"Redaktionsschluss"-Autor Stefan Schulz: "Themen altern heute schneller, als sie sich inhaltlich entwickeln können"

 

"Die sozialen Medien sind emotionale Medien. Als Empörungsmaschinen fallen sie besonders auf, aber auch als Katalysatoren für gemeinsames Gelächter sind sie kaum mehr wegzudenken. Die sozialen Medien sind reine Unterhaltungsmedien", erklärt der frühere "FAZ"-Redakteur Stefan Schulz (Buch: "Redaktionsschluss") im Vorfeld des Mainzer Medien-Disputs in Berlin (14. Juni, 19 Uhr).

kress.de: Warum ist der kontroverse Diskurs zu zentralen Konfliktthemen in Medien und Öffentlichkeit 'notleidend'?



Stefan Schulz: So viele Menschen wie nie zuvor beteiligen sich heute an Diskursen, an denen sie mithilfe ihres Smartphones überall und jederzeit teilnehmen können. Allerdings sind die Themen der Debatten selten die, die sie und ihre Leben tatsächlich betreffen. Vielmehr verstricken sich diese Diskurse in sich selbst, sie entkoppeln sich geradezu von der Welt, von der sie angeblich handeln. Wir streiten über Flüchtlinge und schweigen zur Demografie, wir ärgern uns über Mietpreise und ignorieren die Kommunalpolitik, wir suchen das gute Leben per App und erklären Armut zum Tabu. Die öffentliche Meinung ist für die an ihr Beteiligten zu einer überwiegend schädlichen Zeitverschwendung verkommen.


Welche Defizite, Schwachstellen und Handicaps identifizieren Sie als Ursachen für die Diskurs-Armut?



Stefan Schulz: Als die Debatten ins Netz wanderten, fielen sie neuen Prinzipien zum Opfer: Emotionalität, Geduldlosigkeit und Rücksichtslosigkeit. Der geschriebene Text auf Papier nahm den Autor weitestgehend aus dem Spiel und zwang dem Leser Langsamkeit auf. Am Bildschirm wird nun nicht nur jeder Leser selbst zum Autor einer immer möglichen instantanen Antwort. Auch die ruhige, intellektuelle Auseinandersetzung mit einem Sachverhalt wich der emotionalen Aufgewühltheit, die sofortige Antwortmöglichkeiten mit sich bringen. Themen altern heute schneller, als sie sich inhaltlich entwickeln können. An den Mitmachideologien kratzt dieses Problem aber noch wenig.


Wer will denn wem welche Wahrheiten nicht zumuten?



Stefan Schulz: Eines der drängenden Probleme mit dem Prinzip Wahrheit ist, dass es mehrere gibt, nämlich aus jeder Perspektive eine. Die Frage ist nicht, ob wir uns zu wenige Wahrheiten zumuten, sondern im Gegenteil: Warum muten wir uns so viele zu? Und warum haben diese Wahrheiten immer weniger mit Wirklichkeiten zu tun? Die Institutionen, die ihrem Wesen nach noch am ehesten mit Wirklichkeit beschäftigt sind - die Wissenschaft und die von ihr beratene politische Verwaltung - sind erstaunlicherweise am unsichtbarsten in den neuen Debatten. Ihr Problem scheint unlösbar: Die wissenschaftliche und die rechtliche Kommunikation brauchen Zeit, doch dieses Kapital steht in der öffentlichen Kommunikation nicht mehr zur Verfügung.


Wie bewerten Sie die Auslagerung von Diskussionen in isolierte, nicht miteinander verbundene Parallelwelten?



Stefan Schulz: Die sachliche Differenzierung wurde wohl am dringlichsten von Eli Pariser als "Filterblase" beschrieben. Zwischen den politischen Lagern findet heute ebenso wenig Kommunikations statt wie beispielsweise zwischen Rentnern und Studenten oder Abiturienten und Hauptschüler - schlicht keine. Es fehlt ein verbindendes Element. Desto wichtiger wurde dadurch aber die institutionelle Differenzierung: Richter, Wissenschaftler und Verwaltungsbeamte zeigen sich vermehrt unbeeindruckt von der öffentlichen Meinung. Methoden, diese Institutionen gegen Protest und Unterstützung zu imprägnieren, werden künftig noch bedeutender werden.


Haben "soziale Medien" mit Unterstützung der etablierten Medien eine neue Empörungskultur geschaffen, die Dialoge ersetzt?



