US-Medienexperte Jeff Jarvis: Europäer sollten lieber in Europa investieren

 

Betrachtet man die Geburt des Internet in Gutenberg-Jahren, leben wir im Jahr 1472 - zumindest hat das der US-amerikanische Journalist und Professor Jeff Jarvis ausgerechnet. Im Gespräch mit kress.de fordert Jeff Jarvis, derzeit in Berlin, europäische Medienhäuser auf, verstärkt in Europa zu investieren.

kress.de: Wenn man sich die Diskussion über die Zukunft des Journalismus anschaut, scheint es, als wären wir im Jahr 2010 stehen geblieben. Noch immer sprechen wir darüber, wie wir Journalismus zukünftig finanzieren werden und was in Zeiten des Internet aus den Verlegern wird. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Jeff Jarvis: Ich denke, dass wir noch immer nicht begriffen haben, was das Internet ist. Unser größter Fehler ist, dass wir Geschäftsmodelle, die ursprünglich für Massenmedien konzipiert waren, in einem völlig neuen Geschäftsumfeld platziert haben, wo sie schlicht und einfach nicht funktionieren können. Bisher ging es uns darum, eine Massenauflage zu verkaufen, aber das funktioniert im Internet nicht. Dort kommt es darauf an, die User zu kennen und ihnen Relevanz und Nutzen zu bieten.

Dafür scheint bisher niemand ein passendes Geschäftsmodell gefunden zu haben.

Jeff Jarvis: Die beiden Unternehmen, die das Konzept von Relevanz und Nutzen wirklich verstanden haben, sind Facebook und Google. Google weiß, wo ich wohne. Meine Lokalzeitung weiß hingegen nichts über mich. Sie behandelt mich genauso wie jede x-beliebige andere Person. Können wir uns aber eine Welt vorstellen, in der wir höherwertige Dienstleistungen entwickeln und den Menschen mehr Relevanz und Nutzen bieten können, weil wir etwas über einzelne Personen wissen? Im Moment sind wir dazu noch nicht fähig.

Was schlagen Sie also vor?

Jeff Jarvis: Wir müssen uns nachhaltig in der digitalen Welt platzieren und ein neues Geschäftsmodell entwickeln, bevor unser altes Modell tot ist. Die Medien der Zukunft müssen neue Produkte erfinden, Produktentwicklung betreiben. Wir müssen den Communities, denen wir dienen, besser zuhören. Zudem müssen wir Leadership entwickeln. Ist es zu spät? Ich hoffe nicht. Haben wir genug Zeit? Ich weiß es nicht.

Welche traditionellen Medien werden bis 2020 überleben?

Jeff Jarvis: Diejenigen, die herausfinden, wie man ein Geschäftsmodell entwickelt, das den Menschen einen größeren Nutzen bietet. Das Massengeschäft, das Geschäft mit Klicks und der Kampf um immer größere Reichweiten wird kein Medienhaus retten. Man kann im Moment genug Medien - von "Wall Street Journal" über "New York Times" und "The Guardian" - beobachten, die versuchen, ihr Massengeschäft am Leben zu halten. Wir haben viele Qualitätsmedien, aber sie sind noch immer gefangen in einem Geschäftsmodell. Und ich bin auch kein Fan von Paywalls, meiner Ansicht nach funktioniert auch das auf Dauer nicht.

Deutsche Medienhäuser investieren fleißig in den USA. Axel Springer ist da, Bauer ist da, einige andere auch. Was sollten sie als nächstes kaufen?

Jeff Jarvis: Das kann ich nicht sagen. Axel Springer ist brillant, Mathias Döpfner macht einen herausragenden Job. Es war sehr interessant zu sehen, wie der Verlag eine Investition nach der anderen getätigt hat. Ich glaube, die Übernahme von "Business Insider" ist ein sehr gutes Geschäft für sie. Das Malheur ist aber, dass Europäer lieber in Europa investieren sollten! Wir hören laufend von beschämenden Investitionszahlen in Europa. Die Frage ist, warum Europa nicht sein eigenes Google erschaffen kann. Die Antwort ist, weil ihr Europäer nur einen Kleinstteil von dem investiert, was die Amerikaner investieren. Ihr riskiert nicht, was ihr riskieren müsstet. Es ist schön für Amerika, dass wir neues Kapital aus Europa bekommen, aber ich frage mich, was passieren würde, wenn dieses Kapital risikofreundlicher in Europa investiert würde, um hier neue Wettbewerber zu schaffen.

Mit Jeff Jarvis, Journalist, Buchautor, Medienexperte und Journalistik-Professor in New York, sprach kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük. Mitarbeit: Tania Witte

Ihre Kommentare
Kopf

Dittsche

03.06.2016
!

Warum deutsche Unternehmen in den USA investieren und nicht oder zu wenig in Europa? Die USA bieten das wesentlich freundlichere Umfeld. Der Vorschriften- und Regel-Dschungel in Deutschland und Europa, dazu verstaubte Strukturen und eine träge, mit sich selbst beschäftigte Administration würgen doch jeglichen Erfinder-, Pionier- und Unternehmergeist ab.


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