Chefredakteur Georg Löwisch über #tazgate: "Ich fände es nach wie vor gut, wenn er sich äußert"

 

Ein winziger Keylogger hat im Februar 2015 die "taz" in ihren Grundmauern erschüttert. Wer spioniert eine Redaktion aus? Und wie kann es sein, dass der Feind von innen kommt und Daten klaut? In der "taz am Wochenende" haben die Redakteure Martin Kaul und Sebastian Erb ihre Recherchen zu dem Fall veröffentlicht, für die sie bis nach Asien gereist sind. Auf kress.de erklärt "taz"-Chefredakteur Georg Löwisch, warum seine Redaktion den Fall noch einmal thematisiert und auch, warum die "taz" den Namen des mutmaßlichen Täters nun doch nennt.

kress.de: Herr Löwisch, Sie waren Textchef beim Magazin "Cicero", als sich #tazgate ereignete. Wie haben Sie damals auf diese Enthüllungen reagiert?

Georg Löwisch: Nachdem der Keylogger entdeckt worden war, hat mir ein befreundeter taz-Redakteur davon erzählt. Es war ja gleich klar, dass das gravierend ist. Wir haben zusammen nachgedacht und uns auch Sorgen gemacht.

Was wussten Sie von dem Journalisten, dem diese Tat vorgeworfen wird?

Georg Löwisch: Zuletzt hat er ja in der Berlinredaktion der "taz" gearbeitet. Aber vorher war er Redakteur im Wochenendmagazin sonntaz, und ich war bis 2012 eineinhalb Jahre sein Ressortleiter. Wir haben sehr gut zusammen gearbeitet. Ein akribisch und ausdauernd recherchierender Journalist. Eine seiner brillianten Geschichten ging über den Deutsche-Bank-Manager Anshu Jain: Wie der als Investmentbanker bei jenen Geschäften mitmischte, die 2007 die Finanzkrise auslösten. Während der Deutsche-Bank-Recherche hat er mehr als 5.000 Seiten Akten eines US-Untersuchungsausschusses durchforstet.

Am Wochenende haben die Redakteure Sebastian Erb und Martin Kaul ein Jahr nach der Aufdeckung den Fall reflektiert, beschrieben und neue Fakten enthüllt: Keylogger-Affäre in der "taz": Dateiname log.txt". Wie kam es zu der Recherche?

Georg Löwisch: Als ich im September als Chefredakteur zur taz zurück gekommen bin, habe ich bald gespürt, wie sehr die Sache viele im Haus noch umtreibt. Es waren einfach Fragen offen. Was genau ist da eigentlich passiert? Was ist mit den Betroffenen? Was macht der ehemalige Kollege? Was machen die Ermittlungen der Justiz? In meinen ersten Wochen standen erst einmal andere Sachen im Vordergrund von der Komplettierung der Chefredaktion mit Barbara Junge und Katrin Gottschalk bis zum Druckereiwechsel für unsere Ausgabe in Berlin und Ostdeutschland. Dann hatte Martin Kaul die Idee, dass die taz diesen Fall selbst recherchiert. Um den Jahrestag Mitte Februar haben wir die Affäre und ihre Aufklärung in der Runde der Ressortleiterinnen und Ressortleiter thematisiert. Unmittelbar danach habe ich die beiden Kollegen beauftragt, die sehr aufwendige Recherche zu starten, die bis in die vergangene Woche gedauert hat.

Bislang hatte es die "taz" wie auch unsere Redaktion vermieden, den Namen des Journalisten zu nennen, der damals bei der ersten Anschuldigung überhastet aus dem Verlag rannte und seitdem nicht mehr an der Rudi-Dutschke-Straße gesehen wurde. Warum nennen Sie ihn jetzt in der Aufarbeitung?

Georg Löwisch: Das ist eine wichtige Frage. Es war weniger ein Argument, dass der Name ja längst von "Welt" bis "Guardian" genannt worden ist. Entscheidend war, dass wir auch eine Aufklärungspflicht gegenüber denen haben, mit denen er im Namen der "taz" zu tun hatte zum Beispiel Informantinnen und Informanten. Hinzu kommt: Wird sein Name nicht genannt, stehen prinzipiell andere ehemalige "taz"-Redakteure unter Verdacht.

In dem Report schreiben die Autoren, dass die Datei log.txt mehrfach in den Backups des beschuldigten Autoren auftaucht. Könnte es nicht sein, dass ihm Nicht-Wohlgesinnte die Keylogger-Affäre untergeschoben haben? Viele Freunde hatte er schließlich nicht in Ihrer Redaktion.

Georg Löwisch: Die beiden Reporter haben sich das sehr genau angeschaut. Aber zahlreiche andere Anhaltspunkte gerade in der Auswertung der Daten sprechen eine recht klare Sprache, wie Sie in dem Report sehr detailliert nachlesen können. Die Backups sind nur ein Steinchen im Mosaik.