Stefan Schulz: Die sozialen Medien sind emotionale Medien. Als Empörungsmaschinen fallen sie besonders auf, aber auch als Katalysatoren für gemeinsames Gelächter sind sie kaum mehr wegzudenken. Die sozialen Medien sind reine Unterhaltungsmedien. Die etablierten Medien unterstützen diese Entwicklung nicht nur, sie entwickelten sich in ihrer Reichweitensuche selbst zu emotionalen Medien. Für das Programm, für das die überregionalen Tageszeitungen und Wochenmagazine als "etablierte Medien" bekannt sind, gibt und gab es kein deutsches Publikum im zweistelligen Millionenbereich. Um dennoch ein Publikum in dieser Größe zu finden und für die Werbewirtschaft auszubeuten mussten sie sich den Prinzipien der Netzkommunikation unterwerfen.


Warum meidet die etablierte Politik ungefilterte Debatten - intern und extern - und favorisiert die "diskussionslose Geschlossenheit"?


Stefan Schulz: Umso schneller der Rhythmus der Kommunikation wird, umso schneller inhaltlich Nachschub in die Nachrichtenentwicklung eingebracht werden muss, desto eher interessieren sich Medien für Konflikte -personenzentrierte Erzählungen, die auf einfachstem Wege, nämlich durch einzelne Zitate, ständig weitergedreht werden können. Dieses Phänomen ist allerdings älter als das Internet, das allerdings weitere Dynamik entfachte. Die Politik meidet Konflikte heute nicht mehr, sondern geht längst auch instrumentell mit ihnen um. Sichtbar ist das beispielsweise am Streit von CDU und CSU in der Flüchtlingsfrage. Beide Parteien dominieren damit das Nachrichtengeschehen mit entsprechend negativen Folgen für alle anderen Parteien neben der AfD. Diese neue Partei zeigt einen ganz ähnlich geübten Umgang mit Konflikten.

Wie lässt sich die grassierende Diskurs-Allergie aus Ihrer Sicht therapieren?



Stefan Schulz: Diese Allergie wird noch so lange beobachtet und beklagt werden, wie die zügellose Kommunikation im Netz als relevant eingeschätzt wird. Solange die redaktionelle Arbeit von journalistischen Medienhäusern in der Aufmerksamkeitsökonomie mit den Inhalten der sozialen Medien konkurrieren, wird die konzentrierte Auseinandersetzung mit politischen Fragen im Hintertreffen seien und noch unbedeutender werden. Eine konstruktive Wende könnten die alten Medienhäuser selbst einläuten, dafür müssten sie sich aber darüber verständigen für welche - auch profitablen - Themen sie sich künftig nicht mehr zuständig halten. Bis dahin konkurrieren sie gegen alle und verlieren.

Mainzer Medien-Disput am 14. Juni in Berlin

"Zwischen Debatten-Allergie und Bekenntnis-Ritualen - Welchen Mehrwert hätten Diskurse für eine vitale Demokratie" lautet das Streit-Thema beim Mainzer Medien-Disput am 14. Juni um 19 Uhr in Berlin. Mit SWR-Chefreporter Thomas Leif und dem früheren "FAZ"-Journalist und Buchautor Stefan Schulz ("Redaktionsschluss - Die Zeit nach der Zeitung") diskutieren Anne Wizorek (#Aufschrei), der Publizist und Autor Wolfgang Herles (früher "ZDF Aspekte", Buch: "Die Gefallsüchtigen. Gegen Konformismus in den Medien und Populismus in der Politik"), Albrecht von Lucke, Redakteur "Blätter für deutsche und internationale Politik", und die neue stellvertretende "taz"-Chefredakteurin Katrin Gottschalk.

Der Mainzer Medien-Disput ist die wichtigste Diskussions-Plattform zum Austausch über medien- und gesellschaftspolitische Grundsatzfragen in Berlin. kress.de ist Partner vom Mainzer Medien-Disput. Anmeldungen für den MMD am 14. Juni um 19 Uhr in der Landesvertretung Rheinland-Pfalz beim Bund, In den Ministergärten 6, in Berlin, sind bis zum 6. Juni per Email unter veranstaltungen@lv.rlp.de möglich. Die Teilnehmerzahl ist aus Raumgründen begrenzt.

Ihre Kommentare
Kopf
Weitere Beiträge zu diesem Thema
Inhalt konnte nicht geladen werden.