Barbara Brandstetter über das neue Springer-Verbrauchermagazin "Testbild": "Es geht um Masse und um Superlative"

31.05.2016
 
 

"So gut der Ansatz, die Informationen der Leserschaft in leicht konsumierbaren Häppchen zu servieren - Kleinteiligkeit über 136 Seiten wirkt anstrengend. Längere Fließtexte als Oasen der Entspannung und fundierte Erklärstücke fehlen", schreibt Barbara Brandstetter, Professorin für Wirtschaftsjournalismus an der Hochschule Neu-Ulm, über Axel Springers neues Magazin "Testbild".

Seit Freitag liegt "Testbild" an den Kiosken aus. Die Redaktion wirbt damit, "Deutschlands erstes Magazin mit einer perfekten Mischung aus kompetenten und unabhängigen Experten-Tests und überprüften Käufer-Rezensionen zu aktuellen Produkten" auf dem Markt zu sein. Das Heft soll vier Mal im Jahr in einer Druckauflage von 300.000 Exemplaren erscheinen. Preis: 3 Euro.

Es geht um Masse und um Superlative beim neuesten Springer-Heft. "Testbild" sei Deutschlands "härtestes Test-Magazin". Es würden die "neuesten Geräte" getestet und die "besten Fernseher" präsentiert. Wenn nicht gleich auf dem Cover, so erfährt der Leser spätestens auf Seite drei, dass das Magazin 136 Seiten umfasst, die Redaktion 106 Produkte, Dienste, Programme und Shops testet, 132.000 Euro in Laborkosten investiert und 20.000 Kundenbewertungen einbezieht. Chefredakteur Axel Telzerow sagt über sein Produkt: "Testbild ist ein Monster". Das passt.

Bei der Lektüre merkt der Leser jedoch schnell: Viel ist nicht gleich gut. Das Heft erschlägt mit zahlreichen Tests, Tipps und Tabellen. Der Themenkranz ist groß: Lifestyle, Reise, Shopping, Geld/Recht, Technik, Familie, Gesundheit, Garten. Das Heft möchte jeden ansprechen: "Männer, Frauen und Familien", wie es heißt. Ein hehrer Ansatz. Auch wenn jeder in dem Magazin etwas entdeckt, das ihn interessiert: Größer scheint das Risiko, dass sich die Redaktion verzettelt und sich am Ende womöglich keine Gruppe mit dem Magazin anfreundet.

Kleinteiligkeit über 136 Seiten wirkt anstrengend

"Bei Testbild steht der Verbraucher im Vordergrund. Deshalb prüfen wir knallhart und geben präzise Kaufempfehlungen", wirbt Telzerow. Der Verbraucher steht zweifelsohne im Mittelpunkt. Nutzwert wird geboten - kleinteilig, in den für die "Bild"-Familie typischen, leicht verständlichen Informationshäppchen. Und auch mit Hilfe der im Internet so beliebten Listicles. So werden dem Leser die 5 besten Bart-Produkte beschrieben, 5 Tipps für Clever-Bucher gegeben und 5 Fragen zur Schlichtung gestellt. Der Leser erfährt auch, welche 5 Gründe gegen ein Garten-Trampolin sprechen.

So gut der Ansatz, die Informationen der Leserschaft in leicht konsumierbaren Häppchen zu servieren - Kleinteiligkeit über 136 Seiten wirkt anstrengend. Längere Fließtexte als Oasen der Entspannung und fundierte Erklärstücke fehlen. Viele Geschichten kratzen an der Oberfläche. Die kleinen Ranglisten kommen - wie so oft auch im Internet - mitunter nicht über Offenkundiges und Banales hinaus. Denn für die Erkenntnis, dass es erholsam sein kann, im Urlaub das Handy auch einmal abzuschalten, müssen Leser keine drei Euro investieren. Und der Tipp, das Kleingedruckte zu prüfen, bevor eine Reiseversicherung abgeschlossen wird, ist so einfältig wie überflüssig. Dann doch lieber weniger Themen antippen und dafür häufiger in die Tiefe gehen. Tiefe statt Masse: Bei den aufwändig gestalteten Tests beweist die Redaktion ja auch, dass sie das Fach beherrscht.

Die Mischung aus Testberichten und Praxiseindrücken von Verbrauchern dagegen macht das Heft abwechslungsreich. Promi-Diäten im Selbsttest mit einem Vorher- und Nachher-Vergleich haben Unterhaltungswert. Auch wenn die Erlebnisse der Familie Griesbach mit dem Thermomix aufschlussreich sind: Ein Hinweis auf Konkurrenzprodukte fehlt. Ebenso hätte die Redaktion erwähnen müssen, dass sich Thermomix-Besitzer in Foren häufig über die Lautstärke des Küchengerätes beschweren. Auch die jüngsten Schlagzeilen über vermeintliche Verbrennungen dürften nicht unterschlagen werden. Hier stößt die persönliche Einschätzung der Tester an ihre Grenzen, redaktionelle Moderation wäre dringend geboten.

