"Welt"-Korrespondent Alan Posener: "Menschen ziehen sich immer mehr in ihre virtuelle Höhle zurück"

 

"Es ist ein Paradoxon: Obwohl das Internet es eigentlich jedem Menschen ermöglicht, im nie zuvor gekannten Ausmaß seinen Horizont zu erweitern, und zwar kostenlos, ziehen sich immer mehr Menschen in eine virtuelle Höhle zurück, in der sie nur das Echo ihrer eigenen Meinung hören, nur Fakten zur Kenntnis nehmen, die ihre eigene Meinung bestärken", kritisiert "Welt"-Korrespondent Alan Posener im Vorfeld des Mainzer Medien-Disputs in Berlin (14. Juni, 19 Uhr).

kress.de: Warum ist der kontroverse Diskurs zu zentralen Konfliktthemen in Medien und Öffentlichkeit 'notleidend'?

Alan Posener: Die Frage enthält eine Unterstellung, die ich zurückweisen würde und die meines Erachtens nicht empirisch zu belegen ist. Man müsste schon die "zentralen Konfliktthemen" benennen und dann beweisen, dass es die unterstellte Not gibt. Die sehe ich nicht, auch wenn der Bundespräsident sie behauptet, der aber - bei allem Respekt vor Amt und Person - oft Dinge sagt, die unüberlegt und auf Effekt bedacht sind.

Welche Defizite, Schwachstellen und Handicaps identifizieren Sie als Ursachen für die Diskurs-Armut?

Alan Posener: Eine Diskursarmut erkenne ich nicht. Defizite, Schwachstellen und Handicaps für einen optimalen Diskurs aber wohl. Zuallererst ist da die Aufmerksamkeitsökonomie zu nennen: Wer auffallen will, und das gilt eben auch für den Bundespräsidenten, muss eine steile These formulieren. Seit Jahren wird der Markt geflutet von so genannten Sachbüchern, in denen es nur so wimmelt von Komplotten und Kartellen, Lügen und verschwiegenen Wahrheiten. Und die Autoren solcher Bücher sind oft keineswegs irgendwelche Spinner, sondern bürgerliche Autoritäten, die aber auf dem Markt nicht anders reüssieren zu können meinen als durch die Unterstellung, den Menschen werde das Entscheidende von Medien und Politik verschwiegen, und zwar aus Geschäftsinteresse, Dummheit oder Böswilligkeit. Und wie im Großen, so im Kleinen. Wenn ein Zeitungsartikel etwa über Probleme der Niedrigzinspolitik der EZB Aufmerksamkeit erzielen soll, dann sollte er am besten getitelt werden: "Wie Europa den deutschen Sparer enteignet".

Wer will denn wem welche Wahrheiten nicht zumuten?

Alan Posener: Sehnse! Da haben wir in der Frage schon die typische Unterstellung. Der Alarmismus ist eine frei flottierende Größe, die von rechts nach links und dann zurück nach rechts wandert. Denken Sie an den Antikommunismus der 1950er und frühen 1960er Jahre! Da wurde unterstellt, jede Kritik an unserer Gesellschaft diene "Moskau". Ich wurde allen Ernstes mit 14 von meinem Internat nach Hause geschickt, einer Reformschule wohlgemerkt, weil meine langen Haare die Kampfmoral gegen den Kommunismus schwächten. Dann kamen die Grünen und führten den Alarmismus nach links. Wer Auto fuhr oder Strom verbrauchte, tötete den deutschen Wald und hinterließ den Kindern eine Katastrophe. Nun bedienen sich wieder rechte Kräfte des Alarmismus: Deutschland schaffe sich ab durch Zuwanderung und zu üppige Sozialleistungen, es finde eine "Umvolkung" statt und was dergleichen Unsinn mehr ist. Unter solchem Dauerbeschuss von allen Seiten setzt sich bei den Bürgern das Gefühl fest: wir werden belogen, die da oben machen doch, was sie wollen, und so weiter. Das ist Gift für die Demokratie, und es stimmt nicht. Wer sich informieren will, kann es. Und zwar müheloser als je zuvor in der Geschichte.

Wie bewerten Sie die Auslagerung von Diskussionen in isolierte, nicht miteinander verbundene Parallelwelten?

Alan Posener: Es ist ein Paradoxon: Obwohl das Internet es eigentlich jedem Menschen ermöglicht, im nie zuvor gekannten Ausmaß seinen Horizont zu erweitern, also etwa zu einem bestimmten Ereignis die Kommentare der "FAZ", der "Welt", der "SZ", der "taz", der "NZZ" und überdies des "Guardian", der "New York Times" und diverser unabhängiger Meinungsmacher zu lesen, und zwar kostenlos, ziehen sich immer mehr Menschen in eine virtuelle Höhle zurück, in der sie nur das Echo ihrer eigenen Meinung hören, nur Fakten zur Kenntnis nehmen, die ihre eigene Meinung bestärken. Die Tendenz gab es natürlich immer schon, oder sagen wir spätestes seit der Studentenbewegung 1968. Da entstand das Wort von der "Gegenöffentlichkeit", womit eine Blase gemeint war, in der man nichts wahrnehmen musste, was die eigene Weltanschauung störte. Wer links war, las fortan nur "taz" oder die "Frankfurter Rundschau" und weigerte sich, ein "Springer-Blatt" überhaupt in die Hand zu nehmen. Aber diese Tendenz hat sich durch das Internet verstärkt, und zwar gerade in dem Augenblick, da in den herkömmlichen Medien zunehmend die Erkenntnis wächst, dass die alten Frontstellungen oft künstlich waren.

