Aus "kresspro": Warum Chefredakteurin Bettina Bäumlisberger wirklich den "Münchner Merkur" verlassen hat

 

Was passiert beim "Münchner Merkur"? Und warum ist Bettina Bäumlisberger wirklich nicht mehr Chefredakteurin? Diesen Fragen bin ich bereits für die März-Ausgabe von "kresspro" (Chefredakteur: Markus Wiegand) nachgegangen. Weil sich die Entwicklungen in München überschlagen, veröffentlichen wir den Text aus "kresspro" an dieser Stelle erstmals komplett frei zugänglich in voller Länge.

Hinweis: Dieser Text ist zuerst in "kress pro" erschienen. Das Magazin "kress pro" ist das Schwesterblatt von kress.de und erscheint ebenfalls im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro" kann hier im Newsroom.de-Shop bestellt werden. Zum Abo geht es hier entlang.

Der "Münchner Merkur" gilt als Cashcow im Reich von Verleger Dirk Ippen. Chefredakteurin Bettina Bäumlisberger hat in ihrer zweijährigen Amtszeit ein Team geformt und geführt, das den "Merkur" mit Elan und reichlich Exklusivgeschichten zur großen Freude der Eigentümer wieder zu alten journalistischen Höhen geführt hat. Umso mehr überraschte die Chefin kürzlich mit ihrem Abgang. Am 19. Februar trat Bettina Bäumlisberger vor ihr Team und verkündete, heute sei ihr "letzter Arbeitstag". Sie habe im Kühlschrank ein paar Flaschen Sekt kalt gestellt: "Wer mir gratulieren, sein Beileid aussprechen oder kondolieren will, kann gerne in mein Büro kommen." Sie würde sich gerne von allen "persönlich" verabschieden: "Das Beste am 'Münchner Merkur' ist die Redaktion." Bäumlisberger wirkte anschließend gefasst, teils aber auch gerührt, berichten Anwesende.

In der Münchner Medienszene spekuliert man seither über die genauen Gründe der Demission. Der erste Teil der Erklärung hat mit dem Projekt "Publishing 2020" zu tun. Unter diesem Titel stand die größte Neuorganisation des Hauses seit dem Kauf des "Merkurs" (derzeit: 180 Mitarbeiter in der Redaktion) und seiner Boulevardschwester "tz" (60 bis 70 Mitarbeiter) durch Dirk Ippen im Februar 1982. Das erklärte Ziel: Die Teams beider Zeitungen sollten künftig räumlich und inhaltlich enger zusammenarbeiten. Gemeinsam mit den Redakteuren der bislang autarken Onlineredaktion (18 Mitarbeiter) sollten kleine Desks entstehen mit je einem Planer von "MM", "tz" und Online, um den Austausch zu fördern und lästige Doppelarbeiten zu vermeiden. Zudem sollte dank der Themen-Boards künftig auf allen Kanälen schnell reagiert werden.

Bäumlisbergers Motto: "Digital first. Print deep."

Von Anfang an war dabei klar, dass es keine Fusion beider Titel geben sollte. Dafür ist die DNA zu unterschiedlich: hier das verlässliche Heimatblatt, das vor allem im Münchner Umland seine Leser findet, dort die Boulevardzeitung mit viel Service. Auch die Ergebnisse einer Marktforschung aus dem vergangenen Jahr unterstrichen, dass die Leser von "Merkur" und "tz" grundverschieden sind.

Eine Zusammenarbeit gibt es schon heute, im Kulturteil beruht ein großer Teil der Artikel in der "tz" auf "Merkur"-Berichten (zu gut 90 Prozent). Aber sie werden neu aufbereitet und deutlich kürzer ins Blatt gehoben. Dafür bedient sich der "Merkur" gerne bei Gesellschaftsberichten in der "tz". Ein Geben und Nehmen.

Um diese Zusammenarbeit zu vereinfachen und auszubauen, sollte künftig nur noch ein Redaktionssystem im Haus genutzt werden (anstatt von derzeit drei). Texte sollten medienneutral entstehen und dann - bei Bedarf - ohne große Umstände auf die drei Kanäle verteilt werden können. Die Realität 2016 sieht so aus, dass die Redaktionen immer noch einen hohen Aufwand betreiben müssen, wenn sie tatsächlich einmal einen Text umheben wollen. 15 bis 20 Minuten soll es zum Beispiel bislang dauern, um einen "Merkur"-Text ins Netz zu stellen - erschreckend lang.