Fraglos versteht es die Redaktion - wie von "Bild" gewohnt -, komplexe Sachverhalte in leicht verständlicher Sprache und unterhaltsam zu schreiben. Allerdings werden zu häufig Klischees bemüht. Männer haben kein Händchen beim Kleiderkauf und Frauen gehen samstags am liebsten Schuhe kaufen. Solche Schilderungen helfen, spröden Testberichten Leben einzuhauchen, kommen dadurch aber etwas bieder daher.

An "Testbild" wurde bereits 2006 - unter der Leitung des damaligen Computer-Bild-Chefredakteurs Harald Kuppek - gefeilt. Damals stoppte Springer das Projekt jedoch vorerst. Dem Magazin wurden seinerzeit geringe wirtschaftliche Perspektiven eingeräumt. Denn ein Magazin, das negativ über Produkte oder Unternehmen berichtet, hat es schwer bei der Anzeigenakquise. Ein Testmagazin, das auf Anzeigen angewiesen ist, ist daher immer latent dem Vorwurf ausgesetzt, nicht ganz unabhängig agieren und testen zu können.

Auf den Smartphone-Test hätte man besser verzichtet

Die Redaktion bemüht sich deshalb redlich, ihre Unabhängigkeit unter Beweis zu stellen. Das Vorgehen bei den Tests sowie deren Auswertung wird detailliert beschrieben. Auch beauftragt die Redaktion unabhängige Testlabore und lässt sich das einiges kosten. 132.000 Euro hat der Verlag nach Angaben der Redaktion in die Tests der ersten Ausgabe investiert. Im Editorial verspricht Telzerow: "Unsere Experten testen kritisch, unabhängig und bis ins Detail".

Nun kann es Zufall sein, dass im Handy-Test ausgerechnet das Samsung Galaxy S7 Edge gewonnen hat. Es mag nichts damit zu tun haben, dass Springer mit eben jenem südkoreanischen Hersteller im vergangenen Jahr eine strategische Partnerschaft geschlossen hat. Und dass Samsung eine der wenigen ganzseitigen Anzeigen in der ersten Ausgabe geschaltet hat. Ein Verbrauchermagazin, das mit dem Slogan "verständlich, kritisch, unabhängig" antritt, hätte bei dieser Gemengelage in der Erstausgabe besser auf den Smartphone-Test verzichtet.

Bei Aufbereitung und Gestaltung wagt die Redaktion keine Experimente: Das Layout folgt bewährten Mustern aus der "Bild"-Magazin-Familie. Einen Erfinderpreis gewinnt die Mannschaft nicht für die Optik des Heftes. Einzig der "Community Check" - Kundenrezensionen auf einen Blick -, sind innovativ. Allerdings stiften sie beim Lesen mehr Verwirrung als Orientierung zu bringen. Denn die auf kleinstem Raum zusammengefassten Kommentare, die Kunden auf Idealo.de, Amazon.com & Co. abgegeben haben, widersprechen mitunter der Einschätzung der Testbild-Redaktion - viele Leser bleiben vermutlich ratlos zurück.

Gute Nachricht, dass sich ein mächtiges Medienhaus dem Verbraucherjournalismus annimmt

Springer wagt sich jetzt mit einem Magazin auf einen Markt, auf dem bereits etliche Test-Hefte etabliert sind. "Guter Rat" (verkaufte Auflage: 161.122 Exemplare) und "Ökotest" (verkaufte Auflage: 121.553 Exemplare) erscheinen monatlich und reklamieren ebenso für sich, unabhängig zu sein. Der Marktführer, die Stiftung Warentest, hat im vergangenen Jahr im Monat durchschnittlich 421.000 Hefte verkauft.

"Testbild" hat sich in der ersten Ausgabe viel vorgenommen und sich das hehre Ziel gesetzt, für jeden interessant zu sein. Gleichwohl ist es eine gute Nachricht, dass sich ein Medienhaus von der Marktmacht Springers dem Verbraucherjournalismus annimmt. Je mehr die Verbraucher in der Lage sind, aus eigener Kraft kluge Entscheidungen zu treffen und Betrug zu erkennen, umso weniger bevormundende Regeln muss der Gesetzgeber aufstellen.

Barbara Brandstetter

Zur Autorin: Barbara Brandstetter ist Professorin für Wirtschaftsjournalismus an der Hochschule Neu-Ulm. Sie war vor ihrem Wechsel in die Lehre und Forschung stellvertretende Redaktionsleiterin von "Welt Kompakt". Brandstetter ist zudem Mitglied im Kuratorium Stiftung Warentest.

 

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