Warum meidet die etablierte Politik ungefilterte Debatten - intern und extern - und favorisiert die "diskussionslose Geschlossenheit"?

Alan Posener: Weil ungefilterte Debatten keine guten Debatten sind. Man sieht das etwa an Talkshows. Da wird nie etwas geklärt, und es ist nicht die Absicht dieser Shows, etwas zu klären. Es geht nur darum, sich als Teilnehmer zu profilieren, um zur nächsten Show eingeladen zu werden. Sachkenntnis ist bei solchen Veranstaltungen eher hinderlich. Wie sagte Thilo Sarrazin einmal, als ihm vorgehalten wurde, seine Zahlen seien frei erfunden: So lange mir keiner das Gegenteil beweisen kann, habe ich das Recht, eine mir wahrscheinlich klingende Zahl als Tatsache in die Debatte zu werfen. Politiker wissen in der Regel zu viel und sind in zu viele Institutionen- und Interessengeflechte eingebunden, um jene griffigen Formulierungen zu wagen, die Journalisten lieben. Es gibt Ausnahmen, zum Beispiel Horst Seehofer in Bayern oder - noch besser - Boris Johnson in Großbritannien, von Donald Trump ganz zu schweigen. Ich glaube jedoch, dass die meisten Menschen instinktiv begreifen: Der Unterhaltungswert dieser Männer steht im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Führungsfähigkeit.

Wie lässt sich die grassierende Diskurs-Allergie aus Ihrer Sicht therapieren?

Alan Posener: Wer wollte sich zum Therapeuten aufwerten? Ein jeder, möchte ich sagen, kehre vor der eigenen Tür. Der Populismus mag als Medizin wirken: Man sieht in den verzerrten Fratzen der Hassprediger, wohin das Schielen nach Quote und Aufmerksamkeit, Distinktionsgewinn und Griffigkeit führt. Man merkt, dass die komplexe, undurchsichtige, unsaubere und langweilige Welt der Demokratie mit ihrer Konsenssuche, ihren Kompromissen, ihren grauen Funktionären und Fachleuten, geradezu verkörpert durch die Europäische Union, die nicht zufällig im Zentrum des Hasses aller Liebhaber einfacher Wahrheiten steht - dass diese Welt unendlich kostbar ist und verteidigt werden muss. Oder man erkennt das nicht, und dann - aber ich will mich nicht nach dieser Suada gegen die Apokalyptiker selbst zum Apokalyptiker aufschwingen.

Mainzer Medien-Disput am 14. Juni in Berlin

"Zwischen Debatten-Allergie und Bekenntnis-Ritualen - Welchen Mehrwert hätten Diskurse für eine vitale Demokratie" lautet das Streit-Thema beim Mainzer Medien-Disput am 14. Juni um 19 Uhr in Berlin. Mit SWR-Chefreporter Thomas Leif und Albrecht von Lucke diskutieren der frühere "FAZ"-Journalist und Buchautor Stefan Schulz ("Redaktionsschluss - Die Zeit nach der Zeitung"), Anne Wizorek (#Aufschrei), der Publizist und Autor Wolfgang Herles (früher "ZDF Aspekte", Buch: "Die Gefallsüchtigen. Gegen Konformismus in den Medien und Populismus in der Politik") und die neue stellvertretende "taz"-Chefredakteurin Katrin Gottschalk.

Der Mainzer Medien-Disput ist die wichtigste Diskussions-Plattform zum Austausch über medien- und gesellschaftspolitische Grundsatzfragen in Berlin. kress.de ist Partner vom Mainzer Medien-Disput. Anmeldungen für den MMD am 14. Juni um 19 Uhr in der Landesvertretung Rheinland-Pfalz beim Bund, In den Ministergärten 6, in Berlin, sind bis zum 6. Juni per Email unter veranstaltungen@lv.rlp.de möglich. Die Teilnehmerzahl ist aus Raumgründen begrenzt.

Ihre Kommentare
Kopf

SigismundRuestig

08.06.2016
!

"Eine Life-App wacht über mein Leben.
In Sicherheit soll ich mich wiegen.
Macht mich gläsern fürs Gewinnstreben.
Versicherungsprämien sind bald gestiegen...."

Der Song "nur virtuell" bringt es auf den Punkt:

http://youtu.be/WzvpF6JR1cE

Viel Spaß beim Zuhören und: lasst Euch die Realität nicht vermiesen!


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