Laut Ihren Recherchen soll er vor allem Praktikantinnen ausgespäht haben. Der beschuldigte Ex-"taz"-ler hat sich in seiner Zeit stark für die Jüngsten eingesetzt. Wie werden Sie zukünftig die Betreuung des Journalisten-Nachwuchses bei der "taz" aufstellen?

Georg Löwisch: Die Nachwuchsarbeit hing nie an einer Person. Viele Kolleginnen und Kollegen betreuen die Nachwuchs-Workshops der Panter-Stiftung. Wir haben eine ausgezeichnete Praktikumsbeauftragte. Ein Kollege organisiert Extra-Schulungen im Rahmen der taz-Akademie. Und auch in den Ressorts wird viel Zeit und Kraft in die Nachwuchsarbeit gesteckt.

Es wird also keinen Generalverdacht geben, wenn sich ein Journalist besonders für junge Autoren einsetzt?

Georg Löwisch: Nein, gerade so ist es eben nicht gekommen. Als die Keylogger-Affäre 2015 aufkam, stand zu befürchten, dass sie das Vertrauen innerhalb des Rudi-Dutschke-Hauses beschädigt. Das ist nicht geschehen.

Ist #tazgate oder die Keylogger-Affäre, wie Sie es nennen, jetzt eigentlich komplett geklärt?

Georg Löwisch: Wir konnten nicht alle Fragen klären, aber wir wissen jetzt mehr. Am wichtigsten finde ich, dass alle 23 Ausgespähte, von denen wir wissen, jetzt wenigstens eine Vorstellung haben, was da passiert ist. Zwei der direkt Betroffenen haben wir im Übrigen erst im Zuge dieser sehr komplexen Recherche gefunden. Wir haben sie benachrichtigt und allen 23 angeboten, sich die Daten selbst anzusehen, die bei ihnen abgefischt wurden.

Werden Sie weiter versuchen, mit dem Journalisten zu sprechen, dem der Einsatz des Keyloggers vorgeworfen wird?

Georg Löwisch: Um ihm die Gelegenheit zu geben, sich zu erklären, sind Martin Kaul und Sebastian Erb ja um die halbe Welt gereist. Er wollte nicht mit ihnen sprechen. Ich fände es aber nach wie vor gut und auch angemessen, wenn er sich äußert.

Die Fragen an Georg Löwisch, Chefredakteur der "taz", stellte kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

Hintergrund

Zuerst hatte unsere Redaktion auf Newsroom.de über #tazgate berichtet.

Aus dem Archiv:

Angriff von innen: Spionierte langjähriger Redakteur die "taz" aus? Die "taz" wurde nach Recherchen von Newsroom.de Opfer eines Spionageangriffs. Hinter der Tat soll ein langjähriger Redakteur stecken. Er wurde fristlos entlassen. In der Redaktion herrscht Fassungslosigkeit.

Polizei Berlin bestätigt: Einbruchsversuch bei der "taz" - Bei der "taz" in Berlin hat es einen Einbruchsversuch gegeben.

Journalistik-Professor Überall zu "tazgate": "Schwarzer Tag für Journalismus und Pressefreiheit" - Der Spionageangriff auf die "taz" ist das Gesprächsthema in den Redaktionen. Für den Kölner Journalistik-Professor Frank Überall ist es ein "schwarzer Tag für Journalismus und Pressefreiheit".

Wie "tazgate" von den "szleaks" ablenkt - Derbe Worte findet eine "taz"-Kolumnistin für einen Autoren der "Welt", der den Namen eines Kollegen nennt, der möglicherweise einen Keylogger in der "taz"-Redaktion eingesetzt hat.

Wie die "taz" mit dem Spionageangriff umgeht - ein erster Schritt - Mit ruhigen Worten versucht die "taz"-Chefredaktion Klarheit in den Spionageangriff auf die Zeitung aus Berlin zu bringen. Es ist ein erster, ein wichtiger Schritt.

Ihre Kommentare
Kopf
Kressköpfe dieses Artikels
  • Noch kein kresskopf?

    Logo
    Dann registrieren Sie sich kostenlos auf kress.
    Registrieren
Kress Pro Magazin
2019/#10

Lesen Sie im aktuellen kress pro, dem Magazin für Führungskräfte bei Medien: Relotius-Affäre und Print-Online-Fusion: Wie Steffen Klusmann sein erstes Jahr beim 'Spiegel' überlebte. Dazu: Die besten Medienmanager, Chefredakteure und Newcomer 2019 - und Klambt-Verleger Lars Rose sagt im Strategiegespräch, wo er zukaufen möchte.

Inhalt konnte nicht geladen werden.