Damit sollte künftig Schluss sein und die drei Redaktionen sollten auch räumlich enger zusammenrücken. Vorgesehen waren die erste und zweite Etage des Verlagshauses, weil dort der meiste Platz ist. Für heftige Kritik in der Redaktion sorgte der Vorschlag für einen neuen Raumplan, den die Geschäftsführung von der Hausverwaltung erarbeiten ließ. "Der Plan war großer Mist", so ein Verantwortlicher. Den Redakteuren missfiel, dass sie zusammengepfercht eng an eng arbeiten sollten. Außerdem fehlte es an Konferenzräumen, Rückzugsorten und Büros für die stellvertretenden Chefredakteure. Die Stimmung war im Keller, die Redaktion fühlte sich trotz ihres Einsatzes für die Neuorganisation übergangen. "Aber man hätte das noch einmal drehen können, wir waren einfach ziemlich enttäuscht", sagt ein Verantwortlicher.

Die Kehrtwende des Verlegers

Dann allerdings vollzog Verleger Dirk Ippen eine Kehrtwende. Er entschied, dass er die crossmediale Arbeit in seinem Münchner Stammhaus eigentlich überhaupt nicht will. Während also seine Geschäftsführer gemeinsam mit der Chefredaktion und der Redaktion monatelang an einem Konzept arbeiteten, wie die Zusammenarbeit intensiver gestaltet werden kann, machte Ippen eine "Rolle rückwärts", wie ein Verlagsvertreter beim Abschied von Bäumlisberger auch einräumte. Geschäftsführer Andreas Heinkel übrigens wurde im März entlassen. "Die Befindlichkeiten in den Redaktionen im Rahmen des Projektes Publishing 2020 hat Herr Dr. Ippen in den vergangenen Wochen massiv auch an meiner Person festgemacht", schrieb Heinkel in seiner überhasteten Abschiedsmail.

Schon vorher allerdings hatte der Verleger ein deutlich waghalsigeres Manöver unternommen, das für den Abschied Bäumlisbergers entscheidend war: Frisch und erholt von einer Weltreise, machte sich ein gutgelaunter Karl Schermann, Vorgänger Bäumlisbergers als "MM"-Chef, auf dem Weg zu seinem Freund Dirk Ippen. Ippen vertraut ihm wie nur wenigen anderen Menschen. Auch Schermann lehnte das Neukonzept für "MM" und "tz" ab und bestärkte damit Ippen, dass jede Redaktion auch weiterhin allein für sich kämpfen müsse, eine räumlich engere Zusammenarbeit sei abzulehnen. Motto: Jeder müsse selbst schauen, wo er bleibt.

Schermann verstand Ippen

Ippen fühlte sich durch Schermann verstanden und hatte eine Idee: Ob Schermann denn nicht wieder an Bord kommen wolle, wollte Ippen wissen. Und Schermann wollte. Das allerdings führt am 25. Januar zum Bruch mit Bäumlisberger. Nach übereinstimmender Darstellung verschiedener Quellen soll sich die Szene etwa so abgespielt haben: Ippen eröffnet Bäumlisberger, dass er Schermann wieder ins Haus holen will. Bäumlisberger will wissen: Als was? Ippen: In die Chefredaktion. Bäumlisberger: Dann ohne mich. Bäumlisberger schätze Schermann sehr, betonten verschiedene Gesprächspartner. Aber es sei "ein Affront", der neuen Chefredakteurin den alten Chef vor die Nase zu setzen.

Drei Wochen verhandeln Bäumlisberger und der Verlag anschließend über einen Auflösungsvertrag, am 18. Februar unterschreibt sie schließlich, am 19. Februar gibt sie der Redaktion ihren Abgang bekannt.
In der Redaktion hat Bäumlisberger einen ausgezeichneten Leumund. Der Change-Prozess im Haus ist eng mit ihrem Namen verbunden. Die Auflage ist stabil, sie hat das E-Paper modernisiert, das jetzt nicht mehr erst um 24 Uhr, sondern schon um 20 Uhr erscheint. Im Januar hat merkur.de 2,2 Millionen Unique User erreicht - ein Rekord.

Grund bleibt rätselhaft

Der tatsächliche Grund, warum Ippen seine Chefredakteurin hat ziehen lassen, bleibt rätselhaft. Ippen hatte seine Kehrtwende zur Neuorganisation im kleinen Kreis übrigens auch damit begründet, dass selbst der berühmte Journalistik-Professor Jeff Jarvis nichts von crossmedialer Arbeit halte. Das habe der auf der DLD-Konferenz gesagt. Jeff Jarvis allerdings kann sich daran nicht erinnern: "Das kann nicht sein, wir lehren hier in New York doch das crossmediale Arbeiten."

Jetzt steht Ippen zunächst mal ohne Chef für den "Münchner Merkur" da. Denn Vorgänger Schermann kann Bäumlisberger nicht ersetzen. Die Ärzte haben ihn vor der Anstrengung des Jobs gewarnt. Die Redaktion führt nun erst einmal der stellvertretende Chefredakteur Georg Anastasiadis, der eigentlich aber vor allem eins will: schreiben, kommentieren, erklären. Mit der Nachfolgeregelung will sich der Verlag nun Zeit lassen. Wie die Neuorganisation aussehen wird, ist ebenfalls unklar.

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