2016
  • Teil 2: All journalism is local - Aber welchen Lokaljournalismus brauchen die Leser (Das Lokale) am 16. Februar 2016
  • Teil 3: "Der Lokaljournalismus muss seine Richtung ändern" am 23. Februar 2016
  • Teil 4: "Leidenschaft. Ohne Leidenschaft ist Journalismus wenig wert" (Welche Journalisten brauchen wir) am 1. März 2016
  • Teil 5: "Unsere Ausbildung stimmt nicht mehr" (Das Volontariat) am 8. März 2016
  • Teil 6: "Eine Redaktion, ein Desk und immer weniger Redakteure" (Die Organisation der Redaktion) am 15. März 2016
  • Teil 7: "Was kommt nach der Lügenpresse?" am 22. März 2016
  • Teil 8: "Die Macht der Gerüchte und die Macht der Journalisten" am 29. März 2016
  • Teil 9: "Zwei Oscars für den Journalismus - gegen die Lügenpresse (Die Kunst der der tiefen Recherche)" am 5. April 2016
  • Teil 10: "Was ist Qualität?" am 12. April 2016
  • Teil 11: "Der erste der acht Pfeiler des Journalismus: Achte Deinen Leser!" am 19. April 2016
  • Teil 12: "Wie lesen Leser? - Exkurs zu 'Achte Deinen Leser!'" am 26. April 2016
  • Teil 13: "Schreibe die Wahrheit! (Der zweite Pfeiler der Qualität)" am 3. Mai 2016
  • Teil 14: "Erkläre die Welt (Der dritte Pfeiler der Qualität)" am 10. Mai 2016
  • Teil 15: "Schätze Debatten! (Der vierte Pfeiler der Qualität") am 17. Mai 2016
  • Teil 16: "Recherchiere immer! ( Der fünfte Pfeiler Qualität)" am 24. Mai 2016

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